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Beratung

Nur ängstlich oder schon krank?

Ab wann Ängste behandlungsbedürftig sind

Angst ist ein normales Phänomen, das jeder Mensch kennt. Angst ist oft sogar lebenswichtig, sie schützt uns in vielen Lebenssituationen, in denen besondere Vorsicht geboten ist – zum Beispiel , wenn wir über die Straße gehen und uns zuvor versichern, dass kein Auto kommt. Doch Angst kann auch unangemessen und krankhaft sein. Dabei gehören Angststörungen neben Depressionen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Betroffen sind rund 15% der Bevölkerung, Frauen deutlich häufiger als Männer. Wann aber ist Angst krankhaft? Und wann besteht ein klarer Therapiebedarf? | Von Christine Vetter

Anspannung, erkennbare Nervosität, Zittern und feuchte Hände – solche Reaktionen können Ausdruck der Angst sein. Von krankhafter Angst ist auszugehen, wenn die Angst ihre Schutzfunktion verloren hat, wenn sich das Denken des Betreffenden immer häufiger um seine Ängste dreht, wenn diese zu Vermeidungsverhalten führen und die Bewegungsfreiheit einschränken. Auch wenn Genussgifte wie Alkohol oder sogar Drogen und/oder Psychopharmaka konsumiert werden, um die Angst in den Griff zu bekommen, ist diese behandlungsbedürftig. Das gilt ebenso, wenn Ängste zunehmend zu Problemen am Arbeitsplatz und in der Familie führen, wenn sie einen sozialen Rückzug zur Folge haben und/oder insgesamt die Lebensqualität nachhaltig einschränken.

Fließender Übergang von gesund nach krank

Diese Aufzählung der möglichen Beeinträchtigungen verdeutlicht bereits, dass die Übergänge vom gesunden Phänomen Angst zum krankhaften Geschehen fließend sind. Noch schwieriger ist es zu definieren, wann ein konkreter Behandlungsbedarf besteht. Ist es bereits therapiebedürftig, wenn jemand übertriebene Angst vor Spinnen hat? Oder wenn er nur ungern einen Fahrstuhl nutzt? Oder wenn er bei einem Aufenthalt in großer Höhe regelmäßig schweißnasse Hände bekommt und mit einem schnellen Pulsschlag reagiert?

Menschen mit einer Angststörung haben nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) vor Dingen und Situationen starke Angst, die für andere ganz normal und keineswegs bedrohlich sind. Sie sind nicht in der Lage, potenzielle Bedrohungen realistisch einzuschätzen, überschätzen Gefahren und es fehlt ihnen an adäquaten Bewältigungsstrategien. Unbehandelt kann sich die Angststörung mehr und mehr verselbstständigen. Es kommt dabei zur „Angst vor der Angst“ und somit zu einer Erwartungsangst, die ihrerseits häufig zum Vermeidungsverhalten führt. Die Betroffenen fühlen sich zudem häufig verzweifelt, hilflos und allein und ziehen sich nicht selten aus dem sozialen Leben zurück. Sie leiden außerdem oft an ausgeprägten körperlichen Symptomen wie zum Beispiel Herzrasen, Atemnot, Übelkeit, Kopf- und Rückenschmerzen sowie Schlafstörungen. Nimmt die Angst solche Ausmaße an, so ist eindeutig von einem Behandlungsbedarf auszugehen. Generell besteht eine Behandlungsindikation, so die aktuellen Leitlinien der Fachgesellschaften, wenn

  • ein mittlerer bis schwerer Leidensdruck des Patienten gegeben ist,
  • psychosoziale Einschränkungen bestehen und
  • mögliche Komplikationen einer Angsterkrankung wie zum Beispiel eine Suchterkrankung vorliegen.

