Arzneistoffporträt

Vitamin E bei entzündlichen Gelenkerkrankungen

Hoch dosiertes Vitamin E ist in die Diskussion geraten Ų mit einer schwierigen Schieflage. Denn häufig wird nicht zwischen dem therapeutischem Nutzen von Vitamin E bei Gelenkbeschwerden und einer prophylaktischen Einnahme, beispielsweise im Zusammenhang mit kardiovaskulären Krankheiten, unterschieden. Der Effekt: Patienten mit Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises sind verunsichert und das Beratungsgespräch in der Apotheke leidet unter falsch interpretierten Medienberichten.

Dabei können vor allem die in der von Miller durchgeführten Metaanalyse [1] gezogenen Schlussfolgerungen nicht aufrechterhalten werden. Im Gegenteil: Es gibt eine Reihe von Erkenntnissen, die zeigen, dass der adjuvante Einsatz von hochdosiertem Vitamin E bei entzündlichen Gelenkbeschwerden sinnvoll ist. Klinische Studien belegen die Wirksamkeit von Vitamin E, darüber hinaus bestätigen auch Anwendungsbeobachtungen und Therapieerfahrungen den positiven Nutzen.

NSAR-Standardtherapie mit Nebenwirkungen Osteoarthrose und chronische Polyarthritis gehören zu den häufigsten Erkrankungen des Bewegungsapparates. Nach epidemiologischen Schätzungen sind sechs Millionen Menschen in Deutschland von degenerativen Gelenkerkrankungen akut betroffen und vor dem Hintergrund der zukünftigen demographischen Entwicklung ist mit einer weiteren Zunahme zu rechnen.

Vor allem die herkömmlichen nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) liegen in der Rangfolge der in Deutschland verwendeten Medikamente zur Behandlung rheumatischer Beschwerden weit oben. Bei der zur Therapie häufig langfristigen und hochdosierten Anwendung stellen die oftmals auftretenden Nebenwirkungen der NSAR jedoch ein Problem dar.

Die häufigste Nebenwirkung ist die Aufhebung des Schutzes der Magen- und Dünndarmschleimhaut gegen die aggressive Magensäure. Unter der Einnahme von NSAR kommt es daher oftmals zu gastrointestinalen Beschwerden – in schwerwiegenden, selteneren Fällen zu Magenblutungen, Magen- und Duodenalulcera.

Große Hoffnungen wurden daher in die selektiven COX-2-Hemmer gesetzt. In der Zwischenzeit wurde nachgewiesen, dass insbesondere bei Langzeitanwendung dieser Klasse von Arzneimitteln kardiovaskuläre Risiken auftreten können.

Trotz des großen Spektrums an entzündungshemmenden und analgetisch wirkenden Substanzen steht damit das ideal wirkungsvolle und gleichzeitig optimal verträgliche Arzneimittel noch nicht zur Verfügung.

Umso wichtiger erscheint, dass es mit Vitamin E eine Therapieoption gibt, die eine Verbesserung der Symptomatik bei degenerativen Gelenkerkrankungen erzielen und im adjuvanten Einsatz die Nebenwirkungen der klassischen NSAR-Medikation verringern helfen kann.

Vitamin E – durch Studien belegte Wirksamkeit Im Laufe der Jahre wurde eine Reihe von klinischen Studien zur Wirksamkeit von Vitamin E bei Arthrose oder rheumatoiden Gelenkerkrankungen durchgeführt (Übersicht [19]).

Mehrere Untersuchungen konnten zeigen, dass bereits die alleinige Gabe von Vitamin E günstige Auswirkungen auf Schmerzen und Beweglichkeit sowohl bei der aktivierten Arthrose (Machtey [4], Blankenhorn [5] und Mahmud [9]) als auch der rheumatoiden Arthritis (Edmonds [15]) hat.

