Arzneipflanzenporträt

Frischpflanzenextrakte aus Artischockenblättern

Vergleich mit Drogenextrakten

Von Ernst Schneider

Zur arzneilichen Anwendung von Artischockenblättern in der Therapie der Dyspepsie liegen eine Reihe von Übersichtsarbeiten vor, in denen Botanik, Inhaltsstoffe, Pharmakologie und die zahlreichen publizierten klinischen Daten ausführlich abgehandelt werden [8, 3, 29, 12, 4]. Hier soll der Frage nachgegangen werden, warum es bei der Artischocke sowohl Extrakte aus getrockneten Blättern als auch aus Frischpflanzen gibt. Wie unterscheiden sich Frischpflanzen- und Drogen-Extrakte aus Artischockenblättern und welche Vorteile lassen Frischpflanzenzubereitungen erwarten?

Abb. 1: Blühende Kugel-Artischocke
Foto: Schneider

Gemüse- und Arznei-Artischocke

Urheimat der Artischocken als Kulturpflanze ist der Mittelmeerraum, wo auch noch der wildwachsende Vorfahre der Kulturformen vorkommt. Zu Details über Zeitpunkt und Ort der Domestikation und ihre nachfolgende Diversifikation ist noch nicht viel bekannt. Es wird vermutet, dass die Araber, die während des Mittelalters den südlichen Mittelmeerraum beherrschten, hieran maßgeblich beteiligt waren [28]. Die Nutzung als Gemüse stand immer an erster Stelle. Es gibt heute zwei Kulturformen, nämlich den Kardonen-Typ (früher als Cynara cardunculus L. bezeichnet) und die Kugel-Artischocke (früher Cynara scolymus L). Beide Kultivare der Artischocke werden vor allem als Gemüse genutzt und sind wirtschaftlich von großer Bedeutung. Aufgrund ihrer Wärmebedürftigkeit wird die Artischocke vor allem in den subtropischen und mediterranen Regionen in Südeuropa, der Türkei, in den USA sowie in Südamerika angebaut [16]. Während die Kardone fast ausschließlich als Blattgemüse (Blattstiele und Rippen) genutzt wird, verwendet man von der Kugel-Artischocke die charakteristisch-kugelförmigen unreifen Blütenköpfe, deren Blütenboden mit den fleischigen Hüllblättern eine beliebte Delikatesse darstellt (Abb. 1).

Zu Arzneizwecken werden die Laubblätter von Cynara cardunculus L. ssp. flavescens Wikl. (Familie Asteraceae) "Typ Arznei-Artischocke" verwendet [8]. Unter dieser neuen botanischen Nomenklatur sind beide Artischocken-Typen als Kultivare zusammengefasst. Dieser wissenschaftliche Name ist das Ergebnis einer taxonomischen Revision der Gattung Cynara in den 1990er Jahren [28].

"Gute" Artischockenblätter stammen aus speziellem, pharmazeutisch ausgerichtetem Anbau von Sorten blattreicher und spätblühender Typen mit einem hohen Gehalt an Sekundärstoffen. Die grünen Rosettenblätter werden kurz vor dem Blütenaustrieb geerntet, wenn der Gehalt an relevanten Inhaltsstoffen am höchsten ist, und dienen zur Bereitung von Frischpflanzensäften oder – in frischem oder getrocknetem Zustand – als Ausgangsmaterial für vorwiegend wässrige Extrakte. Diesem speziellen Arzneipflanzenanbau gegenüber steht das überaus große Angebot von Blättern aus abgeernteten Gemüsekulturen.

Und genau hier finden wir den Angelpunkt für die Lösung unserer Frage.

Inhaltsstoffe der Artischockenblätter

Um die Unterschiede zu verstehen, müssen zuvor die wirksamen Inhaltsstoffe der Arzneiartischocke erklärt werden. Für die pharmazeutisch genutzten Laubblätter, Cynarae folium, sind schon länger drei Inhaltstoffgruppen bekannt, welchen die pharmakologische Wirksamkeit zugesprochen wird [7, 6, 32]:

  • Caffeoylchinasäurenderivat (Ccs),
  • Glykoside des Flavons Luteolin sowie
  • Bitterstoffe (Sesquiterpenlactone).

