Arzneimittel und Therapie

Amphetamine für Erwachsene, Methylphenidat für Kinder

Altersgerechte ADHS-Therapie

Immer mehr Menschen erhalten die Diagnose ADHS. Doch die Effektivität und Sicherheit medikamentöser Therapien wird kontrovers diskutiert. Dies spiegelt sich auch in den unterschiedlichen Leitlinienempfehlungen verschiedener Länder ­wider. In einer umfassenden Netzwerk-Metaanalyse wurden die gängigen Arzneimittel nun hinsichtlich ihrer Wirksamkeit und Verträglichkeit untersucht.

Schätzungen zufolge sind weltweit 5% der unter 18-Jährigen und 2,5% der Erwachsenen von einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) betroffen. Sie sind für ihr Alter vergleichsweise unaufmerksam, hyperaktiv und/oder impulsiv. Nicht immer ist eine Pharmakotherapie notwendig. Kommt es jedoch zu psychischen und sozialen Beeinträchtigungen, sollte eine medikamentöse Behandlung erwogen werden. In Deutschland stehen Amphetamine, Methylphenidat, Guanfacin, und Atomoxetin zur Verfügung. Andere Wirkstoffe sind in der Indikation ADHS nicht zugelassen.

In einer Netzwerk-Metaanalyse wurde nun untersucht, inwiefern sich die Arzneimittel hinsichtlich Effektivität und Sicherheit bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen unterscheiden. Insgesamt wurden 133 Studien in die Analyse eingeschlossen. Daten von 10.068 Kindern und Jugendlichen sowie von 8131 Erwachsenen wurden bei der Bewertung der Wirksamkeit berücksichtigt. Sicherheitsdaten lagen für 11.018 Kinder und Jugendliche sowie 5362 Erwachsene vor. Untersucht wurden Amphetamine, Atomoxetin, Bupropion, Clonidin, Guanfacin, Methylphenidat und Modafinil.

Therapie bei ADHS

  • Amphetamine: Dexamfet­amin (Attentin®), Lisdexamfetamin (Elvanse®)
  • Methylphenidat (Concerta®, Equasym®, Kinecteen®, Medikinet®, Ritalin® etc.)
  • Guanfacin (Intuniv®)
  • Atomoxetin (Strattera®)

Unterschiede bei Wirksamkeit und Verträglichkeit

Die Analyse der Wirksamkeitsdaten bei Kindern und Jugendlichen ergab, dass nach zwölfwöchiger Therapie bei Bewertung der ADHS-Kernsymptomatik durch einen Arzt alle untersuchten Arzneistoffe einer Placebo-Therapie überlegen waren. Insgesamt war die Wirksamkeit (ebenso wie die Verträglichkeit) der medikamentösen Thera­pien bei den Erwachsenen zwar schlechter, doch auch hier waren alle zugelassenen Wirkstoffe effektiver als Placebo. Für Guanfacin lagen jedoch keine Daten vor. Unabhängig vom Alter erwiesen sich Amphetamine im Vergleich der Substanzen untereinander gegenüber Atomoxetin und Methylphenidat als wirksamer. Bei den Kindern und Jugendlichen zeigte sich zudem ein Vorteil für Amphetamine gegenüber Guanfacin und für Methylphenidat gegenüber Atomoxetin.

Cave: Gewichtsabnahme und Blutdruckanstieg

Betrachtet man die Sicherheit und Akzeptanz der Wirkstoffe ergibt sich ein noch differenzierteres Bild. So ergab die Analyse, dass Amphetamine von allen Altersgruppen schlechter vertragen wurden als Placebo. Bei Kindern und Jugendlichen schnitt zudem Guanfacin im Vergleich zu Placebo schlechter ab; bei den Erwachsenen auch Methylphenidat sowie Atomoxetin. Mit einer signifikant stärkeren Gewichtsabnahme als Placebo waren Amphetamine und Methylphenidat verbunden. Bei Kindern und Jugend­lichen war dies auch für Atomoxetin der Fall. Ein signifikant erhöhter systolischer Blutdruck wurde bei Kindern und Jugendlichen unter Amphetaminen und Atomoxetin im Vergleich zu Placebo festgestellt, bei Erwachsenen nur unter Methylphenidat. Im Hinblick auf die Akzeptanz der Wirkstoffe schnitt bei den Kindern und Jugend­lichen lediglich Methylphenidat besser ab als Placebo; bei den Erwachsenen erwiesen sich hingegen Amphetamine als günstiger.

In der Gesamtschau kommen die Autoren daher zu dem Schluss, dass bei Kindern und Jugendlichen in der Kurzzeittherapie Methylphenidat das Mittel der Wahl sein sollte. Bei Erwachsenen sollte Amphetaminen der Vorzug gegeben werden.

Mangel an Langzeitdaten

Im Rahmen der Metaanalyse sollten auch Daten zur Langzeitanwendung untersucht werden. Allerdings lieferten nur wenige Studien Ergebnisse nach 26 und 52 Wochen, sodass diesbezüglich keine Aussagen gemacht werden können. |

Quelle

Cortese S et al. Comparative efficacy and tolerability of medications for attention-deficit hyperactivity disorder in children, adolescents, and adults: a systematic review and network meta-analysis. Lancet Psychiatry 2018; doi:10.1016/S2215-0366(18)30269-4

Apothekerin Dr. Karin Schmiedel

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