Fachmedien kurz rezensiert

Das Schicksal der Arzneistoffe

Heiko A. Schiffter

Pharmakokinetik

Modelle und Berechnungen. XI, 147 Seiten, 52 s/w Abbildungen, 25 s/w Tabellen, 323 mathematische Tafeln,
48 Euro.

Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 2009. ISBN 978-3-8047-2536-2

Das Wissen um die Pharmakokinetik eines Arzneistoffes stellt ein zentrales Element jeder Arzneimitteltherapie dar, und ist ein wichtiger Teilaspekt für ein nachfolgend vertieftes Verständnis der pharmakologischen Wirkung.

Das vorliegende Buch "Pharmakokinetik" richtet sich in seinem Vorwort sowohl an Studierende als auch Fachleute der Pharmazie, Medizin und Biowissenschaften. Diese Aussage lässt somit nachfolgend eine sehr breite, aber auch teilweise sehr spezifische Abhandlung der Thematik erwarten. Eine Erwartung, die jedoch nicht immer erfüllt wird.

Ziel des Autors in diesem Buch ist nicht nur die theoretische Erörterung pharmakokinetischer Zusammenhänge, sondern vielmehr auch das Aufzeigen der praktischen Anwendbarkeit der beschriebenen Themenbereiche. Diese Zielsetzung wird durch die zahlreich aufgeführten Rechenbeispiele untermauert. In der Tat erweckt das Buch auf den ersten Blick den Anschein, dass es mehr der Vorbereitung auf eine Prüfung dienen soll und kein traditionelles Lehrbuch darstellt. Dieser Anschein wird durch einige grundlegende Punkte untermauert. Beispielsweise sind die einzelnen Kapitel her knapp bemessen und vielfach in kleine Abschnitte untergliedert. In der komprimierten Textform, die mit einer umfangreichen graphischen oder tabellarischen Darstellungsweise garniert ist, werden die wichtigsten Aussagen eines Interessenbereiches herausgearbeitet. Abgerundet wird dieser Eindruck durch eine schulartige Sprachgestaltung des Autors und die Anzahl der Übungsaufgaben, die am Ende eines jeden Kapitels präsentiert werden. Die jeweilige Lösung wird dann maßgerecht am Schluss des Buches in einem eigenen Kapitel er-läutert.

Dieses Buch eignet sich für diejenigen Leser, die an einem Einstieg in die Thematik der Pharmakokinetik interessiert sind. Es ist eines der wenigen deutschsprachigen Bücher auf dem Markt zu diesem Thema. Die oben aufgeführte, komprimierte Darstellungsweise macht es gar einzigartig in seiner Art. Man muss bedenken, dass die Gesamtheit der behandelten Themenbereiche in diesem Buch üblicherweise nur unter erheblichem Aufwand aus verschiedenen Quellen der englischsprachigen Literatur entnommen werden kann. Allein aufgrund dessen stellt das Buch schon eine klare Bereicherung die deutschsprachigen Fachliteratur dar.

Inhaltlich gliedert sich das Werk in 14 Hauptkapitel und ein nachfolgend an diese Hauptkapitel separat angehängtes Kapitel, welches die Lösungen zu den Übungsaufgaben beschreibt. Ein kleines Literaturverzeichnis und Sachregister runden das Werk ab.

Das erste Kapitel stellt eine allgemeine Einführung in die Thematik dar. Es wird kurz und knapp der Begriff des "Pharmakokinetischen Modells" erläutert und dann auf den Abschnitt "Reaktionskinetik" hingeführt. Herauszuheben im letzteren Abschnitt ist die sehr gute und übersichtliche Herleitung der Reaktionen 0. und 1. Ordnung, ausgehend von den jeweiligen Differentialgleichungen. Leider wurde an dieser Stelle versäumt, die Reaktionskinetik 2. Ordnung gleich mit zu besprechen, was ein vollständigeres Bild dieses Abschnitts ergeben hätte.

