Verdauung

Gans schön schwer

Alle Jahre wieder lockt der Festtagsschmaus

Julia Borsch | Blutklöße, Schweinswürste, Sülze, Leberpastete, Knackwürste, Fleischklöße, Kalbskoteletts, gepökelte Schweinsrippe, kalte Bratwurst, frische Blutwurst, frische Leberwurst, Heringssalat, Rauchfleisch, Käsekuchen, Apfelkuchen, Schlagsahne, Erdbeerkompott, Ingwerbirnen, Wacholderbier und ein kleines, im ganzen gebratenes Spanferkel. Auch wenn bei den meisten das weihnachtliche Festessen nicht ganz so üppig wie bei Astrid Lindgrens Michel aus Lönneberga ausfallen wird, mit Nachwehen wie Völlegefühl, Blähungen und Sodbrennen wird trotzdem so manch einer zu kämpfen haben.

Laut einer Erhebung des New England Journal of Medicine aus dem Jahre 2000 nimmt ein erwachsener Amerikaner im Durchschnitt über die Advents- und Weihnachtszeit ungefähr ein halbes Kilogramm an Körpergewicht zu. Angesichts der Menüfolgen, die in deutschen Haushalten an den Feiertagen aufgetischt werden, kann man vermutlich ähnliche Ergebnisse erwarten. Zwar ist laut Umfragen eines Online-Shoppingportals das beliebteste Weihnachtsessen der Deutschen Würstchen mit Kartoffelsalat, aber dicht gefolgt von Gans und Raclette auf den weiteren Plätzen. Dazu kommen Gebäck, Süßigkeiten und Glühwein - und das meist über mehrere Tage. Völlegefühl, Blähungen und Sodbrennen können die Folge sein. Dadurch sollte sich aber niemand die Weihnachtsstimmung verderben lassen. Die richtige Auswahl der Gewürze und Beilagen sowie Tees und rezeptfreie Präparate aus der Apotheke sorgen für ein Weihnachten ohne Risiken und Nebenwirkungen.

Symptome wie Völlegefühl, Blähungen oder Sodbrennen werden unter dem Oberbegriff dyspeptische Beschwerden zusammengefasst. Treten diese ohne ersichtlichen Grund auf, ist auf jeden Fall ärztlicher Rat einzuholen und die Ursache abzuklären. Treten sie lediglich nach üppigen fettreichen Mahlzeiten oder übermäßigem Genuss von Süßspeisen und Alkohol auf, können die Symptome problemlos im Rahmen der Selbstmedikation behandelt bzw. die Beschwerden durch vorbeugende Maßnahmen verhindert oder zumindest erträglich gestaltet werden.

Bitterstoffe zur Fettverdauung ...

Chemisch bilden die Bitterstoffe eine uneinheitliche Gruppe. Unter ihnen finden sich vor allem Terpenoide, Glykoside und Verbindungen mit einer Lactongruppierung. Grob unterteilt werden sie in terpenoide und nicht-terpenoide Bitterstoffe. Terpenoide finden sich unter anderem in Gentiana-Arten, Artischocke, Wermut und auch in Salbei. Nicht-Terpenoide sind z. B. in allen Citrus-Früchten enthalten. Drogen, die zwar Bitterstoffe enthalten, bei denen aber andere pharmakologische Wirkungen im Vordergrund stehen (z. B. Chinarinde, Aloe vera, Herzglykosid-Drogen), werden nicht zu den Bitterstoff-Drogen gezählt.

... eine halbe Stunde vor der Mahlzeit

Bitterstoffe helfen bei der Verdauung fettreicher Mahlzeiten. Sie stimulieren auf reflektorischem Wege die Speicheldrüsen- und Magensäuresekretion, darauf folgt eine weitere Steigerung der Sekretion auf humoralem Wege. Außerdem wird die Produktion der Galle und des Pankreassaftes angerregt und die Motilität des Magens und des Dünndarms gesteigert. Ihre optimale Wirkung entfalten Bitterstoffe, wenn sie etwa eine halbe Stunde vor der fettreichen Mahlzeit zugeführt werden. So empfiehlt es sich, einen Aperitif mit Wermut oder Enzian zu reichen. Salate wie Chicorée, Rucola, Endivien, Löwenzahn, Kopfsalat und auch Artischocken enthalten wertvolle Bitterstoffe und sorgen, als Vorspeise genossen, dafür, dass die darauf folgende Gans nicht zur Last wird. Wenn auch vom Einnahmezeitpunkt her nicht optimal, da in der Regel nach dem Essen serviert, wirkt auch Espresso aufgrund der enthaltenen Bitterstoffe verdauungsfördernd. Zusätzlich können Tees und Teemischungen mit Wermut, Löwenzahn, Tausendgüldenkraut, Schafgarbe oder alkoholische Auszüge aus Bitterstoffdrogen (s. Tab. 1 und Tab. 2) zum Einsatz kommen.

