Mein liebes Tagebuch

17.01.2021, 07:30 Uhr

Sieht alles nicht gut aus: Virus-Mutanten, Lockdown-Verschärfung, Impfstoffmangel, Maskenverteilung... (Foto: Alex Schelbert)

Sieht alles nicht gut aus: Virus-Mutanten, Lockdown-Verschärfung, Impfstoffmangel, Maskenverteilung... (Foto: Alex Schelbert)


15. Januar 2021

In der Bundestagsfraktion der Grünen und im Gesundheitsausschuss des Bundestags gibt es Veränderungen: Janosch Dahmen, ausgebildeter Unfallchirurg, ist im November ins Parlament gerückt und übernimmt von Kordula Schulz-Asche, der pflegepolitischen Sprecherin der Grünen, die Apothekenthemen. DAZ.online hat mit beiden gesprochen, auch um zu erfahren, wie der Neue über die Apotheken denkt. Mein liebes Tagebuch, was wir von ihm lesen, klingt sachverständig und gut. Als Arzt, der Teile seines Studiums in San Diego, USA, absolvierte, habe er erlebt, dass Apotheker:innen in der Klinik selbstverständlich bei pharmakologischen Visiten dabei waren – was ihn als angehenden Arzt sehr beeindruckte und entlastet habe, „denn“, so Dahmen, „auch unter erfahrenen Kolleg:innen ist eine Pharmakotherapie oft ein Blindflug“. Ja, mein liebes Tagebuch, solche Erfahrungen jüngerer Ärzt:innen lassen hoffen, dass sie den Nutzen der Zusammenarbeit der beiden Heilberufe Arzt und Apotheker erkennen und schätzen. So wundert es nicht, wenn Dahmen auch ARMIN, das Arzneimittelprojekt von Sachsen und Thüringen, positiv sieht. Auch Schulz-Asche sagt im Interview: „Es ist an der Zeit, dass Berufe, die so zentral sind für eine gute Patientenbetreuung, auf Augenhöhe zusammenarbeiten.“ Was die Rahmenbedingungen angeht, kann sich Dahmen sogar vorstellen, das Mehrbesitzverbot zu lockern an Orten, an denen sich niemand findet, eine Apotheke zu betreiben. Apothekenketten lehnt er allerdings ab, deutschlandweite Ketten seien nicht das Ziel. Mein liebes Tagebuch, der Wunsch nach einer Lockerung des Mehrbesitzverbots geistert immer wieder mal durch die Szene. Klar, man kann über alles nachdenken, aber wo soll dann Schluss sein? Bei acht oder zehn oder zwanzig Apotheken oder gar noch mehr? Und was ist das anderes als eine Kette? Und wächst dadurch nicht die Gefahr, die in Richtung echter Kette und Fremdbesitz geht – was wir wirklich nicht wollen können. 
Schulz-Asche jedenfalls weiß: „DocMorris als Alleinversorger wäre der Horror.“ Und sie wünscht sich auch, dass sich Apotheker nicht länger so klein machen. Da kann ich ihr nur zustimmen.

 

Apropos Corona-Tests: Die Corona-Testverordnung wurde überarbeitet, es soll noch umfassender und einfacher auf SARS-CoV-2 getestet werden, auch symptomfreie Personen. Und, hört, hört, die Apotheken sollen auch ganz offiziell in die Tests mit eingebunden werden: Der öffentliche Gesundheitsdienst soll künftig Apotheken mit Point-of-Care-Tests beauftragen können – natürlich ganz freiwillig, kein Apothekenleiter wird gezwungen werden, Tests in seiner Apotheke anbieten zu müssen. Klingt erstmal gut, mein liebes Tagebuch, leider aber nur auf den ersten Blick. Der Pferdefuß liegt in der Vergütung: Apotheken sollen für die Durchführung der Tests nämlich nur 9 Euro bekommen, während die Ärzte für die gleiche Leistung 15 Euro abrechnen dürfen. Im Verordnungsentwurf standen sogar nur 5 Euro als Vergütung, woraufhin die ABDA intervenierte: Dafür habe man kein Verständnis, die unterschiedliche Vergütung für Arzt und Apotheker sei „nicht nachvollziehbar“, protestierte unsere Berufsvertretung zu Recht. Denn worin sollte der Unterschied auch liegen, wenn eine vergleichbare Leistung von einem Arzt oder von einem Apotheker erbracht wird? Leider wurde der Einwand der ABDA beim Bundesgesundheitsministerium (BMG) nur ein bisschen erhört: Das BMG besserte auf 9 Euro nach. Nun, ja, mein liebes Tagebuch, immerhin eine kleine Anpassung, aber die Welt ist einfach ungerecht. Unabhängig vom Honorar für die Testdurchführung können Apotheken dann noch zusätzlich bis zu 9 Euro für ihre Beschaffungskosten abrechnen. Also, am Montag tritt die Verordnung in Kraft, es darf, es soll getestet werden.

