Berufsverband der Frauenärzte kritisiert Hormonskepsis

Sind Frauen gegenüber der „Pille“ zu voreingenommen?

Stuttgart - 10.07.2023, 13:45 Uhr

Der Berufsverband der Frauenärzte berichtet von einer zunehmenden Hormonskepsis. (Foto: Pixel-Shot / AdobeStock)

Der Berufsverband der Frauenärzte berichtet von einer zunehmenden Hormonskepsis. (Foto: Pixel-Shot / AdobeStock)


Der Berufsverband der Frauenärzte (BVF) informiert über eine steigende Zahl von Schwangerschaftsabbrüchen. Was zu den ungewollten Schwangerschaften geführt hat und warum diese abgebrochen wurden, könne man aus den Statistiken zwar nicht ablesen. Dennoch macht der BVF in diesem Zusammenhang auf einen Trend zur Verhütung ohne Hormone und „Hormon-Bashing“ in den Sozialen Medien aufmerksam.

Bei der hormonellen Verhütung mit oralen Kontrazeptiva sind neben dem Nutzen in den vergangenen Jahren zunehmend die Risiken in den Fokus der allgemeinen Öffentlichkeit getreten. Dazu haben auch Informationen in den Fachmedien beigetragen. 

Was in den Sozialen Medien daraus gemacht wird, kritisiert derzeit der Berufsverband der Frauenärzte (BVF): „Vornehmlich in den sozialen Medien berichten Frauen über ihre negativen Erfahrungen mit hormonellen Kontrazeptiva. Diese Einzelmeinungen spiegeln jedoch nicht immer die umfassenden wissenschaftlichen Erkenntnisse und Errungenschaften wider. Die Erfahrungen sind oft nicht übertragbar.“ Sie würden der Bandbreite der unterschiedlichen Hormonpräparate nicht gerecht. 

Gerade bei jungen Frauen beobachte der BVF in den vergangenen Jahren einen Trend zur Verhütung ohne Hormone. Laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zeige die Verwendung der „Pille“ in den Jahren 2014 bis 2019 (Altersgruppe 14 bis 25 Jahre) eine klare rückläufige Tendenz. Ein Drittel der sexuell aktiven Mädchen unter 18 Jahren sorge sich vor körperlichen und seelischen Schäden durch hormonelle Verhütungsmethoden, so der BVF in einer Pressemitteilung vom 7. Juli [1]. Auch in der Altersgruppe zwischen 18 und 29 Jahren sei die Pillennutzung von 72 Prozent auf 56 Prozent gesunken.

Schwangerschaftsabbruch durch verändertes Verhütungsverhalten?

Interessant ist, dass der BVF diese Entwicklung in einen losen Zusammenhang mit der Zunahme von Schwangerschaftsabbrüchen stellt. Laut Statistischem Bundesamt stiegen seit dem ersten Quartal 2022 „die Zahlen kontinuierlich gegenüber den Vorjahresquartalen von 2021 an (zwischen 4,8 und 16,7 Prozent)“. Der BVF erklärt zwar, dass es keine Daten zu den Ursachen dieses Anstiegs an Schwangerschaftsabbrüchen gebe, erklärt jedoch:


Nach Aussage des Statistischen Bundesamtes stehen Abbruchszahlen immer in Zusammenhang mit der Gesamtzahl der Geburten. Allerdings sind die Geburtenraten insgesamt – abgesehen von einem kurzen Anstieg in Zeiten der Pandemie – rückgängig, während Abbruchszahlen weiter steigen. Ebenso spielen hier auch Faktoren wie die aktuelle wirtschaftliche Lage oder die Folgen des Kriegs in der Ukraine eine Rolle, gleichzeitig ist für den Anstieg der ungewollten Schwangerschaften laut unserer Beobachtung jedoch das geänderte Verhütungsverhalten verantwortlich.

Pressemitteilung des Berufsverbands der Frauenärzte (BVF) vom 7. Juli 2023


Grundsätzlich bedürfe jeder Einsatz von Verhütungsmitteln einer Einzelfallbetrachtung, bei der eine ausführliche Anamnese mit der Prüfung von möglichen Risikofaktoren – durch die Frauenärztin oder den Frauenarzt – erhoben wird. In der Beratung wünscht sich der BVF jedoch offenbar weniger Voreingenommenheit der Patient:innen: „Wir machen in unseren Sprechstunden immer häufiger die Beobachtung, dass vor allem junge Frauen über das Internet mit vielfältigen Informationen konfrontiert werden und oft äußerst voreingenommen sind, wenn sie nach zuverlässigen Methoden der Empfängnisverhütung fragen“, so Cornelia Hösemann, Vorstandsmitglied des BVF.

Wie die jüngsten Berichte über hormonelle Verhütungsmittel ohne Rezept aus der Apotheke (im Ausland) dabei aus Sicht des BVF einzuordnen sind, bleibt offen. „Befürworter für den Entlass aus der Verschreibungspflicht, darunter auch ärztliche Fachgesellschaften wie die American Medical Association, erhoffen sich durch den Wegfall der Rezeptpflicht eine bessere Zugänglichkeit des Verhütungsmittels und damit auch eine Verringerung der Raten ungewollter Schwangerschaften“, berichtete die DAZ im Mai 2023.

Literatur 

[1] Pressemitteilung des Berufsverbands der Frauenärzte e.V. (BVF) vom 07.07.2023: Verhütungsberatung statt Schwangerschaftsabbruch – Trend: Abbrüche und Hormonskepsis nehmen zu
www.bvf.de/aktuelles/pressemitteilungen/meldung/verhuetungsberatung-statt-schwangerschaftsabbruch-trend-abbrueche-und-hormonskepsis-nehmen-zu/ 


Deutsche Apotheker Zeitung / dm
redaktion@daz.online


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