Kein Beleg für Wirksamkeit

Ökotest verreißt Artischockenpräparate

Stuttgart - 24.11.2016, 17:00 Uhr

Artischocke bei Verdauungsbeschwerden: auch für die Mittel aus der Apotheke gibt es keinen Wirksamkeitsbeleg. (Foto: MIGUEL GARCIA SAAVED / Fotolia)

Artischocke bei Verdauungsbeschwerden: auch für die Mittel aus der Apotheke gibt es keinen Wirksamkeitsbeleg. (Foto: MIGUEL GARCIA SAAVED / Fotolia)


Bei 30 getesteten Artischocken-Präparaten gegen Verdauungsbeschwerden vergab Ökotest 22 Mal mangelhaft. Der Rest fiel sogar mit „ungenügend“ durch, darunter alle Nahrungsergänzungsmittel. Der Grund für die schlechten Noten? Es fehlen aussagekräftige klinische Studien, die die Wirksamkeit oder den Nutzen belegen. 

„Mittel auf Artischockenbasis sind zur Behandlung von funktionellen Verdauungsbeschwerden nicht zu empfehlen.“ Das Urteil des Ökotest-Experten Professor Manfred Schubert-Zsilavecz vom Institut für Pharmazeutische Chemie der Universität Frankfurt ist deutlich. Die Europäische Arzneimittel Behörde EMA kam 2011 zu einem ähnlichen Ergebnis. Sie sichtete systematisch mehr als 100 Quellen und Studien. Es mangele an belastbaren, hochwertigen Studien, die die Wirkung von Artischockenblättern überzeugend beweisen, war das Fazit. Auf einen praktischen Nutzen bei funktionellen Verdauungsbeschwerden deuteten nur einige wenige Arbeiten hin – und die seien mehr als ein Jahrzehnt alt, kritisierte die EMA weiter. Nicht einmal eine praktische Bewährung der Extrakte in der modernen Medizin sei dokumentiert. Die EMA kam zu dem Schluss, dass die Zulassung der Artischocken-Präparate nur zu rechtfertigen ist, weil sie seit mehr als 30 Jahren traditionell verwendet werden.

Fast alle Arzneimittel mangelhaft

Kein Beleg für die Wirksamkeit, bedeutet bei Ökotest bestenfalls die Note „mangelhaft“. Das war bei fast allen Arzneimitteln der Fall, darunter auch Präparate aus der Apotheke. Größere weitere Beanstandungen gab es sonst nicht – lediglich bei einigen Präparaten die Ökotest-übliche Kritik an chlorierten Kohlenwasserstoffen in der Verpackung

Kommen weitere Mängel dazu, zum Beispiel bei der Deklaration oder eine zu niedrige Dosierung bleibt nur „ungenügend“. Manche Präparate erfüllten nicht einmal einschlägige Qualitätsstandards, heißt es. Zum Beispiel weil Presssäfte verwendet werden, statt Extrakte der Artischockenpflanze. Das einzige mit „ungenügend“ bewertete Arzneimittel war ein solcher Presssaft.

Bei sämtlichen Nahrungsergänzungsmitteln störte sich Ökotest daran, dass die Altersbeschränkung fehlte – EMA rät von Artischockenmitteln bei unter Zwölfjährigen ab – sowie der Hinweis, bei anhaltenden Oberbauchbeschwerden einen Arzt aufzusuchen. Sieben Nahrungsergänzungsmittel, sieben Mal die Note sechs. Ein Hersteller erklärte daraufhin, dass das Mittel nur eine normale und gesunde Verdauung unterstützen solle. Es sei nicht dazu bestimmt, gegen Krankheiten oder Beschwerden zu helfen. Ökotest äußert an dieser Stelle Zweifel, ob der große Aufdruck auf der Verpackung „Zur Unterstützung der Verdauung“ Menschen mit Magenproblemen davon abhält, das Präparat zu kaufen. 

Cynara cardunculus (syn. Cynara scolymus)

Arzneilich verwendet werden die Blätter der Artischocke, Cynarae folium. Sie enthalten unter anderem Flavonoide, wie Cynarosid, und Caffeoylchinasäuren, wie Chlorogensäure und Cynarin. Letztere, vor allem aber Cynarin, wirken choleretisch. Die Flavonoide sollen sich positiv auf den Cholesterolspiegel auswirken. Wie bei vielen traditionell angewendeten Drogen, fehlen aber Studien, die die Wirksamkeit nach anerkannten, wissenschaftlichen Kriterien belegen. 