Jede zweite Angststörung bleibt unerkannt

Voraussetzung für eine leitliniengerechte Therapie ist jedoch, dass die Angststörung als solche erkannt wird. Das aber ist häufig nicht der Fall: „Allein in Europa leiden rund 60 Millionen Menschen an einer Angststörung, ungefähr zwölf Millionen Menschen sind es in Deutschland“, heißt es in einer Erklärung der DGPPN. „Rund die Hälfte aller Angststörungen wird allerdings nicht erkannt und deshalb nicht leitliniengerecht behandelt. Als Folge drohen Chronifizierung und Begleiterkrankungen wie Depressionen oder Sucht“, so ein Statement der Deutschen Gesellschaft für Angstforschung (GAF). Die betroffenen Personen leiden häufig unter mangelndem Vertrauen in die eigene Stärke und unter dem Gefühl des Ausgeliefertseins, wie die Organisation „Neurologen und Psychiater im Netz“ auf ihrer Webseite mitteilt.

Krankhafte Angst hat viele Gesichter

Angststörungen zu erkennen, kann nicht zuletzt schwierig sein, weil die Erkrankung viele Gesichter haben kann. Entsprechend den vorliegenden Leitlinien der Fachgesellschaften werden grundsätzlich verschiedene Formen der Angst unterschieden (s. Tab. 1):


Tab. 1: Beispiele für Fragen bei Verdacht auf Vorliegen einer Angststörung [S3-Leitlinie Behandlung von Angststörungen]
Angststörung
Fragen
Panikstörung/Agoraphobie
Haben Sie plötzliche Anfälle, bei denen Sie in Angst und Schrecken versetzt werden und bei denen Sie unter Symptomen wie Herzrasen, Zittern, Schwitzen, Luftnot, Todesangst u. a. leiden?
Haben Sie in den folgenden Situationen Angst oder Beklemmungsgefühle: Menschenmengen, enge Räume, öffentliche Verkehrsmittel? Vermeiden Sie solche Situationen aus Angst?
generalisierte Angststörung
Fühlen Sie sich nervös oder angespannt? Machen Sie sich häufig über Dinge mehr Sorgen als andere Menschen?
Haben Sie das Gefühl, ständig besorgt zu sein und dies nicht unter Kontrolle zu haben?
Befürchten Sie oft, dass ein Unglück passieren könnte?
soziale Phobie
Haben Sie Angst in Situationen, in denen Sie befürchten, dass andere Leute negativ über Sie urteilen könnten, Ihr Aussehen kritisieren könnten oder Ihr Verhalten als dumm, peinlich oder ungeschickt ansehen könnten?
spezifische Phobie
Haben Sie starke Angst vor bestimmten Dingen oder Situationen, wie Insekten, Spinnen, Hunden, Katzen, Naturgewalten (Gewitter, tiefes Wasser), Blut, Verletzungen, Spritzen oder Höhen?

Panikstörung: Bei den sogenannten Panikstörungen werden die betreffenden Personen von Angstattacken regelrecht überfallen. Die Angst geht regelhaft mit körperlichen Symptomen einher. Dabei kann es sich zum Beispiel um Herzrhythmusstörungen, Schwitzen, Zittern, Mundtrockenheit oder Atemnot handeln oder auch um Erstickungsgefühle, Schmerzen, Druck oder Enge in der Brust, Übelkeit oder Bauchbeschwerden, Schwindel, Unsicherheit und Benommenheitsgefühle. Manche Betroffene berichten, in solchen Situationen das Gefühl zu haben, dass alles unwirklich ist, dass die Situation wie im Traum erlebt werde oder dass man selbst „nicht richtig da” sei. Es kommen oftmals Hitzewallungen oder Kälteschauer hinzu, Taubheits- oder Kribbelgefühle sowie Angst, die Kontrolle zu verlieren und „wahnsinnig” oder ohnmächtig zu werden. Solche Emotionen können sich bis hin zur Todesangst steigern. Die Panik­attacken können durch bestimmte Situationen ausgelöst werden wie zum Beispiel durch ein Spüren des Herzschlags bei Anstrengungen. Sie können aber auch urplötzlich und wie aus heiterem Himmel auftreten und nur wenige Minuten oder im Extremfall bis zu mehrere Stunden anhalten. Nicht selten leben die Betroffenen danach in ständiger Furcht vor der nächsten Panikattacke. Etwa zwei bis drei Prozent der Bevölkerung leiden nach Angaben der „Neurologen und Psychiater im Netz“ an dieser Angststörung. Diese entwickelt sich meist zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr und die Symptome verlieren sich nicht selten nach dem 45. Lebensjahr.

