Fortbildung

Unabdingbar sind Hygienemaßnahmen und Rehydrierung

In Deutschland sind die meisten infektiösen Durchfallerkrankungen auf eine Infektion mit Noroviren, Clostridium difficile sowie Rotaviren zurückzuführen oder treten als Folge einer Reisediarrhö nach Fernreisen auf. Von aktuellem Interesse sind die derzeit gehäuft vorkommenden EHEC-Infektionen.
Foto: DAZ/pj
Thomas Weinke

Infektiöse Darmerkrankungen können durch Viren, Bakterien oder Parasiten hervorgerufen werden. Wie Prof. Dr. Thomas Weinke, Potsdam, hervorhob, spielen neben dem Erreger auch die hygienischen Verhältnisse, der Zugang zu Basismedikamenten sowie Wirtsfaktoren wie etwa das Alter des Patienten, sein Immunstatus, der pH-Wert des Magens sowie eine mögliche Medikamenteneinnahme (Protonenpumpen-Hemmer, Antacida, Antibiotika, Motilitätshemmer) eine Rolle. In Mitteleuropa werden infektiöse Durchfallerkrankungen meist durch Noroviren, Campylobacter-Spezies, Rotaviren, Clostridium difficile, pathogene E.coli-Stämme oder Salmonellen verursacht. Die wichtigsten Erreger der Reisediarrhö sind Enterotoxin-bildende Escherichia-coli-Stämme.

Häufige infektiöse Durchfallerkrankungen

Infektionen mit Noroviren , den wichtigsten viralen Durchfallerregern, treten gehäuft in der kalten Jahreszeit auf. Das Virus wird ausschließlich von Mensch zu Mensch übertragen und fäko-oral durch Stuhl und aerogen über Erbrochenes verbreitet. Die Inkubationszeit liegt zwischen einem und drei Tagen. Die Therapie erfolgt symptomorientiert. In der Regel ist die Erkrankung harmlos, kann aber bei älteren Patienten zu ernsthaften Komplikationen führen.

Bei Infektionen mit Clostridium difficile werden die beiden pathogenetisch relevanten Toxine A und B freigesetzt. Probleme bereiten hypervirulente Stämme, die mehr Toxine bilden und so zu einem schwereren Krankheitsverlauf führen. Zu Beginn der Therapie muss eine ausreichende Rehydratation erfolgen. Bei leichten Krankheitsverläufen wird Metronidazol, in schweren Fällen das Reserveantibiotikum Vancomycin eingesetzt. In der klinischen Erprobung befindet sich der RNA-Polymerase-Inhibitor Fidaxomicin, der im Vergleich mit Vancomycin zu weniger Rezidiven führt. In der Rückfallprophylaxe zeigen Probiotika (insbesondere Saccharomyces boulardii) einen Benefit.

Infektionen durch Campylobacter-Spezies werden durch kontaminiertes Fleisch, Trinkwasser oder Rohmilchprodukte übertragen. Die Krankheitssymptome erstrecken sich von einer akuten Gastroenteritis bis hin zu schweren Bakteriämien und Vaskulitiden. In leichten Fällen wird keine antibiotische Therapie eingeleitet, zumal hohe Resistenzen gegen Chinolone vorliegen.

Rotaviren führen vor allem bei Kindern zu schweren Durchfallerkrankungen, die, falls keine Rehydratation erfolgt, leicht zur Exsikkose und schweren Krankheitsverläufen führen können. Zur Prophylaxe sind zwei in ihrer Wirksamkeit vergleichbare Impfstoffe (Rotarix® und Rotateq®) zugelassen, die zu einem guten Impfschutz führen. Für ihre Anwendung liegt derzeit keine STIKO-Empfehlung vor, pädiatrische Fachgesellschaften raten indes zu einer Impfung, die im ersten Lebenshalbjahr erfolgt.


