Bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen

Pharmakotherapie der ADHS – das sagt die neue Leitlinie

Stuttgart - 25.06.2018, 14:25 Uhr

Mit der neuen Leitlinie gibt es nun einen Leitfaden der höchsten Evidenzstufe zur Behandlung der ADHS (Foto: Wolfram Steinberg / dpa)

Mit der neuen Leitlinie gibt es nun einen Leitfaden der höchsten Evidenzstufe zur Behandlung der ADHS (Foto: Wolfram Steinberg / dpa)


Vergangenen Freitag wurde die neue S3-Leitlinie „ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen“ vorgestellt. Nun wird schon bei mittelschwerer Ausprägung eine Pharmakotherapie als mögliche Alternative zur Psychoedukation empfohlen. Doch welche Substanzen sollen zum Einsatz kommen? Und was sagen die Experten zu Omega-3-Fettsäuren?

Mit der neuen S3-Leitlinie „ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen“ steht erstmalig ein Leitfaden der höchsten Evidenzstufe zur Behandlung der ADHS zur Verfügung.  Eine der wesentlichen Neuerungen: Künftig sollen auch für Kinder mit einer mittelschweren ADHS früh im Therapieverlauf Arzneimittel wie Ritalin erwogen werden. Bisher wurde eine unmittelbare Behandlung mit Medikamenten vorrangig für Kinder mit einer starken Ausprägung der psychischen Störung empfohlen. Eine medikamentöse Behandlung bei moderaten Formen solle jedoch abhängig von den Rahmenbedingungen und den Präferenzen der Familie eingesetzt werden, erklärt die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Gegenüber anderen internationalen evidenzbasierten Leitlinien, wie z.B. den NICE-Guidelines aus Großbritannien, sei in der deutschen Leitlinie der Verhaltenstherapie ein höherer Stellenwert eingeräumt. Gleichzeitig wird für die pharmakologische Behandlung, für welche die beste Evidenz und der stärkste Effekt hinsichtlich der Wirksamkeit existiert, ein im internationalen Vergleich zurückhaltender Einsatz empfohlen, heißt es.

Im Erwachsenenalter wird aufgrund der vorliegenden Evidenz bei leichten und moderaten Formen eine medikamentöse Therapie empfohlen – natürlich unter der Voraussetzung, dass der Patient das mitträgt. 

Grundsätzlich erachtet die Leitlinie die Stimulanzien Methylphenidat, Amfetamin und Lisdexamfetamin, sowie die Nicht-Stimulanzien Atomoxetin und Guanfacin als mögliche Optionen. Dabei sei jedoch der Zulassungsstatus zu beachten, heißt es. Weitere Kriterien, die bei der Auswahl eine Rolle spielen sollen, sind die erwünschte Wirkdauer und das zu erwartende Wirkprofil, die Nebenwirkungsprofile, Komorbiditäten, Missbrauchsgefahr, besondere Umstände (zum Beispiel die Gefahr einer Stigmatisierung durch Tabletteneinnahme in der Schule) und nicht zuletzt die Präferenz des Patienten beziehungsweise seiner Eltern.

Welcher Wirkstoff eignet sich für wen?

Für Patienten, die keine relevanten Komorbiditäten haben, empfehlen die Experten die initiale Behandlung mit Stimulanzien. Im Rahmen der Zulassung bewegt man sich aber derzeit nur mit Methylphenidat, weil die Amfetaminpräparate (Attentin, Elvanse) erst als Zweitlinentherapie nach einem initialen Therapieversuch mit Methylphenidat indiziert sind. Für Patienten, die zugleich unter Ticstörungen leiden, werden alternativ zu den Stimulanzien Atomoxetin und Guanfacin in Erwägung gezogen. Besteht eine komorbide Angststörung, wäre Atomoxetin ebenfalls eine Option, heißt es. Atomoxetin und Guanfacin eignen sich, neben langwirksamen Stimulanzien, ebenfalls für Patienten, bei denen Ärzte ein hohes Risiko für Substanzmissbrauch oder nicht bestimmungsgemäßen Gebrauch sehen.