Generalisierte Angststörung: Von einer generalisierten Angst ist auszugehen, wenn die Symptome anders als bei Panikstörungen nicht anfallsartig auftreten, sondern mehr oder weniger allgegenwärtig sind. Die Betroffenen leben quasi in ständiger Anspannung und Furcht, sie haben Angst, dass sie selbst oder Angehörige oder Freunde schwer erkranken, dass sich ein Unfall ereignet, sie verarmen oder dass eine Katastrophe eintreten könnte. Es ist ebenso möglich, dass die Patienten nicht konkret angeben können, wovor sie Angst haben. Wie bei Panikattacken treten bei der generalisierten Angst körperliche Symptome wie Herzklopfen, Zittern und Schwindel, aber auch Konzentrationsstörungen und große Nervosität auf.

Agoraphobie: Die Agoraphobie, auch als Platzangst bezeichnet, tritt üblicherweise in Menschenmengen sowie in engen Räumen auf. Sie wird beispielsweise oft in öffentlichen Verkehrsmitteln zum Problem, im Einkaufszentrum und im Fahrstuhl und generell an Orten, von denen es schwer oder unmöglich ist, rasch wegzukommen. In schweren Fällen trauen sich die Betroffenen aus Angst vor der Angst kaum mehr, das Haus zu verlassen.

Soziale Phobie: Menschen mit sozialer Phobie haben typischerweise Angst vor Situationen, in denen sie im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen. Sie können nicht vor Publikum reden, nicht als Zeuge vor Gericht aussagen, keine Behördengänge erledigen und nicht angstfrei mit ihrem Vorgesetzten sprechen. Es kann sogar zur Angst vor einer Begegnung mit dem anderen Geschlecht kommen und zu Ängsten vor einem Restaurantbesuch oder ähnlichen Unternehmungen. Der Weg in die soziale Isolation ist damit vorprogrammiert.

Spezifische Phobien: Vielfältig können sich spezifische Phobien präsentieren, wobei die Palette von der Angst vor bestimmten Tieren wie Spinnen, Mäusen oder Vögeln reicht über die weit verbreitete Höhenangst sowie die Flugangst bis hin zur Angst vor einem Arztbesuch, vor dem Anblick von Blut oder Verletzungen sowie zur Spritzenphobie. Charakteristisch für spezifische Phobien ist ein ausgeprägtes Vermeidungsverhalten, soweit dies möglich ist.

Die Ursachen: Genetische Prädisposition und das „Lernen von Angst“

Angststörungen entstehen auf dem Boden einer genetischen Prädisposition, die jedoch durch verschiedene Gene, sogenannte Risiko-Gene, geprägt wird. Als Auslöser der Angst fungieren epigenetische Faktoren, die ihrerseits durch Umweltfaktoren wie Stress oder belastende Lebensereignisse bedingt sein können. Es kann sich beispielsweise um Erlebnisse in der Kindheit handeln wie etwa der Tod eines Elternteils oder die Scheidung der Eltern. Neue Einblicke in die Entstehung von Angsterkrankungen haben Wissenschaftler des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) gewonnen. Wie die Forscher um den Neurowissenschaftler und Apotheker Dr. Jan Haaker vom Institut für Systemische Neurowissenschaften am UKE im Fachmagazin Nature berichten, können Ängste allein durch das Beobachten von Angst erlernt werden. An diesem Prozess sind offenbar endogene Opioide beteiligt. Haaker hofft, mithilfe der aktuellen Forschungsergebnisse die Suche nach neuen Medikamenten gegen krankhafte Ängste vorantreiben zu können: „Wenn wir die Substanzen identifizieren können, die das soziale Lernen von Angstreaktionen regulieren, können wir in Zukunft vielleicht bessere Behandlungsmethoden entwickeln“, sagt er. Angsterkrankungen entstehen laut Haaker aber nicht nur durch eigene traumatische Erfahrungen, sondern werden oft durch Beobachtungen traumatischer Erfahrungen anderer Menschen gelernt. Evolutionsbiologisch macht das soziale Lernen von Ängsten durchaus Sinn: „Wer in der Lage ist, aus den schmerzhaften Erfahrungen anderer Menschen zu lernen, ist für künftige Bedrohungen besser gewappnet, ohne zuvor selbst diese schmerzhaften Erfahrungen machen zu müssen“, so Haaker.