1990 belegten drei von Scherak, Link und Kolarz vorgelegte Studien [7, 8, 12], dass Vitamin E in Bezug auf die Besserung von Schmerzparametern genauso wirksam ist wie Diclofenac. Bestätigt wurden diese Ergebnisse 1998 durch eine Untersuchung der Arbeitsgruppe von Wittenborg [16], der das gleiche Dosisregime verwandte wie Kolarz und Scherak [7, 12]. Bereits einige Jahre zuvor hatten Klein und Bartsch [10, 6] Untersuchungsergebnisse mit ähnlich positiven Wirkungen von Vitamin E im Vergleich mit einer medikamentösen Therapie publiziert.

Auch der adjuvante Effekt von Vitamin E konnte in einer Studie der Arbeitsgruppe um Helmy 2001 [17] nachgewiesen werden. In diese Studie waren 30 Patienten eingeschlossen, die in drei Kollektiven zwei Monate lang entweder nur eine Standardtherapie, bestehend aus Methotrexat, Sulfasalazin und Indometacin, oder zusätzlich einen Antioxidanzien-Cocktail beziehungsweise 1200 mg Vitamin E erhielten. Unter der adjuvanten hoch dosierten Vitamin-E-Gabe war die Verbesserung der klinischen Parameter deutlich stärker als unter der Standardtherapie allein.

Herborn [13] hatte bereits in seiner 1994 publizierten Untersuchung berichtet, dass durch die adjuvante Einnahme von 3 ◊ 400 mg Vitamin E pro Tag die tägliche Diclofenac-Dosis von durchschnittlich 97,5 mg auf 56,6 mg gesenkt werden konnte und sich sowohl Ruheschmerz wie auch Morgensteifigkeit deutlicher gebessert hatten als unter Placebo. Ebenso hatte Schattenkirchner [14] 1996 in einer Studie mit 40 Patienten gezeigt, dass die zusätzliche, hoch dosierte Gabe von Vitamin E (1200 mg/Tag) zur Basistherapie eine verbesserte Schmerzlinderung bewirkt.

Die bisher durchgeführten Untersuchungen zeigen einen durchgängig positiven Effekt von Vitamin E vor allem auf die Parameter "Schmerzen", "Beweglichkeit" und "Einsparung von Analgetika/NSAR". Dies gilt sowohl für die Ergebnisse der Untersuchungen mit Arthrosepatienten wie auch mit Patienten, die unter entzündlichen rheumatischen Erkrankungen (chronische Polyarthritis, M. Bechterew) litten.

Tabelle 1 gibt einen Überblick über die wichtigsten Untersuchungen und ihre Ergebnisse.

Vitamin E – Therapieerfahrungen aus der Praxis Maronna berichtete 2001 von einer Anwendungsbeobachtung, an der sich 121 Patienten, die in zwölf verschiedenen orthopädischen oder allgemeinärztlichen Praxen betreut wurden, beteiligten [2]. Bei 103 Patienten lagen eine Arthritis, eine Arthrose (Gon-, Cox- bzw. Polyarthrose) oder beide Formen vor. 18 Patienten litten unter anderen entzündlichen Gelenkerkrankungen, hauptsächlich am LWS- und/oder Schulter-Arm-Syndrom. Zu Beginn des Beobachtungszeitraums klagten alle Patienten über leichte bis sehr starke Schmerzen. Gleichzeitig waren 44 Patienten leicht und 77 Patienten mittel bis stark in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt.

Über zwölf Wochen nahm jeder Patient täglich 1000 I.E. Vitamin E ein. Ein Teil der Probanden nahm zusätzliche Schmerzmittel und/oder erhielt eine andere Begleitbehandlung, 34 Patienten nahmen nur Vitamin E ein. Nach jeweils vier, acht und zwölf Wochen beurteilten Arzt und Patient die Schmerzreduktion, die Verbesserung der Beweglichkeit und die Verträglichkeit der Vitamin E-Therapie.

