Medizin

Was tun bei Verbrennungen?

In Deutschland kommt es pro Jahr zu 10.000 schweren Verbrennungen und Verbrühungen, fast 1000 Betroffene sterben an den Folgen. Die häufigsten Ursachen sind offenes Feuer, Dampf und heiße Flüssigkeiten. Die richtigen Sofortmaßnahmen verhindern schwere Folgen oder minimieren sie zumindest.
Die Neunerregel erlaubt bei Erwachsenen eine einfache Abschätzung der betroffenen Hautfläche. Bei Kindern und Säuglingen hat der Kopf proportional eine größere Fläche.
Bild: Schäffler & Kollegen

Besonders große Schäden verursachen brennende Kunststoffkleider – sie schmelzen und fressen sich regelrecht in die Haut –, hohe Dampftemperaturen sowie Verbrühungen durch den intensiven Flüssigkeitskontakt. Je nach Unfallhergang kommen weitere Verletzungen und Inhalationstraumen hinzu.

Die Schwere der Verbrennung – aufgrund gleicher Symptome und Verläufe werden hier alle hyperthermischen Ursachen unter Verbrennung zusammengefasst – bemisst sich nach den zerstörten Strukturen (s. Tabelle). Die Ausdehnung wird nach der Neunerregel (s. Abbildung) geschätzt. Bei kleineren oder verstreuten Arealen hilft die Faustregel "eine Handinnenfläche entspricht 1% der Körper-oberfläche". Bei Flächenangaben sollte die betroffene Fläche je Schweregrad geschätzt werden.

Was passiert?

Die Hitze schädigt in erster Linie die Eiweiße, die koagulieren. Dadurch wird der Stoffwechsel der Zelle massiv gestört, Stoffwechselprodukte häufen sich an und Mediatoren werden freigesetzt. Bei höherer Temperatur oder längerer Einwirkung kommt es zu Koagulationsnekrosen.

Eine zentrale Komponente ist die Mikrozirkulation. Bei Verbrennungen I. Grades kommt es zu einer Dilatation und Permeabilitätserhöhung mit gesteigerter Durchblutung und Ödemen. Dagegen ist die Durchblutung beim II. Grad reduziert. Durch die Zerstörungen entstehen ausgeprägte lokale Ödeme bis hin zu Blasen.

Die Nekrosen beim III. Grad betreffen die Blutgefäße direkt und indirekt: Neben zerstörten Blutgefäßen verursachen Mediatoren und toxische Stoffe Thrombosen. Die Mikrozirkulation wird unterbrochen. Ödeme bilden sich nicht. Verschärft wird die Situation oft durch eine Mikrozirkulationsstörung aufgrund einer Verbrennungskrankheit.

Bei Zerstörungen der Epidermis kommt es zu großen Flüssigkeitsverlusten von bis zu 7 l pro Tag und Quadratmeter verbrannter Haut. Neben der Flüssigkeit gehen Elektrolyte und Eiweiße, v. a. Albumin, verloren.

Da die Schutzbarriere zerstört ist, bietet verbrannte Haut eine großflächige Eintrittspforte für Erreger. Zusätzlich sind die zelluläre und humorale Infektabwehr gestört. Neben Kreislaufstörungen sind Infekte die wichtigste akute Gefahr.

Verbrennungskrankheit

Spätestens ab 10% verbrannter Haut II. Grades, bei Kindern und alten Menschen oft schon bei geringeren Flächen, kommt es zu einer mehr oder weniger ausgeprägten Verbrennungskrankheit:

  • Der Flüssigkeitsverlust erhöht den Hämatokrit und bewirkt eine Hypovolämie bis zum hämodynamischen Schock. Die massive Volumen- und Elektrolytsubstitution ist die wichtigste Maßnahme. Daneben muss eine Thromboseprophylaxe erfolgen.
  • Unfall- und Schmerzschock erhöhen den Sympathikotonus und führen so zu einer Kreislaufzentralisation. Sympathomimetika und Corticoide sind daher kontraindiziert.
  • Eine metabolische Azidose entsteht, die laufend ausgeglichen werden muss.
  • Die Immunabwehr ist supprimiert. Neben peniblem, sterilem Arbeiten erfolgt eine Antibiose, möglichst gesteuert nach regelmäßigen Wundabstrichen.

Des Weiteren sind Stressulkus- und Tetanusprophylaxen notwendig.

Grad
Beschreibung
Schmerzen
Heilung

I

Rötung, Schwellung
ja
3 –10 Tage

IIa

zusätzlich Blasen und/oder Nekrosen der Epidermis, d. h. die Basalzellen sind intakt, erkennbar am rötlichen Wundgrund

ja

10 –14 Tage

IIb

blasse Haut als Zeichen zerstörter Zirkulation, weißlicher Wundgrund, nur an Haarwurzeln und Talgdrüsen Basalzellen erhalten
wenige
Narben, evtl. Hauttransplantation

III

graufleckige, weiße Haut, vollständige Nekrose, Nervenendigungen zerstört
keine
Narben, Hauttransplantation

Ambulant oder stationär?

Ambulant sollten nur Verbrennungen I. Grades und kleine Verbrennungen II. Grades versorgt werden.

