Selbstmedikation

Dem wichtigsten Stoffwechselorgan etwas Gutes tun

Wenn es nach einer üppigen Mahlzeit im Oberbauch drückt und kneift, vermuten Kunden dahinter häufig "Probleme mit der Galle". Bei leichten Beschwerden kann die Apotheke Mittel empfehlen, die Schmerzen lindern und die Leber- bzw. Gallenfunktion anregen. Symptome, die auf schwerwiegendere Störungen hindeuten, bedürfen jedoch der ärztlichen Abklärung.

Zu den Symptomen, die nicht mehr im Rahmen der Selbstmedikation behandelt werden dürfen, gehören:

  • akute starke bzw. krampfartige Oberbauchschmerzen, unter Umständen mit Ausstrahlung in die linke Schulter bzw. den Rücken
  • starke bzw. immer wiederkehrende Übelkeit bzw. Erbrechen, besonders nach fettreichen Mahlzeiten
  • grundlose starke Müdigkeit und Erschöpfung
  • Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust
  • Dunkelfärbung des Urins

Bei kolikartigen Schmerzen ist eine ärztliche Abklärung deswegen so wichtig, weil ein bisher unbekanntes Gallensteinleiden, eine Pankreatitis, eine Gallenblasen- oder Magenschleimhautentzündung die Ursache sein können. Bei einer Gallenblasenentzündung tritt häufig zusätzlich Fieber auf. Symptome wie Völlegefühl im rechten Oberbauch, Neigung zu Blähungen und Müdigkeit und Abgeschlagenheit können auch als Frühsymptome einer Lebererkrankung auftreten ("Müdigkeit ist der Schmerz der Leber"). Der Arzt kann hierbei bereits im frühen Stadium durch eine Bestimmung der Leberwerte (Transaminasen) eine Leberschädigung oder Entzündung erkennen.

Mittel der Selbstmedikation

Bei leichten Beschwerden bzw. bekannter Diagnose (z. B. nach operativer Gallenblasenentfernung) richtet sich die Auswahl des Mittels nach der Art der Beschwerden. Bei Schmerzen oder krampfartigen Beschwerden könnten Spasmolytika wie Hymecromon oder Butylscopolaminiumbromid oder Analgetika wie Paracetamol empfohlen werden.

Zur Anregung und Unterstützung der Leber- und Gallenfunktion sind zahlreiche pflanzliche Präparate auf dem Markt.

Zum Weiterlesen


Homöopathie: Die Top-Five für Leber, Galle und Bauchspeicheldrüse

DAZ 2009, Nr. 51, S. 64–65
www.deutscher-apotheker-verlag.de

Analgetika und Spasmolytika gegen Schmerz und Kolik

Hymecromon (Chol-Spasmoletten® , Cholspasmin® forte 400 mg) ist ein Cumarinderivat mit erschlaffender Wirkung auf die glatte Muskulatur. Der Wirkstoff ist bei Druckgefühl und Schmerzen im rechten Oberbauch angezeigt. Hymecromon besitzt neben seiner spasmolytischen Wirkung auch einen choleretischen Effekt. Die wichtigsten Kontraindikationen sind Niereninsuffizienz, mechanischer Gallengangverschluss, entzündliche Darmerkrankungen und schwere Leberfunktionsstörungen.

Nicht empfehlenswert ist eine längere Anwendung in höheren Dosen, da gastrointestinale Störungen, vor allem Stuhlerweichung bis hin zum Durchfall, auftreten können. Bei länger anhaltenden Durchfällen muss das entsprechende Präparat abgesetzt werden, um Verluste von Wasser und Mineralsalzen zu vermeiden.

Ein weitere empfehlenswerte Substanz gegen krampfartige Schmerzen im Oberbauch ist Butylscopolaminiumbromid (Buscopan® Dragees, Zäpfchen), auch in Kombination mit Paracetamol (Buscopan® plus). Butylscopolaminiumbromid ist ein halbsynthetisches Derivat des Tropan-Alkaloids Scopolamin. Es besitzt eine periphere anticholinerge Wirkung, die sowohl auf der Hemmung der ganglionären Übertragung als auch auf einer Hemmung von muskarinergen Rezeptoren der glatten Muskelzellen beruht.

Gegenanzeigen für Butylscopolamin sind Engwinkelglaukom, Blasenentleerungsstörungen mit Restharnbildung, mechanische Stenosen im Bereich des Magen-Darm-Kanals und Tachyarrhythmie. Paracetamol, ebenfalls geeignet zur symptomatischen Behandlung von Schmerzen und Entzündungen in Bereich der Galle, ist bei Leberinsuffizienz und chronischem Alkoholmissbrauch kontraindiziert.

