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Pandemie Spezial

Dem Virus auf der Spur

Wie mit der neuen Corona-Warn-App die Verbreitung des Virus nachverfolgt werden soll

Seit vergangenen Dienstag steht die Corona-Warn-App zum Download bereit. Bereits letzte Woche hatte Jens Spahn auf einer Pressekonferenz die bevor­stehende Veröffentlichung bekannt gegeben.  | Von Lycien Jantos

Wie im April berichtet (DAZ 2020, Nr. 18, S. 17), war der Weg bis zur Entwicklung einer Tracing-App zur Kontaktrückverfolgung von mit SARS-CoV-2 infizierten Personen von einer breiten politischen und gesellschaftlichen Diskussion begleitet. Unter dem Eindruck der verordneten Corona-Schutzmaßnahmen und den massiven Auswirkungen auf das öffentliche und wirtschaftliche Leben avancierte die Idee einer Corona-App zum Allheilmittel auf dem Weg aus der Krise. Nicht zuletzt aus einer gewissen Hilfs- und Perspektivlosigkeit in Ermangelung greifbarer Lösungen, wie die eines Impfstoffs, rückte die Politik das Thema in den Mittelpunkt ihrer Maßnahmen. Es vergingen keine Pressekonferenzen und keine der unzähligen Talkshows, in denen nicht auf die Notwendigkeit der schnellen Entwicklung und Bereitstellung einer App verwiesen wurde. Gleichzeitig wurde regelmäßig Unverständnis geäußert, dass die App nicht längst fertig sei. Auch sparte die Politik nicht mit Kritik an den großen Technologiekonzernen Google und im Speziellen Apple, ohne deren Anpassungen am Betriebssystem iOS der Einsatz der Bluetooth-Schnittstelle zur Kontaktverfolgung nicht sinnvoll möglich war. Darüber hinaus knüpfen beide Unternehmen die Nutzung der neu entwickelten Software-Schnittstellen an die Bedingung, dass die App die gesammelten Kontaktdaten dezentral, also ausschließlich auf den Geräten der Benutzer, verwaltet (DAZ 2020, Nr. 17, S. 24).

Foto: imago images/epd

Nach der anfänglich sehr kontrovers geführten Diskussion und der finalen Entscheidung für ein dezentrales Konzept zur Kontaktdatenverwaltung in der App wurden von der Bundesregierung die Unternehmen SAP und die Deutsche Telekom mit der Entwicklung und dem Betrieb der App beauftragt. Es wurde seitens der Bundesregierung und der Hersteller der vielfachen Forderung entsprochen, die App sowie die benötigte Server-Software quelloffen (Open Source) und transparent zu entwickeln [1]. Dies ermöglichte in den vergangenen Wochen eine Begleitung des Projekts durch externe Entwickler und Sicherheitsforscher, deren Hinweise und Verbesserungsvorschläge von den Projektverantwortlichen konstruktiv aufgenommen wurden und aktiv in die Entwicklung eingeflossen sind. Die fachliche Entwicklung sowie die offene Kommunikation seitens der Projektgruppe ist von vielen Beobachtern, ob aus technischer Sicht oder aus Datenschutzperspektive, als positiv bewertet worden.

Testergebnisse direkt auf das Smartphone

Neben der Hauptfunktion der Kontaktrückverfolgung wurde in die App zusätzlich eine Schnittstelle zur Übermittlung von Corona-Testergebnissen eingebaut. Wenn sich ein App-Benutzer auf das Virus testen lässt, wird ihm im Rahmen der Probenentnahme ein QR-Code ausgehändigt, den er mit der App über die Kamera seines Telefons einscannen kann. Sobald die Untersuchung durch das Labor abgeschlossen ist, wird das Ergebnis mit der im QR-Code enthaltenen individuellen Untersuchungskennung (GUID) auf einem Server hinterlegt, sodass die App das Ergebnis herunterladen und dem Benutzer direkt anzeigen kann [2].

Sollte der Benutzer ein positives Testergebnis erhalten, kann er seine Kontakt-Tokens, die sein Telefon per Bluetooth in den letzten 14 Tagen ausgesendet hat, direkt auf einen Server hochladen, sodass Kontaktpersonen, die diese Kontakt-Tokens empfangen haben, über ihre Apps benachrichtigt werden können. Diese Positiv- bzw. Infektions­meldung durch den Benutzer ist zusätzlich über eine TAN abgesichert. Mit diesem Verfahren sollen missbräuchlich falsch-positive Meldungen verhindert werden. Allerdings haben zum Start der App nicht alle Untersuchungslabore eine Datenanbindung an diese serverbasierte Lösung. Test­ergebnisse dieser Labore werden den Untersuchten konventionell per Post zugeschickt. Sollte das Ergebnis positiv sein, kann der Untersuchte eine TAN zur Übermittlung seiner Tokens über die Hotline der Corona-Warn-App erhalten. Wie die Mitarbeiter der Hotline in diesem Fall validieren können, dass der Anrufer ein gültiges positives Testergebnis per Post erhalten hat, ist von der Projektgruppe noch nicht näher beschrieben.