Welche Vielfalt an nachgewiesenen Verbindungen in Artischocken auftritt, wird in einer Reihe von analytischen Arbeiten in der neueren Literatur belegt [31, 26, 27].

Caffeoylchinasäuren

Von den drei Substanzklassen werden die Caffeoylchinasäuren (Ccs) als wichtigste Inhaltsstoffe der Blätter angesehen. Ccs sind Depside der Chinasäure mit Kaffeesäure (3,4-Dihydroxyzimtsäure). Von der pharmazeutischen Industrie wird ein möglichst hoher Ccs-Gehalt verlangt, der bei 3 bis 4% der Trockenmasse liegen sollte. Der Gehalt ist in jungen Blättern am höchsten und sinkt mit zunehmendem Alter ab [30]. Ccs kommen in den nativen Artischockenblättern als 5-O-Monocaffeoylchinasäure (Chlorogensäure), 1,5-O-Dicaffeoylchinasäure und sehr wenig als 1,3-O-Dicaffeoylchinasäure (Cynarin) vor. Interessant ist jedoch die Tatsache, dass der Cynarin-Gehalt im heiß hergestellten, wässrigen Extrakt erheblich ansteigt.

IUPAC-Nomenklatur der Ccs

Im Gegensatz zur in vielen Literaturstellen verwendeten "alten" Nomenklatur sind hier die "IUPAC Rules for Cyclitols" (1968, 1973) berücksichtigt. Wurde früher die Chlorogensäure als 3-O-Caffeoylchinasäure bezeichnet, gilt heute die Bezeichnung 5-O-Caffeoylchinasäure und entsprechend für Cynarin statt früher 1,5-O-Dicaffeoylchinasäure heute 1,3-O-Dicaffeoylchinasäure.

Flavonoide

In den Artischockenblättern wird neben freiem Luteolin vor allem das Luteolin-7-O-glucosid (Cynarosid), das Luteolin-7-O-rutinosid (Scolymosid) und das Luteolin-7-O-rutinosyl-4-O-glucosid (Cynarotriosid) gebildet. Daneben treten Glykoside von Apigenin und Quercetin auf. Der Gehalt an Gesamt-Flavonoiden liegt in Artischockenblättern bei 0,3 bis 0,7%, bezogen auf die Trockenmasse, und steigt mit dem Alter der Blätter an [30]. Da Flavonoide bei der Drogentrocknung kaum verändert werden, sind die Trockenmasse-Gehalte bei Frischpflanze und Droge gleich. Auch weisen Flavonoide bei wässriger Extraktion gute Übergangsraten auf, weshalb der Gehalt in Trockenextrakten mit dem der Frischsubstanz vergleichbar ist. [6].

Sesquiterpenlactone

Die Sesquiterpenlactone vom Guajanolidtyp sind stark bitter schmeckende Substanzen (Bitterwert bis 400.000) und kommen in den Blättern mit 0,5 bis 4% vor. Als Hauptkomponenten sind vor allem das Cynaropikrin (48% Anteil an der Fraktion), Dehydrocynaropikrin und Grosheimin vertreten. Diese Bitterstoffe sind thermo- und chemolabil und in wässrigen Extrakten kaum noch enthalten. Trotz appetit- und verdauungsanregender Wirkung finden sie bei der Feststellung der Qualität von Extraktpräparaten keine Beachtung, da diese in geschmacksneutraler Dragee- oder Kapselform vorliegen. Damit ist die bei Teeaufguss- oder Fluidextrakt-Anwendung gegebene Voraussetzung einer reflektorischen Bitterstoffwirkung durch Empfindung des bitteren Geschmacks bei den heute üblichen festen Arzneiformen nicht gegeben [7].

Inhaltsstoffvergleich der Gemüse-Blütenköpfe und der Pharma-Laubblätter

Blüten und Blätter der Artischocke unterscheiden sich im qualitativen Spektrum der Inhaltsstoffe nicht wesentlich, wenn man die gleichen Sortenherkünfte vergleicht. Die Gehalte sind jedoch quantitativ unterschiedlich (Tab. 1) [6, 7, 31, 26, 4, 13]. Häufig werden die phenolischen Verbindungen in Pflanzen, zu denen auch Ccs und Flavonoide zählen, als Polyphenole bezeichnet und deren Gehalt in einer photometrischen Summenbestimmung (mit Folin-Ciocalteu-Reagens) ermittelt. Dieser Vergleich zeigt auch deutlich, wie wichtig ein kontrollierter Anbau von Artischockenblättern für die Arzneimittelherstellung ist.