Wie die Angst erlernt wird, untersuchte die Hamburger Arbeitsgruppe in einer Studie mit 43 Probanden. Bei 22 Versuchsteilnehmern wurden die Opioid-Rezeptoren mit Naltrexon blockiert, die anderen Probanden erhielten ein Placebo. Allen Studienteilnehmern wurden anschließend Videos gezeigt, in denen Menschen beim Betrachten blauer Quadrate mittels einer Elektrode augenscheinlich Schmerzen zugefügt wurden. Anschließend wurden die Probanden selbst mit blauen Quadraten konfrontiert und die Hirnaktivität wurde mittels funktioneller Kernspintomographie (fMRT) untersucht. Das Ergebnis: Die Versuchsteilnehmer reagierten auf die blauen Quadrate mit Angst vor Schmerzen, wobei die Reaktion am stärksten ausgeprägt war bei während der Lernphase blockierten Opioid-Rezeptoren. „Die Probanden, die Naltrexon erhalten hatten, zeigten in Hirnarealen, die für die Regulation von Schmerzen und Bedrohungen zuständig sind, eine stärkere Durchblutungsänderung“, erläutert der Wissenschaftler das Studienergebnis. „Diese Personen haben somit das Warnsignal besser gelernt, das den Schmerz bei anderen Menschen voraussagt.“ Endogene Opioide scheinen somit das Erlernen von Schmerzen abzuschwächen. Bisher war angenommen worden, so Haaker, dass es sich um ein körpereigenes Schutzsystem handelt, das Angstreaktionen aufgrund eigener Erfahrungen abmildert. Die neuen Befunde lassen darauf schließen, dass das System auch sozial erlernte Ängste steuert. „Interessant sind dabei auch Ergebnisse früherer Studien, wonach Raucher erlernte Ängste weniger gut wieder verlernen als Nichtraucher“, erklärt der Forscher. Dass es sich beim sozialen Erlernen von Angst nicht um eine nur kurzfristige Reaktion handelt, zeigt nach seinen Angaben eine Nachuntersuchung der aktuellen Studie wenige Tage später: Beim Auftreten der vermeintlich gefährlichen blauen Quadrate reagierten die Probanden mit vermehrter Schweißproduktion, sie bekamen beim Betrachten der blauen Quadrate feuchte Hände. Die Ergebnisse der Grundlagenforschung sind aus Sicht des Neurowissenschaftlers nicht zuletzt aufgrund der aktuellen Beobachtungen von Terror und Gewalt in den Medien von besonderer aktueller Relevanz.