Choleretika zur Anregung des Gallenflusses

Wenn nicht genügend Gallenflüssigkeit gebildet und ausgeschieden wird, führt dies zu einer unvollständigen Fettverdauung. Völlegefühl, Stuhlveränderungen ("Fettstuhl") sowie Schmerzen und Blähungen infolge der bakteriellen Zersetzung der Fettreste im Dickdarm können die Folge sein. Choleretika regen den Gallenfluss an und können dabei auch das Ausschwemmen von Gallensteingrieß fördern. Bei Gallengangsverschluss sind sie kontraindiziert. Auch wenn der Kunde bereits Gallensteine hat, ist eine Arztrücksprache notwendig, denn Choleretika können bereits bestehende Koliken verschlimmern oder diese erst auslösen.

Den Gallenfluss fördern


Choleretika erhöhen die Gallenproduktion in der Leber, Cholekinetika fördern die Entleerung der Gallenblase. Diese Begriffe sind an Stelle des ungenauen Ausdrucks Cholagoga getreten, der übergeordnet Substanzen bezeichnet, die den Gallenfluss fördern. Alle Choleretika können allerdings Gallenkoliken auslösen oder vorliegende Koliken verschlimmern. Generell gilt ein Verschluss der Gallenwege als Kontraindikation. Bei Vorliegen von Gallensteinen dürfen sie nur nach ärztlicher Rücksprache angewendet werden.

Hepatotrope Pharmaka

Lebererkrankungen können meist nicht kausal, sondern nur symptomatisch behandelt werden. Therapeutische Erfahrungen, darunter auch solche aus klinischen Studien, zeigen jedoch, dass insbesondere pflanzliche hepatotrope Pharmaka bei Erkrankungen wie Leberparenchymveränderungen, viralen oder bakteriellen oder Infektionen oder Leberzirrhose erfolgreich adjuvant eingesetzt werden können. Man schreibt ihnen u. a. entzündungshemmende, regenerationsfördernde, leberprotektive und immunstimulierende Eigenschaften zu. Bei den Betroffenen bessern sich häufig Beschwerden wie z. B. Appetitlosigkeit, Blähungen oder Obstipation.

Phytopharmaka haben größte Bedeutung

Die meisten auf dem Markt befindlichen frei verkäuflichen Präparate zur Linderung von Leber- und Gallenbeschwerden sind pflanzliche Mono- oder Kombinationspräparate. Eine Ausnahme bildet z. B. Rindergallen-Trockenextrakt, (Fel tauri, in Cholecysmon® Silberperlen), der ebenfalls zur Unterstützung der Fettverdauung empfohlen werden kann. Die choleretisch wirkende Dehydrocholsäure ist in einigen nicht apothekenpflichtigen Nahrungsergänzungsmitteln enthalten.

Cynara scolymus Extrakte aus Artischockenblättern sind bei dyspeptischen Beschwerden, die auf Störungen des Leber-Galle-Systems zurückzuführen sind, indiziert. In den ersten Tagen nach Einnahme eines Artischockenblätterextrakts kann es zu einer Entfärbung des Stuhles kommen. Auf diese (reversible) Nebenwirkung sollte bei der Abgabe hingewiesen werden.
Foto: Klosterfrau

Artischockenblätter Cynarae folium

Nach der Empfehlung der Kommission E des ehemaligen BGA sind Extrakte aus Artischockenblättern (z. B. Hepar® SL forte, Cynara® AL) bei dyspeptischen Beschwerden, die auf Störungen des Leber-Galle-Systems zurückzuführen sind, indiziert. Als Hauptwirkstoffe gelten Cynarin und der Sesquiterpen-Bitterstoff Cynaropikrin. Cynarin werden leberschützende und -regenerationsfördernde Eigenschaften, Cynarin und Cynaropikrin eine choleretische Wirkung zugeschrieben. Weiterhin wird angenommen, dass Artischockenextrakt vor Arteriosklerose schützen kann, z. B. durch Hemmung der Cholesterinbiosynthese. Da nicht jede Wirkung auf einen bestimmten Inhaltsstoff direkt zurückgeführt werden kann, gilt heute der Gesamtextrakt als Wirkstoff. Artischockenblätterextrakte wurden sowohl in Tierexperimenten und Untersuchungen mit Hepatozyten als auch in Anwendungsbeobachtungen und placebokontrollierten Doppelblindstudien getestet.

