DAZ aktuell

In Berlin testen zehn Apotheken das E-Rezept

Mangelnde Unterstützung eines wichtigen Apothekensoftware-Anbieters

bro/eda | „Uns hat es schon erstaunt, dass es insgesamt 52 Pilotprojekte gibt“, sagte Gematik-Chef Dr. Markus Leyck-Dieken im Hinblick auf die Einführung des E-Rezeptes bei einer Fachkonferenz des Bundes­verbandes der Arzneimittelhersteller (BAH) letzte Woche (siehe S. 16: Macht mal langsam ..., Apotheker sind schon so weit, Arzt-Signatur ist ein Problem). Ob er in dieser Zahl bereits das von den Berliner Apothekern und dem Bundesgesundheitsministerium initiierte bzw. geförderte Modell­projekt beachtet hat, weiß man nicht genau. Fest steht: Nach GERDA in Baden-Württemberg steht in der Bundeshauptstadt nach Informa­tionen von DAZ.online nun der nächste wichtige Start kurz bevor.

Dass Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) einen Plan für die Digitalisierung des Gesundheitswesens hat und diesen auch konsequent verfolgt, dürfte nicht erst seit dem Digitale Versorgung-Gesetz (DVG) und den dazu gehörenden „Apps auf Rezept“ klar sein. Schon im vergangenen Jahr stieß Spahn ein Projekt an, das nun auch für die Apotheker eine große Bedeutung bekommen wird. Es geht um das Modellprojekt „Zukunftsregion digitale Gesundheit“, in das das Bundesgesundheitsministerium (BMG) Medienberichten zufolge 20 Millionen Euro investieren will.

Im Rahmen dieses Projektes will das BMG quasi vor der eigenen Haustür in Berlin einige wichtige digitale Gesundheitsanwendungen in der Praxis testen. Beteiligt werden sollen viele Versorgungsmodelle und -ideen – darunter auch das E-Rezept. Wie in der AZ 2019, Nr. 45, Seite 1, bereits berichtet, unterstützt Spahns Ministerium hierfür ein Vorhaben des Berliner Apotheker-Vereins. Die Berliner Apotheker haben gemeinsam mit der ABDA-Digitaltochter NGDA, die auch schon die Technik hinter dem GERDA-Projekt gebaut hat, eine technische Infrastruktur fürs E-Rezept geschaffen.

Startschuss steht unmittelbar bevor

Nach Informationen von DAZ.online steht der Start des Pilotprojektes unmittelbar bevor – also entweder in dieser oder in der kommenden Woche. Demnach sollen zunächst drei Arztpraxen die Möglichkeit bekommen, digital zu verordnen. Im unmittel­baren Umfeld dieser drei Praxen nehmen zudem zehn Apotheken an dem Projekt teil. Dem Vernehmen nach ist dies aber nur die erste Phase des Projektes. In einer zweiten Phase soll die Anzahl der teilnehmenden Ärzte und Apotheker deutlich in allen Berliner Bezirken erhöht werden – angepeilt ist dafür offenbar der Februar 2020. Letztlich ist in einer dritten Phase geplant, dass alle Ärzte und Apotheken an dem Vorhaben teilnehmen können.

Foto: Bojan – stock.adobe.com

Künftig digital – in Berlin steht der Start eines Modellprojektes kurz bevor, in dem elektronische Verordnungen zum Einsatz kommen werden.

CGM Lauer beteiligt sich nicht – weder in Berlin noch bei GERDA

Doch so wie beim baden-württember­gischen Schwestermodell GERDA, das seit Anfang November in Stuttgart und Tuttlingen ­bereits läuft, gibt es auch in Berlin – zumindest dem Vernehmen nach – ein paar Startprobleme. So soll es auch in der Hauptstadt Probleme bei der Anbindung der Apotheken-Software geben. Da die in Berlin verwendete E-Rezept-Struktur (dank der NGDA-Beteiligung) der GERDA-Technik ähnelt, sind die Schnittstellen den Software-Anbietern eigentlich schon bekannt. Doch problematisch ist hier wieder die mangelnde Unterstützung eines wichtigen Software-Anbieters, und es gibt damit noch eine Parallele zu Baden-Württemberg: Denn auch in Berlin können Apotheker, die ihre Software bei CGM Lauer beziehen, nicht teilnehmen. Denn der zur CompuGroup gehörende Konzern ermöglicht es seinen Kunden schlichtweg nicht. Zur Erklärung: CGM Lauer hatte gegenüber DAZ.online mitgeteilt, dass man nicht für jedes der 52 E-Rezept-Projekte eine Anbindung program­mieren könne und nun erst einmal die Spezifikationen der Gematik abwarten wolle, die bis zum 30. Juni 2020 für alle Marktteilnehmer verpflichtend veröffentlicht werden. Was das Berlin-Projekt betrifft, teilte eine Sprecherin des Konzerns mit: „Es ist korrekt, dass CGM Lauer nicht an diesem regionalen E-Rezept-Projekt in Berlin teilnimmt, da es sich nur um eines von aktuell 52 E-Rezept-Projekten handelt. Diese können natürlich nicht alle an Winapo angebunden werden.“ Man habe sich nicht ausdrücklich gegen ein oder mehrere Projekte entschieden, sondern vielmehr dafür, ­Ressourcen zum größtmöglichen Nutzen für die gesamte Kundschaft einzusetzen. Mit Blick auf die Aktivitäten der Gematik will CGM Lauer die weitere Entwicklung erst abwarten: „Die Spezifikationen für das E-Rezept werden von der Gematik im Jahr 2020 definiert. Hier wurden mehrere Konzepte der Industrie eingereicht. Sollte eines der 52 Modelprojekte in den kommenden Monaten weiterentwickelt werden, um den gesetzlichen Anforderungen zu genügen und in der Folge als bundesweites Konzept von der Gematik bestätigt werden, wird auch CGM Lauer dieses Konzept in Winapo selbstverständlich um­setzen.“

