Phytotherapie

Kampo – vom Sho zum Ho

Pragmatische japanische Weiterentwicklung der traditionellen chinesischen Medizin

Das japanische Gesundheitssystem ist seit dem Ende des 19. Jahrhunderts sehr stark von westlichen Einflüssen geprägt worden. Seit 1876 studieren alle japanischen Ärzte nach deutschem Vorbild die im Westen üblichen Methoden der Chirurgie und Schulmedizin und wenden diese entsprechend an. Daneben hat sich allerdings eine spezielle japanische Form der ostasiatischen Phytotherapie behauptet – die Kampo-Medizin.

Geschichtlicher Hintergrund

Die Kampo-Medizin besitzt in Japan eine über 1500-jährige Geschichte. Kampo bedeutet wörtlich übersetzt „Methode aus der Han-Zeit (206 vor Chr. – 220 nach Chr.) des alten China“, es handelt sich also um eine Methode, die sich auf Grundlage der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) entwickelt hat. Tatsächlich ist Kampo aber keine simple Kopie der TCM, sondern hat sich über die Jahrhunderte zu einer eigenständigen japanischen Phytotherapie entwickelt. Diese Entwicklung wurde insbesondere während der Edo-Zeit (1600 – 1868) forciert, während der Japan sich politisch und wirtschaftlich von der Außenwelt abschottete. Zunächst entledigte man sich eines großen Teils des theoretischen Überbaus der TCM, der den japanischen Ärzten zu praxisfern erschien. Außerdem wurde die Anzahl der verwendeten Arzneipflanzen auf etwa 300 reduziert, aus denen wiederum etwa 300 Rezepturen zusammengestellt wurden. Im Vergleich dazu sind in der TCM über 2000 Drogen bekannt, von denen etwa 500 regelmäßig Verwendung finden. Ein Hauptvertreter der Kampo-Medizin jener Epoche war Yoshimasu Todo, von dem folgendes Zitat überliefert ist: „In der klinischen Praxis sollen wir uns nur an dem orientieren, was wir durch die körperliche Untersuchung des Patienten feststellen können.“ Zu diesem Zwecke verfeinerte er die bereits seit dem 16. Jahrhundert eingeführte Bauchdiagnostik (fukushin), bei der das Abdomen auf spezielle Weise abgetastet wird. Dieses Diagnoseverfahren bildet bis heute das Kernstück der Kampo-Diagnostik und dient zusammen mit einer umfangreichen ganzheitlichen Anamnese der Auswahl der für den individuellen Patienten geeigneten Rezeptur. Durch feine Abstimmung der Rezeptur auf einzelne Körperfunktionen wie Appetit, Stuhlgang, Temperaturempfinden usw. wird vom Kampo-Spezialisten versucht, eine individuell optimale Verträglichkeit und Wirkung zu erreichen und die gesamte Konstitution des Patienten zu verbessern. Nach der Anwendung der Rezeptur sollen also nicht nur die Hauptbeschwerden gebessert, sondern auch Begleitsymptome gelindert werden.

Mitte des 19. Jahrhunderts kam es zu umfangreichen politischen Umbrüchen in weiten Teilen Ostasiens und in diesem Zusammenhang zu einer durch die USA erzwungenen wirtschaftlichen Öffnung Japans gegenüber dem Westen. Im Zuge der Umwandlung von einem mittelalterlichen Ständesystem zu einer modernen Volkswirtschaft nach westlichem Vorbild erschien die Kampo-Medizin als nicht mehr zeitgemäß. Eine Ausbildung in westlicher Medizin wurde als Voraussetzung der ärztlichen Approbation eingeführt, wobei das damalige deutsche Ausbildungssystem als Vorbild diente. Der traditionellen Kampo-Medizin wurde damit quasi die Anerkennung entzogen, wodurch sie stark an Bedeutung verlor. Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kam es nach und nach zu einer Renaissance der japanischen Phytotherapie, wobei diese weniger als Alternative denn als Ergänzung der westlichen Schulmedizin angesehen wird [1].

Foto: Science Photo Library/Andy Crump
Nach einer über 100-jährigen Fokussierung auf die Methoden der westlichen Medizin rückt in Japan Kampo, die traditionelle japanische Medizin, verstärkt in den Fokus. Auch in Deutschland werden Zusatzausbildungen für Mediziner angeboten.

