E-Rezept-Modellprojekt

GERDA startet mit knapp 50 Apotheken

Stuttgart - 07.11.2019, 13:45 Uhr

Tatjana Zambo, Vizepräsidentin des LAV Baden-Württemberg, Sozialminister Manne Lucha (Grüne) und Kammerpräsident Dr. Günther Hanke stellten am heutigen Donnerstag in Stuttgart das E-Rezept-Modellprojekt GERDA vor. (c / Foto: eda)

Tatjana Zambo, Vizepräsidentin des LAV Baden-Württemberg, Sozialminister Manne Lucha (Grüne) und Kammerpräsident Dr. Günther Hanke stellten am heutigen Donnerstag in Stuttgart das E-Rezept-Modellprojekt GERDA vor. (c / Foto: eda)


Mit einer Pressekonferenz haben Kammer und Verband der Apotheker in Baden-Württemberg heute öffentlichkeitswirksam auf ihr E-Rezept-Modellprojekt hingewiesen, das vor wenigen Tagen in Stuttgart und im Landkreis Tuttlingen gestartet ist. Mit dabei waren die Ärzte, die von der Kassenärztlichen Vereinigung vertreten werden, und das Sozialministerium, das die Initiative mit rund einer Million Euro unterstützt. GERDA – so das Akronym für das Projekt – könnte als Blaupause für das bundesweite E-Rezept dienen. Doch es gibt kleinere Startschwierigkeiten, die mit den Apotheken-Softwarehäusern verbunden sind.

In Baden-Württemberg haben die Landesapothekerkammer, der Landesapothekerverband, Sozial- und Gesundheitsminister Manne Lucha (Grüne) sowie die Kassenärztliche Vereinigung am heutigen Donnerstag das E-Rezept-Modellprojekt GERDA offiziell vorgestellt. Das Sozialministerium unterstützt die Initiative, u.a. mit einer Finanzspritze von rund einer Million Euro. Die Entstehungsgeschichte des Projektes beginnt im August 2016: Damals hatte die Ärztekammer im Land als bundesweit erste Ärztekammer das Fernbehandlungsverbot für Mediziner aufgehoben. Später folgte ein entsprechender Beschluss auch auf dem Deutschen Ärztetag. Seitdem dürfen Patienten im Rahmen von telemedizinischen Sprechstunden Kontakt zu einem Arzt aufnehmen. Rund 40 Ärzte in Baden-Württemberg bieten seit 2018 Online-Sprechstunden über das von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) betriebene Portal „docdirekt“ an – alles auf Grundlage eines Modellprojektes, in der diese neuartige Versorgungsform erprobt wird.

Weil Ärzte im Rahmen einer Sprechstunde auch Verordnungen ausstellen müssen, war für die Projektverantwortlichen schnell klar: Telemedizin ohne elektronisches Rezept kann nicht funktionieren. Und so wurden ganz schnell Kammer und Verband der Apotheker in Baden-Württemberg mit ins Boot geholt. Der „Super-GAU“ wäre gewesen, so Kammergeschäftsführer Karsten Diers vor wenigen Wochen auf einer Informationsveranstaltung, wenn sich E-Rezept-Plattformen durchgesetzt hätten, von denen die Apotheken die Verordnungen für die Patienten kostenpflichtig herunterladen hätten müssen. „Dann hätten wir ab nächstes Jahr einen Wettbewerb um Downloadpreise.“ Von Anfang an ging es der Standesorganisation darum, ein diskriminierungsfreies System auf die Beine zu stellen, an dem sich alle Leistungserbringer und Patienten beteiligen können.

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Daraus ist der „Geschützte E-Rezept-Dienst der Apotheker“ – kurz GERDA – entstanden, der den (gesetzlich versicherten) Patienten ermöglicht, ihre digitalen Verordnungen aus der Online-Sprechstunde in einer örtlichen Apotheke ihrer Wahl einzulösen. In der Startphase dieses Modellprojekts sind die E-Rezepte an das telemedizinische Projekt „docdirekt“ (das technisch vom IT-Dienstleister Teleclinic entwickelt wurde) der baden-württembergischen Ärzteschaft gekoppelt. Die digitalen Verordnungen können bereits seit dem 1. November in Apotheken im Stadtgebiet Stuttgart und Landkreis Tuttlingen eingelöst werden, die dann die benötigten Arzneimittel bereitstellen – beispielsweise auch im Rahmen eines Botendienstes. In einer späteren Phase, so der Plan, soll das Modellprojekt aber in ganz Baden-Württemberg ausgerollt werden.

