Feuilleton

Arzneipflanze des Jahres 2003: Die Artischocke

Der am Würzburger Institut für Geschichte der Medizin ansässige Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde hat die Artischocke zur Arzneipflanze des Jahres 2003 erwählt.

Delikatesse . . .

Die Artischocke ist ein Leckerbissen. Die schuppenartigen Hüllblätter der Blüte sind, gekocht und mit Vinaigrette ausgezutzelt, ebenso eine Delikatesse wie der von den Blüten befreite Blütenboden. Sehr junge und ganz kleine Artischocken nennt der Franzose "fond d'artichauts". Diese Artischockenherzen sind ebenfalls ein Genuss.

Aus den Blättern des Korbblütlers wird der bittere "Cynar" gemacht. Als Aperitif oder noch viel besser als Digestif weist er auch den Weg zur Artischocke als Arzneipflanze. Ein Magenbitter soll nach üppiger Mahlzeit der Verdauung auf die Sprünge helfen. Besser als Schnaps helfen jedoch Arzneimittel, die aus Artischockenblättern zubereitet werden.

. . . und Arzneimittel

Immerhin, etwa jeder fünfte Bundesbürger leidet an dyspeptischen Beschwerden wie Völlegefühl, Übelkeit, Blähungen oder Oberbauchbeschwerden, aber auch an Durchfall oder Verstopfung. Ausgewogene Ernährung und maßvolle Lebensführung sind sicher die beste Therapie. Aber wenn diese Beschwerden durch einen Mangel an Gallensekretion hervorgerufen werden, empfiehlt sich auch die Artischocke.

Ihre Blätter enthalten Caffeoylchinasäuren (in Präparaten u. a. das durch Umesterung entstandene Artefakt Cynarin), Flavonoide (u. a. Cynarosid) und Sesquiterpenlacton-Bitterstoffe (u. a. Cynaropikrin). Der Extrakt regt die Produktion der Galle an, wirkt also choleretisch. Dies führt zu einer verbesserten Fettverdauung. Außerdem konnte beobachtet werden, dass nach Gabe des Extraktes der Gesamtcholesterinwert durchschnittlich um 10 bis 15% gesenkt wird [3, 4].

Geschichte

Die Artischocke kennt der Römische Gelehrte und Admiral Plinius der Ältere (gest. 79 n. Chr.) unter dem Namen Cynara als Delikatesse (Naturalis historia XXI, 97). Zu Lebzeiten Karls des Großen wird sie sogar als Arzneipflanze erwähnt. Dann, für ein halbes Jahrtausend, scheint es keine Hinweise auf den Gebrauch dieser Pflanze in Europa zu geben.

Erst die Araber machen sie auf der Iberischen Halbinsel wieder bekannt. Dafür spricht auch der Name, der über spanisch "alcachofa" auf das arabische "al-harshuf" (mit stark behauchtem h) zurückgeht. In Spanien und Portugal war sie auch ein beliebtes Motiv der Kunst, insbesondere in der Bauplastik [2]. Im 15. Jh. kommt die Artischocke in Florenz und Venedig wieder auf den Speiseplan.

Schließlich nehmen auch einige deutsche oder deutsch publizierende Ärzte des 16. Jahrhunderts die Verwandte der Distel in ihre Kräuterbücher auf, so der kaiserliche Leibarzt Pierandrea Mattioli (Petrus Andreas Matthiolus). Dort ist zu lesen, dass die in Wein gekochte Wurzel der Artischocke "der verstopften Leber und Nieren zu der Gelbsucht und Wassersucht" dient. Hier wird also ein direkter Bezug zur Leber hergestellt. Allerdings empfahl Mattioli nach unserer heutigen Erkenntnis mit der Wurzel das falsche Pflanzenorgan. Aber noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden Präparate von Artischockenblättern wohl mangels Alternativen gegen Gelbsucht eingesetzt.

Luxusartikel Artischocke

Für lange Zeit blieb die Artischocke wohlhabenden Kreisen vorbehalten. Dem "Normalbürger" war das zart schmeckende Gemüse einfach zu teuer. Das Lehrbuch von Joseph Seithers: Gründlicher Unterricht zur fruchtbaren Gärtnerey (1779) erwähnte die Artischocke schon im Untertitel des Buches. Woraus zwei Dinge ersichtlich sind: dass die Artischocke einer besonderen Anbauweise bedurfte und dass sie sehr geschätzt wurde.

Vielleicht liegt es auch an dieser Wertschätzung, dass die Artischocke ganz offenbar als Motiv in der Bauplastik Eingang fand. Ihr Blütenstand mit den schuppenartigen Hüllblattern eignet sich als Ornament. An Toreinfahrten, Balustraden oder Brunnen – überall kann man, wenn man darauf achtet, Artischocken entdecken, eben nicht nur auf Speiseplänen oder in Arzneimitteln.

Kasten Taxonomisches

Es ist noch nicht lange her, da wurden zwei botanische Arten der Artischocke unterschieden:

  • Cynara cardunculus L., Gemüse-Artischocke oder Kardone. Ihre Blattstiele und Blattrippen dienen als Gemüse.
  • Cynara scolymus L., Echte Artischocke. Sie liefert mit Teilen ihrer nicht ausgereiften Blütenköpfe die bekannte Delikatesse.

Inzwischen wurde gezeigt, dass die vermeintlichen Arten trotz unterschiedlicher Wuchsform untereinander frei kreuzbar sind und dass die Nachkommenschaft ebenfalls fruchtbar ist. Auch bei den Inhaltsstoffen ließen sich keine spezifischen Unterschiede finden. A. Wiklund fasste deshalb 1992 beide Spezies zusammen und erklärte sie zugleich zu einer Unterart der Wilden Artischocke: Cynara cardunculus L. ssp. flavescens Wiklund (syn. Cynara scolymus L.) [1].

Kasten Arzneipflanzenanbau

Für die Arzneimittelherstellung werden die Blätter der grundständigen Blattrosette verwendet. Sie werden vor dem Schossen, also vor dem Beginn des Blütenaustriebs, geerntet. Wichtige Anbaugebiete in Deutschland sind Franken, Thüringen und Brandenburg, in Frankreich die Bretagne

Literatur

[1] Wiklund, A.: The genus Cynara L. (Asteraceae – Carduae). Bot. J. Linn. Soc. 109, 75 – 123 (1992). [2] Czygan, F.-C.: Lusitanische Impressionen. Dtsch. Apoth. Ztg. 136, 4607 bis 4613 (1996). [3] Brand, N.: Der Extrakt in Artischockenpräparaten. Dtsch. Apoth. Ztg. 137, 3564 – 3568 (1997). [4] Wichtl, M. (Hrsg.): Teedrogen und Phytopharmaka, 4. Aufl., Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 2002, S. 173 – 175.

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