Das zweite Kapitel beschreibt "Mechanismen und Faktoren der Arzneistoffresorption". Dieses Kapitel illustriert sehr gut, wie kompakt doch wesentliche Informationen dargestellt werden können, eine Gegebenheit, die in anderen Literaturquellen nicht immer anzutreffen ist. Kurz und bündig werden im ersten Abschnitt Begriffe wie "passive Diffusion", "aktiver Transport" oder "Ionenpaarresorption" erläutert, gefolgt von einer übersichtlichen Darstellung der "Anatomie und Physiologie der wichtigsten Applikationsorte". Es ist jedoch schade, dass gerade bei letzterem Themenbereich nur wenig deskriptive Grafikelemente zu Hilfe genommen worden sind, was die Einprägsamkeit der Erläuterungen sicherlich unterstützt hätte.

Im dritten Kapitel wird das Thema "Verteilung von Arzneistoffen im Körper" abgehandelt. Dieses Kapitel ist sehr kurz und der interessanteste Abschnitt sicherlich die Erläuterung der Prinzipien der "Bindung von Arzneistoffmolekülen an Plasmaproteine". Hier ist auch die Herleitung des so genannten "Scatchard-Plots" eingeschlossen.

Das vierte Kapitel ist ebenfalls sehr knapp bemessen und liefert eine klare und strukturierte Übersicht über die möglichen "Eliminationswege von Arzneistoffen".

Das fünfte Kapitel stellt das erste, größere und grundlegende Kapitel in dem vorliegenden Buch dar, in dem das "Ein-Kompartiment-Modell mit intraversaler Injektion" diskutiert wird. Hier ist besonders hervorzuheben, dass der Leser logisch auf alle relevanten Aspekte dieses Modells hinführt wird, inklusive einer anfänglichen "Modellbetrachtung" und der darauf basierenden "mathematischen Herleitung" der Reaktionsordnung. In diesem Kapitel werden zudem wichtige Begriffe wie das "scheinbare Verteilungsvolumen" definiert oder die Anwendung der "Trapezregel" praktisch dargestellt. Das Kapitel wird abschließend durch zwei repräsentative Übungsaufgaben abgerundet.

Kapitel sechs behandelt das "Ein-Kompartiment-Modell mit intravenöser Dauerinfusion". Dieses Kapitel ist sehr ähnlich strukturiert wie das vorangegangene. Der Abschnitt "Plasmaspiegel nach der Infusion" gefällt durch seine klare, illustrative Darstellung. Hervorzuheben ist hier auch, dass dieses Kapitel am Ende drei sehr umfangreiche Übungsaufgaben besitzt.

Das "Ein-Kompartiment-Modell mit extraversaler Applikation" ist Gegenstand von Kapitel sieben. Man erkennt allein an der Seitenzahl (es sind 17), dass dieses Kapitel eine zentrale Säule in diesem Buch darstellt. Über den Abschnitt "Modellbetrachtung" und "mathematische Herleitung" wird der Leser auf den zentralen Begriff der "Bate-man-Funktion" hingeführt. Ein wichtiger Schwerpunkt in diesem Kapitel ist die Bestimmung der Resorptions- und Eliminationskonstanten über den Weg der sogenannten "Residuenabschälmethode". Die Darstellung dieses so oft verwirrenden Sachverhalts ist an einem Beispiel grafisch exzellent illustriert, was selten (bis gar nicht) in dieser Art in anderen Lehrbüchern anzutreffen ist. Auch die komplexe Methode nach "Wagner-Nelson" für die Bestimmung der Resorptionsgeschwindigkeitskonstanten ist übersichtlich erläutert. Im letzten Abschnitt dieses Kapitels wird noch auf die "Bioverfügbarkeit" eingegangen. Hier wäre es eventuell vorteilhafter gewesen, wenn dieser Abschnitt in einem eigenständigen, dafür aber ausgeweiteten Kapitel präsentiert worden wäre. Ganze vier Übungsaufgaben runden dieses siebte Kapitel final ab.

Die Analyse von Harndaten wird in Kapitel acht aufgezeigt. Auch dieses Kapitel ist umfangreich gestaltet und illustriert, u. a. die Bestimmung der Ausscheidungsrate über den "Rate-Plot" und "ARE-Plot".