Tab. 1: Drogen gegen Verdauungsbeschwerden

Angelikawurzel (Angelicae radix)
spasmolytisch, Magensaftsekretion↑
Anisfrüchte (Anisi fructus)
spasmolytisch, karminativ
Artischockenblätter (Cynarae folium)
Gallensaftsekretion↑
Bittere Schleifenblume (Iberis amara)
motilitätssteigernd
Enzianwurzel (Gentianae radix)
Magensaftsekretion↑, Gallensaftsekretion↑, Speichelsekretion↑
Fenchelfrüchte (Foeniculi fructus)
antibakteriell, spasmolytisch
Javanischer Gelbwurz
(Curcumae xanthorrhizae rhizoma)
antibakteriell, Gallensaftsekretion↑
Kalmuswurzel (Calami rhizoma)
spasmolytisch
Kamillenblüten (Matricariae flos)
antibakteriell, spasmolytisch
Koriander (Coriandri fructus)
spasmolytisch, Speichelfluss↑, Magensaftsekretion↑
Kümmelfrüchte (Carvi fructus)
antibakteriell, spasmolytisch, Gallensaftsekretion↑, Magensaftsekretion↑
Kümmelöl (Carvi aetheroleum)
antibakteriell, spasmolytisch, Gallensaftsekretion↑, Magensaftsekretion↑
Löwenzahn (Taraxaci radix cum herba)
Gallensaftsekretion↑
Mariendistelfrüchte (Cardui mariae fructus)
zytoprotektiv, Leberregeneration↑
Melissenblätter (Melissae folium)
spasmolytisch, karminativ
Muskatöl (Myristicae aetheroleum)
spasmolytisch
Nelkenöl (Cariophylli floris aetheroleum)
desinfizierend, antiphlogistisch
Pfefferminzöl (Menthae piperitae aetheroleum)
spasmolytisch, karminativ, Gallensaftsekretion
Pomeranzenschalen (Aurantii pericarpium)
Magensaftsekretion↑, Gallensaftsekretion↑, Speichelsekretion↑
Schafgarbe (Millefolii herba)
spasmolytisch, Gallensaftsekretion↑
Schöllkraut (Chelidonii herba)
motilitätssteigernd (Magen), spasmolytisch (Gallenwege, Darm)
Süßholzwurzel (Liquiritiae radix)
spasmolytisch
Wermutkraut (Absinthii herba)
motilitätssteigernd, antibakteriell
Zimtöl (Cinnamomi aetheroleum)
spasmolytisch