 

Und wenn wir schon bei den Corona-Tests sind, die in Deutschland seit Dezember in Apotheken durchgeführt werden dürfen: In Großbritannien dürfen nun auch Apotheken sogar Impfungen gegen COVID-19 anbieten – das Impftempo soll so erhöht werden. Mein liebes Tagebuch, wäre das angesichts des schleppenden Impfverlaufs nicht auch eine Option für Deutschland? Allerdings müsste dann der Impfstoff in ausreichender Menge zur Verfügung stehen und da klemmt es derzeit noch: Pfizer/Biontech teilte mit, die für die nächsten Wochen der EU zugesagten COVID-19-Impfstoffmengen nicht liefern zu können. Wenn der Wurm drin ist…



Peter Ditzel (diz), Apotheker
Herausgeber DAZ / AZ

redaktion@deutsche-apotheker-zeitung.de


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4 Kommentare

Ramsch

von Karl Friedrich Müller am 18.01.2021 um 10:23 Uhr

In der DAZ: "Marketingempfehlungen" von einem Apotheker "Coach" "Trainer"....
aber ohne Ahnung von den Grundrechenarten und Betriebswirtschaft?
So soll die Apotheke zur "Erhöhung" der Frequenz sich in OTC und Freiwahl an den Preisen der Versender anlehnen mit Artikeln, die schon gut bekannt sind. Topseller!
Mal angesehen, wie die Preise sind? Weit unter einem Ek, der von einer Apotheke zu erzielen ist?
Dafür auch noch teure Flyer und Angebote schalten?
Bei Verkauf von "teuren" Artikeln wie Gingko sei der "Ertrag" höher. Ich lach mich tot- auch da negativ.
Im OTC sei nur ein Ertrag von 4 € zu erzielen (was unter den Vorausetzungen natürlich nicht stimmt), der ja viel niedriger wäre als ein Rezept, dass 10€ generieren würde.
Die Apotheke soll also auf das Zubrot verzichten, den Ertrag aus einem Zusatzverkauf, das Rezept soll OTC subventionieren?
Die Mitarbeiter sollen zum Verlust machen teure Arbeitszeit vergeuden?
Ach, dazu noch Giveaways?
Botengänge?
Gehts eigentlich noch?
Das ist der betriebliche OVERKILL!
Und da wundert man sich über die Maskenorgien? Wenn so ein Blödsinn empfohlen wird?
Die Versender kann man vergessen. Wer dort einkauft, ist weg. Also könnte man auch die empfohlenen Preise nehmen, zumindest einen FAIREN Preis, der dem Kunden entgegenkommt und der Apotheke einen Gewinn lässt.

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Ramschladen ? Warum?

von Reinhard Rodiger am 17.01.2021 um 17:49 Uhr

...rückt seine Apotheke in die Nähe eines Ramschladens, in dem allein der Preis zählt.“

Die Option Ramschladen ist die Folge der Kommerzialisierung des Gesundheitswesens.Das ist die Staatsdoktrin seit Rot-Grün. Entzug der Existenzgrundlage führt zu Fehlnutzung der Ressourcen.Der oben genannte Satz von Herrn Seyfahrt zeigt das Grundmissverständnis.Der Preis ist das massgebende Prinzip für den Regisseur des Gesundheitswesens, die Krankenkassen.Die zu Erfüllungsgehilfen dieser Institution degradierten Apotheken müssen sich danach richten.Sie sind gegen die Zechprellerei(=unberechtigtes Retaxieren) der KK wehrlos genauso wie gegen die Bevorzugung kapitalgesteuerter Unternehmen.Der Staat fördert die Erpressungsfunktion der KK und unterminiert die finanzielle Leistungsfähigkeit.Dagegen wird die Kraft des Marktes gesetzt.
Und die findet ihren Ausdruck in dem, was auch in Ramschgeschäft münden kann.Bemerkenswert ist, dass gesenkte Preise in allen Branchen das häufigste Mittel sind.
Und das scheint erfolgreich zu sein.Zumindest im Gefühl der Kunden.Was Wunder, sich daran zu orientieren.Schliesslich ist die Kundenfrequenz erfolgsentscheidend gemacht worden.Nur Grösse zählt.

Da hilft es nicht, das zu beklagen und die eigenen Leute zu geisseln.Es ist das Prozessergebnis einer verfehlten Politik, die dazu zwingt all das zu machen, was das Überleben nach dem angestrebten Prinzip zu ermöglichen scheint.

Ich möchte erleben, dass nicht nur die primäre Geisselung der eigenen Leute der Ersatz für eine Offenlegung der zugrundeliegenden Mechanismen ist. "Unter Wert anbiedern" oder systemisch unterfinanzierte Leistungsangebote sind die denkbar schlechtesten Mittel, das zu erreichen.

Neues Denken ist notwendig, um die negativen Effekte der Kommerzialisierung zu Lasten der Werte abbauen zu können.Das gilt besonders für den Werteschredder Digitalwirtschaft, der die Ramschladenoption perfektioniert.

Also Ramschladen ist in erster Linie Prozessergebnis der Politik und des unwidersprochenen Machtmissbrauchs der Krankenkassen. Das gilt es transparent zu machen.Sonst bleibt nur die Selbstbeschuldigung haften.Und das ist extrem gefährlich.

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AW: Ramschladen ? Warum ... immer noch, noch mehr, ginge es auch anders? ?

von Christian Timme am 18.01.2021 um 7:00 Uhr

Eine Aufgabe für ... es will der Tastatur nicht gelingen diese Buchstaben "erscheinen" zu lassen. Oder warten wir nur auf den Zeitpunkt ... Corona, das waren Zeiten?.

9 Euro für die Apotheker...

von Michael Reinhold am 17.01.2021 um 9:37 Uhr

Zu den Antigentests: 15 Euro für die Ärzte, 9 Euro für die Apotheker.
Das ist jetzt einfach ziemlich konsequent vom Gesundheitsministerium. Dabei handelt es sich um den Gegenwert der sechs Masken bzw. des Einkaufsgutscheins von 5 Euro, den einige Kollegen hier als Marketingaktion dem Kunden sowieso geben würden und die es daher für die Apotheker nicht braucht.

Dafür dürfen wir Apothekers uns bei unseren Kollegen bedanken, die dieses Geld dem Kunden sowieso nur hinterherwerfen würden.

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

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