Tab. 1: Gehalte an relevanten Inhaltsstoffen in verschiedenen Blätter und Blüten der Artischocke (identische Sorte)
Blätter vor Blütenbildung
Blätter
seneszent
Blüten jung
Blüten reif
Gesamt-Ccs
0,8 – 6,4%
0,015 – 0,3%
0,7 – 1,2%
0,5 – 0,6%
Gesamt-Flavonoide
0,3 – 0,7%
0,06 – 0,2%
0,1 – 0,2%
0,2 – 0,3%
Polyphenole
(Folin-Ciocalteu)
6 – 10%
nicht
durchgeführt
2 – 3%
1 – 2%

Frischpflanzenpräparate vs. Extrakte aus getrockneter Droge

Ausschlaggebend für den Trend zum kontrollierten Anbau der Arzneiartischocke ist die pharmazeutische Qualitätsbewertung durch die Monographie der Pharm. Eur., die die entsprechende Monographie der Pharm Franc X abgelöst hat. Es wird ein Mindestgehalt an Chlorogensäure als Leitsubstanz für die Caffeoylchinasäuren von 0,8% festgelegt, wobei die Leitsubstanz an den Caffeoylchinasäuren einen Anteil von 60 bis 80% hat [4]. Dieser Gehalt würde auch von guter Gemüseware erfüllt werden können, allerdings werden diese Blätter häufig schon braun geerntet und entsprechen daher nicht der Forderung der Pharm. Eur. nach grünen Blättern.

Eine Verwendung von Frischpflanzen-Artischocke ist in den Aufbereitungs-Monographien explizit vorgesehen. Die ESCOP-Monographie gibt für Artischockenblätter die Anwendung in Form des wässrigen Trockenextraktes oder Teeaufguss an, lässt aber auch äquivalente Zubereitungsformen zu. Ebenso nennt die Monographie der Kommission E ganz konkret auch die Anwendung von Frischpflanzenpresssaft.

Anbau

Der spezielle Anbau von Artischockenblättern ist eine Voraussetzung für die Verwendung von Frischpflanzen-Artischocke. Seit den 1990er Jahren hat sich zunächst auf geringer Fläche ein feldmäßiger Anbau von Arznei-Artischocken etabliert [30, 26, 2], und heute entspricht es dem Stand der Technik, die für die Frischpflanzen-Extraktherstellung benötigten Artischockenblätter durch kontrollierten Anbau von rein pharmazeutisch ausgerichteten Blattkulturen und hierfür geeigneten Sorten zu gewinnen (Abb. 2).

In umfangreichen Forschungsarbeiten der letzten Jahre wurden mehrjährige Feldversuche an mehreren Standorten mit einem Sortiment von 43 verschiedenen Saatherkünften durchgeführt. Dabei wurde das Anbauverfahren an die Bedingungen humider Standorte Mittel- und Nordeuropas angepasst und durch Sortenversuche die hierfür geeigneten Typen ermittelt. Das Ziel war, blattreiche und spätblühende Typen mit einem hohen Gehalt an relevanten Inhaltsstoffen zu erhalten [16]. Lag der Gehalt an Ccs Anfang der 1990er Jahre im Durchschnitt noch bei 0,015 bis 0,3%, so liegt er heute bei 1,7 bis 4,1%. Während des Blattwachstums nimmt der Ccs-Gehalt zu und sinkt wieder ab, sobald die Pflanze schosst und in die generative Phase übergeht (Blütenbildung) [7]. Daher enthalten Blätter aus Gemüsekulturen, wo ja die Blüten bereits abgeerntet wurden, weniger Ccs und Flavonoide.

Herstelltechnologie

Parallel zur bereits angesprochenen Optimierung des Erntegutes gilt es, für die jeweilige Pflanze eine geeignete, Inhaltsstoff-schonende Herstelltechnologie anzuwenden. Dies zeigt der Vergleich der Herstellung von Frischpflanzenpräparaten und von Extrakten aus getrockneter Droge (Abb. 3).

