Feuilleton

Ausstellung: "Geburt der Zeit "

Das Museum Fridericianum in Kassel zeigt bis zum 19. März die Ausstellung "Geburt der Zeit". Dabei geht es um die Entstehung und Veränderung der Vorstellung von "Zeit" im Bewusstsein der Menschheit und um die Konsequenzen, die sich daraus für das Leben ergaben. Der Bogen wird von den vorgeschichtlichen Jägern bis zur speziellen Relativitätstheorie gespannt, doch liegt der Schwerpunkt auf der Kulturgeschichte Europas vom Mittelalter bis zum Barock. In der überaus reichhaltigen Ausstellung sind die vielen wertvollen Leihgaben aus Russland hervorzuheben.

Zeitabschnitte: Ewige Wiederkehr des gleichen ...

Ausgehend von den natürlichen Elementen der Zeit – Tag, Monat und Jahr –, thematisiert die Ausstellung die Kalender des alten Orients und der klassische Antike, des Judentums und des Christentums, die mit der siebentägigen Woche ein neues Zeitelement etablierten. Die Jahreszeiten und bestimmte, jährliche wiederkehrende Feste teils heidnischen, teils christlichen Ursprungs komplettierten die Gliederung des Jahreslaufs, der von entsprechenden Volksbräuchen geprägt war. Freunde altrussischer Kunst werden sich über die vielen Ikonen freuen, die eine Vorstellung vom "christlichen Jahr in Russland" vermitteln.

... und Apokalyptik

Einen Kontrast zu den "alle Jahre wieder"-kehrenden Festen des Kalenders bildete seit jeher die Vorstellung von der Endlichkeit der Zeit, deren Anfang und Ende im Christentum mit Schöpfung und Jüngstem Gericht definiert sind, wobei diese Anfangs- und Endpunkte als sehr nahe gedacht wurden und viele Menschen die Endzeit im Sinne der Apokalypse schon in der Gegenwart erkennen zu können glaubten.

Zeitmessung

Während im Mittelalter Tag und Nacht jeweils in zwölf gleiche Abschnitte unterteilt wurden, sodass die Tagesstunden im Sommer sehr lang, im Winter sehr kurz waren, setzte sich im 14. Jahrhundert in den Städten das System mit 24 gleich langen Stunden durch. Ursache dafür war die Erfindung der Räderuhr, die in monumentaler Größe in Kirchen und auf öffentlichen Plätzen angebracht wurde. Im Zuge einer Miniaturisierung kamen als neue Chronometer Tischuhren und nach der Erfindung der Unruh die Taschenuhren hinzu. Alle diese Uhren dienten auch der Repräsentation.

Allegorien der Zeit

Die Wiederbelebung antiken Gedankengutes brachte in Verbindung mit dem gesteigerten Bewusstsein für das Phänomen Zeit in der Renaissance und im Barock eine Flut von Allegorien hervor, die oft einen moralischen Zweck verfolgten, indem sie dazu aufforderten, die Zeit zu nutzen, oder einfach an die Vergänglichkeit alles Schönen und Guten erinnerten.

Aufbruch in eine neue Zeit

Die Jahrhundertwenden um 1700, 1800 und 1900 waren gekennzeichnet von dem Bewusstsein, sich in einer besonderen Kulturepoche zu befinden. Exemplarische Kunstwerke drücken den jeweilige "Zeitgeist" aus. Insbesondere der Jugendstil mit seinem Programm, etwas völlig Neues zu schaffen, ist in der Ausstellung mit vielen Exponaten vertreten. Den Abschluss bildet das 20. Jahrhundert, in dem sich der Mensch mehr und mehr zum "Sklaven der Zeit" gemacht hat. Die Geschwindigkeit als beherrschendes Prinzip wird jedoch durchaus ambivalent erlebt. Mitveranstalter der Ausstellung sind die Wintershall AG und der russische Energierohstofflieferant Gazprom, dem für die vielen Exponate aus russischen Museen zu danken ist. cae

Ausstellungsdaten

Ort: Museum Fridericianum, Friedrichsplatz 18, Kassel, Tel. (0561) 707270, Führungen (08 00) 1008025. Geöffnet: Bis 19 März Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 20 Uhr. Katalog: 584 Seiten, farbig illustriert, 128 DM (im Museum: 56 DM). Edition Minerva, Wolfratshausen. ISBN 3-932353-33-1. Informationen: www.uni-kassel.de/museum

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