Kampo-Rezepturen

Wie bereits ausgeführt, beinhaltet die traditionelle Kampo-Medizin eine spezielle Art der Diagnosestellung, die schließlich zur Diagnose, dem sogenannten „Sho“ führt. Im Idealfall passt die verordnete Rezeptur (Ho) zum „Sho“ wie der Schlüssel zum Schloss. Eine Rezeptur besteht dabei aus zwei bis 15 Einzeldrogen in einem bestimmten Mischungsverhältnis. Verwendet werden ganz überwiegend pflanzliche Drogen, nur ein kleiner Anteil ist mineralischer oder tierischer Herkunft. Häufig eingesetzt werden z. B. Pflanzen wie Chinesische Süßholzwurzel, Ingwer, Ginseng oder Zimt. Die Zubereitung der Rezeptur erfolgt klassischerweise als Dekokt, wobei die Drogen in einem offenen Gefäß für 50 Minuten mit Wasser abgekocht werden. Nach dem Abseihen wird die Flüssigkeit portioniert und über den Tag verteilt getrunken. Heute erfreuen sich allerdings auch industriell hergestellte und fertig abgepackte Rezepturen in Granulatform (Ekisu) großer Beliebtheit. Hierzu wird das Dekokt im Vakuum eingeengt, mit Reisstärke oder Lactose versetzt und anschließend einer Sprühgranulation unterzogen und in Aluminiumbeutel eingeschweißt. Ein Beutel enthält üblicherweise eine 1/3 Tagesportion für die klassische dreimal tägliche Einnahme, der Inhalt wird entweder in einem Glas lauwarmem Wasser gelöst oder direkt aus dem Beutel in den Mund geschüttet und mit einem Glas Wasser hinuntergespült [2]. Während Japan in früheren Jahrhunderten einen Großteil der benötigten Arzneipflanzen selbst anbaute, werden die Ausgangsmaterialien für die Kampo-Rezepturen aktuell zu einem großen Teil aus China und anderen ostasiatischen Ländern importiert. Alle Arzneipflanzen werden einer strengen Qualitätskontrolle hinsichtlich Reinheit und Rückstandsbelastung nach der japanischen Phamakopoe unterzogen, was eine sichere Anwendung erlaubt.

Beispielhaft sei hier die populäre Rezeptur Rikkunshi-to kurz vorgestellt:

Einige der Bestandteile der Rezeptur – Ginsengwurzel, Orangenschale, Süßholzwurzel und Ingwerrhizom – sind auch hierzulande geläufig, wobei als Stammpflanze von Glycyrrhizae radix allerdings Glycyrrhiza uralensis fungiert und nicht die bei uns übliche G. glabra. Andere Bestandteile sind uns dagegen weniger vertraut. So handelt es sich bei Atractylodes lancea um eine distelartige Pflanze aus der Familie der Asteraceae, deren Rhizom 3 – 7% eines Sesquiterpen-reichen ätherischen Öls enthält. Die Knolle von Pinellia ternata muss einer speziellen Vorbehandlung (Kochen oder Rösten) unterzogen werden, um die ursprüngliche Giftigkeit zu reduzieren. Wie viele andere Vertreter aus der Familie der Aronstabgewächse auch, enthält sie in rohem Zustand scharfkantige Oxalatkristalle. Pachyma hoelen ist das polysaccharidhaltige Sklerotium eines holzzersetzenden PilZes namens Poria cocos, und Zizyphi fructus stammen von Ziziphus jujuba, der Chinesischen Dattel, einem Baum aus der Familie der Kreuzdorngewächse.

Die Rezeptur wird in Japan bei funktionellen gastrointestinalen Beschwerdebildern eingesetzt, und es existieren sowohl umfangreiche pharmakologische als auch klinische Untersuchungen. So konnte gezeigt werden, dass die Bestandteile mukoprotektive, immunmodulatorische, prokinetische, spasmolytische und antioxidative Eigenschaften besitzen. In klinischen Studien wurde unter anderem eine Wirksamkeit bei Gastritis, gastro-ösophagealer Refluxkrankheit (GERD) und Reizmagen beobachtet [3, 4].

Kampo-Medizin heute

Heutzutage erfreuen sich Rezepturen aus der Kampo-Medizin in Japan einer großen Beliebtheit, und dies nicht nur im Bereich der Selbstmedikation. Seit den 1970iger Jahren begann man verstärkt, den traditionellen Kampo-Arzneien klassische westliche Diagnosen zuzuordnen, was dazu geführt hat, dass auch Ärzte ohne Kampo-Ausbildung in der Lage sind, die entsprechenden Rezepturen zu verordnen. Unterstützt wurde diese Entwicklung durch die bereits 1976 erfolgte Aufnahme von 148 Rezepturen in den Erstattungs­katalog der Nationalen Krankenversicherung, womit diese Rezepturen heute verschreibungs- und erstattungsfähig sind. Umfragen haben ergeben, dass mehr als 80% aller Ärzte Kampo-Arzneimittel verordnen, meist anhand westlicher Diagnosen, wobei es inzwischen allerdings auch wieder speziell ausgebildete Kampo-Spezialisten unter den Ärzten gibt. Diese wenden die Arzneimittel entsprechend der klassischen Diagnoseverfahren an. Insgesamt machen diese Spezialisten aber nur einen niedrigen einstelligen Anteil an der gesamten Ärzteschaft aus.