Tab. 2: Zulassungsstatus von Wirkstoffen für Angsterkrankungen [S3-Leitlinie „Behandlung von Angststörungen“]
PDA = Panikstörung/Agoraphobie; GAD= generalisierte Angststörung; SP = soziale Phobie
Substanzgruppe
Wirkstoffe
Zulassung in Deutschland
Tagesdosis
Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI)
Citalopram
PDA
20 bis 40 mg1
Escitalopram
PDA; GAD; SP
10 bis 20 mg1
Paroxetin
PDA; GAD; SP
20 bis 50 mg
Fluoxetin
20 bis 40 mg
Fluvoxamin
100 bis 300 mg
Sertralin
PDA; GAD
50 bis 150 mg
Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI)
Venlafaxin
PDA; GAD; SP
75 bis 225 mg
Duloxetin
GAD
60 bis 120 mg
tricyclische Antidepressiva(TZA)
Clomipramin
PDA, Phobien
75 bis 250 mg
Imipramin
75 bis 250 mg
tricyclisches Anxiolytikum
Opipramol
GAD
50 bis 300 mg
Benzodiazepine
Alprazolam
Spannungs-, Erregungs- und Angstzustände2
1,5 bis 8 mg
Diazepam
Spannungs-, Erregungs- und Angstzustände
5 bis 20 mg
Lorazepam
Spannungs-, Erregungs- und Angstzustände
2 bis 8 mg
Clonazepam
Spannungs-, Erregungs- und Angstzustände
4 bis 8 mg
5-HT1A-Agonist (Azapiron)
Buspiron
Angst- und Spannungszustände
45 mg
Calciumkanalmodulator
Pregabalin
GAD
150 bis 600 mg
reversibler Inhibitor der Monoaminoxidase A (RIMA)
Moclobemid
SP
300 bis 600 mg

1) Die Regeldosis darf wegen einer möglichen QTC-Zeit-Verlängerung nicht überschritten werden.

2) Nur indiziert, wenn die Störung schwer oder behindernd ist oder wenn der Patient infolge der Störung unter extremen Beschwerden leidet.

Behandlung krankhafter Angst

Differenzialdiagnostisch sind bei der Angst vor allem körperliche Erkrankungen medizinisch abzuklären. Gefahndet werden muss entsprechend der Leitlinien unter anderem nach einer Lungenerkrankung, wie beispielsweise einem Asthma bronchiale als Ursache der körperlichen Symptome und ebenso nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen und auch nach neurologischen Erkrankungen wie einer Epilepsie, einer Migräne und einer multiplen Sklerose. Ferner sind je nach Symptomatik Tumore sowie endokrine Störungen wie Hypoglykämien, eine Hyperthyreose, eine Hyperkaliämie und eine Hypocalciämie als Ursache der Beschwerden auszuschließen. Steht die Diagnose „Angststörung“ zweifelsfrei fest, ist bei entsprechendem Leidensdruck eine Behandlungsindikation gegeben. Die zentralen Therapieziele sind ebenfalls in den Leitlinien formuliert. Es geht demnach primär um die Besserung der Angstsymptome und eine Reduktion des Vermeidungsverhaltens sowie damit einhergehend eine Wiederherstellung der normalen Lebensführung, der allgemeinen Leistungsfähigkeit und der sozialen Integration sowie einem Abbau der Bewegungseinschränkungen und ganz allgemein einer Normalisierung der Lebensqualität. Zu realisieren sind diese Therapieziele in aller Regel durch psychotherapeutische Verfahren und insbesondere durch eine kognitive Verhaltenstherapie. Unterstützend können eine gezielte Pharmakotherapie (s. Tab. 2 und 3) und darüber hinaus auch Entspannungsverfahren wie die progressive Muskelentspannung nach Jacobson, Yoga und Autogenes Training sowie allgemein ein regelmäßiges körperliches Training hilfreich sein. |