CGM Lauer-Kunden können gar nicht teilnehmen

Baden-Württembergs Sozialminister Manne Lucha (Grüne) eröffnete die heutige Landespressekonferenz in Stuttgart mit den Worten „Heute schreiben wir Geschichte“, relativierte jedoch, dass dieser Spruch etwas hochgegriffen sei, aber wenigstens im Kern stimme. Lucha bewertet die Digitalisierung, gerade im Gesundheitssystem, als historisch hochrelevant. Aktuell würden im Vergleich zur Entdeckung der Röntgenstrahlung und der Entwicklung von Antibiotika tiefgreifendere Spuren hinterlassen. Stets ginge es aber darum, das System aus Sicht der Patienten zu bewerten und empathisch und menschlich die Oberhand zu behalten. Laut einer Untersuchung der Bertelsmann Stiftung würde sich Deutschland auf Platz 17 von 18 bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen befinden. Das wolle man in Baden-Württemberg nicht so stehen lassen und daher bundesweit eine Vorreiterrolle einnehmen. „Der Bund hinkt hinterher und guckt auf Baden-Württemberg“, so Lucha wörtlich.

Das konkretisierte auch Dr. Günter Hanke, Präsident der Landesapothekerkammer: „Berlin schaut ganz genau auf GERDA.“ Hanke war am gestrigen Mittwoch Teilnehmer der Fachkonferenz zum Thema E-Rezept in Berlin, die vom Bundesverband der Arzneimittelhersteller (BAH) veranstaltet wurde. Dort hatte der neue Gematik-Chef Dr. Markus Leyck-Dieken die vielen E-Rezept-Projekte in Deutschland erwähnt und sich erstaunt gezeigt: „Uns hat es schon erstaunt, dass es insgesamt 52 Pilotprojekte gibt. Ein Beispiel von den AOKen: Die AOKen in Hessen, Bayern und Baden-Württemberg haben jeweils eigenständige Projekte. Vielleicht sollte der ein oder andere Modellbetreiber in eine Phase der Orientierung eintreten und innehalten und auch überlegen, ob es sich lohnt, weiter zu investieren.“ Das GERDA-Projekt in Baden-Württemberg sei ihm aber bestens bekannt. Er kündigte an, dass er sich das Vorhaben vor Ort anschauen wolle.

Hanke versicherte dem Sozialminister auf der heutigen Pressekonferenz, dass man die Fördermittel nicht aus dem Fenster rauswerfen werde. Im Gegenteil: Mit dem Geld habe man bisher mehr auf die Beine gestellt als eine Zur Rose-Gruppe mit den jüngst eingesammelten 163 Millionen Euro am Kapitalmarkt. Zukünftig können Patienten unter www.mein-e-rezept.de weiterführende Informationen von Kammer und Verband zum Thema E-Rezept finden.

Zambo: Software-Anbieter müssen noch für die Anbindung sorgen

Doch es knirscht noch etwas im GERDA-Getriebe. Tatjana Zambo, Vizepräsidentin des Landesapothekerverbandes, wies darauf hin, dass zwar alle Apotheken in Stuttgart und Tuttlingen den „Onboarding“-Prozess auf dem N-Ident-Portal durchlaufen hätten. Doch die jeweiligen Anbieter der Warenwirtschaftssoftware in den Apotheken müssten noch für die Anbindung sorgen. Aktuell seien nur zehn Apotheken in der Lage die elektronischen GERDA-Rezepte zu verarbeiten. In den nächsten Tagen würden weitere 36 Betriebsstätten in der Modellregion dazukommen – insgesamt gibt es fast 190 Apotheken in Stuttgart und Tuttlingen. 

Allerdings: Der Softwareanbieter CGM Lauer (ehemals: Lauer-Fischer) führt nach Informationen von DAZ.online ein eigenes E-Rezept-Modellprojekt durch und wird die betroffenen Apotheken nicht an GERDA teilnehmen lassen.



Dr. Armin Edalat, Apotheker, Chefredakteur DAZ
redaktion@deutsche-apotheker-zeitung.de


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