Die letzte Woche

Mein liebes Tagebuch

09.10.2022, 07:30 Uhr

Herr Lauterbach, warum bekommen nur Arztpraxen einen Ausgleich für Energie- und Inflationskosten, aber nicht die Apotheken? (Foto: Alex Schelbert) 

Herr Lauterbach, warum bekommen nur Arztpraxen einen Ausgleich für Energie- und Inflationskosten, aber nicht die Apotheken? (Foto: Alex Schelbert) 


7. Oktober 2022

Festbeträge für Arzneimittel, Preismoratorium, ein 6-prozentiger Herstellerabschlag und ein 10-prozentiger Generikaabschlag, Rabattverträge und ein auszuhandelnder GKV-Erstattungsbetrag für innovative Arzneimittel  – der Katalog der Kostendämpfungsinstrumente, mit dem die Regierung bereits seit Jahren versucht, preis- und kostensenkend in den GKV-Arzneimittelmarkt einzugreifen, hat es in sich. Immerhin, das eine oder andere Instrument hat in der Tat seine Wirkung nicht verfehlt und Arzneimittelpreise und -kosten drastisch gedrückt – man denke da nur an die im Jahr 2003 eingeführten Rabattverträge, die den Krankenkassen jährlich zu Milliardeneinsparungen verhelfen. Doch alle diese Instrumente haben auch Nebenwirkungen auf den Arzneimittelmarkt und untereinander Wechselwirkungen. So haben Festbeträge und Rabattverträge mit dazu beigetragen, dass viele Arzneistoffe aus Kostengründen nicht mehr in Europa hergestellt werden, sondern vor allem in China und Indien, mit den Folgewirkungen von Lieferschwierigkeiten und Lieferengpässen. Beispiel Paracetamol: Die Versorgungssituation bei Fiebersäften für Kinder ist äußerst angespannt, die Versorgung nicht mehr gesichert. Mitte August hatte sogar der GKV-Spitzenverband ein Einsehen und schlug vor, die Festbeträge für Paracetamol in oralen Darreichungsformen anzuheben: für Tabletten, 500 mg, von 1,50 auf 3,47 Euro. Das kommt zunächst als ordentliche Erhöhung daher. Aber bei genauerem Hinsehen profitieren die Säfte kaum von dieser Anhebung des Festbetrags, wie Apotheker Lutz Boden vom Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller (BAH) in einem DAZ.online-Interview erklärt: Denn diese Erhöhung trifft so nicht für die Paracetamol-Säfte zu. Bei diesen kommen aufgrund einer eigenwilligen und komplizierten Festpreissystematik nur ein Betrag von 7 Cent an (von 1,36 auf 1,43 Euro), um die der Abgabepreis des pharmazeutischen Unternehmers erhöht werden soll. Mein liebes Tagebuch, glaubt da im Ernst irgendeiner vom GKV-Spitzenverband, dass man mit 7 Cent mehr pro Saft die seit Jahren anhaltenden Kostensteigerungen im Zulieferbereich und die mittlerweile 10-prozentige Inflation kompensieren kann? Das wird und das kann keinen Hersteller in die Lage versetzen oder gar motivieren, in Kürze wieder Paracetamol-Fiebersäfte am laufenden Band in Europa zu produzieren. Oder wie Lutz Boden sagt: „Mit 7 Cent holt man keine Produktion zurück nach Europa.“ Im Interview erklärt er zudem die Mechanismen, wie sich die verschiedenen Preisdämpfungsinstrumente gegenseitig beeinflussen. Preismoratorium und Festbeträge machen nämlich eine Anpassung der Abgabepreise praktisch unmöglich, während auf der anderen Seite die Wirkstoff- und Verpackungskosten seit Jahren steigen. Mein liebes Tagebuch, da wundert es nicht, wenn in Europa keine Arzneimittelproduktion mehr möglich ist. Lutz Boden geht sogar noch einen Schritt weiter: So geht er nicht davon aus, „dass es wirklich zielführend ist, grundsätzlich die Industrie zurückzuholen. Es muss vielmehr darum gehen, diejenigen Arzneimittelhersteller zu unterstützen, die nach wie vor hierzulande produzieren oder es zukünftig vorhaben“. Mein liebes Tagebuch, ein überlegenswerter Ansatz, zumal wir das Rad der Globalisierung nicht mehr zurückdrehen können. Auch Europa, auch Deutschland wird Stoffe und Produkte importieren müssen, die wir hier gar nicht herstellen können. Darüber hinaus wäre es vielleicht eine Aufgabe der Politik, das Geflecht von Preisdämpfungsmaßnahmen zu entwirren …



Peter Ditzel (diz), Apotheker / Herausgeber DAZ
redaktion@deutsche-apotheker-zeitung.de


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10 Kommentare

Echt jetzt…

von gabriela aures am 09.10.2022 um 14:50 Uhr

…der erhöhte Kassenabschlag kommt tatsächlich ?

Versteh‘ ich nicht - GRO war sich doch so sicher, daß KL damit nicht durchkommt !

Wie konnte sie denn so an der Realität vorbei schwurbeln ?

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Streichorgie oder Fass ohne Boden

von Karl Friedrich Müller am 09.10.2022 um 14:30 Uhr

Laut PZ kommen immer mehr kreative Ideen, wie das Einkommen der Apotheken zu beschneiden sei. Da scheint ja ein richtiger Wettbewerb zu entstehen.