Tab. 2: OTC-Präparate gegen Verdauungsbeschwerden

Name
Darreichungsform
Inhaltsstoffe
Kombinationen
Iberogast®
flüssig
Bittere Schleifenblume (Iberis amara)
Angelikawurzel (Angelicae radix)
Kamillenblüten (Matricariae flos)
Kümmelfrüchte (Carvi fructus)
Mariendistelfrüchte (Cardui mariae fructus)
Melissenblätter (Melissae folium)
Pfefferminzblätter (Menthae piperitae folium)
Süßholzwurzel (Liquiritiae radix)
Schöllkraut (Chelidonii herba)
Carminativum Hetterich®
flüssig
Kamillenblüten (Matricariae flos)
Pfefferminzblätter (Menthae piperitae folium)
Kümmelfrüchte (Carvi fructus)
Fenchelfrüchte (Foeniculi fructus)
Pomeranzenschalen (Aurantii pericarpium)
Abdomilon®
flüssig
Angelikawurzel (Angelicae radix)
Melissenblätter (Melissae folium)
Kalmuswurzel (Acorus calamus)
Wermutkraut (Absinthii herba)
Enzianwurzel (Gentianae radix)
Enteroplant®
fest
Pfefferminzöl (Menthae piperitae aetheroleum)
Kümmelöl (Carvi aetheroleum)
Pascoventral®
flüssig
Kamillenblüten (Maetherolatricariae flos)
Pfefferminzblätter (Menthae piperitae folium)
Kümmelfrüchte (Carvi fructus)
Gastricholan-L®
flüssig
Pfefferminzblätter (Menthae piperitae folium)
Kamillenblüten (Matricariae flos)
Fenchelfrüchte (Foeniculi fructus)
esto-gast®
flüssig
Citronellöl (Citronellae aetheroleum)
Muskatöl (Myristicae aetheroleum)
Zimtöl (Cinnamomi aetheroleum)
Nelkenöl (Caryophylli aetheroleum)
Monopräparate
Gastrovegetalin®
fest/flüssig
Melissenblätter (Melissae folium)
aar® gamma N 300, Ardeycholan® , Cholagogum Nattermann® Artischocke, Hepar-POS® , Hepar-SL®
fest/flüssig
Artischockenblätter (Cynarae folium)
Therapietees
Sidroga® Appetit-Anregungstee
Koriander (Coriandri fructus)
Sidroga® Fettverdauungstee
Löwenzahn (Taraxaci radix cum herba)
Sidroga® Leber- und Gallentee N
Löwenzahn (Taraxaci radix cum herba)
Pfefferminzblätter (Menthae piperitae folium)
Schafgarbe (Millefolii herba)
Javanischer Gelbwurz (Curcumae xanthorrhizae rhizoma)
Sidroga® Magen-Darm-Beruhigungstee
Schafgarbe (Millefolii herba)
Pfefferminzblätter (Menthae piperitae folium)
Kamillenblüten (Matricariae flos)
Simeticon/Dimeticon
Lefax®, Imogas®, Sab simplex®
fest/flüssig
Dimeticon/Simeticon
Antazida
Rennie®
fest
Calciumhydrogencarbonat, Magnesiumhydrogencarbonat
Gaviscon® advance
flüssig
Natriumalginat Kaliumhydrogencarbonat
Gaviscon® lemon
fest
Natriumalginat Kaliumhydrogencarbonat, Calciumcarbonat
Talcid®, Riopan®, Maaloxan®
fest/flüssig
Aluminium-Magnesium-Verbindungen

Verdauungsfördernde Scharfstoffe in Gewürzen

Die Scharfwirkung dieser Stoffe kommt über Thermo- und Schmerzrezeptoren zustande. Sie steigern die Speichelsekretion und stimulieren auf reflektorischem Wege die Magensaftsekretion und die Darmperistaltik und wirken so verdauungsfördernd. Senföle hemmen durch ihre antibakterielle Wirkung Gärungsprozesse und wirken so blähungstreibend. Chemisch kann man sie in vier Gruppen unterteilen:

  • α-Methoxy(Methyl)-phenol-Verbindungen (z. B. in Ingwer, Muskatnuss),

  • Säureamidverbindungen (z. B. in Paprika, Cayennepfeffer),

  • Senföle,

  • Sulfid- und Thioverbindungen aus Allium-Arten (z. B. in Knoblauch, Zwiebeln).

Scharfstoffe werden hauptsächlich als Gewürze verwendet.

Ätherischöl-Drogen gegen Blähungen & Co.

Ätherische Öle sind flüssige, leicht flüchtige, charakteristisch riechende Öle. Sie schmecken aromatisch, scharf oder bitter. Man unterscheidet aromatisch riechende bzw. schmeckende (Aromatika), aromatisch und bitter schmeckende (Aromatika-Amara) und aromatisch und scharf schmeckende Drogen (Aromatika-Acria). Ätherische Öle sind Stoffgemische aus Terpenverbindungen (z. B. Menthol, Thujon), Phenylpropanderivaten (z. B. Zimtaldehyd), Kohlenwasserstoffen und deren Derivaten, sowie schwefel- und stickstoffhaltige Verbindungen (z. B Senföle).