Indikationen für eine stationäre Einweisung sind:

  • Kreislaufprobleme, Schockzeichen
  • mit NSAR nicht beherrschbare Schmerzen
  • Erwachsene mit Verbrennungen II. Grades > 10% der Hautoberfläche
  • Erwachsene mit Verbrennungen III. Grades
  • Säuglinge, Kinder, alte Menschen und chronisch Kranke mit mehr als eng begrenzten lokalen Verbrennungen
  • Verbrennungen an Gesicht, Hals, Händen, Füßen, Genital- oder Analschleimhaut
  • Verbrennungen, die über Gelenke hinwegziehen.

Bei Verbrennungen II. und III. Grades bei Säuglingen und Kindern über 8 % und Erwachsenen über 15 % der Hautoberfläche ist eine intensivmedizinische Therapie notwendig.

Die Nummer der Zentralen Vermittlungsstelle für Schwerverbrannte lautet (0 40) 4 28 51-39 98 und -39 99.

Sofortmaßnahmen

Brennende Kleidung wird mit einer Decke erstickt. Aufliegende Kleidungen und Stoffe werden entfernt, festklebende belassen und Kleidung ggf. umschnitten.

Initial wird gekühlt, v. a. um ein "Nachbrennen" zu unterbinden: Mit der Haut verklebte Stoffe und das geschädigte Gewebe selbst schädigen durch eine fortgesetzte Wärmeabgabe in tiefere Hautschichten weiteres Gewebe. Daneben werden bei Verbrennungen I. und II. Grades die Schmerzen gelindert und die Entzündungsreaktion gedämpft.

Für das Kühlen gilt:

  • nur innerhalb der ersten 15 Minuten mit einer Kühlung beginnen
  • nicht länger als 10 Minuten kühlen
  • ab 20% zweit- oder drittgradig verbrannter Haut nicht kühlen, da die Wärmeregulation stark gestört ist und eine Hypothermie droht!
  • bei 10 – 20% zweit- oder drittgradig verbrannter Haut nur einige Minuten kühlen
  • Bei drohender Verbrennungskrankheit hat die Volumensubstitution Vorrang
  • bei Säuglingen und Kindern besonders vorsichtig kühlen
  • Der Betroffene darf nicht auskühlen
  • Steht keine sterile Kochsalzlösung zur Verfügung, ist Leitungswasser geeignet
  • 15 – 20 °C Wassertemperatur sind ausreichend
  • Fließendes Wasser ist besser als nasse Auflagen.

Wunden werden mit metallisierten Folien, alternativ mit sterilen Tüchern abgedeckt. Keine Salben oder anderes auftragen!

Rasch werden großvolumige Zugänge gelegt und mit der Volumensubstitution und Gabe von potenten Analgetika begonnen. Bei einer CO-Intoxikation wird mit 100% O2 beatmet.

"Kleine" Verbrennungen

Kleinflächige Verbrennungen I. und II. Grades sollten bis zum Abklingen der Schmerzen gekühlt werden. Dazu können auch Kühlpacks benutzt werden. Bei starken Schmerzen werden NSAR gegeben.

Die Homöopathie empfiehlt bei Verbrennungen I. Grades mit geröteter, geschwollener Haut Arnica C 30, bei II. Grades mit brennenden Schmerzen und Blasenbildung Cantharis C 30.

Verbrennungen Grad IIa (roter Wundgrund) können konservativ behandelt werden, da die intakte Basalzellschicht bei sorgfältiger Wundbehandlung eine Institutio ad integrum erlaubt. Ob Blasen abgetragen oder ihr Platzen abgewartet werden soll, ist umstritten. Für die Wundbehandlung stehen moderne Materialien z. B. mit beschichteten Flächen zur Verfügung, aber auch Brandsalben haben sich hier bewährt.

Ab Grad IIb (weißlicher Wundgrund) sollte eine fachärztliche Behandlung erfolgen, da sich ästhetisch und funktionell ungünstige Narben bilden können. Eine chirurgische Säuberung und eine Hauttransplantation sind oft notwendig.

Wichtig ist die Nachbehandlung. Vor allem sollte Sonnenexposition gemieden werden. Sie schädigt die empfindliche Haut und führt zu unschönen Pigmentierungen. Bei Verbrennungen im Gesicht und an den Händen sollte der Sonnenschutz mit Abdeckcremes und ähnlichem unterstützt werden. Empfohlen wird zudem eine intensive Hautpflege.

Es gibt Ansätze, die körpereigenen Heilungsprozesse u. a. mit kleinen Genfragmenten zu manipulieren und so z. B. eine Narbenbildung zu unterbinden. Möglicherweise werden Hauttransplantationen eines Tages öfters überflüssig. Bis zur klinischen Reife wird es allerdings noch Jahre dauern.


Quellen

Altmeyer, P.; Dirschka, T., Hartwigg, R.: Klinikleitfaden Dermatologie, 2003, Elsevier

Journal of Experimental Medicine, Online-Vorabveröffentlichung, DOI: 10.1084/jem.20071412

Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Verbrennungsmedizin, http://www.uni-duesseldorf.de/AWMF/ll/044-001.htm

Schäffler, A. (Hrsg.): Gesundheit heute, 2. Aufl. 2009, Deutscher Apotheker Verlag, Stuttgart


Autoren

Hans Reuter, Dr. A. Schäffler, Schäffler & Kollegen, Augsburg, www.schaeffler.cc

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