Tab. 3: Vor- und Nachteile der in der Angstbehandlung eingesetzten Wirkstoffe [S3-Leitlinie „Behandlung von Angststörungen“]
Substanz/Substanzklasse
Vorteile
Nachteile
Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI)
  • keine Abhängigkeit
  • ausreichender Wirksamkeitsnachweis durch klinische Studien für alle Angststörungen
  • relativ sicher bei Überdosierung
  • Wirklatenz zwei bis sechs Wochen
  • unerwünschte Wirkungen: zu Beginn Unruhe, Übelkeit, im weiteren Verlauf sexuelle Dysfunktionen, Absetzphäno­mene und andere
Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI)
  • keine Abhängigkeit
  • ausreichender Wirksamkeitsnachweis durch klinische Studien
  • relativ sicher bei Überdosierung
  • Wirklatenz zwei bis sechs Wochen
  • unerwünschte Wirkungen: zu Beginn Unruhe, Übelkeit, Absetzphänomene und andere
Pregabalin
rascher Wirkungseintritt
  • Wirksamkeitsnachweis nur für generalisierte Angststörung
  • unerwünschte Wirkungen: Sedierung, Schwindel, Absetz­phänomene und andere
tricyclische Antidepressiva (TZA)
  • keine Abhängigkeit
  • ausreichende Wirkungsnachweise in klinischen Studien (Ausnahme: Schlaf­apnoe-Syndrom, SAS)
  • Wirklatenz zwei bis sechs Wochen
  • unerwünschte Wirkungen: anticholinerge Wirkungen, ­kardiale UAW, Gewichtszunahme und andere
  • mögliche Letalität bei Überdosierung
Opipramol
keine Abhängigkeit
  • Wirklatenz zwei bis sechs Wochen
  • nicht ausreichende Studienergebnisse
  • unerwünschte Wirkungen: Sedierung und andere
Moclobemid
  • keine Abhängigkeit
  • relativ wenig unerwünschte Wirkungen
  • relativ sicher bei Überdosierung
  • Wirklatenz zwei bis sechs Wochen
  • inkonsistente Studienergebnisse bei sozialer Phobie
  • keine Wirksamkeitsnachweise bei anderen Angststörungen
Buspiron
  • keine Abhängigkeit
  • relativ sicher bei Überdosierung
  • Wirklatenz zwei bis sechs Wochen
  • Wirksamkeitsnachweis nur für generalisierte Angststörung
  • unerwünschte Wirkungen: Somnolenz, Übelkeit und andere
Hydroxyzin
  • keine Abhängigkeit
  • rascher Wirkungseintritt
  • Wirksamkeitsnachweis nur für generalisierte Angststörung
  • unerwünschte Wirkungen: Sedierung und andere
  • keine Erfahrungen mit Langzeitbehandlung

Literatur

Bandelow B, Wiltink J, Alpers GW et al. Behandlung von Angststörungen. Deutsche S3-Leitlinie, AWMF-Reg.Nr.: 051-028, www.awmf.org

Haaker J, Yi J, Petrovic P, Olsson A. Opioide und sozial erlernte Ängste: Endogenous opioids regulate social threat learning in humans. Nat Commun 2017;8:15495. doi: 10.1038/ncomms15495.

Haaker J, Lonsdorf TB, Schümann D et al. Where There is Smoke There is Fear-Impaired Contextual Inhibition of Conditioned Fear in Smokers. Neuropsychopharmacol 2017;42(8):1640-1646, doi: 10.1038/npp.2017.17

Autorin

Christine Vetter hat Biologie und Chemie studiert und arbeitet seit 1982 als Medizinjournalistin.

„Man kann den Menschen die Angst regelrecht ansehen!“

Interview mit Prof. Dr. Arno Deister

Angsterkrankungen werden oft erst spät erkannt, obwohl die Betroffenen in ihrem sozialen Umfeld durchaus auffällig reagieren. Bei welchen Signalen man in der Apotheke hellhörig werden sollte und wie Menschen mit erkennbarer Angststörung zu beraten sind, erläutert Prof. Dr. Arno Deister, Chefarzt des Zen­trums für Psychosoziale Medizin am Klinikum Itzehoe.

Prof. Dr. Arno Deister, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde

DAZ: Herr Professor Deister, warum werden Angsterkrankungen oft erst mit großer Verzögerung richtig diagnostiziert?

