Für Kliniken und Praxen

Händedesinfektionsmittel – welche Rezepturen das RKI für die Eigenherstellung empfiehlt

Stuttgart - 11.05.2020, 09:00 Uhr

Welche Händedesinfektionsmittel-Rezepturen aus der Apotheke sind auch für Kliniken und Arztpraxen geeignet? Kennen sie die richtige Einwirkzeit zu jeder Rezeptur? (b/Foto: imago images / Ralph Peters)

Welche Händedesinfektionsmittel-Rezepturen aus der Apotheke sind auch für Kliniken und Arztpraxen geeignet? Kennen sie die richtige Einwirkzeit zu jeder Rezeptur? (b/Foto: imago images / Ralph Peters)


Modifizierte WHO-Rezepturen in der Chirurgie: 5 Minuten Einwirkzeit!

Im Unterschied zu den originalen WHO-Rezepturen liegen also für die modifizierten WHO-Formulierungen „Nachweise der bakteriziden Wirksamkeit im praxisnahen Test für eine Einwirkzeit von 30 s zur hygienischen Händedesinfektion vor“. 

Modifikationen, die außerdem auch weniger Glycerol enthalten, sind – nach einer Einwirkzeit von 5 min (statt der gewohnten 90 s) – für die chirurgische Händedesinfektion geeignet. 

Und die Standardzulassungen? 

Laut RKI können natürlich auch die Standardzulassungen zur Anwendung kommen. Sie enthalten nur den jeweiligen Wirkstoff (Alkohol) in Wasser. 

Hier sei allerdings zu beachten, dass aufgrund der Allgemeinverfügung (AV) des BfArM „die in der Monografie geforderte Sporenfreiheit ausgesetzt ist (und auch kein H2O2 zugesetzt wird)“. 

Zudem könne durch den fehlenden Gehalt an Glycerol die Haut verstärkt austrocknen. 

Der in der AV aufgeführten 70 Prozent (v/v) 1-Propanollösung – für den ausschließlichen Einsatz durch professionelle Anwender – kommt nach Meinung der Autoren des RKI-Papiers keine relevante Rolle zu. Grund sei u. a. das toxikologische Profil.

Die Wirksamkeit in 30 s (sowohl für die bakterizide als auch die begrenzt viruzide Wirksamkeit) gilt also laut RKI für folgende Lösungen belegt:

  • WHO-Formulierung I modifiziert mit 80 Prozent (m/m) Ethanol, entspricht 85,5 Prozent (V/V)
  • WHO-Formulierung II modifiziert mit 75 Prozent (m/m) 2-Propanol, entspricht 81,3 Prozent (V/V)
  • 70 Prozent (V/V) 2-Propanol
  • 80 Prozent (V/V) Ethanol

Diese Lösungen finden sich auch im ABDA-Dokument „Herstellung von Desinfektionsmitteln in der Apotheke“ in der Tabelle auf Seite 7 (Stand 4. Mai 2020).

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Beide modifizierten WHO-Formulierungen erwiesen sich laut RKI auch gegenüber den Coronaviren SARS-CoV-1, MERS-CoV und SARS-CoV-2 sowie HCV, Influenzavirus A (H1 N1), Zikavirus und Ebolavirus in 30 s als wirksam. Virologische Prüfungen zum Nachweis der „begrenzt viruziden“ Wirksamkeit liegen für die originalen WHO-Formulierungen dagegen nicht vor.


Außerhalb des medizinischen und pflegerischen Bereiches bietet eine Händedesinfektion in Situationen, wo die Hände auch gewaschen werden können, keinen Vorteil in Bezug auf die Inaktivierung von SARS-CoV-2.“ 

Epidemiologisches Bulletin 19/2020, online vorab: Händedesinfektion unter den Bedingungen der SARS-CoV-2-Pandemie


„Für die zurzeit mögliche Eigenherstellung sind die modifizierten WHO-Rezepturen mit Alkoholen in Gewichtsprozent und 0,725 Prozent Glycerol als beste Varianten anzusehen“, schlussfolgert das RKI schließlich. Vorhandene Bestände der anderen Rezepturen nach AV sollten aber dennoch nicht verworfen, sondern unter Kenntnis der Limitationen aufgebraucht werden. 



Diana Moll, Apothekerin, DAZ.online
redaktion@daz.online


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2 Kommentare

Kakophonie und Unfähigkeit von Bürokraten

von Dr. Ralf Schabik am 11.05.2020 um 18:52 Uhr

Sorry, Leute - aber ist das jetzt ein Possenspiel oder schreit das Ganze nach einer offiziellen juristischen Aufarbeitung ? Bedurfte es erst einer globalen Gesundheitskrise, bevor auffällt, dass es Dutzende von Vorschriften gibt, die sich zum Teil dramatisch gegenseitig widersprechen ? Was machen die Leute in den Behörden, die Registrierungs- und Zulassungsnummern vergeben ? Schauen die mal über den Tellerrand ? Wieso sind die "Limitationen der WHO-Rezepturen in Europa nur wenig bekannt" ? Hat die WHO versagt oder wieder einmal Europa ? Wieso gibt es keine "Standardzulassungen", die ALLE erforderlichen Parameter erfüllen, also Wirksamkeit und passable Verträglichkeit ? Wieso sind auf den "offiziellen" Listen in Deutschland Präparate, die offenbar unterdosiert sind - aber dennoch irgendwelche Nummern tragen ? Wieso wird der deutsche Markt gerade geflutet von Firmen aus Ländern, in denen Kühltransporter vor den Kliniken standen, weil die Leichenkammern überfüllt waren ? Wieso einigt man sich nicht weltweit auf eine Nomenklatur (m/m oder V/V) ? Es gibt noch eine Reihe weiterer Fragen ... das Thema "Desinfektionsmittel" ist ein wunderschönes Beispiel für das Totalversagen von Bürokraten über lange Zeiträume hinweg. Amtshaftung ???

» Auf diesen Kommentar antworten | 1 Antwort

AW: Kakophonie und Unfähigkeit von Bü

von Dr. Ralf Schabik am 11.05.2020 um 19:01 Uhr

Übrigens: 1:1 übertragbar ist meine Wutmail auf den Bereich "Mundschutz" ! Was da an verschiedenen Normen kursiert mit zum Teil absurden Unterschieden, das ist nicht mehr feierlich ! Auch da muss gefragt werden, was die diversen "Normausschüsse" all die Jahre gemacht haben. Und wenn man beobachtet, was jetzt auf den Markt geworfen wird, lachen sich erstens die Chinesen tot, wie doof die Deutschen sind - aber die Angebote, mit denen wir gerade überschüttet werden, sind zum Teil grotesk, wie da Begrifflichkeiten verwechselt werden. Ausländische Lieferanten schicken zum Teil absurdes Material, aber deutsche Hersteller werden durch irrwitzige Vorgaben an der Markteinführung von Top-Ware gehindert.
Anfang März habe ich Corona als Chance gesehen, dass Deutschland aufwacht.
Seit Ostern kriechen mehr Bürokraten aus ihren Löchern als vorher ... und es wird schlimmer als je zuvor.

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