Kapitel neun beschreibt kurz die pharmakokinetische Situation bei "Intraversalen Mehrfachdosierungen im EinKopartiment-Modell". Das Kapitel ist, obwohl in der Praxis sehr wichtig, sehr theoretisch abgehandelt und der Leser verliert sich leicht in den präsentierten Gleichungen und mathematischen Herleitungen. Schon deswegen wäre eine weitere Übungsaufgabe in diesem Bereich sinnvoll gewesen.

"Extravasale Mehrfachdosierungen" ist das Thema im folgenden zehnten Kapitel. Auch hier entsteht der gleiche Eindruck, wie in Kapitel neun: der Leser verliert sich in den aufgezeigten Gleichungssystemen.

Einen ganz anderen Eindruck wiederum hinterlässt Kapitel elf. Dieses Kapitel behandelt das "Zwei-Kompartiment-Modell mit intraversaler Bolusinjektion" und besitzt wieder die klare Strukturierung wie Kapitel fünf oder sieben. Das Kapitel wirkt überdies auch sehr vollständig von der Thematik. Nicht nur der Abschnitt "Modellbetrachtung" und "mathematische Herleitung" sind wieder aufgeführt, sondern auch wichtige Abschnitte wie das "Verteilungsvolumen" und die Berechnung der unterschiedlichen "Halbwertszeiten".

Kapitel zwölf komplettiert das vorangegangene Kapitel elf durch die Beschreibung des "Zwei-Kompartiment-Modells extravasale Applikation". Hervorzuheben in diesem Kapitel ist die übersichtliche Darstellung dieser doch recht umfangreichen Thematik in knappen Worten, ohne dass sich der Autor diesmal in zu vielen mathematischen Details ergeht.

In Kapitel 13 wird noch abrundend auf die "Nichtlineare Pharmakokinetik" eingegangen. Obwohl das Kapitel sicherlich genüge leistet für einen "ersten Einblick" in diesen Interessensbereich, wäre doch ein umfangreicherer Verweis auf weiterführende Literatur nützlich gewesen für alle diejenigen Leser aus den Bereichen der Medizin oder der pharmazeutischen Industrie, die sich detaillierter in der Praxis mit solchen Themen auseinandersetzen müssen.

Mit Kapitel 14 zum Thema "Statistische Modelle" in der Pharmakokinetik wird der Hauptteil des Buches abgeschlossen. Leider ist auch dieses Kapitel sehr knapp bemessen und wenig hilfreich für Leute mit bereits vorhandenen Grundkenntnissen im Bereich der Pharmakokinetik.

Als Fazit dieser Buchrezension kann eine positive Bilanz gezogen werden. Das Buch erweckt, im Gegensatz zu der Ausführung im Vorwort, nicht den Eindruck eines eigentlichen Fachbuches, sondern mehr den eines Übungsbuches zur Vorbereitung auf eine Prüfung. Die übersichtliche und komprimierte Darstellungsweise ist jedoch gerade für Studenten der Pharmazie, Medizin und Biowissenschaften eine ideale Möglichkeit, einen schnellen Einstieg in die Materie zu bekommen, und mit entsprechenden Übungsaufgaben zu trainieren. Gerade für Studenten wäre es sicherlich schön gewesen, wenn zusätzlich noch ein paar Grundlagen der Mathematik (Differentialrechnung, Statistik) in einem eignen Kapitel aufgeführt worden wären, um manche mathemati-schen Herleitungen oder auch Auswertungen (z. B. lineare Regression) in den Kapiteln für den einen oder anderen anschaulicher zu machen. Eventuell wird das vom Autor in der folgenden Auflage nachgeholt. Das Buch erscheint allgemein für Fachleute, die bereits im Krankenhaus oder in der pharmazeutischen Industrie arbeiten, von der Tiefe der Darstellungsweise wohl nicht ausreichend zu sein.

 

Dr. Henning Gieseler, 

Lehrstuhl für Pharmazeutische Technologie, 

Universität Erlangen

 

 

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