Foto: DAZ/Schelbert

CGM Lauer auf der Lauer – der Softwareanbieter beobachtet die Aktivitäten der Gematik genau. Sollte die Telematikinfrastruktur große Teile des GERDA-Konzeptes übernehmen, könnte es zu einer Anbindung der betroffenen Apotheken kommen.

Softwarehersteller müssen für Anbindung an GERDA sorgen

In Baden-Württemberg hatten in der vergangenen Woche die Landesapothekerkammer, der Landesapothekerverband, Sozial- und Gesundheitsminister Manne Lucha (Grüne) sowie die Kassenärztliche Vereinigung das E-Rezept-Modellprojekt GERDA offiziell vorgestellt (s. AZ 2019, Nr. 46, Seite 1).

Vonseiten der Apotheken hätten zwar alle Betriebsstätten in der Modell­region Stuttgart/Tuttlingen den „Onboarding“-Prozess auf dem N-Ident-Portal durchlaufen, doch die jeweiligen Anbieter der Warenwirtschaftssoftware waren auch nach dem offiziellen Startschuss noch dabei, für die Anbindung sorgen. Zum Zeitpunkt der Pressekonferenz waren nur zehn Apotheken in der Lage, die elektronischen GERDA-Rezepte zu verarbeiten. 36 weitere Betriebsstätten sollten in den Folgetagen dazukommen – ins­gesamt gibt es fast 190 Apotheken in Stuttgart und Tuttlingen.

Dem Vernehmen nach waren zum Start des Projektes nur die zum Noventi-Konzern gehörende Awinta und Pharmatechnik bereit gewesen. Auch die ADG, die zum Phoenix-Konzern gehört, nimmt teil. Ein Unternehmenssprecher bestätigte auf Anfrage: „Die ADG nimmt an dem Projekt teil und wird ihren Kunden die Teilnahme ermöglichen“.

Anders sieht es aber bei CGM Lauer (ehemals Lauer-Fischer) aus. Schon in den vergangenen Tagen war von den CGM-Lauer-Kunden aus der betroffenen Region immer wieder zu hören, dass ihnen eine Teilnahme nicht möglich sei. Dem Vernehmen nach haben sich mehrere interessierte Inhaber aus der Region bei CGM Lauer gemeldet – eine Umstellung des Winapo-Systems sei aber nicht möglich, so die Antwort des Konzerns. Man habe ein eigenes E-Rezept-Versorgungsmodell entworfen, das allerdings zu einem späteren Zeitpunkt starten soll.

Ein wichtiger Termin ist für CGM Lauer offenbar der Verkündungstermin der E-Rezept-Spezifikationen durch die Gematik am 30. Juni 2020. Gematik-Chef Dr. Markus Leyck-Dieken hatte in der vergangenen Woche daran erinnert, dass die Gematik das Grundgerüst für den E-Rezept-Transfer baue und den einzelnen Projektbetreibern Zurückhaltung empfohlen. Offenbar kann sich CGM Lauer vorstellen, die Apotheker an GERDA anzubinden, sollte die Gematik große Teile des GERDA-Konzeptes übernehmen.

LAV bedauert Zurückhaltung

Der Landesapothekerverband (LAV) in Baden-Württemberg findet das schade. Auf Seiten der Apotheker hätte man sich natürlich eine möglichst große Teilnehmerzahl gewünscht – einerseits, um das Projekt valide evaluieren zu können und andererseits auch aus politischen Gründen: Schließlich wollen die Apotheker, die in der Gematik an der Arbeit rund um das bundes­weite E-Rezept involviert sind, ein gut funktionierendes Vorbild präsentieren. „Da noch nicht aller Tage Abend ist, hoffen wir, dass die Systemhäuser, die sich noch nicht für GERDA entschieden haben, ihre Haltung überdenken und ihre Kunden hier bald möglichst technologisch unterstützen“, sagt Tatjana Zambo, Vizepräsidentin LAV Baden-Württemberg. |

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