Die pharmakologischen Wirkungen der ätherischen Öle sind vielfältig. So wirken Kamille, Minze, Melisse, Fenchel, Kümmel, Zimtrinde, Pomeranzen und Schafgarbe spasmolytisch auf die glatte Muskulatur und daher lindernd bei krampfartigen Beschwerden. Außerdem regulieren sie die Magensaftsekretion und die Magenmotorik. Ihre blähungstreibende Wirkung ist antiseptischen Einflüssen bei Gärungsprozessen und ihrer choleretischen Eigenschaften geschuldet. Auch Anis, Engelwurz, Koriander, Liebstöckel, Rosmarin, Oregano, Senföle und Basilikum haben letztere Wirkungen. Als wohlschmeckende Prophylaxe sollten blähende Speisen wie Kohl mit blähungstreibenden Gewürzen (z. B. Kümmel) zubereitet werden. Als Digestiv eignen sich anishaltige Getränke wie Ouzo, Raki oder Pastice. Bei akuten Beschwerden finden Tees und Zubereitungen aus den zuvor genannten Drogen Anwendung. Als synthetische Alternative bei Blähungen und Völlegefühl durch vermehrte Gasansammlung im Magen-Darm-Trakt stehen in verschiedenen Darreichungsformen Präparate zur Verfügung, die Dimeticon oder Simeticon enthalten. Sie wirken auf rein physikalischem Wege und sind auch bei Kindern anwendbar. Entscheidend für ihre Wirkung ist eine ausreichend hohe Dosierung. Eine Überdosierung ist weitgehend unproblematisch, da keine Resorption aus dem Magendarmtrakt stattfindet.

Antazida bei zu viel Magensäure

Ein Überschuss an Magensäure, wie er durch Süßspeisen, sehr scharfe Gewürze und Alkohol verursacht wird, kann vor allem Sodbrennen, aber auch Völlegefühl und Magendrücken verursachen. Derartige Beschwerden behandelt man am besten mit Antazida. Hier kommen Präparate mit Aluminium-Magnesium-Salzen oder Calciumcarbonat infrage. Sie neutralisieren die Magensäure und schaffen so schnelle Linderung. Natriumhydrogencarbonat (Bullrichs Salz) ist als Antazidum obsolet, da es einen Säure-Rebound (reaktiv erhöhte Magensäuresekretion) hervorruft.

Alginsäurehaltige Präparate bilden eine säurebindende Schutzschicht auf der Magenschleimhaut und verhindern so eine Magenreizung.

Protonenpumpeninhibitoren wie Omeprazol und Pantoprazol sind aufgrund ihres verzögerten Wirk-eintrittes und der obligatorischen Einnahme auf nüchternen Magen vor einer Mahlzeit zur Behandlung akuter säurebedingter Beschwerden ungeeignet.

Weniger ist mehr

Neben allen pharmakologischen Interventionen sollen natürlich auch noch die konservativen Methoden zur Verdauungsförderung nicht unerwähnt bleiben: zum einen der Verdauungsspaziergang – Bewegung regt die Magen-Darmtätigkeit an und verbrennt zudem zumindest einen Teil der aufgenommenen Kalorien – und zum anderen die Empfehlung, das weihnachtliche Festmahl in Maßen statt in Massen zu genießen. So sollte einem Weihnachtsfest ohne Nebenwirkungen nichts mehr im Wege stehen.


Literatur

Yanovski JA, Yanovski SZ, Sovik KN, Nguyen TT, O‘Neil PM, Sebring NG.: A prospective study of holiday weight gain; N Engl J Med. 2000 Mar 23; 342(12): 861 – 7.

Wagner H: Arzneidrogen und ihre Inhaltsstoffe, 6. Auflage, Deutscher Apotheker Verlag 1999Aktories, Förstemann, Hofmann, Starke: Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie; 9. Auflage, Elsevier 2005

Hexal Taschenlexikon Medizin; 2. Auflage, Urban & Fischer 2000 Produktinformationen der Hersteller

http://www.augsburger-allgemeine.de/panorama/Wuerstchen-mit-Kartoffelsalat-sind-beliebtestes-Weihnachtsessen-id18015596.html


Autorin

Julia Borsch, Apothekerin, MBA, Urbanstr. 3, 81371 München



DAZ 2012, Nr. 51, S. 44

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