Rikkunshi-to

Ginseng Radix 4 g

Atractylodis lanceolata Rhizoma 4 g

Pinelliae Tuber 4 g

Pachyma Hoelen 4 g

Aurantii Pericarpium 2 g

Zizyphi Fructus 2 g

Glycyrrhizae Radix 1 g

Zingiberis Rhizoma 0,5 g

Was ihre Anwendung betrifft, so erfüllt die traditionelle japanische Phytotherapie nicht wie in vielen anderen asiatischen Ländern die Funktion einer „Primary Health Care“, sondern sie wird eher dort eingesetzt, wo die westliche Medizin an ihre Grenzen stößt, sehr häufig auch quasi als „add-on“ zu einer schulmedizinischen Behandlung. Insbesondere chronische und funktionelle Erkrankungen, aber auch der große Bereich der Prävention und die Behandlung geriatrischer Patienten stellen typische Indikationen für den Einsatz von Kampo-Rezepturen dar [5]. Um die Wirksamkeit nach modernen Maß­stäben bewerten zu können, ist in den letzten Jahrzehnten eine Reihe klinischer Studien mit Kampo-Rezepturen durchgeführt worden. So identifizierte ein Review von 2014 insgesamt 348 randomisierte und kontrollierte Stu­dien, von denen allerdings insbeson­dere die älteren unter methodischen Schwächen hinsichtlich Studiengröße, Definition der Einschlusskriterien und Verblindung litten. Zudem wird von Kampo-Spezialisten kritisiert, dass die Behandlung mit Kampo-Rezepturen in fast allen Studien allein auf westlichen Diagnosekriterien beruht, ein Aspekt, der allerdings auch die praktische Anwendungsrealität in Japan widerspiegelt. Dennoch wird vielfach gefordert, das Studiendesign zu verändern und auch traditionelle Diagnoseverfahren einzubeziehen, da auf dieser Basis eine bessere Wirkung der Rezepturen zu erwarten sei [6].

Fazit

Die traditionelle japanische Phytotherapie stammt zwar in ihren Grundzügen von der TCM ab, hat aber im Lauf der Jahrhunderte eine eigenständige Entwicklung genommen. Nach einem starken Rückgang ihrer Bedeutung im 19. Jahrhundert spielt sie heute in der Wahrnehmung der japanischen Bevölkerung wieder eine große Rolle, was unter anderem durch die Anpassung an die westliche Diagnostik ermöglicht wurde. Sowohl von Ärzten als auch in der Selbstmedikation werden Kampo-Rezepturen sehr pragmatisch eingesetzt und als wertvolle Ergänzung zur Schulmedizin wahrgenommen. |

Literatur

[1] Watanabe K, Matsuura K, Gao P et al. Traditional Japanese Kampo Medicine: Clinical research between modernity and traditional medicine -The state of research and methodological suggestions for the future. Evid Based Complement Alternat Med. 2011;2011:513842.

[2] Kuchta K. Traditionelle Japanische Medizin - Kampo. Teil 4: Kampo-Medizin heute. Z Phytother 2014;35:224-227.

[3] Reißenweber-Hewel H. Japanische Kampo-Medizin. Pharmakon 2014;2:127-134.

[4] Tominaga K, Arakawa T. Kampo medicines for gastrointestinal tract disorders: a review of basic science and clinical evidence and their future application. J Gastroenterol 2013;48:452-462.

[5] Takayama S, Arita R, Kikuchi A et al. Clinical Practice Guidelines and evidence for the efficacy of traditional Japanese herbal medicine (Kampo) in treating geriatric patients. Front Nutr 2018;5:66. doi: 10.3389/fnut.2018.0006

[6] Motoo Y, Arai I, Tsutani K. Use of Kampo Diagnosis in Randomized Controlled Trials of Kampo Products in Japan: A Systematic Review. PLoS ONE 2014;9:e104422. doi:10.1371/journal.pone.0104422

PD Dr. Kristina Jenett-Siems, Apothekerin

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