Arzneimittel und Therapie

Angsterkrankungen: Wenn die Furcht regiert

Angststörungen werden häufig bagatellisiert und nicht als relevante gesundheitliche Beeinträchtigung wahrgenommen. Dabei sind sie so häufig wie Depressionen und können für die Betroffenen genauso schwerwiegend sein. Während Angsterkrankungen lange Zeit nur verhaltenstherapeutisch behandelt wurden, hat man mittlerweile auch evidenzbasierte, pharmakologische Interventionsmöglichkeiten. Im Vordergrund stehen dabei die selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer.

Pfui Spinne! – Die Arachnophobie ist die häufigste spezifische Phobie: 48% der Bevölkerung haben eine krankhafte Furcht vor Spinnen. Allerdings können die meisten ganz gut damit umgehen, so dass diese Phobie nicht unbedingt behandlungsbedürftig ist. Auch weitere spezifische Phobien wie Höhenangst oder Flugangst kommen im normalen Alltag meist nicht sonderlich zum Tragen. Andere Angsterkrankungen beeinträchtigen die Betroffenen dagegen weit gravierender.

Mit Blaulicht in die Klinik

So ist die Panikstörung mit ausgeprägten körperlichen Symptomen verbunden. Aus heiterem Himmel können die Betroffenen in Angst und Schrecken versetzt werden. Dabei treten Schwitzen, Atemnot, Enge im Hals, Ohnmachtsgefühle und Herzrasen auf. Die Patienten fühlen sich meist in einem lebensbedrohlichen Zustand, z. B. wie bei einem Herzinfarkt. Viele Panikpatienten haben deshalb schon eine Blaulichtfahrt ins Krankenhaus hinter sich. Die Angst vor einem medizinischen Notfall kann das Leben der Betroffenen bestimmen. In manchen Fällen ist es auch für den Fachmann schwer, zwischen somatischer Erkrankung und Panikstörung zu unterscheiden. Oftmals durchlaufen die Patienten daher vor der richtigen Diagnose eine lange Arztodyssee.

In vielen Fällen entwickelt sich aus der zunächst spontanen Panikstörung eine Agoraphobie – also die Angst vor Menschenansammlungen, wie z. B. in Kaufhäusern, Fußgängerzonen oder öffentlichen Verkehrsmitteln. Das führt dann oft zu ausgeprägtem Vermeidungsverhalten und sozialem Rückzug.

Endstation Einsamkeit

Eine häufige, aber häufig übersehene Angststörung ist die soziale Phobie. Sie manifestiert sich zumeist schon im Jugendalter. Frauen erkranken häufiger als Männer. Ihr Charakteristikum ist anhaltende Angst in sozialen Situationen. Diese werden daher meist vermieden, was zu sozialer Isolation und Depressivität, bis hin zur Suizidalität, führen kann. Die soziale Phobie ist mittlerweile die dritthäufigste psychische Erkrankung. Oft ist sie mit anderen psychischen Störungen vergesellschaftet; häufig geht sie mit Alkoholmissbrauch einher.

Auch die generalisierte Angststörung ist häufig (Lebenszeitprävalenz 5%). Diese "Krankheit des Sorgens und Grübelns" ist charakterisiert durch lang anhaltende Ängste um die eigene Person oder Familienangehörige. Im Mittelpunkt stehen die Furcht vor Krankheit oder Tod, vor finanziellen Problemen oder Arbeitsplatzverlust. Die Angst ist nicht von bestimmten Umgebungsbedingungen oder Situationen abhängig, sondern "frei flottierend". Die Symptomatik ist variabel und reicht von ständiger Nervosität über Muskelspannung, Herzklopfen und Schwindelgefühle bis zu Oberbauchbeschwerden. Frauen sind etwa doppelt so häufig betroffen wie Männer.

Was hilft gegen die Angst?

Außer mit einer Verhaltenstherapie werden Angsterkrankungen auch psychopharmakologisch behandelt. Als Erfolg versprechend hat sich nach den bisherigen Daten die Kombination beider Maßnahmen erwiesen. Für die medikamentöse Therapie gelten anxiolytisch wirksame Antidepressiva wie die selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) und der Serotonin-Nordadrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI) Venlafaxin als Mittel der Wahl.

Eine gute Evidenz liegt für den SSRI Escitalopram (Cipralex®) vor, der neben der Indikation Depression zur Behandlung der Panik und der sozialen Phobie seit kurzem auch zur Behandlung der generalisierten Angststörung zugelassen ist. In drei Akutstudien mit insgesamt rund 850 Patienten zeigte Escitalopram im Placebovergleich über acht Wochen eine überlegene Wirkung auf die generalisierte Angsterkrankung. Um die generalisierte Angststörung erfolgreich therapieren zu können, sollte eine Langzeittherapie über mindestens 24 Wochen erfolgen. Daher spielt auch die Verträglichkeit der eingesetzten Medikation eine entscheidende Rolle. Hier erwies sich Escitalopram gegenüber Paroxetin bei gleicher anxiolytischer Wirksamkeit über 24 Wochen Behandlung als verträglicher.

Auch trizyklische Antidepressiva (Clomipramin, Imipramin) kommen zur medikamentösen Therapie von Angsterkrankungen infrage. Sie zeigen eine gute Wirksamkeit, jedoch mehr Nebenwirkungen als die SSRI. Vor allem zur Überbrückung der Wirklatenz von SSRI können kurzfristig auch Benzodiazepine in Kombination eingesetzt werden. Zur Behandlung der sozialen Phobie ist zudem der reversible Inhibitor der Monoaminooxidase A Moclobemid zugelassen, das Anxiolytikum Buspiron zur Behandlung der generalisierten Angsterkrankung. Auch weitere Substanzen wie Pregabalin, Hydroxyzin und Opipramol zeigen hier eine Wirkung.

"Jeder zweite Alkoholiker hat eine soziale Phobie." Prof. B. Bandelow, Göttingen

"Mit einer sozialen Phobie kann man auch ganz weit nach vorne kommen. Die Leute haben nämlich immer Angst, schlecht zu sein. Also arbeiten sie an sich und werden gut. Viele Künstler, aber auch Politiker haben das." Prof. B. Bandelow, Göttingen

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