Wenn mit einer Stimulanzien-Therapie trotz Aufdosierung bis zur maximal verträglichen Dosis kein ausreichender Effekt erzielt wird, rät die Leitlinie, das Präparat zu wechseln – und zwar auf ein anderes Stimulanz oder auf eines der beiden Nicht-Stimulanzien Atomoxetin und Guanfacin.

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Bei Patienten, die weder auf Methylphenidat und Dexamfetamin noch auf Guanfacin und Atomoxetin ansprechen oder bei denen diese Wirkstoffe nicht-tolerierbare Nebenwirkungen hervorrufen, ist auch eine Kombination verschiedener Wirkstoffe eine Möglichkeit, die in Erwägung gezogen werden kann.

Existieren mehrere Optionen, die therapeutisch als gleichwertig einzustufen sind, mahnt die Leitlinie zur Kostendisziplin: Verordner sollten sich dann für die günstigere Variante entscheiden.

Die Leitlinie führt auch Gründe an, aus denen, wenn sich Stimulanzien grundsätzliche eignen, langwirksame Präparate erwogen werden sollten:

  • größere Benutzerfreundlichkeit, einschließlich vereinfachte Einnahme
  • bessere Adhärenz
  • Vermeidung einer möglichen Stigmatisierung, weil zum Beispiel die Einnahme in der Schule wegfällt

Gibt es eine Empfehlung für Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren?

Dabei gelte es aber, die unterschiedlichen pharmakokinetischen Eigenschaften der jeweiligen Präparate zu berücksichtigen, heißt es, und dann die Auswahl in Abhängigkeit an die Anforderungen im Tagesablauf zu treffen. Für unretadierte Präparate sprechen laut Leitlinie die Möglichkeit einer genaueren Dosisanpassung in der Titrationsphase sowie eine höhere Flexibilität im Dosierungsschema, so sie denn erforderlich ist. Alle sechs Monate soll überprüft werden, ob eine weitere Gabe der Medikation angebracht ist. Auch unerwünschte Wirkungen sollten hier dokumentiert und berücksichtigt werden. Einmal im Jahr rät die Leitlinie, die Medikation sogar zu pausieren, um festzustellen, ob weiterhin eine Indikation besteht. 

Keine Empfehlung gibt es für eine Supplementation mit Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren. Wörtlich heißt es: „Entgegen bisheriger Befunde, welche auf einen positiven aber quantitativ geringen Effekt einer Gabe von Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren zur Behandlung der ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen hindeuteten, kann nach heutigem Stand der Erkenntnis (Nice 2016) keine Empfehlung für eine Nahrungsergänzung mit diesen Substanzen abgegeben werden.“

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Kein Cannabis, keine Antipsychotika

Explizit nicht empfohlen wird der Einsatz von Cannabis. Antipsychotika können lediglich im Hinblick auf gewisse Komorbididäten indiziert sein. Bei ADHS ohne assoziierte Störungen sollen sie nicht zum Einsatz kommen. Der Einsatz anderer Substanzen wie SSRI, Modafinil, Selegilin und Buproprion ist auf Basis der vorliegenden Evidenz derzeit nicht möglich, heißt es.



Julia Borsch, Apothekerin, Chefredakteurin DAZ.online
jborsch@daz.online


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6 Kommentare

Medikation AD(H)S

von St SRO am 31.08.2018 um 10:28 Uhr

Ich kann mich "Christian Steiner" nur anschließen.
Die Ignoranz und Arroganz, mit der nicht Betroffene über die Behandlung von AD(H)S urteilen ist unerträglich.

Als lebenslang unerkannter 45-er habe ich erst nach einem „Burnout“ mit bleibendem Nervenleiden die Diagnose bekommen.

