Arzneimittel und Therapie

Nur genaue Anamnese hilft, Allergen zu meiden

Nicht jede vermutete Nahrungsmittelallergie ist eine allergische Erkrankung, sondern steht häufig als "Platzhalter" für andere Beschwerden. Wie die sachgerechte Diagnostik erfolgt und welche Nahrungsmittel häufig Allergien hervorrufen, erläuterte Prof. Dr. Tilo Biedermann, Tübingen, beim diesjährigen Heidelberger Herbstkongress.
Mit einem Prick-Test können einzelne Allergene identifiziert werden. Hilfreich ist es auch, die Symptome zu sammeln und in einer Art ­Tagebuch aufzuschreiben. So kann der Auslöser einer Nahrungsmittelallergie festgestellt werden.
Foto: ALK-Scherax Arzneimittel GmbH

Nahrungsmittelallergien werden häufig als Erklärung für vielerlei Beschwerden herangezogen. So vermuten in Deutschland rund 30% der Bevölkerung, an einer Nahrungsmittelallergie zu leiden. Indes lässt sich nur bei 1 bis 4% eine Allergie auf bestimmte Lebensmittel nachweisen. In allen anderen Fällen sind ungewöhnliche Essgewohnheiten, Essstörungen, Infekte oder Lebensmittelvergiftungen, Zöliakie, Umwelt-Beziehungserkrankungen oder psychische Probleme für die Beschwerden verantwortlich.

Intoleranzreaktionen sind keine Allergien

Nahrungsmittelunverträglichkeiten werden in Allergien (IgE-vermittelte und nicht IgE-vermittelte Reaktionen) und in Intoleranzreaktionen unterteilt. Die Intoleranzreaktionen können pharmakologisch bedingt sein (etwa die Reaktion auf Salicylate) oder auf einer bestimmten Enzymausstattung beruhen wie beispielsweise die Lactose-Intoleranz. In diesem Zusammenhang merkte Biedermann an, dass auch viele vermeintliche Lactose-Intoleranzen auf Einbildung und möglicherweise auf Marketing-Maßnahmen für Lactose-freie Produkte beruhen und nur ein positiver Lactose-Intoleranz-Test (Bestimmung von Blutzucker und Wasserstoff in der ausgeatmeten Luft) Klarheit über eine Milchzuckerunverträglichkeit gibt. Intoleranzreaktionen sind von Nahrungsmittelallergien zu unterscheiden. Bei der Allergie auf Nahrungsmittel kommt es nach einer Degranulation der Mastzellen zu einer Freisetzung von Histamin und in der Folge zur Ausbildung typischer klinischer Symptome. Diese treten bevorzugt auf der Haut, seltener im Gastrointestinaltrakt oder an den oberen Atemwegen auf; Kreislaufreaktionen sind ebenfalls möglich.

Kennzeichnung

Seit Ende 2005 müssen in der EU auch Allergene in Lebensmitteln gekennzeichnet werden. Darunter fallen

  • Eier
  • Erdnüsse
  • Fisch
  • glutenhaltiges Getreide
  • Krebstiere
  • Lupinen
  • Milch (einschließlich Lactose)
  • Schalenfrüchte (Mandeln, Pistazien)
  • Schwefeldioxid und Sulfite (>10 mg/kg)
  • Sellerie
  • Senf
  • Senfsamen
  • Sojabohnen
  • Weichtiere

Diagnostik

Liegt der Verdacht auf eine Nahrungsmittelallergie vor, erfolgt eine ausführliche Anamnese und die Auswertung von Tagebuchaufzeichnungen über eingenommene Mahlzeiten und erfolgte Reaktionen. Mithilfe verschiedener Hauttests (Prick-Test, Intracutan-Test) können einzelne Allergene identifiziert werden. Die Labordiagnostik mit dem Nachweis von spezifischem IgE ergänzt die Untersuchung. Derzeit ist für mehr als 200 Nahrungsmittel das spezifische IgE messbar. Professor Biedermann warnte vor paramedizinischen Testverfahren wie etwa der Bioresonanz oder Kinesiologie sowie vor Leukozyten-Toxizitätstests und der Bestimmung von spezifischem IgG4. Alle diese Verfahren sind zur exakten Diagnose einer Nahrungsmittelallergie unbrauchbar.

Häufige Allergene

Nahrungsmittel-Allergene können in zwei Klassen unterteilt werden. Allergene der Klasse 1 spielen vor allem bei Säuglingen und Kleinkindern eine Rolle, die eine gastrointestinale Sensibilisierung erfahren. Die Allergie-verursachenden Lebensmittel sind meist wasserlösliche Glykoproteine mit einem Molekulargewicht zwischen 10 und 70 kD. Sie sind Hitze-, Säure- und Proteasen-stabil. Die wichtigsten Vertreter sind Milch, Hühnerei, Weizen, Soja, Nüsse, Erdnuss, Fisch.

Bei Jugendlichen und Erwachsenen erfolgt die Sensibilisierung überwiegend aerogen und es treten häufig Kreuzallergien auf. Die Allergie-verursachenden Stoffe sind überwiegend Pflanzenproteine und meist hitzelabil. Die klinische Symptomatik kann variieren und nicht selten treten Beschwerden nur im Zusammenspiel mit Ko-Faktoren auf. Häufige Kreuzreaktionen sind Birke-Nüsse-Steinobst-Allergien und Beifuß-Sellerei-Gewürze-Allergien. Ein weiteres Beispiel für eine Kreuzreaktion sind Allergien auf Krustentiere und auf Milben.

Eine Erdbeer-Allergie schreibt Geschichte

Zeitgenössische Quellen berichten, dass der englische König Richard III. (1483 – 1485) keine Erdbeeren vertrug. Nach deren Genuss trat eine massive Hautrötung auf. Diese Reaktion war nur wenigen bekannt. Dies nutzte Richard schamlos aus, um einen Widersacher zu beseitigen. Bei einem Festmahl ließ er sich von dem Bischof von Ely Erdbeeren reichen, was prompt zu einer heftigen allergischen Reaktion führte. Der König bezichtigte den Bischof des versuchten Giftmordes und der Hexerei. Noch am selben Tag landete der Bischof auf dem Schafott, und der skrupellose Herrscher hatte einen Feind weniger.

Therapeutische Maßnahmen

Die wichtigste Maßnahme ist eine valide Labordiagnostik. Bestätigt ein Provokationstest den Laborbefund, so sind die entsprechenden Nahrungsmittel zu meiden und mögliche Kreuzallergien zu beachten. Von unsinnigen Diäten ist abzuraten. Treten Allergien im Säuglingsalter auf, sollte während 12 bis 18 Monaten eine Eliminationsdiät eingehalten werden. Dann kann erneut ein Provokationstest durchgeführt werden. In vielen Fällen zeigt sich, dass keine allergische Reaktion mehr eintritt ("die Allergie geht verloren"). In Einzelfällen kann eine medikamentöse Therapie angezeigt sein. Biedermann erläuterte dies am Beispiel einer jungen Patientin mit einer schwersten Milchallergie, bei der bereits Spuren von Milch zu ausgeprägten anaphylaktischen Reaktionen führte. Durch eine Off-label-Behandlung mit Omalizumab (monoklonaler Anti-IgE-Antikörper) konnte die Toleranz für Milch erhöht und das Risiko anaphylaktischer Reaktionen gesenkt werden.

Quelle: Prof. Dr. Tilo Biedermann, Tübingen: "Nahrungsmittelallergien", Heidelberger Herbstkongress, 20. November 2010, veranstaltet von der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg.

 


 

Apothekerin Dr. Petra Jungmayr

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