Für Kliniken und Praxen

Händedesinfektionsmittel – welche Rezepturen das RKI für die Eigenherstellung empfiehlt

Stuttgart - 11.05.2020, 09:00 Uhr

Welche Händedesinfektionsmittel-Rezepturen aus der Apotheke sind auch für Kliniken und Arztpraxen geeignet? Kennen sie die richtige Einwirkzeit zu jeder Rezeptur? (b/Foto: imago images / Ralph Peters)

Welche Händedesinfektionsmittel-Rezepturen aus der Apotheke sind auch für Kliniken und Arztpraxen geeignet? Kennen sie die richtige Einwirkzeit zu jeder Rezeptur? (b/Foto: imago images / Ralph Peters)


Limitationen der WHO-Rezepturen in Europa wenig bekannt

„Die WHO hat 2009, parallel zum ,Internationalen Tag der Händehygiene', zwei Rezepturen (WHO I und WHO II) für Händedesinfektionsmittel veröffentlicht“, erklärt das RKI zum historischen Hintergrund. Ziel der WHO sei eine Richtschnur für die lokale Herstellung von Händedesinfektionsmitteln in Entwicklungsländern gewesen. Dabei gibt es allerdings einen Haken – den man in der aktuellen Situation als „Luxusproblem“ bezeichnen könnte, dessen Nichtbeachtung im Bereich der Patientenversorgung (Praxen und Krankenhäuser) aber ernsthafte Konsequenzen nach sich ziehen kann. Es geht um die erwähnten verschiedenen Einwirkzeiten: 

Laut RKI wurden jene ersten WHO-Rezepturen in praxisnahen Tests nach DIN EN 1500 für die hygienische und nach DIN EN 12791 für die chirurgische Händedesinfektion zwar geprüft – „nach den damals wie heute gültigen Europäischen Prüfnormen unter praxisnahen Bedingungen in unabhängigen Prüflaboren“. Der Haken ist aber: „Mit beiden Formulierungen konnte die erforderliche Wirksamkeit für die hygienische Händedesinfektion (DIN EN 1500) mit 3 ml in 30 s nicht erreicht werden. 

Eine ausreichende Wirksamkeit wurde erst durch eine zweifache Anwendung für insgesamt 60 s, das heißt 2×3 ml für 2×30 s erreicht.“ Außerdem, heißt es, konnte mit beiden Formulierungen, auch „nach den in Deutschland eher unüblichen 5 Minuten Anwendungszeit, keine ausreichende Wirksamkeit für die chirurgische Händedesinfektion (EN 12791) erreicht werden“. 

Europäischer Standard: Desinfektion in 30 Sekunden 

Da man in Europa daran gewöhnt ist, kommerzielle Produkte zu verwenden, sei diese Problematik der Einwirkzeit wenig bekannt. Nach europäischen Standards dauert eine hygienische Händedesinfektion typischerweise 30 Sekunden und eine chirurgische 90 Sekunden, schreibt das RKI.

Hauptunterschied in der Herstellung zwischen den Händedesinfektionsmitteln nach WHO und nach Standardzulassung ist, dass letztere auf Zusatzstoffe (außer Vergällungsmitteln) verzichten, also reine Wirkstoff-Wasser-Gemische sind. Die WHO-Rezepturen enthalten zusätzlich Glycerol als Feuchthaltemittel für die Hautfreundlichkeit sowie Wasserstoffperoxid, „um die sonst üblicherweise durch Sterilfiltration erreichte Bakteriensporenfreiheit zu gewährleisten“.



Diana Moll, Apothekerin, DAZ.online
redaktion@daz.online


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2 Kommentare

Kakophonie und Unfähigkeit von Bürokraten

von Dr. Ralf Schabik am 11.05.2020 um 18:52 Uhr

Sorry, Leute - aber ist das jetzt ein Possenspiel oder schreit das Ganze nach einer offiziellen juristischen Aufarbeitung ? Bedurfte es erst einer globalen Gesundheitskrise, bevor auffällt, dass es Dutzende von Vorschriften gibt, die sich zum Teil dramatisch gegenseitig widersprechen ? Was machen die Leute in den Behörden, die Registrierungs- und Zulassungsnummern vergeben ? Schauen die mal über den Tellerrand ? Wieso sind die "Limitationen der WHO-Rezepturen in Europa nur wenig bekannt" ? Hat die WHO versagt oder wieder einmal Europa ? Wieso gibt es keine "Standardzulassungen", die ALLE erforderlichen Parameter erfüllen, also Wirksamkeit und passable Verträglichkeit ? Wieso sind auf den "offiziellen" Listen in Deutschland Präparate, die offenbar unterdosiert sind - aber dennoch irgendwelche Nummern tragen ? Wieso wird der deutsche Markt gerade geflutet von Firmen aus Ländern, in denen Kühltransporter vor den Kliniken standen, weil die Leichenkammern überfüllt waren ? Wieso einigt man sich nicht weltweit auf eine Nomenklatur (m/m oder V/V) ? Es gibt noch eine Reihe weiterer Fragen ... das Thema "Desinfektionsmittel" ist ein wunderschönes Beispiel für das Totalversagen von Bürokraten über lange Zeiträume hinweg. Amtshaftung ???

» Auf diesen Kommentar antworten | 1 Antwort

AW: Kakophonie und Unfähigkeit von Bü

von Dr. Ralf Schabik am 11.05.2020 um 19:01 Uhr

Übrigens: 1:1 übertragbar ist meine Wutmail auf den Bereich "Mundschutz" ! Was da an verschiedenen Normen kursiert mit zum Teil absurden Unterschieden, das ist nicht mehr feierlich ! Auch da muss gefragt werden, was die diversen "Normausschüsse" all die Jahre gemacht haben. Und wenn man beobachtet, was jetzt auf den Markt geworfen wird, lachen sich erstens die Chinesen tot, wie doof die Deutschen sind - aber die Angebote, mit denen wir gerade überschüttet werden, sind zum Teil grotesk, wie da Begrifflichkeiten verwechselt werden. Ausländische Lieferanten schicken zum Teil absurdes Material, aber deutsche Hersteller werden durch irrwitzige Vorgaben an der Markteinführung von Top-Ware gehindert.
Anfang März habe ich Corona als Chance gesehen, dass Deutschland aufwacht.
Seit Ostern kriechen mehr Bürokraten aus ihren Löchern als vorher ... und es wird schlimmer als je zuvor.

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