Alkoholabhängigkeit

Medikamentöse Reduktion des Alkoholkonsums

Berlin - 19.08.2014, 17:18 Uhr


Alkoholprobleme machen vor keiner Bevölkerungsgruppe halt – vielmehr kommen sie in jeder Berufs- und Altersgruppe vor. Das Problem wird gerade zu Beginn häufig vom Betroffenen nicht wahrgenommen und auch der Gang zum Arzt erfolgt meist spät. Das Arzneimittel Selincro® (Wirkstoff: Nalmefen) der Firma Lundbeck zur Reduktion des Alkoholkonsums soll nun den Weg zur Abstinenztherapie ebnen. Anfang September kommt es auf den Markt.

Selincro® ist zugelassen zur Reduktion des Alkoholkonsums bei erwachsenen Alkoholabhängigen, deren Konsum sich auf einem hohen Risikoniveau befindet. Dies sind bei Männern täglich mehr als 60 Gramm Alkohol, bei Frauen mehr als 40 Gramm. Das Arzneimittel kann verschrieben werden, wenn keine körperlichen Entzugserscheinungen vorliegen und keine sofortige Entgiftung erforderlich ist. Zudem sollte der Patient kontinuierliche psychosoziale Unterstützung erhalten. Die medikamentöse Therapie soll dazu führen, dass sich Alkoholkranke einer Abstinenztherapie unterziehen.

Auf einer Pressekonferenz zur Markteinführung erklärte Dr. Petra Sandow, niedergelassene Ärztin, die an einer der Zulassungsstudien mitgewirkt hat, dass mit der Reduktionstherapie bei einem niedergelassenen Arzt ein niedrigschwelliger Zugang für Alkoholerkrankte geschaffen worden sei. Das ist offenbar sinnvoll, denn lediglich acht Prozent der insgesamt 1,8 Millionen Alkoholabhängigen in Deutschland werden laut Sandow behandelt. Angesichts der Zahlen machte die Ärztin deutlich, dass man zusätzliche Therapieoptionen wie Selincro® benötige, um den Alkoholkonsum bei Abhängigen zu senken, Folgeschäden zu vermeiden und Betroffene zu motivieren, die Abstinenz zu erreichen.

In den Phase III Studien an insgesamt knapp 2000 Patienten habe gezeigt werden können, dass sowohl die Trinkmenge als auch die Zahl der schweren Trinktage bei der Einnahme von Selincro® reduziert waren, erläuterte Prof. Dr. Falk Kiefer, Ärztlicher Direktor der Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin in Mannheim. In der Placebo-Gruppe fand ebenfalls eine Rückgang des Alkoholkonsums statt, wenn auch in geringerem Ausmaß. Somit spielt offenbar nicht nur die Motivation des Betroffenen, sondern auch die begleitende psychosoziale Unterstützung, die beide Gruppen erhielten, eine große Rolle. Daher sollte laut Fachinformation die Behandlung nur bei Patienten begonnen werden, deren Alkoholkonsum sich zwei Wochen nach einer initialen Erhebung weiterhin auf einem hohen Risikoniveau befindet.

Die Zulassung des Arzneimittels erfolgte im Februar vergangenen Jahres durch die Europäische Arzneimittelagentur. Durch einen entsprechenden Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses ist Selincro® unter bestimmten Bedingungen zulasten der Gesetzlichen Krankenversicherung verordnungsfähig.


Annette Lüdecke


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