Erntebedingungen

Die Unterschiede beginnen schon bei den speziellen Erntebedingungen. Der Blattschnitt für die Frischverarbeitung erfolgt üblicherweise während der späten Abendstunden. Damit werden einerseits hohe Temperaturen vermieden, und andererseits erfolgt der Schnitt bei optimalem Ccs-Gehalt, der wegen eines zirkadianen Rhythmus um diese Zeit am höchsten ist [30]. Zudem erreicht die Frischware den Extraktionsbetrieb bereits am nächsten Morgen und kann zügig verarbeitet werden.

Da im Herstellablauf von Frischpflanzenpräparaten die Pflanzen unmittelbar nach der Ernte mit Wasser extrahiert werden, gelangen die genuinen Inhaltsstoffe direkt in den Extrakt und werden nicht bei Trocknungsvorgängen der Drogengewinnung verändert. Bei der Frischverarbeitung wird der komplexe Wirkstoff aus der Flüssigphase der Pflanze direkt gelöst, was man häufig als "Wirkstoffring" bezeichnet.

Üblicherweise wird Artischocken-Droge bis auf eine Restfeuchte von 10% getrocknet. Hierbei erweisen sich die Ccs als nicht stabil. Bereits bei Raumtemperatur tritt ein Verlust von 20 bis 40% auf, der sich bei einer Trocknungstemperatur von 60 °C auf 80 bis 85% erhöht [5]. Ursache für den Verlust ist der fermentative Abbau durch pflanzeneigene Enzyme, der bei diesen leicht erhöhten Temperaturen bevorzugt abläuft. Bei der Trocknung der erntefrischen Blätter kommt es also zu einem erheblichen Wirkstoffverlust. Extrakte aus Droge sollen nicht schlechtgeredet werden, aber die Frischverarbeitung ist hier die Methode der Wahl. Die Trocknung von Artischockenblättern ist also als Notlösung zu betrachten, wenn die Transportwege lang sind oder die großen Erntemengen die sofortige Verarbeitung nicht erlauben. Blätter aus Gemüsekulturen können nur getrocknet in den Handel kommen und weisen daher immer einen Wirkstoffverlust auf. Nach dem Trocknungsprozess ist die Droge unbedingt trocken zu lagern, da sie stark hygroskopisch ist und bei Feuchtigkeitsausnahme der Inhaltsstoffabbau noch weitergehen kann [17]. Die Lagerung von Pflanzenmaterial entfällt bei der Frischverarbeitung, weshalb auch eine Entwesung, Begasung oder Keimreduzierung zur Abwehr von Schädlingen und Abtötung von Fäulnisbakterien nicht nötig ist.

Extraktherstellung

Nicht nur bei der Trocknung frischer Artischockenblätter können Verluste an Inhaltsstoffen auftreten, sondern auch bei der Extraktherstellung. Deren Ziel muss es sein, den optimalen Gehalt an Ccs zu erhalten.

Auszüge aus Frischpflanzen-Artischocke enthalten ca. 50% mehr Ccs als Extrakte aus getrockneter Blattdroge, während die Flavonoidgehalte vergleichbar sind [24]. Dies trifft auch zu für den Vergleich von Trockenextrakten aus frischen Artischockenblättern und Droge [6]. Bei der Herstellung wässriger Extrakte wird die nativ in den Blättern enthaltene 1,5-O-Dicaffeoylchinasäure auch bei niedriger Temperatur gut aus den Blättern gelöst. Aber erst bei einer Temperatur von 80 bis 100 °C und einer Extraktionszeit von 18 Stunden wird sie hinreichend in Cynarin (1,3-O-Dicaffeoylchinasäure) umgeestert (Abb. 4).

Cynarin stellt ein chemisch stabiles Endprodukt dieser Extraktionsvorgänge dar, das auch nach der Trocknung des Extrakts erhalten bleibt. Es gilt als spezifisches qualitatives Merkmal wässriger Artischockenextrakte – sowohl aus Droge als auch aus Frischpflanze –, da es das Wirksamkeitsbestimmende Prinzip darstellt. Früher wurde es lange Zeit als der einzig wirksame Inhaltsstoff der Artischocke angesehen, weshalb viele der frühen pharmakologischen Untersuchungen mit isoliertem Cynarin durchgeführt wurden.