Bereits nach vierwöchiger Behandlung gaben 64 Prozent aller Patienten eine Schmerzreduktion um 50 Prozent an. Nach zwölf Wochen waren es nahezu 84 Prozent. 36 Patienten bezeichneten sich zu diesem Zeitpunkt als schmerzfrei. Die Beweglichkeit hatte sich nach vier Wochen bei 64 Prozent deutlich verbessert, nach zwölf Wochen sogar bei 77 Prozent der Probanden. Insgesamt 35 Probanden erlangten ihre volle Beweglichkeit zurück.

Dabei war die Verträglichkeit von Vitamin E außerordentlich gut. Kein Patient stellte irgendwelche Nebenwirkungen fest und niemand brach die Therapie ab. Nur sieben Patienten gaben an, keine Verbesserung gegenüber ihrem Ausgangszustand zu spüren.

Patienten von der Anwendung von Vitamin E überzeugt In einer medizinischen Befragung von 875 Patienten wurden die günstigen Wirkungen des Vitamin E in Dosierungen von 500 bis 1.000 I.E. auch bei Anwendung unter Alltagsbedingungen bestätigt [3]. 31,8 Prozent der Befragten nahmen Vitamin E zur Vorbeugung ein. Mehr als die Hälfte von ihnen gab eine deutlichere Besserung der Gelenkbeschwerden an. 54,9 Prozent setzten Vitamin E zur Behandlung von Gelenkbeschwerden ein. Nahezu 85 Prozent der Befragten dieser Gruppe berichteten über eine spürbare Linderung ihrer Beschwerden. Fast die Hälfte (48,1 Prozent) der Patienten, die zusätzlich Schmerzmittel einnahmen, konnte den Schmerzmittelverbrauch reduzieren. Aufgrund der Wirksamkeit und hervorragenden Verträglichkeit zeigte Vitamin E bei den Patienten eine sehr hohe Akzeptanz.

Wissenschaftlicher Konsens bestätigt therapeutischen Effekt von Vitamin E Auch beim Hohenheimer Consensus Meeting 1999 "Vitamin E und Erkrankungen des rheumatoiden Formenkreises (Osteoarthritis und rheumatoide Arthritis") [18] kam man zu dem Schluss, dass Vitamin E in höheren Dosen einen therapeutischen Effekt auf degenerative Gelenkerkrankungen aufweist und die vorliegenden klinischen Studien eine positive Wirkung auf Symptome und objektive klinische Zeichen belegen.

Die wissenschaftliche Studienlage weist darauf hin, dass hochdosiertes Vitamin E im Bereich von 500 – 1500 I.E. pro Tag bei der Behandlung sowohl der Osteoarthrose als auch der chronischen Polyarthritis ein hohes Wirksamkeitspotenzial aufweist. Dies gilt vor allem für die Reduktion von Schmerzen und die Einsparung von Analgetika, was für den Patienten oft gleichbedeutend ist mit einer Reduzierung der unerwünschten Nebenwirkungen der NSAR und einer verbesserten Lebensqualität.

Fazit Patienten mit degenerativen Gelenkerkrankungen bedürfen einer adäquaten antiphlogistischen und analgetischen Therapie. Die hierzu eingesetzte Standardmedikation mit nichtsteroidalen Antirheumatika birgt aber ein hohes Nebenwirkungsrisiko. Erfahrungen aus der Praxis und klinische Studien haben gezeigt, dass hoch dosiertes Vitamin E vor allem im adjuvanten Einsatz zur Basistherapie helfen kann, den Gebrauch von Schmerzmitteln und NSAR zu reduzieren, was in der Regel zu einer Senkung der Nebenwirkungsrate führt. Im akuten Entzündungsschub sind 1000 I.E. für sechs bis zwölf Wochen, in der langfristigen Weiterbehandlung und zur Prophylaxe erneuter Aktivierungen 500 I.E. Vitamin E zu empfehlen.

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