Je nach Nutzungsrate der App lässt sich die Infektionsausbreitung unterschiedlich stark eindämmen, nach [4]

Kommt die App zu spät?

Wenn man die Lage der Gesamt- und Neuinfektionen betrachtet, ist Deutschland dank der verschiedenen Maßnahmen wie der Mundschutzpflicht in öffentlichen Gebäuden und Geschäften und den bestehenden Regelungen zur Abstandseinhaltung und den Hygienemaßnahmen auf einem guten Weg, die Pandemie auf nationaler Ebene zu kontrollieren. Und das ist auch wichtig, denn mit einer App allein wird man das Infektionsgeschehen nicht beherrschen können. Sie wird ein Baustein von vielen sein, um den Verlauf der Infektionen und den potenziellen Ausbruch einer zweiten Infektionswelle zu verhindern oder zumindest einzugrenzen. Untermauert wird dies durch die Studie eines Teams um den Physiker Christophe Fraser von der Universität Oxford [3]. Die Forscher hatten bereits im April in einer Veröffentlichung gezeigt, dass nach ihren Modellen die Beherrschung der Pandemie durch den ausschließlichen Einsatz einer Tracing-App ohne weitere Maßnahmen eine Installationsbasis und Verwendung einer App von mindestens 60% der Bevölkerung voraussetzt. Daraus lei­teten im Umkehrschluss viele Medien ab, dass die Verwendung einer App unter diesem Wert weitestgehend nutzlos sei, wodurch sich Fraser zu einer Richtigstellung der Interpretation seiner Studienergebnisse veranlasst sah [4]. Auch wenn nur ein geringerer Anteil der Bevölkerung die App benutzt, ist laut Studie ein positiver Effekt auf die ­Beeinflussung des Infektionsgeschehens nachweisbar. Konkret bedeutet das für die Situation in Deutschland: Man wird mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht annähernd in die Nähe einer Verbreitung der App von 60% kommen. Internationaler Spitzenreiter ist im Moment Island, wo etwa 40% der Bevölkerung die App nutzen. Die Corona-Warn-App kann jedoch bei einem Wiederanstieg der Infektionszahlen die Gesundheitsämter bei der Nachverfolgung von Kontakten sinnvoll ergänzen, und es werden zukünftig Kontaktpersonen erreicht und gewarnt werden können, die man über eine manuelle Nachverfolgung nicht erreichen würde.

Ausblick

Im Ergebnis lässt sich feststellen, dass die Bundesregierung die Vorbehalte und Forderungen an den Datenschutz letztendlich ernst genommen und bei Umsetzung der App durch Transparenz und Nachvollziehbarkeit viel richtig gemacht hat. Man sollte jetzt jeden ermutigen, die App auf seinem Smartphone zu installieren. Die kommenden Wochen werden zeigen, wie hoch die Akzeptanz zur Nutzung der Corona-Warn-App in Deutschland sein wird. |

Literatur

[1] GitHub. Corona-Warn-App. The official COVID-19 exposure notification app for Germany. https://github.com/corona-warn-app

[2] Mueller J. COVID-19: Die technische Grundlage der Corona-Warn-App in Deutschland. SAP News Center vom 20. Mai 2020. https://news.sap.com/germany/2020/05/covid19-technische-grundlage-corona-warn-app/

[3] University of Oxford. Digital contact tracing can slow or even stop coronavirus transmission and ease us out of lockdown. News vom 16. April 2020. https://www.research.ox.ac.uk/Article/2020-04-16-digital-contact-tracing-can-slow-or-even-stop-coronavirus-transmission-and-ease-us-out-of-lockdown

[4] Howell OʼNeill P. No, coronavirus apps don’t need 60% adoption to be effective. MIT Technology Review. Artikel vom 5. Juni 2020. https://www.technologyreview.com/2020/06/05/1002775/covid-apps-effective-at-less-than-60-percent-download/

Autor

Lycien Jantos wechselte nach einem anfänglichen Medizinstudium in die IT. Er arbeitete mehrere Jahre in Zürich als Leiter E-Business Solutions bei Schweiz Tourismus mit einem Schwerpunkt auf mobilen Anwendungen. Seit 2013 ist er beim Deutschen Apotheker Verlag als Projektleiter Online Solutions und verantwortet u. a. die technische Entwicklung und den Betrieb des digitalen Zeitschriftenangebots.

Weitere und aktuelle Informationen zur Corona-Warn-App und Downloadmöglichkeiten finden Sie auf der Website der Bundesregierung unter:

https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/corona-warn-app

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