Artischocken gehören zur Familie der Asteraceae und haben daher allergenes Potenzial. Bei einer bekannten Korbblütlerallergie sind sie kontraindiziert.

Keine Evidenz für Artischocken

Ökotest räumt ein, dass man vor Jahren Artischocken gegen Unterbauch- Beschwerden empfohlen hatte. Eine Handvoll Studien habe im Jahr 2005 Hinweise darauf gegeben, dass Artischocken bei Verdauungsproblemen helfen könne. Ein Jahrzehnt später haben sich die Zeiten allerdings geändert. Die Wissenschaft fordert mehr Evidenz, um die Therapie mit einer Heilpflanze zu empfehlen – und für Artischocken existiert diese Evidenz nicht.

Bei akuten Verdauungsbeschwerden rät Ökotest mit dem Essen zu pausieren. Nach schwerem Essen solle man zu Tee oder ein wenig Haferschleim greifen. Das wirke beruhigend und anregend. Dauerhafte Beschwerden gehören jedoch in die Hand eines Arztes. Darauf wird explizit hingewiesen. Diese können dann je nach Ursache zum Beispiel mit Protonenpumpenblockern behandelt werden. Prokinetika, also Wirkstoffe wie Metoclopramid oder Domperidon, die die Peristaltik des Magens anregen, könnten zwar helfen, sie sind aber nur noch bei Übelkeit und Erbrechen zugelassen. Die Anwendung bei funktionellen Magenbeschwerden wurde aufgrund des ungünstigen Nutzen-Risiko-Verhältnisses für diese Indikation eingeschränkt. 


Julia Borsch, Apothekerin, Chefredakteurin DAZ.online
jborsch@daz.online


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4 Kommentare

Artischockenpräparat mangelhaft

von Werner Lachenmaier am 24.11.2019 um 0:56 Uhr

Bei Verdauungsstörungen 'Tee trinken oder mit dem Essen pausieren'. Wenn ihr Auto stehen bleibt, dann gehen sie zu Fuß oder nehmen das Fahrrad. Das verrät die Qualität von Öko Test (geht gegen Null). Und für dieses Urteil brauche ich keine klinische Studien und evidenzbasierte Medizin, das sagt mir der gesunde Menschenverstand. Ich werde mir gleich am Montag ein mangelhaftes Artischockenpräparat holen. Das hat mir schon mal gut geholfen.

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Artischockenpräparat

von Silvia am 02.10.2019 um 14:43 Uhr

Ich möchte gar nicht näher auf das Ergebnis von Ökotest eingehen, aber meine eigenen Erfahrungen mit diesem Präparat mitteilen.
Der Grund warum ich mich für die Einnahme eines Artischockenpräparats entschied war meine erste und einzige Gallenkolik.

Nun sind fast 2 Jahre ins Land gezogen und ich nehme das Produkt (Artischockenextrakt) immer noch täglich mit einem großartigen Resultat. Keinerlei Gallenbeschwerden und ich habe ganz langsam ohne irgendwelche Diäten an Gewicht verloren. Bis heute sind es 4 Kleidergrößen!
Ein Hoch auf die Artischocke bzw. Artischockenpräparat.

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Komisch

von John am 24.08.2019 um 9:33 Uhr

Dieser seltsame Beitrag ist der einzige der die Wirksamkeit von Artischocken in Frage stellt. Lobby? Bezahlt? Sorry, aber sowas von Unglaubwürdig. Wahrscheinlich gibt es qualitativ schon Unterschiede bei Nahrungsergänzungsmitteln aber gleich komplett verreißen ... am besten löschen Sie diesen Beitrag.

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Artischocken Präparat nutzlos ?

von Heinz Schmitz am 10.02.2019 um 16:38 Uhr

Hallo,
natürlich sind die Wikungslos. Welches Pharmaunternehmen hat diese Studie in Auftrag gegeben.
Mir hat es gut geholfen und ich werde das auch weiternehmen. Habe die Cholesterinsenker wegen der Nebenwirkungen in die Tonne gekloppt.
Mit freundlichem Gruß
Heinz Schmitz

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