Superfoods-Beratungswissen Teil 3

Chia-Samen – nur fette Vorteile?

Stuttgart - 18.09.2020, 07:00 Uhr

Das Chia-Marketing nutzt Begriffe wie „Wunderwaffe“, „Gesundheitsallrounder“ oder „Nährstoffwunder“. Dabei ist lediglich erlaubt, mit dem hohen Ballaststoff-Gehalt von Chia-Samen zu werben. (Foto: Sea Wave / stock.adobe.com)

Das Chia-Marketing nutzt Begriffe wie „Wunderwaffe“, „Gesundheitsallrounder“ oder „Nährstoffwunder“. Dabei ist lediglich erlaubt, mit dem hohen Ballaststoff-Gehalt von Chia-Samen zu werben. (Foto: Sea Wave / stock.adobe.com)


Chia in der Küche

Es gibt weiße und schwarze Chia-Samen, die sich nur durch die Farbe unterscheiden. Im Handel angeboten werden ganze Samen, Müslis, Brotbackmischungen mit Chia, Müsliriegel, ja sogar Hundekekse mit Chia. 

(Foto: Sea Wave / stock.adobe.com)

Vegetarier und Veganer scheinen eine beliebte Zielgruppe des Chia-Marketings zu sein. Bei der Zubereitung veganer Speisen kann der sich bildende Schleim aus eingeweichten Chia-Samen das beim Kochen und Backen stabilisierend wirkende Eiklar ersetzen. Säfte, Smoothies und Suppen lassen sich durch gequollene Chia-Samen andicken, bis hin zur Herstellung fester Puddinge. Man kann Chia-Samenkörner auch keimen lassen und nach wenigen Tagen die grünen Sprossen ernten. Sie schmecken würzig auf Butterbrot oder Salat.

Wer Chia „pur“ essen will, sollte unbedingt an eine reichliche Flüssigkeitszufuhr denken. Oder die am besten geschroteten Samen bereits vorher einweichen, ähnlich wie beim Leinsamen. Ohne ausreichende Flüssigkeitszufuhr kann es zu bedrohlichen Stuhlverstopfungen kommen. Auch sollte man bei allen Koch-, Back- und Mixrezepten daran denken, die empfohlene Tageszufuhr von 15 g Samen bzw. 2 g Chia-Öl nicht zu überschreiten.

Beratung in der Apotheke

Bereits beschrieben wurde die Reizwirkung der Ballaststoffe auf einen empfindlichen Darm. Wenn ein Apothekenkunde Präparate gegen Darmbeschwerden verlangt, wäre es sinnvoll, ihn zum Beispiel auch nach dem Verzehr von Chia-Samen zu fragen.

Es gibt zudem erste Hinweise auf Allergien durch Chia-Samen. Wer auf Lippenblütlerpflanzen wie Minze, Thymian, Rosmarin, Salbei oder auch auf Senf allergisch reagiert, sollte sich vor Chia in Acht nehmen.

Außerdem lassen sich Wechselwirkungen mit blutverdünnenden Arzneimitteln nicht ausschließen. Die Verbraucherzentrale empfiehlt, vor der Verwendung von Chia-Kapseln mit dem Arzt oder Apotheker zu sprechen. In der Apotheke kann das Personal seine Patienten, die Antikoagulanzien nehmen, von sich aus auf mögliche Interaktionen mit Nahrungsmitteln bzw. Nahrungsergänzungsmitteln ansprechen.

Sonstige Bedenken? 

Wer Chia-Samen als „natürliche“ Quelle für wertvolle Nährstoffe betrachtet, sollte daran denken: Was ist heute schon naturbelassen? Wie natürlich ist es vor allem, Produkte tonnenweise von einem Kontinent auf den nächsten zu verfrachten? Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) weist in ihrer Sicherheitsbewertung von Chia-Samen auf Folgendes hin: In den Anbauländern wird das Saatgut mit Pflanzenhormonen behandelt, um das Auskeimen zu synchronisieren. Des Weiteren ist davon auszugehen, dass die Böden vor der Aussaat mit Herbiziden behandelt werden, die in Europa nicht mehr zugelassen sind.

Die Verbraucherzentrale informiert darüber, dass im Europäischen Schnellwarnsystem für Lebensmittel und Futtermittel (RASFF) mehrfach Meldungen über Aflatoxine in Chia-Samen zu finden waren. Aflatoxine sind gesundheitsschädliche Schimmelpilzgifte, die bei wiederholter Aufnahme karzinogen wirken können.

Menschen, die sich vegetarisch oder vegan ernähren, haben in der Regel ein höheres ökologisches Bewusstsein. Daher ist es schwer zu verstehen, wenn gerade diese Personengruppe Nahrungsmittel kauft, die lange Transportwege hinter sich haben und die in den Herkunftsländern die heimische Landwirtschaft aus dem Gleichgewicht bringen.

Wie wäre es mit Leinsamen? 

Leinsamen und Leinöl sind von ihrer Zusammensetzung her ernährungsphysiologisch ähnlich wie Chiasamen. Leinsamen bietet Ballaststoffe und die im Pflanzenbereich reichhaltigste Quelle an alpha-Linolensäure. Leinöl bietet – wie auch Raps und Walnussöl – ebenfalls reichlich pflanzlichen Omega-3-Fettsäuren.

Wer die Preise für Chia-Samen im Internet recherchiert, findet Angebote zwischen 5 und 20 Euro pro Kilo, Chia-Öl kostet zwischen 50 und 100 Euro pro Liter.

Traditionelles Leinsamenschrot, Raps- und Walnussöl sind in der Regel viel preisgünstiger und haben keine interkontinentalen Transportwege hinter sich.

Auf einen Blick: 

  • Chia-Samen und Chia-Öl sind als Novel Food von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit zugelassen.
  • Die Tagesdosis von 15 Gramm Chia-Samen und 2 ml Chia-Öl sollte nicht überschritten werden.
  • Chia-Samen enthalten reichlich Fett, besonders Alpha-Linolensäure.
  • Chia-Samen enthalten außerdem reichlich Ballaststoffe, was auch auf der Verpackung beworben werden darf.
  • Weitere Gesundheitsaussagen sind nicht zulässig.
  • Keine für Chia behauptete Gesundheitsaussage in Marketing-Artikeln ist wissenschaftlich bewiesen.
  • Warnhinweise gibt es für Reizdarmpatienten und Patienten, die zu Blähungen neigen. Möglich erscheinen Interaktionen mit blutverdünnenden Arzneimittel.


Reinhild Berger, Apothekerin
redaktion@daz.online


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