Arzneimittel und Therapie

Indikationserweiterung: Venlafaxin zur Behandlung der Panikstörung

Retardiertes Venlafaxin (Trevilor® retard) hat jetzt die Zulassung zur Behandlung der Panikstörung erhalten, wie Wyeth Pharma mitteilte. Damit verfügt der selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer über eine große Indikationsbandbreite im Bereich der Angsterkrankungen.

Venlafaxin bzw. Venlafaxin retard (Trevilor® Tabletten bzw. Trevilor® retard Hartkapseln) ist bisher zugelassen zur Behandlung von Depressionen mit und ohne Angstsymptomatik sowie für die Erhaltungstherapie und Rezidivprophylaxe depressiver Erkrankungen. Als einziger Vertreter dieser Wirkstoffklasse hat Trevilor® retard außerdem die Zulassung zur Therapie der generalisierten Angststörung sowie zur Behandlung der sozialen Angststörung (soziale Phobie).

Die meisten Patienten mit Panikstörungen leiden gleichzeitig an Depressionen und anderen Angsterkrankungen. Mit der Zulassungserweiterung für retardiertes Venlafaxin ergibt sich die Möglichkeit, den größten Teil dieser Patienten effektiv und kostengünstig mit einer Substanz zu behandeln.

Regulierung der Neurotransmitteraktivität

Venlafaxin und sein aktiver Metabolit, O-Desmethylvenlafaxin, sind starke Inhibitoren der neuronalen Wiederaufnahme von Serotonin und Noradrenalin und schwache Inhibitoren der Dopamin-Wiederaufnahme. Die antidepressive Wirkung von Venlafaxin wird mit einer Erhöhung der Neurotransmitteraktivität im Zentralnervensystem erklärt. Im Unterschied zu trizyklischen Antidepressiva hat Venlafaxin keine Affinität zu histaminergen, cholinergen oder adrenergen Rezeptoren. Venlafaxin besitzt auch praktisch keine Affinität zu Opiat-, Benzodiazepin-, Phenzyclidin(PCP)- oder N-Methyl-d-Aspartam(NMDA)-Rezeptoren. Die Monoaminoxidase wird nicht beeinflusst. Damit entfallen eine Reihe von Nebenwirkungen der Trizyklika oder diese werden abgemildert.

Venlafaxin retard wirksam bei Panikstörungen

Grundlage für die Erweiterung der Indikation sind verschiedene unabhängige Therapiestudien, in denen Venlafaxin retard (75 mg/Tag nach vier Tagen Auftitrierung mit 37,5 mg) gegen Placebo und Paroxetin (40 mg/Tag nach einer initialen Dosis von 10 mg, 20 mg und 30 mg/Tag über jeweils eine Woche) geprüft wurde. Im Vergleich zu Placebo kam es unter Venlafaxin retard zu einer signifikanten Besserung der körperlichen und psychischen Symptome der Panikstörung. Dabei konnten schon in kurzer Zeit höhere Remissionsraten erzielt und die Häufigkeit der Panikattacken reduziert werden. Weiterhin gelang es, mit Venlafaxin retard Krankheitsrezidiven erfolgreich vorzubeugen. Es bestand kein signifikanter Unterschied in der Effizienz zwischen Venlafaxin retard und Paroxetin. Die aktuelle Studienlage zu Venlafaxin retard empfiehlt ein Einschleichen der Therapie über vier bis sieben Tage mit 37,5 mg Trevilor® retard. Diese Darreichungsform ist in Deutschland derzeit noch nicht erhältlich; die Zulassung wurde beantragt.