Die durch Temperatur und Zeit definierten Extraktionsbedingungen (s. o.) haben den optimalem Transfer der genuin enthaltenen Flavonglykoside in den Extrakt zur Folge. Bei niedrigeren Extraktionstemperaturen kommt es dagegen zu unerwünschten, ebenfalls enzymatisch bedingten, hydrolytischen Abbaureaktionen mit den Endprodukten Kaffeesäure und Luteolin und damit zum Wirkverlust [7].

Pharmakologisches Profil der Artischocke

Das pharmakologische Profil von Artischockenblättern und die Zuordnung der Wirkungen zu einzelnen Inhaltsstoffen ist in Tabelle 2 dargestellt [12]:

Tab. 2: Die für die Wirkungen von Artischockenblättern verantwortlichen Inhaltsstoffe
Wirkung
Ccs
Flavonoide
choleretisch
+
hepatoprotektiv
+
+
zytoprotektiv
+
antioxidativ
+
+
LDL -Oxidation-hemmend
+
+
Cholesterinspiegel-senkend
+
Lipidspiegel-senkend
+
Peristaltik-erhöhend
+

Wirkung auf die Cholerese

Die klinisch nachgewiesene Förderung der Gallenausscheidung durch die Artischockeninhaltsstoffe ist das Wirkprinzip des monographiekonformen Anwendungsgebietes von Artischocke bei "dyspeptischen Beschwerden". Eine Förderung der dadurch bewirkten Fettverdauung wurde in mehreren pharmakologischen In-vivo-Tests für Artischockenblätterextrakte nachgewiesen. Die Autoren früherer Untersuchungen schreiben die hierfür ursächliche choleretische Wirkung vor allem den Substanzen Cynarin, Chlorogensäure und Kaffeesäure zu [22, 10].

Hepatoprotektive und zytoprotektive Wirkung

Zahlreiche Ergebnisse aus In-vitro-Untersuchungen an Hepatozyten lassen darauf schließen, dass Artischockenblätterextrakte in der Lage sind, durch Intoxikationen hervorgerufene Beeinträchtigungen der Leber zu mindern [15]. Es wird ein antioxidativer Mechanismus der hepatoprotektiven Wirkung vermutet, der mit den Inhaltsstoffen Luteolin, Kaffeesäure, Chlorogensäure, Cynarin und Luteolin-7-glucosid (in dieser Reihe absteigend) verknüpft ist [32].

Diese in vitro mehrfach beobachtete antioxidative Wirksamkeit der Artischockeninhaltsstoffe konnte auch in vivo an einem Rattenmodell [18] und durch arbeitsmedizinische Beobachtungen an beruflich mit lebertoxischen Lösemitteln exponierten Personen bestätigt werden [12].

Lipidspiegel-senkende Wirkung

Artischockenblätterextrakte senken am Menschen die Serum-Lipidspiegel, insbesondere den Cholesterinspiegel [12].

Antiarteriosklerotische Wirkung

Für das Flavon Luteolin konnte dosisabhängig eine Hemmwirkung auf die Oxidation von LDL nachgewiesen werden. Hierbei zeigt das Aglykon Luteolin die gleiche Hemmung auf die Lipidperoxidation wie Artischockenextrakt. Die Wirkung der entsprechenden Glykoside (z. B. Luteolin-7-O-glucosid) ist ebenfalls dosisabhängig, allerdings weniger ausgeprägt als die des Aglykons Luteolin [9].

Choleretische Wirkung von Frischpflanzenzubereitungen

Frischpflanzenzubereitungen aus oberirdischen Pflanzenteilen von Artischocke bewirken dosisabhängig eine ausgeprägte, langdauernde Steigerung des Gallenflusses an perfundierten Rattenlebern. Die lipophile Polyphenolfraktion war hierbei wirksamer als die Phase der hydrophilen Reste. Die Wirkung konnte den Ccs zugewiesen werden, da die Flavonoide sich als unwirksam erwiesen [20].

