Kommentierende Analyse

Monopolkommission: Wettbewerb als Allheilmittel

Süsel - 04.07.2018, 14:45 Uhr

Wieder einmal will die Monopolkommission den Apothekenmarkt zerpflücken. DAZ-Redakteur Dr. Thomas Müller-Bohn hat sich die Vorschläge genauer angeschaut und hat seine Gedanken dazu in einer kommentierenden Analyse aufgeschrieben. ( r / Foto: Imago)

Wieder einmal will die Monopolkommission den Apothekenmarkt zerpflücken. DAZ-Redakteur Dr. Thomas Müller-Bohn hat sich die Vorschläge genauer angeschaut und hat seine Gedanken dazu in einer kommentierenden Analyse aufgeschrieben. ( r / Foto: Imago)


Die Monopolkommission schlägt in ihrem am Dienstag veröffentlichten Gutachten eine Servicegebühr der Apotheken vor. Das soll das Ende der einheitlichen Preise für Arzneimittel sein. Eine kommentierende Analyse von DAZ-Redakteur Dr. Thomas Müller-Bohn stellt den Vorschlag und die Hintergründe vor.

Die Monopolkommission setzt sich in ihrem jüngsten Hauptgutachten erstaunlich intensiv mit den Apotheken auseinander und bleibt doch in ihrer Perspektive begrenzt. Der Titel des Gutachtens ist Programm. „Wettbewerb“ steht über dem Gutachten und aus dem Blickwinkel des Wettbewerbs werden die Apotheken gesehen. Die Gutachter erwähnen zwar auch heilberufliche Leistungen der Apotheker und zeigen sich sogar offen für neue Angebote des Medikationsmanagements. Doch sie thematisieren nicht die dadurch verbesserten Therapieerfolge oder die eingesparten Kosten für das Gesundheitswesen, sondern für sie geht es um eine möglichst preisgünstige Finanzierung aller Leistungen.

Pflicht- und Komfortleistungen

Als Allheilmittel dafür sehen die Gutachter den Wettbewerb. Ein zentraler Vorschlag des Gutachtens ist eine radikale Reform der Apothekenhonorierung. Dabei soll die eigene Handelsspanne für den Großhandel abgeschafft werden. Der Großhandel soll sich aus der Spanne der Apotheken finanzieren und dies mit den Apotheken aushandeln. Die Honorierung der Apotheken für verschreibungspflichtige Fertigarzneimittel soll in eine feste und eine variable Komponente geteilt werden. Die Gutachter erkennen die heilberuflichen Leistungen der Apotheker durchaus an, doch dafür soll ein Teil des bisherigen Zuschlags reichen. Die Kosten, die sich aus dem Standort und weiteren „Komfortmerkmalen“ wie kurzen Wartezeiten oder der „Apothekenzeitung“ ergeben, könne der Kunde dagegen selbst bewerten und auch honorieren. Aus Apothekersicht schmerzt dabei, wie wenig die Gutachter die vielen Details des Versorgungsauftrags beachten. Offenbar ist den Gutachtern nicht bewusst, was alles aus dem Festzuschlag finanziert wird.

Nach den Vorstellungen der Monopolkommission soll es aufgrund der Unterscheidung in Pflicht- und Komfortleistungen unterschiedliche „Rabatte“ auf Rx-Arzneimittel geben. So sollen die Patienten zwischen mehr Rabatt oder mehr „Komfort“ wählen können. Dafür soll die Arzneimittelzuzahlung der GKV in eine Servicegebühr der Apotheken umgewandelt werden. Die Höhe sollen die Apotheken frei wählen können, allerdings mit einer Obergrenze.

Alte Idee neu belebt

Damit reaktivieren die Gutachter eine Idee, die der mittlerweile emeritierte Essener Ökonomie-Professor Dieter Cassel schon 2006 propagiert hat. Damals sanken allerdings die Apothekenzahlen noch nicht und Apothekenkritiker griffen die Idee gerne auf - wohl mit dem Hintergedanken, so die angeblich zu hohe Apothekenzahl zu reduzieren. Mit sinkenden Apothekenzahlen wurde es stiller um den Vorschlag. Doch die Monopolkommission greift sowohl die Idee als auch die ursprüngliche Begründung von Cassel wieder auf. Nach den Vorstellungen dieser Ökonomen sollen Landapotheken an versorgungskritischen Standorten hohe Gebühren durchsetzen können, während in den Innenstädten der Wettbewerb zu geringen Gebühren führt. So möchten die Gutachter die ländliche Versorgung sichern.

„Tante Emma“-Läden funktionieren nicht

Doch dabei übersehen die Befürworter zwei fundamentale Folgeprobleme: Erstens wäre es zutiefst unsolidarisch, der Oma ohne Auto auf dem Land zu erklären, dass sie mehr für Arzneimittel bezahlen soll als junge mobile Großstadtbewohner. Und zweitens spricht jede empirische Erfahrung gegen diese Idee. Der Untergang dörflicher Geschäfte fast aller Branchen zeigt, dass diese Rechnung nicht aufgeht. Die meisten Patienten würden nur noch den dringendsten Bedarf in den etwas teureren Landapotheken kaufen. Doch von diesen seltenen Akutfällen allein kann keine Apotheke leben - und sei die Servicegebühr noch so hoch. Die Theoretiker sollten ihren Elfenbeinturm verlassen und auf einer Exkursion durch die Dörfer empirische Erfahrungen sammeln.

Tröstlich dabei bleibt jedoch ein Gedanke: Die Monopolkommission hat auch schon früher mehr Wettbewerb für Apotheken und das Ende der einheitlichen Arzneimittelpreise gefordert. Doch bisher hat die Bundesregierung dies stets zurückgewiesen.



Dr. Thomas Müller-Bohn (tmb), Apotheker und Dipl.-Kaufmann
redaktion@daz.online


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