Durch seine Wirkung auf den Leberstoffwechsel kann es in den ersten Tagen nach Einnahme eines Präparats mit Artischockenblätterextrakt zu einer Entfärbung des Stuhles kommen. Auf diese (reversible) Nebenwirkung sollten die Kunden bei der Abgabe hingewiesen werden.

Mariendistelfrüchte Cardui mariae fructus

Für die schützende und funktionsverbessernde Leberwirkung der Mariendistel (z. B. in Legalon® forte, Silymarin dura®) wird ein Wirkstoffkomplex bestehend aus Silybin, Isosilybin, Silydianin und Silychristin verantwortlich gemacht. Sie wurde nicht nur in tierexperimentellen Untersuchungen, sondern auch randomisierten kontrollierten Studien belegt, z. B. mit Patienten mit alkoholbedingten Lebererkrankungen. Dabei wurden nicht nur Verbesserungen der Leberwerte und des Allgemeinbefindens beobachtet. Bei Patienten mit Leberzirrhose kam es sogar zu einer signifikant erhöhten Überlebensquote (weitere Informationen siehe [3]).

Sojalecithin

Sojalecithin wird eine cholesterinsenkende und leberschützende Wirkung zugeschrieben. Ein Präparat mit angereicherten Phospholipiden aus Sojabohnen (Essentiale® Kapsel 300 mg) ist zur Verbesserung von Beschwerden wie Appetitlosigkeit, Druckgefühl im rechten Oberbauch, bei Leberschäden durch hepatotoxische Stoffe sowie durch falsche Ernährung (toxisch-nutritive Leberschäden) und bei Hepatitis zugelassen.

Betain

Betain, ein Inhaltsstoff der Roten Bete (Beta vulgaris, Rote Rübe) ist in Flacar® Granulat als Betaindihydrogencitrat enthalten. Traditionell wird Betain zur Unterstützung der Leberfunktion angewendet. Man nimmt an, dass die leberunterstützende Wirkung unter anderem auf einem positiven Einfluss von Betain auf den Fettstoffwechsel der Leber beruht.

Weitere Pflanzenextrakte

Zu den leber- und gallewirksamen Drogen, die als Kombinationspräparate – in Form von Dragees, Tropfen oder Teemischungen – erhältlich sind, zählen Extrakte aus Javanischer Gelbwurz (z. B. Pankreaplex® mono Hartkapseln, Bilisan® duo), Löwenzahnwurzel (z. B. Paverysat® L Bürger), Curcumawurzelstock (z. B. Curcu-Truw® Kapseln), Angelikawurzel (z. B. Gastritol® ,,Dr. Klein" Tropfen). Schafgarbe (in Leber-Galle-Teemischungen) und Pfefferminze (z. B. Pfefferminzöl in Inspirol® Heilpflanzenöl Lösung, Spasmo gallo sanol® N Dragees) werden vor allem wegen ihrer krampflösenden Eigenschaften geschätzt die dazu führen, dass sich die Gallengänge erweitern und der Abfluss der Gallenflüssigkeit verbessert.

Auch Schöllkraut besitzt krampflösende und sekretionsanregende Eigenschaften; es ist in vielen Homöopathika, die bei Gallenbeschwerden eingesetzt werden, enthalten (z. B. Chol-Do-Mischung® , Galloselect® Tropfen).

Vorbeugend fettreiche Mahlzeiten meiden

Wer zu Gallenbeschwerden neigt, sollte Reizstoffe wie z. B. Kaffee, Alkohol und Nicotin meiden. Menschen, die gern fettreich essen, kann empfohlen werden, die Ernährungsgewohnheiten zu modifizieren, z. B. indem zum Kochen möglichst nur leicht verdauliche Fette wie z. B. kaltgepresste Öle verwendet werden.

Sind dennoch Beschwerden aufgetreten, so können unterstützend zu den medikamentösen Maßnahmen feuchtwarme Oberbauch-Umschläge Linderung verschaffen. Bei akuten Entzündungen empfehlen sich dagegen kalte Umschläge und der Arztbesuch.


Quelle

[1] Mutschler, E.: Arzneimittelwirkungen, 9. Auflage, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart (2008).

[2] Deutsche Gesellschaft zur Bekämpfung der Krankheiten von Magen, Darm und Leber sowie von Störungen des Stoffwechsels und der Ernährung e. V. (Gastro-Liga e. V.), www.gastro-liga.de.

[3] Wagner, H,; Wiesenauer, M.: Phytotherapie, 2. Auflage, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart (2003).


Apothekerin Dr. Claudia Bruhn

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