Einschätzung prophylaktischer und therapeutischer Maßnahmen

Maßnahme
sinnvoll oder nicht
Evidenzgrad
Nahrungsmittelhygiene
ja
C
Probiotika
ja?
B, C
Wismutsubsalicylat
nein
A, B
Antibiotikaprophylaxe
ja?
A
Impfprophylaxe
ja?
B
orale Rehydratation
ja
C
Kaolin, Pektin, Kohle
nein
C
Loperamid
?
A
Chinolone
ja
A
Azithromycin
ja
A
Rifaximin
ja
A

EHEC-Infektionen

Die derzeit viel diskutierten EHEC-Infektionen werden durch humanpathogene Shiga-Toxin-produzierende Escherichia coli (= enterohämorrhagische E. coli) hervorgerufen. Shiga-Toxine wirken im Blut als Zellgifte und stören die Blutbildung. Im Unterschied zu anderen infektiösen Durchfallerkrankungen tritt kein Fieber auf. Nach der Durchfallepisode, die mit blutigen Stühlen, Oberbauchschmerzen und Erbrechen einhergehen kann, kommt es bei 5 bis 10% der Betroffenen zum hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS), das durch hämolytische Anämie, Thrombopenie und Nierenversagen gekennzeichnet ist und fünf bis zwölf Tage nach Durchfallbeginn auftritt. Der aktuelle Krankheitsausbruch wird durch den Erreger HUSEC41 Serotyp O104:H4 verursacht. Im Gegensatz zu sonstigen EHEC-Ausbrüchen sind derzeit vor allem jüngere Frauen betroffen, es besteht eine hochgradige Virulenz und die Zahl der Erkrankten liegt weitaus höher als üblich.

Erregerreservoire für EHEC-Stämme sind landwirtschaftliche Nutztiere (Wiederkäuer wie Rinder, Schafe, Ziegen). Die Übertragung erfolgt durch direkten Tierkontakt oder kontaminierte Lebensmittel (rohes Obst, Gemüse, Salat, Fleisch, Rohmilchprodukte, verunreinigtes Trinkwasser) und von Mensch zu Mensch, wobei eine minimale Keimmenge ausreichend sein kann (< 100 Erreger).


DAZ.online


Informationen zum aktuellen Krankheitsausbruch und zum hämolytisch-urämischen Syndrom finden Sie in unserem EHEC-Spezial

Reisediarrhö

Nach wie vor ist das Einhalten hygienischer Grundregeln die effektivste prophylaktische Maßnahme zur Vermeidung einer Reisediarrhö. Die wichtigste therapeutische Option ist die Rehydratation, die in rund 90% aller Fälle ausreichend ist. Der Einsatz von Medikamenten wird unterschiedlich beurteilt. Zur Bekämpfung der Symptome werden Motilitätshemmer wie etwa Loperamid eingesetzt. Sie sind bei invasiven Keimen kontraindiziert, da sie zu einer längeren Verweildauer der Keime im Darm führen. Sie dürfen ferner nicht bei Fieber und blutigen Durchfällen eingenommen werden. Dasselbe gilt für den Sekretionshemmer Racecadotril. Ein Benefit für die Gabe von Adstringenzien ist wissenschaftlich nicht belegt. Der Wert einer antibiotischen Therapie wird häufig überschätzt. Antibiotika können unter bestimmten Voraussetzungen bei fieberhaften und blutigen Durchfällen indiziert sein. Die Dauer der antibiotischen Behandlung muss auf maximal sieben Tage begrenzt werden; möglicherweise ist auch eine einmalige Gabe ausreichend. Sinnvoll erscheint die Einnahme von Probiotika. Relativ neu sind Impfungen gegen Durchfallerkrankungen wie etwa die orale Vakzine Dukoral® zur Vorbeugung von Cholera (Anmerkung: Dukoral® ist in der Schweiz auch zur Prophylaxe der Reisediarrhö zugelassen).

pj



DAZ 2011, Nr. 23, S. 49


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