Arzneimittel und Therapie

Enterohämorrhagische E. coli: schwere Krankheitsverläufe

Enterohämorrhagische E. coli (EHEC) sind schon lange bekannt, in den vergangenen Jahren wurden mehrfach Infektionen gemeldet. Allerdings noch nie so viele Fälle in so kurzer Zeit wie in der vergangenen Woche: mittlerweile sind mindestens 140 Menschen infiziert, 160 Verdachtsfälle sind bekannt, der Erreger hat sich in vielen Bundesländern verbreitet. Die Häufung ist außergewöhnlich, ebenso, dass primär Erwachsene betroffen sind. Die Verunsicherung ist groß, zumal bisher auch kein konkretes Lebensmittel als Infektionsquelle identifiziert werden konnte.
Foto: Helios Kliniken
Händewaschen nicht vergessen Eine konsequente Hygiene in Küche und Bad wird derzeit als die beste Vorbeugung einer Infektion eingeschätzt.

Laut Informationen des Robert-Koch Instituts sind seit der zweiten Maiwoche vermehrt Personen an blutigem Durchfall und dem sogenannten hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS) erkrankt. Die Fälle traten vor allem in Norddeutschland auf, es gibt aber zunehmend auch Meldungen aus Süd- und Ostdeutschland, vor allem aus Großstädten. Die Zahl der Fälle wurde zu Redaktionsschluss auf über 300 geschätzt, teilweise mit schwerem Verlauf bis hin zu Todesfällen. Die Zahl der sehr schweren Verläufe (über 80 HUS-Fälle) in so einem kurzen Zeitraum wird als sehr ungewöhnlich eingeschätzt, auch die betroffenen Altersgruppen sind untypisch. Aktuell sind vor allem Erwachsene betroffen, überwiegend Frauen. Bisher war das schwere Krankheitsbild des hämolytisch-urämischen Syndroms vor allem bei Kindern aufgetreten.

Übertragung durch Fäkalien und von Mensch-zu-Mensch

Enterohämorrhagische Escherichia coli (EHEC) sind gramnegative Stäbchen, die bestimmte Zytotoxine, Shigatoxine, bilden können. Die EHEC sind in der Lage schwere Erkrankungen (hämorrhagische Kolitis und das hämolytisch-urämische Syndrom (HUS) hervorzurufen. Shigatoxine binden sich an speziellen Zellwandrezeptoren, vor allem im kapillaren Endothel, blockieren dort die Proteinsynthese und führen zum schnellen Zelltod.

Als wichtiges Reservoir und Hauptinfektionsquelle für EHEC beim Menschen gelten Wiederkäuer, vor allem Rinder, Schafe und Ziegen, aber auch Wildwiederkäuer (z. B. Rehe und Hirsche), in deren Darm das Bakterium siedelt. Als Hauptübertragungsweg wird die unbeabsichtigte orale Aufnahme von Fäkalspuren angesehen. So besteht die Möglichkeit, dass bei einer Felddüngung mit Gülle von Rindern der Erreger z. B. auf Gemüse oder Salat und so in die Nahrungskette gelangen kann. In den USA waren in der Vergangenheit beispielsweise über 50% der Ausbrüche lebensmittelbedingt, Rinderhackfleisch war dort das am häufigsten identifizierte Lebensmittel. Aber auch andere Lebensmittel wie Mettwurst, Rohmilch und roh verzehrtes grünes Blattgemüse wurde für Ausbrüche verantwortlich gemacht, wie epidemiologische und mikrobiologische Untersuchungen gezeigt haben. Auch verunreinigtes Wasser ist ein möglicher Übertragungsweg. Beim jetzigen Ausbruch in Deutschland ist es bisher noch nicht gelungen, die Infektionsquelle zu identifizieren. Es gibt, so das RKI, bisher keine Hinweise darauf, dass rohes Fleisch oder Rohmilch, die Ursache des aktuellen Ausbruchs darstellen.

Auch Mensch-zu-Mensch-Übertragungen sind im Gegensatz zu anderen bakteriellen Gastroenteritis-Erregern ein bedeutender Übertragungsweg, begünstigt durch die sehr geringe Infektionsdosis der Enterohämorrhagischen Escherichia coli.

Dauer der Ansteckungsfähigkeit

Zum Erkennen einer EHEC-Infektion ist die mikrobiologische Untersuchung einer Stuhlprobe notwendig. Das wichtigste diagnostische Merkmal ist der Toxingen- bzw. Toxinnachweis mittels PCR bzw. ELISA aus der E.-coli -Kultur. Ein Toxinnachweis direkt aus dem Stuhl ist zu unspezifisch. Bis der genaue Erregertyp identifiziert ist, vergehen drei bis vier Tage. Ergebnisse für die aktuelle Situation lagen bei Redaktionsschluss noch nicht vor.