Am gleichen Modell wurde auch der Einfluss auf die Gallensäurenausscheidung geprüft. Hierbei zeigten der Frischpflanzenextrakt, die Ccs- und die Flavonoid-Fraktion eine signifikante und anhaltende Steigerung der Ausscheidung von Gallensalzen [21]. In früheren Untersuchungen mit diesem Modell wurde die Frischpflanzenzubereitung mit einem Drogenextrakt verglichen. Letzterer zeigte im Gegensatz zur Frischpflanze nur eine Zunahme des Gallenflusses, nicht aber eine erhöhte Gallensalzausscheidung [14].

Pharmakokinetik der wirksamkeitsbestimmenden Inhaltsstoffe

Nach Verabreichung von Artischockenblätterextrakt konnten weder im Plasma noch im Urin genuine Inhaltsstoffe gefunden werden. Es traten Kaffeesäure, Dihydrokaffeesäure, Ferulasäure, Dihydroferulasäure und Isoferulasäure als Metaboliten der Ccs auf und Luteolin als Marker für die Flavonoide [29, 33]. Nach Verzehr von Artischocken konnte im Plasma auch Chlorogensäure mit einem Konzentrationsmaximum nach 1 Stunde nachgewiesen werden [1]. Diese Daten belegen, dass die Inhaltsstoffe resorbiert und metabolisiert werden.

Dosierung und Anwendungsgebiete

Auch offizielle Monographien gehen auf die Verwendung der Frischpflanzen-Artischocke ein und belegen damit die Bedeutung dieser Zubereitungsform.

Monographie der Kommission

Anwendungsgebiet "dyspeptische Beschwerden"; mittlere Tagesdosis von 6 g Droge, innerlich angewendet als getrocknete, zerkleinerte Droge, Frischpflanzenpresssaft sowie andere galenische Zubereitungen [19].

ESCOP-Monographie

Als therapeutische Indikation werden Verdauungsbeschwerden, wie Magendrücken, Übelkeit, Erbrechen, Völlegefühl und Blähungen, sowie hepatobiliäre Störungen angegeben. Zudem ist Artischocke als Adjuvans zu einer fettreduzierten Diät bei der Behandlung von leichter bis mittlerer Hyperlipidämie angezeigt. Dosierung ist hierbei 5 bis 10 g getrocknete Blätter in Form wässriger Extrakte oder Aufgüsse, wobei andere äquivalente Zubereitungen möglich sind [12].

British Herbal Compendium 2006

Dieses von der British Herbal Medicine Association (BHMA) herausgegebene Werk nennt als Indikationen dyspeptische Beschwerden, einschließlich Blähungen, Sättigungsgefühl, Völlegefühl, Übelkeit, Erbrechen, Magenschmerzen und Appetitlosigkeit, sowie Reizdarmsyndrom. Ebenso wird die Verwendung als Adjuvans zu einer fettreduzierten Diät bei der Behandlung von leichter bis mittlerer Hyperlipidämie erwähnt. Die Tagesdosis, üblicherweise verteilt auf drei Einzelgaben, beträgt durchschnittlich 6 g getrocknete Blätter, was einem Trockenextrakt aus 4,5 bis 9 g Droge und 27 bis 54 g frischen Blättern entspricht [4].

Anwendungsprofil

Die Indikationen ergeben sich aus der klinischen Datenlage und werden zusätzlich durch folgende, auch historisch begründete Beobachtungen von Verordnern und Anwendern gestützt [3].

  • In der Vergangenheit wurde Artischocke bereits als verdauungsförderndes Gemüse erkannt.
  • Aufgrund der choleresesteigernden Wirkung sind Artischockenzubereitungen bei Dyspepsie mit den Symptomen Völlegefühl, Appetitlosigkeit, Unverträglichkeiten von fettreicher Nahrung, Meteorismus und Flatulenz sowie Übelkeit und Erbrechen angezeigt.
  • Beobachtungen in den 1930er Jahren ließen bereits eine Verringerung von Cholesterinablagerungen in Gefäßen vermuten.
  • Die Cholesterinspiegel-senkende Wirkung ist heute klinisch nachgewiesen.
  • Die Hepatoprotektion ist anhand von Leberschaden-Modellen breit untersucht und aus der Arbeitsmedizin bekannt.
  • Für künftige Verwendungen kann die antiemetische Wirkung interessant sein.