Der „Burnout“ war die Folge der unbewussten Selbsttherapie, des sich aufgrund hoher Intelligenz einstellenden beruflichen Erfolges und der zunehmenden Überlastung durch positiven Stress.

Rechtzeitige Diagnose und Medikation des AD(H)S hätten mir in meinem Leben viel Leid, Selbstzweifel und nun die Nervenschmerzen erspart.

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Einser - Abitur mit gut eingestelltem /r ADHS

von Isabel Girau am 17.08.2018 um 15:37 Uhr

Vielen Dank für diesen mutigen Kommentar!

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

Wer nur einen Hammer hat, für den ist alles ein Nagel.

von Peter Becker am 26.06.2018 um 13:29 Uhr

Bevor gleich der Drogenhammer benutzt wird, sollen die Ärzte erst mal zuverlässige Diagnosen stellen. In meine Praxis kam ein junger Mann, der 10 Jahre wegen ADHS unter Droge gesetzt war, in Wirklichkeit hatte er auf Grund eines traumatischen Erlebnisses mit 5 Jahren eine Emotional instabile PS (F60.3). Aber der damalige Kindertherapeut hat einfach angenommen Kind+unbeherrscht=ADHS.
In anderen Fällen ist es nichts weiter als eine Folge des sich nicht ausleben dürfens. Darum hat eine von Psychologie Heute berichtete Studie mal ergeben, dass 1 Stunde spielen in freier Natur die gleiche Wirkung hat, wie eine Tablette Ritalin.
Sitzt hinter der neuen Regelung die Pharmaindustrie?

» Auf diesen Kommentar antworten | 2 Antworten

AW: Wer nur einen Hammer hat, für den ist

von jiselaah am 05.07.2018 um 10:33 Uhr

Im Umkehrschluss ist es so, dass viele Erwachsene wegen Depressionen, Borderline PS, Angststörungen behandelt werden, was alles nix bringt, da sie ADHS haben.
"Drogenhammer" - Einfach mal das Buch ADHS und Sucht im Erwachsenenalter (Sucht: Risiken - Formen - Interventionen) von Monika Ridinger lesen und den Forschungsstand zu MPH und Sucht angucken.
Dass im Walsd-Spielen bei richtigenm ADHS nix bringt konnten ebenfalls schon sehr viele Interventionsstudien zeigen.
Imer diese Verschwörungstheoretiker mit viel Meinung und wenig Ahnung.... Und so jemand darf Patienten behandeln.

AW: Wer nur einen Hammer hat, für den ist

von jiselaah am 05.07.2018 um 10:38 Uhr

abgesehen davon liegen die Zahlen der diagnostizierten Fälle in Deutschland UNTER der internationalen, kulturübergreifenden Prävalens von 5.7%. Gucken Sie RKI KiGGS-Erhebungen und Statement zu der Veröffentlichung der BEK.

Therapie bei ADHS ohne Medikation wirkunkslos

von Christian Steiner am 25.06.2018 um 18:30 Uhr

Als jemand, der selbst von ADHS betroffen ist, kann ich bestätigen, dass die medikamentöse Therapie bei ADHS das einzige ist, "was wirklich etwas bringt". Ohne die medikamentöse Therapie mit Methylphenidat (vom 9. Lebensjahr bis zum 30. Lebensjahr) wäre mir mein 1er-Abitur und der Abschluss meines Studiums niemals möglich gewesen. Das Bedauernswerte bei ADHS in Deutschland ist nach wie vor die Ignoranz, Arroganz und teils offene Ablehnung, mit denen einem man als mit ADHS Betroffenem von insbesondere Ärzten begegnet wird. Bei einem Geschlechterverhältnis von in Wahrheit 1:1 und bis zu 10% mit ADHS Betroffenen in der Gesamtbevölkerung in Deutschland und der Vernachlässigung dieses Themas insbesondere bei Mädchen und Frauen https://www.refinery29.de/2... ist bei ADHS bisher nur die Spitze des Eisbergs sichtbar und behandelt.

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