Die Inkubationszeit beträgt durchschnittlich drei bis vier Tage. Symptome EHEC-assoziierter HUS-Erkrankungen beginnen ungefähr sieben Tage nach Beginn des Durchfalls. Solange EHEC-Bakterien im Stuhl nachgewiesen werden, besteht die Möglichkeit einer Ansteckung. Die Angaben zur durchschnittlichen Dauer der Keimausscheidung variieren deutlich von einigen Tagen bis zu mehreren Wochen. Allgemein gilt, dass der Erreger bei Kindern länger im Stuhl nachgewiesen werden kann als bei Erwachsenen. Im Extremfall muss mit einer Ausscheidungsdauer von über einem Monat bei klinisch unauffälligem Bild gerechnet werden. In diesem Zeitraum können bei nicht ausreichender Hygiene Erreger weitergegeben werden.

Symptome von unauffällig bis dramatisch

EHEC-Infektionen können klinisch unauffällig verlaufen und somit unerkannt bleiben. In der Mehrzahl der manifesten Erkrankungen tritt unblutiger, meistens wässriger Durchfall auf. Begleitsymptome sind Übelkeit, Erbrechen und zunehmende Bauchschmerzen, seltener Fieber. Normalerweise schafft der Körper es, die Infektion zu beherrschen, sodass nach vier bis zehn Tagen die Erkrankung vorbei ist. Bei 10 bis 20% der Erkrankten aber entwickelt sich als schwere Verlaufsform eine hämorrhagische Kolitis mit krampfartigen Abdominalschmerzen, blutigem Stuhl und teilweise Fieber.

Hämolytisch-urämisches Syndrom

Vor allem bei Kindern kann es zum hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS) kommen, das durch das Auftreten einer hämolytischen Anämie, Thrombozytopenie und Nierenversagen bis zur Anurie charakterisiert ist. Diese schwere Komplikation tritt in etwa 5 bis 10% der symptomatischen EHEC-Infektionen auf und ist der häufigste Grund für akutes Nierenversagen. Es kann zu irreversiblen Schäden der Nieren bis hin zur chronischen Dialyse kommen. In der Akutphase liegt die Letalität des HUS bei ungefähr 2%. Die in der aktuellen Situation beobachteten Infektionen scheinen jedoch in einem kurzen Zeitraum zu ungewöhnlich vielen und schwereren Krankheitsverläufen zu führen.

Keine Antibiotika geben!

Treten blutige Durchfälle auf, so sollten die Personen umgehend einen Arzt aufsuchen. Die Behandlung der Krankheitssymptome kann nur symptomatisch erfolgen. Eine antibakterielle Therapie sollte nicht eingeleitet werden. Sie kann die Bakterienausscheidung verlängern und zur Stimulierung der Toxinbildung führen. Symptome von EHEC-assoziierten HUS-Erkrankungen beginnen innerhalb einer Woche nach Beginn des Durchfalls. Dann sollten Ärzte die Patienten an spezialisierte Behandlungszentren überweisen, denn beim Vorliegen eines HUS werden in der Regel forcierte Diurese und bei globaler Niereninsuffizienz Hämo- oder Peritonealdialyse angewendet. Bei atypischen Verlaufsformen wird eine Plasmatherapie empfohlen.

Kann man sich vor EHEC schützen?

Um eine weitere Ausbreitung der Krankheit zu vermeiden, sollte stark auf die Hygiene geachtet werden, denn über unzureichend gereinigte Hände können Krankheitserreger auf Angehörige und auf Lebensmittel übertragen werden. Eine alkoholische Händedesinfektion, insbesondere nach einem Toilettenbesuch, kann erforderlich sein, sofern dies vom Arzt oder vom Gesundheitsamt empfohlen wurde. Das Gleiche gilt für die Verwendung von Desinfektionsmitteln bei der Reinigung im Haushalt. Die Hände sollten nach jedem Toilettenbesuch, nach Kontakt mit Haustieren, nach Kontakt mit Abfällen, vor der Zubereitung von Speisen und sofort nach Umgang mit rohem Fleisch, Geflügel und Ei, nach dem Putzen von Gemüse sowie vor dem Essen gründlich gewaschen und sorgfältig abgetrocknet werden.

EHEC können sich in einem Temperaturbereich von 7°C bis 50°C vermehren. Das Temperaturoptimum liegt bei 37°C, hier vermehren sich die Bakterien am schnellsten. Lebensmittel sollten daher stets kühl gelagert werden. Durch Erhitzungsverfahren wie Kochen, Braten und Pasteurisieren werden EHEC abgetötet. Voraussetzung ist, dass für mindestens zwei Minuten eine Temperatur von 70°C im Kern des Lebensmittels erreicht wird. Gegenüber anderen Umwelteinflüssen, beispielsweise einem sauren Milieu, Kälte, Austrocknung oder hoher Salzkonzentration, sind diese Bakterien jedoch relativ unempfindlich. Auch durch Tiefgefrieren von Lebensmitteln lassen sich EHEC-Bakterien nicht zuverlässig abtöten.


Quelle

Erkrankungen durch Enterohämorrhagische Escherichia coli (EHEC), Information des Robert-Koch Instituts.

Bundesinstitut für Risikobewertung: Verbrauchertipps: Schutz vor Infektionen mit enterohämorrhagischen E. coli (EHEC).


ck



DAZ 2011, Nr. 21, S. 35