Neuere klinische Studien zur Wirksamkeit

Eine Reihe klinischer Studien zur Wirksamkeit in sehr unterschiedlichen Indikationen, wie funktionelle Dyspepsie, Reizdarm-Syndrom, Hyperlipoproteinämie, Alkohol-Hang-over und als Adjuvans in der Malariatherapie liegen vor. Einen Überblick über diese Studien bieten die Monographien der ESCOP und der BHMA [12, 4].

Eine klinisch kontrollierte Doppelblindstudie mit einem wässrigen Frischpflanzen-Trockenextrakt zeigte Im Vergleich zu Placebo signifikante Lipidspiegelsenkungen bei Hypercholesterinämie und eine positive Beeinflussung des LDL/HDL-Verhältnisses [11]. Das Studienergebnis bestätigt damit auch die Wirksamkeit von Frischpflanzen-Artischocke in dieser Indikation.

Das Ergebnis einer Metaanalyse zur Wirksamkeit von Artischocke bei Hypercholesterinämie ergibt insgesamt einen positiven Effekt, allerdings ist die Aussagekraft der Studien nach Ansicht der Autoren nicht ganz überzeugend [23]. Lediglich zwei klinische Studien erfüllten die Selektionskriterien dieses kritischen Cochrane-Reviews. Es wurde ein Frischpflanzenextrakt mit einem Extrakt aus Droge verglichen, und beide zeigten ähnliche Wirksamkeit. Vier weitere Studien mussten wegen methodischer Mängel ausgeschlossen werden.

Zusammenfassung

Selbst in Fachkreisen ist häufig nicht bekannt, dass bei der Artischocke relevante Unterschiede in der Qualität der Extrakte zwischen Frischpflanzen- und Drogenextrakten besteht. Gerade für diesen Sachverhalt eignen sich die Artischockenblätter hervorragend als Demonstrationsbeispiel, da Präparate mit Frischpflanzen-Artischocke* bei der Herstellung viel pharmazeutische Kompetenz erfordern. Unzweifelhaft hat die Frischverarbeitung Vorteile, da der nativ in der Pflanze vorhandene Wirkstoffkomplex direkt in den Extrakt übergeht. Zudem treten beim Trocknen der Artischockenblätter ein erheblicher Wirkstoffverlust und eine Deaktivierung der Pflanzenenzyme ein. Getrocknete Blätter als Ausgangsmaterial für die Extraktherstellung können als Nebenprodukt aus dem Gemüseanbau stammen und sind dann nicht zum optimalen Zeitpunkt geerntet. Die Frischverarbeitung ist daher die Methode der Wahl, denn selbst bei gleichen Ausgangspflanzen wird ein Drogenextrakt einen geringeren Wirkstoffgehalt als ein Frischpflanzenextrakt haben. Artischocken-Frischpflanzenextrakte, für die klinisch eine Lipidspiegelsenkung und eine positive Beeinflussung des LDL/HDL-Verhältnisses nachgewiesen wurden, lassen aufgrund ihres Wirkstoffgehalts auch therapeutische Vorteile erwarten.

___________

* Z. B. Hepacyn® Frischpflanzen-Artischocke, Filmtabletten, apothekenpflichtig.

Literatur

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Abb. 2: Anbau von Arznei-Artischocke. Erntereifer Bestand zum optimalen Zeitpunkt.
Foto: Schneider
Abb. 3: Vergleich der Herstellung von Phytopharmaka aus Frischpflanzen-Artischocke bzw. aus getrockneter Droge.
Abb. 4: Bildung von Cynarin aus der genuin vorhandenen 1,5-Di-Ccs während der Extraktion.
Autor
Dr. Ernst Schneider studierte Biologie und Pharmazie und wurde im Fach Pharmakologie promoviert. Nach 16 Jahren Industrieerfahrung mit pflanzlichen Arzneimitteln in den Bereichen Produktentwicklung, Herstellung von Kräutertee und Extrakten, Qualitätskontrolle, Zulassung und Arzneipflanzenanbau ist er heute selbstständiger wissenschaftlicher Dienstleister im Projektmanagement für Rohstoffsicherungsprojekte, GMP pflanzlicher Arzneimittel und Arzneipflanzen­information. Öffentlich bestellter Sachverständiger für Pharmakognosie.
Dr. Ernst Schneider, PhytoConsulting, Seeblick 11, 84163 Marklkofen-Freinberg

schneider.e@phyto-consulting.de

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