Höherer Kassenrabatt
Entfall der Vergütung des Botendienstes
3% Deckelung nun bei 30€ (Was spart da die Kasse im Vergleich zum Preis? Gaga)
Senkung des Fixhonorars auf 5,84€
Noch höherer Kassenrabatt wg Streichung der Importklausel
Hunderte von Millionen sollen zu Lasten der Apotheken gespart werden. Im Grund geht es doch um die komplette Streichung der Vergütung. Eher machen die nicht halt. Was für ein Wahnsinn spielt sich in den Köpfen der GKV und Politik ab?
Wir MÜSSEN uns wehren und bemerkbar machen. Entweder wir schließen mal für einen Tag oder für immer!

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Mein liebes Tagebuch

von Bernd Haase am 09.10.2022 um 10:45 Uhr

Liebe ADEXA,
Worte alleine helfen hier nicht weiter, deshalb hier noch einmal der offene Aufruf an Sie. Bitte nehmen Sie den Kampf auf.

» Auf diesen Kommentar antworten | 2 Antworten

AW: Mein liebes Tagebuch

von Michael Reinhold am 09.10.2022 um 23:00 Uhr

Herr Haase, es hat Ihnen letzte Woche schon ein Kollege formuliert: Der Satzungszweck der ADEXA ist es nicht, dafür zu sorgen, dass die Inhaber mehr Geld verdienen.
Die ADEXA ist für ihre zahlenden angestellten Mitglieder da - beispielsweise in Fällen von Streitigkeiten mit den Arbeitgebern bzw. für die Aushandelung des Tariflohns mit dem ADA.

Sie selbst sind als Selbstständiger kein Mitglied, welches Mitgliedsbeiträge überweist. Demzufolge haben Sie auch kein Anrecht auf Unterstützung.

Sie sind mit Ihrem Anliegen bei Organisationen richtig, denen sie Mitgliedsbeiträge überweisen. Das dürfte in ihrem Fall die zuständige Kammer, der zuständige Apothekerverband und vielleicht auch die "Freie Apothekerschaft" sein. Sogar der ADA ist für sie ein besserer Ansprechpartner als die ADEXA. Bitte wenden Sie sich mit Ihrem Anliegen dorthin.

AW: Adexa falsch ? Nein

von ratatoske am 10.10.2022 um 11:11 Uhr

Hier hat jemand etwas noch nicht verstanden ! Karl bedroht alle in der Apotheke, Adexa ist ebenfalls tot, wenn es einfach nichts mehr zu verteilen gibt und es gibt mehr Angestellte als Inhaber-innen. Deshalb ist es in dieser dramatischen Situation richtig auch alle für den Kampf gegen einen irrelaufenden Karl zu aktivieren, denn Sachargumente sind diesem ja fremd. Praxen leiden unter Energiekosten - aber Apotheken können weiterhin benachteiligt werden. Die SPD hat hier leider eine lange Tradition hier sich als Todfeind zu profilieren, warum auch immer.

Totalversagen der ABDA

von Linda F. am 09.10.2022 um 9:31 Uhr

Die schreckliche Standespolitik der ABDA hat uns in eine existenzbedrohende Lage gebracht! Die Bundesregierung plant neben der Erhöhung des Kassenabschlags mit dem Honorardeckel schon die nächste einschneidende Maßnahme gegen die Apotheken vor Ort. Jede dieser Maßnahmen für sich - aber insbesondere beide zusammen - bedeuten den Todesstoß für tausende Apotheken vor Ort!

Die ABDA hat zunächst falsch (Fokus auf pDL statt Erhöhung des Basishonorars), dann viel zu spät (lange Zeit und bis heute kein wirklich konkreter Vorschlag zur Erhöhung und Dynamisierung der Packungspauschale) und nun viel zu zurückhaltend reagiert (Briefe, die bei der Politik nichts bewirken werden statt Streikandrohung).
Wir brauchen starke Maßnahmen gegen diese Politik der Apothekenvernichtung und müssen der Bundesregierung unmissverständlich klar machen, dass wir diese Kürzungen nicht hinnehmen werden und können. Die ABDA muss dies dringend, federführend und entschieden in die Hand nehmen. Ansonsten muss der ABDA-Vorstand zum Wohle unseres gesamten Berufsstandes sofort zurücktreten!

» Auf diesen Kommentar antworten | 1 Antwort

AW: Totalversagen der ABDA

von Ulrich Ströh am 09.10.2022 um 10:26 Uhr

Treffend analysiert!

Insbesondere die aktuelle Briefaktion der ABDA mit vorgefertigten Formulierungen wird zeitnah in den Papierkörben der Politiker landen.

War schon zu Zeiten von Stürzbecher und Keller so……

Wir werden nie wieder irgend etwas durchsetzen können

von Dr. Radman am 09.10.2022 um 8:55 Uhr

Wenn diese Erhöhung des Kassenabschlags, nach dem wir uns in der Pandemie den A... aufgerissen haben durchgeht, ohne dass wir den Rahmenvertrag o. ä. aussetzen, dann werden wir NIE wieder irgend etwas durchsetzen können. Das muss für unsere Funktionäre klar sein.

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.

von Anita Peter am 09.10.2022 um 8:35 Uhr

Wenn die ABDA Sprüche wie "Der erhöhte Kassenabschlag ist zu verkraften", "Ein erhöhtes Honorar ist kontraproduktiv", "Kaufen sie sich keine Bude" etc etc raushaut ist eines völlig klar -> Die ABDA möchte die Apothekenzahl auf unter 10.000 Vor Ort Apotheken drücken. Einen anderen Schluss lässt das Verhalten der ABDA der letzten 10-20 Jahre nicht zu.

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

Allgemeiner Untergang

von Conny am 09.10.2022 um 8:04 Uhr

Die Apotheken haben zusätzlich ein Kern Problem

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