Aktualisierte Fachinformation und Beipackzettel

Die Pharmakotherapie mit Antidepressiva ist neben der oft begleitenden Verhaltenstherapie die wichtigste Therapieoption, mit der nach umfassender Diagnose frühzeitig begonnen werden sollte. Da die Rezidivgefahr bei dieser Erkrankung sehr hoch ist, sollte auf eine mehrmonatige längerfristige Erhaltungsphase geachtet werden. Sowohl bei depressiven Erkrankungen, bei sozialer Phobie als auch bei generalisierter Angststörung beträgt die empfohlene Dosierung zu Beginn der Behandlung in der Regel 75 mg Venlafaxin einmal täglich. Die Dosis kann bei Bedarf auf 150 mg einmal täglich heraufgesetzt werden. Bei Panikstörung beträgt die empfohlene Dosierung 75 mg Venlafaxin einmal täglich. Die Behandlung sollte in den ersten vier bis sieben Tagen mit einer Dosierung von 37,5 mg einmal täglich begonnen und danach sollte die Dosis auf 75 mg einmal täglich heraufgesetzt werden. Falls erforderlich, kann bei Patienten mit leichter oder mittelgradiger Depression, sozialer Phobie, Panikstörung bzw. generalisierter Angststörung die Dosis weiter bis auf 225 mg Venlafaxin einmal täglich erhöht werden. Die Dosiserhöhung sollte gewöhnlich in Abständen von etwa zwei Wochen, frühestens jedoch nach vier Tagen erfolgen. Es wird empfohlen, die Behandlung durch schrittweise Verringerung der Dosis zu beenden, um das Risiko von Absetzerscheinungen zu minimieren.

Angst vor der Angst

Panikstörungen gehören zu den wichtigsten Angststörungen. Sie sind gekennzeichnet durch ein plötzliches, massives und wiederholtes Auftreten von Panikattacken mit weitgehend angstfreien Intervallen dazwischen. Eine Panikattacke besteht aus verschiedenen körperlichen und psychischen Symptomen, die abrupt auftreten und sehr schnell stärker werden können.

Zu den wichtigsten Anzeichen gehören Herzrasen, Schwitzen, Zittern, Atemnot, Erstickungsgefühle, Brustschmerzen, Übelkeit sowie die Angst, die Kontrolle zu verlieren oder sogar zu sterben. Die einzelnen Anfälle dauern meist nur einige Minuten, danach sind die Patienten stark erschöpft. Man unterscheidet zwischen Panikattacken mit und ohne Agoraphobie, der so genannten Platzangst. Der Begriff kommt aus dem Griechischen ("agora" = Marktplatz und "phobos" = Angst) und bezeichnet nicht nur alle Ängste vor offenen, weiten Plätzen, sondern auch alle Ängste vor öffentlichen Orten, Situationen und Menschenansammlungen in öffentlichen Verkehrsmitteln, im Aufzug oder Situationen in der Warteschlange vor einer Kasse.

Fälschlicherweise wird ihr Gegenteil, die Angst vor engen Räumen (Klaustrophobie oder Raumangst), oft als Platzangst bezeichnet.

Besonders angstmachend ist die Vorstellung, die Kontrolle über sich und die Körperreaktionen zu verlieren, in aller Öffentlichkeit umzufallen und hilflos liegen zu bleiben. Durch diese Angst vor der Angst werden phobische Situationen konsequent gemieden. Als Folge ist die Bewegungsfreiheit massiv eingeschränkt, Reisen wird unmöglich, Begleitpersonen außerhalb der Wohnung werden notwendig und die phobischen Situationen können nur unter intensiver Angst durchgestanden werden. Das Vermeidungsverhalten kann so ausgeprägt sein, dass es bis hin zu einem totalen Rückzug in die eigene Wohnung und damit zur sozialen Isolierung führt.

Einnahmehinweis

Die tägliche Einnahme von Trevilor® retard sollte jeweils zur gleichen Zeit, entweder morgens oder abends mit einer Mahlzeit und mit ausreichend Flüssigkeit erfolgen. Die Hartkapseln enthalten kleine Pellets, die den Wirkstoff langsam in den Verdauungstrakt abgeben. Der unlösliche Restanteil der Pellets wird mit dem Stuhl ausgeschieden und kann dort sichtbar sein.

Zum Weiterlesen

Soziale Angststörungen Venlafaxin retard erhält Zulassungserweiterung. DAZ 2004, Nr. 20, S. 54 – 55. www.deutsche-apotheker-zeitung.de