Arzneimittel und Therapie

Kontroverse Diskussion zur HIV-Postexpositionsprophylaxe

Weltweit sind mehr als 33 Millionen Menschen HIV-infiziert; 7400 infizieren sich an jedem Tag. Die Zahl der Neuinfektionen ist in den letzten Jahren allerdings gesunken. In Deutschland betrug die Zahl der Menschen, die mit HIV/Aids leben, Ende 2008 zwischen 64.000 und 70.000. Die HIV-Postexpositionsprophylaxe (HIV-PEP), die "Pille danach", senkt das Infektionsrisiko nach Kontakt mit dem Virus. Die Anwendung dieser Kombination verschiedener antiviraler Medikamente nach möglicher HIV-Exposition ist aber nicht unumstritten [1].
Aufklärungskampagnen und HIV-Post­expositionsprophylaxe – beide Maßnahmen können wirkungsvoll im Kampf ­gegen die Ausbreitung des Virus sein.

Seit 1989 wurde bei Gefahr einer HIV-Infektion im beruflichen Alltag die postexpositionelle Einnahme von Zidovudin (ZDV) empfohlen und vielfach praktiziert. Es gibt überzeugende Hinweise auf eine Wirksamkeit dieser Prophylaxe nach beruflicher Exposition. Eine HIV-Postexpositionsprophylaxe mit Zidovudin allein hat vermutlich einen Schutzeffekt in der Größenordnung von 80%. Inzwischen sind die Empfehlungen zur HIV-PEP nach dem aktuellen Wissensstand verschiedentlich aktualisiert worden, zuletzt 2009 [2, 3]. Ziel der Empfehlungen ist es aber auch, konkrete Handlungsanleitungen zu geben und alle in die Entscheidungen einbezogenen Ärzte in die Lage zu versetzen, die Indikation zu einer HIV-Postexpositionsprophylaxe zu stellen, diese durchzuführen und die betroffenen Personen kompetent zu beraten.

Als Standardprophylaxe nach HIV-Exposition werden derzeit eine Kombination von zwei Inhibitoren der Reversen Transkriptase (RTI) und einem (geboosteten) Protease-Inhibitor (PI), eine Kombination von zwei Inhibitoren der Reversen Transkriptase und einem nicht-nukleosidalen Reversen Transkriptase-Inhibitor (NNRTI) sowie eine Kombination von drei Inhibitoren der Reversen Transkriptase genannt.

Pro und Contra für eine HIV-PEP

Neben den Indikationen für eine Therapie nach beruflicher HIV-Exposition gibt es aber auch solche, die Empfehlungen für eine postexpositionelle Prophylaxe nach sexueller und anderer HIV-Exposition geben. Die Skeptiker einer solchen Indikation führen verschiedene Argumente an: Zum einen kostet die Medikamentenkombination etwa 1500 Euro, wobei die Krankenkassen diese Kosten nicht übernehmen. Die möglichen Nebenwirkungen sind erheblich: Übelkeit, Fieber, aber auch Muskellähmungen und Leberschäden. Kritiker warnen auch davor, dass die HI-Viren Resistenzen gegen die PEP-Medikamente entwickeln könnten. Das wäre ein großes Problem, da die Wirkstoffe ebenfalls bei der Behandlung bereits Infizierter zum Einsatz kommen. Auch vor dem Hintergrund, dass das Therapieangebot mit der Zahl neuer Infektionen nicht Schritt hält und auf fünf neue HIV-Patienten nur zwei neue Behandlungen kommen, ist dieses Argument nicht von der Hand zu weisen. Die Präventivbehandlung könnte also am Ende mehr schaden als nutzen, da sie das Virus widerstandsfähiger macht. Auch vor Leichtsinn wird gewarnt, da "bestimmte Risikogruppen zu einer gewissen Sorglosigkeit neigen, wenn sie die Möglichkeit der HIV-PEP kennen" [1]. Die Postexpositionsprophylaxe soll auf jeden Fall eine Notfallmaßnahme bleiben. Viele Experten halten die postexpositionelle Therapie dennoch für ein sinnvolles Instrument im weltweiten Kampf gegen das HI-Virus, da Aufklärungs- und Safer-Sex-Kampagnen die Ausbreitung der Seuche weltweit nicht stoppen konnten.


Quellen

[1] Welt-Aids-Tag: Eine "Pille danach" gegen HIV. Welt.online, 1. Dezember 2009.

[2] Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): Postexpositionelle Prophylaxe der HIV-Infektion. AWMF online, 9. Oktober 2009.

[3] Gemeinsame Erklärung der Deutschen Aids-Gesellschaft (DAIG) und der Österreichischen Aids-Gesellschaft (ÖAG): Postexpositionelle Prophylaxe der HIV-Infektion. Dtsch. Med. Wochenschr. 2009; 134: 16-33.


Dr. Hans-Peter Hanssen

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