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Aromata - edle Düfte und Flakons

Sein 25jähriges Bestehen feiert das Deutsche Medizinhistorische Museum in Ingolstadt mit einer Jubiläumsausstellung: -Aromata - Düfte und edle Flakons aus fünf Jahrhunderten. Museumsdirektorin Prof. Dr. Christa Habrich und Dr. Heiner Meininghaus haben das Museum in eine -Kunst- und Wunderkammer verwandelt, in der sich die Entwicklung der Anwendung duftender Stoffe und der Wandel ihrer edlen Behältnisse -anschaulich und riechbar erleben läßt. 275 Duftgefäße von der römischen bis zur vorindustriellen Zeit, die mehrheitlich aus Privatsammlungen stammen und teilweise zum erstenmal öffentlich gezeigt werden, sind bis zum 4. Oktober in der Ausstellung zu bewundern, vergangene Düfte können wieder geschnuppert und die Pflanzen, denen sie entstammen, im Museumsgarten betrachtet werden.

Gegen Krankheit, Tod und Teufel


Wohlgerüche dienten in früherer Zeit nicht nur dazu, die persönliche Anziehungskraft zu erhöhen. Seit jeher sollten sie auch, im Sinne eines Arzneimittels, vor Seuchen und ansteckenden Krankheiten oder auch nur vor den üblen Dünsten der Städte schützen. In Zeiten der Pest trug jeder, der es sich leisten konnte, eine schützende Duft- oder Balsammischung bei sich. Duftkugeln an Halsketten, die Bisamapfel oder Pomander (aus Pomum ambrae = Ambraapfel) genannt wurden, erfreuten sich im Mittelalter großer Beliebtheit. Höchst kunstvolle Exemplare zeigt die Ausstellung, ziseliert, graviert und vergoldet, einige sogar mit mehreren Kammern für verschiedene Balsame, je nach Bedarf. Auch auf manchem alten Porträt läßt sich ein Pomander erkennen.

Barocke Parfums ∑


Gleich am Eingang der Ausstellung bietet ein barocker -Parfumeur in seinem Utensilienkoffer Balsame, -Vinaigres und Riechsalze zur Schnupperprobe an. Nach alten Rezepturen hat man sie für die Ausstellung nachgearbeitet. Balsame hatten auf der Basis von Talg, Walrat oder Wachs, später von Muskatbutter, oft bis zu 30 Ingredienzien und wurden für viele Wehs und Achs komponiert. Ein Pestbalsam läßt ahnen, wie man damals gegen Seuchen -angestunken hat. Der Schlagbalsam, bei apoplektische Zuständen auf Stirn und Schläfen eingerieben, steht in zwei Varianten zur Riechprobe auf: Während Männer mit schweren animalischen Düften aus Ambra, Zibet und Moschus (-Bisam) wieder zum Leben erweckt wurden, galten bei den Damen blumige Düfte mit einer Prise Bibergeil als wirksamer. Räuchermischungen und scharfe Duftessige dienten der Desinfektion, so z.B. der von Pestplünderern geschätzte -Vinaigre de 4 voleurs (-Vierräuberessig). Hirschhornsalz (Ammoniumcarbonat), getränkt mit ätherischen Ölen, war die Grundlage der bei Damen hoch im Kurs stehenden Riechsalze, so auch bei Fausts Gretchen: -Nachbarin, euer Fläschchen! ruft sie in ihrer höchsten Verzweiflung.

∑ und Düfte des Empire


Waren bis ins 18. Jh. die schweren Düfte, Weihrauch, Myrrhe, Zimt, Nelken, Zeder und Muskat, wie man sie großenteils schon im alten Ägypten kannte, Grundlagen der bis dahin noch vielfach im medizinischen Sinne verwendeten Duftstoffkombinationen, so trat mit der Aufklärung auch hier ein Geschmackswandel ein. Jetzt wurden die leichteren Blütendüfte bevorzugt: Rosen, Lavendel, Tuberosen, Jasmin, Veilchen und Maiglöckchen. Marie Antoinette war Vorbild und modebestimmend. Die nach vielen Geheimrezepten hergestellten -Kölnischen Wässer wurden mehr und mehr zum Schönheits- und Luxusartikel. Napoleon soll jede Woche einen Liter Eau de Cologne aus der Manufaktur der Familie Farina per Kurier bezogen haben.

