Wer helfen will, darf es nicht

Schizophrenie: Grippe-Impfung nur in, Corona-Impfung nur außerhalb der Apotheke

Stuttgart - 25.11.2021, 17:50 Uhr

Mit dem Bürokratie-Monster in Deutschland wissen Apotheker:innen umzugehen. Wenn es aber die eigenen Bemühungen ausbremst, die Pandemie zu verhindern, wächst der Frust. (s / Foto: the blowup / Unsplash)

Mit dem Bürokratie-Monster in Deutschland wissen Apotheker:innen umzugehen. Wenn es aber die eigenen Bemühungen ausbremst, die Pandemie zu verhindern, wächst der Frust. (s / Foto: the blowup / Unsplash)


Die Bundeskanzlerin und der RKI-Chef wollten Corona-Impfungen in der Apotheke ermöglichen – und scheiterten. Doch nicht nur, dass Apotheker:innen nicht selbst impfen dürfen: Derzeit werden Apotheken, die Grippeschutzimpfungen anbieten, auch noch davon abgehalten, Ärzte in ihren Räumlichkeiten boostern zu lassen. Steht sich Deutschland in der bisher schwersten Phase der Pandemie selbst im Weg?

Deutschland hat die schlechteste Impfquote unter allen West- und Südeuropäischen Ländern. Wie konnte das passieren in dem Land, in dem Wissenschaftler:innen den ersten mRNA-Impfstoff gegen SARS-CoV-2 entwickelten? Wenngleich diese Frage spannend ist, interessieren sich Politiker und Stakeholder derzeit eher für eine Lösung des Problems.

So brachte im Sommer bereits ABDA-Präsidentin Gabriele Regina Overwiening die Idee ins Spiel, die COVID-19-Impfung in Apotheken zu ermöglichen. Eine aktuelle Befragung des Apothekerverbandes Nordrhein zeigte: Die Pharmazeut:innen, die bereits gegen Grippe impfen, wären auch für die Corona-Impfung bereit.

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Vor der letzten Bund-Länder-Konferenz appellierte Lothar H. Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts, an die Heilberufe, ihre Standes-Interessen während der Pandemie ruhen zu lassen. Er sprach sich für das Impfen in Apotheken aus. Es braucht jedes niedrigschwellige Angebot, erklärte Wieler.

Die geschäftsführende Bundeskanzlerin Angela Merkel stimmte Wieler zu und ergänzte die COVID-19-Impfung in Apotheken in der Beschlussvorlage der letzten Bund-Länder-Konferenz. Sie scheiterte. Fast alle Ministerpräsidenten waren dagegen.

Schizophrene Praxis

Die Leiterin der Tivoli-Apotheke in Aachen, Beate Maria Leonore Schmidt, betreibt ein Testzentrum und bietet auch die Grippeschutzimpfung im Rahmen von Modellprojekten an. Die Städteregion Aachen sprach sie am 19. November an, ob ihr Testzentrum auch für Corona-Impfungen infrage käme. Schmidt stand dazu gern bereit. Ihr Mann, Prof. Dr. Harald Schmidt, ist Arzt und Apotheker zugleich. Er berichtet der DAZ-Redaktion, dass er als Arzt die Corona-Impfung hätte durchführen oder beaufsichtigen können.

Hätte. Denn vier Tage später zog die Stadt Aachen das Angebot zurück. Der Grund: Da das Testzentrum zu den Apothekenbetriebsräumen gehört, ist die Corona-Impfung hier nicht durchführbar. „Wir fragen uns, ob diese Schizophrenie von „Grippe-Impfung in der Apotheke“ und „Corona-Impfung ausschließlich außerhalb der Apotheke« irgendwie zu durchbrechen ist“, erklärt Schmidt. „Kein einfacher Start für innovatives Engagement der Apotheken.“


Marius Penzel, Apotheker und Volontär
redaktion@daz.online


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3 Kommentare

Impfen in der Apotheke

von Cpt Proton am 25.11.2021 um 21:29 Uhr

Persönlich sehe ich durch die Ärztestandesvertreter mein Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit sehr stark behindert. Weiter scheinen sie die Genfer Richtlinien nicht mehr zu kennen und offenbar das Goldene Kalb anbeten. Nicht mal Tierärzte werden als würdig erachtet. Übrigens kann es auch derzeit bei jedem Arztbesuch zu Komplikationen kommen ... Dabei impfen icht mal alle Hausärzte. Meiner Beobachtung nach stößt diese Haltung zunehmend auf Unverständnis bei den Impfwilligen. Bin Berufsschullehrer und kein Apotheker.

» Auf diesen Kommentar antworten | 2 Antworten

AW: Impfen in der Apotheke

von Scarabäus am 26.11.2021 um 10:11 Uhr

Ich muss Ihnen bedingt zustimmen. 1) Die Freiwilligkeit der Impfentscheidung des Patienten wird durch staatl. Repression und behördliche Sanktionen konterkariert. Während (2) gleichzeitig dringend benötigte Intensivkapazitäten reduziert werden, wird so die Hospitalisierungsinzidenz künstlich verschärft. 3) Die meisten Apotheken haben weder überzähliges Personal noch Räumlichkeiten, um eine Impfkampagne zu stemmen. 4) Schuster, bleib bei deinen Leisten: Impfungen sind ärztliche Tätigkeiten und sollten dort verbleiben!

AW: Impfen in der Apotheke

von Dr.No am 26.11.2021 um 15:09 Uhr

Als Arzt kann ich Ihren Ärger verstehen. Ich bitte aber zu bedenken, dass es beim Impfen nicht nur alleine darum geht eine Nadel in den Oberarm zu stechen. Der Beratungsbedarf wird völlig unterschätzt. Wenn der Patient fragt, wieviel Tage er wegen der Impfung seine Rheuma-Immuntherapie pausieren muss, wenn der Patient zwei Wochen nach der Impfung immer noch Kopfschmerzen hat, wenn der Patient fragt ob er aufgrund bestimmter Grundleiden den Impfabstand verkürzen oder eine zusätzliche Impfung braucht. Was raten die Apotheker und die Tierärzte dem Patienten dann ? Ich will es Ihnen sagen: Die sagen "Gehen Sie doch besser zum Hausarzt" .... na toll, da werden sich die Hausärzte aber freuen wenn Sie die Kohlen wieder aus dem Feuer holen dürfen.
Man könnte die Impfkampagne auch beschleunigen, wenn man den ganzen bürokratischen Quatsch (mehrseitiger Aufklärungsbogen den keiner liest, aufwendiges tägliches Impfquotenmonitoring damit das RKI was für seine Statistik hat, Datenschutzerklärungen, nicht planbare Impfstofflieferungen die stundenlanges Telefonieren und Umdisponieren nach sich ziehen)

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