Deister: Angst ist primär ein gesundes Phänomen, das uns vor Gefahren schützt. Der Übergang zur krankhaften Angst, die keine Schutzfunktion mehr hat, sondern den Menschen in seiner Lebensführung beeinträchtigt, ist fließend. Darum ist es schwer, eine ins Krankhafte übergehende Angst­reaktion konkret zu fassen, wenn die dahinterstehende Angst noch nicht sehr stark ausgeprägt oder erkennbar ist. Hinzu kommt, dass die Betroffenen sich durch die Angst meist stigmatisiert fühlen und entsprechende Emotionen daher nicht von sich aus formulieren, sondern eher zu verbergen versuchen. Das ist mit ein Grund dafür, dass Angststörungen ebenso wie Depressionen oft erst spät erkannt werden.

DAZ: Wann ist Angst eindeutig krankhaft?

Deister: Ängste sind als krankhaft anzusehen, wenn sie ihre Schutzfunktion verloren haben und der Situation, vor der die Angst besteht, nicht mehr angemessen sind. Das kann so weit gehen, dass Angst dysfunktional wird, den Betreffenden also nicht mehr schützt, sondern sogar gefährdet, indem z. B. in der Angstsituation gefährliches Verhalten wie panikartige Fluchtreaktionen provoziert werden.

DAZ: Wie lässt sich krankhafte Angst frühzeitiger erfassen?

Deister: Krankhafte Angst hat immer zwei Aspekte. Zum einen ist dies das emotionale Erleben der Angst, das ein spezielles Verhalten bedingt wie Fluchtreaktionen oder ein Vermeidungsverhalten und das schwer zu fassen sein kann. Krankhafte Angst führt aber auch zu körperlichen Symptomen wie Schweißausbrüchen, einer erhöhten Anspannung und Nervosität und eventuell auch Schlafstörungen und Herzrhythmusstörungen.

DAZ: Gibt es quasi Alarmsignale, die bei Kunden in der Apotheke auf eine mögliche Angsterkrankung deuten?

Deister: Hinweisend auf eine mögliche Angsterkrankung kann es sein, wenn Menschen, die normalerweise häufig die Apotheke aufgesucht haben, immer seltener kommen. Denn ein zentrales Problem der krankhaften Angst ist der soziale Rückzug, der auch das Aufsuchen der Apotheke einschließen kann. Oft kann man den Menschen zudem die Angst regelrecht ansehen. Sie sind verspannt, erkennbar nervös und sehr unsicher in der eigentlich alltäglichen Situation in der Apotheke. Nicht selten öffnen sich die Betreffenden zudem dem Apotheker eher noch als dem Arzt und erzählen möglicherweise, dass sie Situationen, die ihnen früher selbstverständlich waren, nicht mehr bewältigen können. Generell sollten Apotheker zudem hellhörig werden, wenn Kunden aufgrund funktioneller Beschwerden nach Medikamenten fragen, ohne dass es einen adäquaten körperlichen und medizinischen Grund für die Beschwerden gibt. Hinweisend auf eine Angsterkrankung kann es auch sein, wenn sich Beschwerden nicht konkret auf ein Organsystem beziehen, sondern den ganzen Menschen betreffen.

DAZ: Treten solche Phänomene plötzlich auf?

Deister: Nein, Angst entwickelt sich als Prozess, sie wird auf dem Boden negativer Erfahrungen erlernt. Dabei sind nicht Situationen, die erlebt werden, entscheidend, sondern vielmehr die Vorstellung von Situationen, die man fürchtet. Krankhafte Angst entsteht quasi im Kopf und nicht in der Realität.

DAZ: Wie berät man Kunden mit offenbar erkennbarer Angsterkrankung in der Apotheke?

Deister: Die Beratung sollte zwei Bereiche umfassen. Es ist wichtig, die Betroffenen zu motivieren, körperliche Beschwerden bei ihrem Arzt medizinisch abklären zu lassen, um nicht eine möglicherweise vorliegende körperliche Erkrankung zu übersehen. Außerdem sollte versucht werden, Hürden gegenüber einer Behandlung abzu­bauen und klarzumachen, dass sich Angsterkrankungen durchaus gut behandeln lassen und dass eine erfolg­reiche Therapie die Lebensqualität deutlich bessern wird.

DAZ: Herr Professor Deister, vielen Dank für das Gespräch! |

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