Techniken


Frühe Abbildungen zur Destillationstechnik finden sich in Hieronymus Brunschwigs Destillierbüchern (1500 und 1512). Sie zeigen übrigens auch ein Beispiel der Nutzung von Solarenergie: Mit Hilfe des im Hohlspiegel reflektierten Sonnenlichts wurden Flüssigkeiten erwärmt.
Für besonders kostbare Blüten - von Rosen, Veilchen, Tuberosen oder Jasmin - wurde das Enfleurageverfahren entwickelt. Dabei werden die Blüten in eine Schicht aus Schweinefett gedrückt; das ätherische Öl reichert sich dort an und kann später schonend abgetrennt werden. Derart gewonnene Duftpasten übertrafen jedes andere Produkt an Feinheit und Originaltreue.
Die Dokumentation der technischen Entwicklung reicht von alten Florentiner Flaschen zum Dekantieren der gewonnenen Öle (aus eigenen Museumsbeständen) über handliche Feld-Destillationsanlagen zur Lavendelölgewinnung direkt bei der Ernte bis zum modernen Ätherisch-Öl-Bestimmungsapparat nach DAB.

Organoleptisches


Ingolstadts Partnerstadt Grasse, Zentrum der französischen Parfümindustrie, hat manches interessante Ausstellungsstück für die Abteilung -Düfte der Welt - Welt der Düfte zur Verfügung gestellt. Auch hier braucht die Nase nicht zu kurz zu kommen: Dem Apotheker meist wohlbekannte ätherische Öle dürfen -durchprobiert werden.
Aber auch weniger geläufige Aromen erfüllen auf Wunsch und -Klistierdruck (eine Spezialerfindung anläßlich der Ausstellung) den Raum, von Ambra, einem Produkt des Pottwals, über Bernstein, den -Weihrauch des Nordens, bis zu Zibet, dem Sekret einer asiatischen Schleichkatze.

Flakons


Kunstvoll wie die Duftkompositionen waren auch ihre Behältnisse. Sie wurden bisweilen zum Prestigeobjekt. Berühmte Goldschmiedefamilien und Flakondynastien lebten von ihrer Herstellung. Eingebettet in Dekorationen aus Blüten und Ätherisch-Öl-Drogen (für die Konzeption dieses Ausstellungsteils zeichnet vor allem Dr. Meininghaus verantwortlich) sind Riechfläschchen und -dosen in Form von Vasen, Urnen, Pilgerflaschen, Früchten und Tieren zu bewundern, hergestellt aus edelsten Materialien. Neben Gold und Silber waren Arbeiten aus Edelsteinen, Bergkristall, Schildpatt, Rosenholz und Goldrubinglas besonders beliebt.
Manchmal wurde das Schöne mit dem Nützlichen verbunden: Der Nadelbehälter einer edlen Dame barg neben dem Fingerhut auch ein Duftgefäß, eine sog. Vinaigrette mit Schwämmchen, und ein Fach für die damals unentbehrlichen Schönheitspflaster.

Moderne Aromatherapie


Erst im 19. Jh. vollzog sich eine deutliche Trennung in der Verwendung ätherischer Öle entweder zu medizinischen oder zu kosmetischen Zwecken. Zur weiteren Entwicklung der Parfümerie hat die Chemie einen wichtigen Beitrag geleistet, indem sie viele der Naturstoffe, aber auch neue Duftstoffe synthetisch herstellte. Vor kurzem erlebten viele traditionelle Duftstoffe in der Aromatherapie eine Renaissance. Wie die Ausstellung lehrt, ist sie eine im Grunde alte Therapie, die nun in einem neuen Gewand daherkommt.
Ganz wunderschön und aufschlußreich ist der reichbebilderte Katalog zur Ausstellung mit höchst interessanten Beiträgen zur Geschichte und medizinisch-pharmazeutischen Bedeutung der Düfte.Dr. Renate Seitz, München
Ort: Deutsches Medizinhistorisches Museum, Anatomiestraße 18-20, 85049 Ingolstadt,
Tel. (0841) 3051860, Fax 910844.
Geöffnet: Dienstag bis Sonntag 10-12 Uhr und 14-17 Uhr.
Katalog: 160 Seiten, Text deutsch und englisch, farbige Abbildungen aller Exponate. 39,80 DM.

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