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Start der 7x4-Box

MERZIG (kg). In den letzten 30 Jahren hat der Unternehmer Edwin Kohl die Kohl-Gruppe im saarländischen Merzig aufgebaut. Deren jüngstes Kind, die 7x4 Parma mit der gleichnamigen Box, ist am 4. Juni 2009 offiziell an den Start gegangen. Die Vorlaufzeit für dieses System der patientenindividuellen Arzneimittelverblisterung betrug ca. sieben Jahre und kostete nach Angaben des Firmenchefs mehr als 100 Millionen Euro.

Der Tag wurde dem Anspruch entsprechend groß aufgezogen. So fand sich zum Festakt mit Symposium neben dem Minister für Justiz, Arbeit, Gesundheit und Soziales des Saarlands, Prof. Dr. Gerhard Vigener (CDU), auch die Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) in Merzig ein. Die Ministerin betonte in ihrer Rede, dass die begrenzten Ressourcen im Gesundheitswesen effizienter eingesetzt werden müssten, damit die hohe medizinische Versorgung für alle Menschen in Deutschland bezahlbar bleibt. Dabei könnte die patientenindividuelle Verblisterung von Arzneimitteln ein Schritt in die richtige Richtung sein. Sie erteilte allen Befürwortern einer Rationierung oder einer Prioritätenliste eine klare Absage und erneuerte die Forderung nach einer gesetzlichen Krankenversicherung für alle Bürger. So deutete der bevorstehende Wahlkampf auch in die Richtung des saarländischen Ministers, der aber an diesem Tag wenig Widersprüchliches aufkommen ließ und insbesondere die innovative Kraft des Unternehmens aus seinem Bundesland über die Grenzen hinaus betonte.

Pünktlich zum Startschuss konnte Edwin Kohl abgeschlossene Verträge mit einigen Krankenkassen vermelden. Der anwesende Vorsitzende des Vorstands der AOK Berlin, Werner Felder, nahm medienwirksam die ersten 7x4-Boxen entgegen, die nun in Berliner Heimen zum Einsatz kommen.

Das anschließende Symposium brachte wenig neue Erkenntnisse. Schließlich werden seit einigen Jahren die Vor- und Nachteile der patientenindividuellen Arzneimittelverblisterung in Fachkreisen diskutiert. Auch der Vortrag von Frau Prof. Sondergaard fußte auf dänischen Daten der Jahre 2001 bis 2004. Er zeigte zwar bei einem ausgewählten Patientenklientel eine Kosteneinsparung durch weniger Krankenhauseinweisungen, allerdings einhergehend mit einem höherem Aufwand für Arzneimittel und einem Mehr an Dienstleistungskosten für die individuelle Verblisterung.

Welche Konsequenzen in Dänemark aus den Ergebnissen gezogen wurden, ging aus dem Vortrag nicht hervor. Stattdessen wurden einmal mehr die Zahlen wiederholt, die bereits früher veröffentlicht worden sind: 4000 Tonnen Arzneimittelmüll im Wert von 500 Millionen Euro, 3,4 Mrd. Euro Kosten allein durch Krankenhauseinweisungen infolge von Non-Compliance. Der gesamte Schaden durch mangelnde Therapietreue der Patienten beziffert sich demnach bundesweit auf 10 Mrd. Euro jährlich. So erschreckend die Zahlen auch sind, patientenindividuelle Verblisterung kommt zur Zeit fast ausschließlich in Heimen und bei Pflegediensten zum Einsatz und dort ist sowohl der Arzneimittelmüll als auch die Non-Compliance bei der Verabreichung durch das Pflegepersonal ein fast zu vernachlässigender Faktor. Mögliche Entlastungen des Pflegepersonals und eine Qualitätsverbesserung in der Verabreichung der Arzneimittel sind in vielen Fällen gute Gründe für die Neuverblisterung, nur dürfen die genannten Zahlen für diese Bereiche nicht argumentativ angeführt werden.

Für eine mögliche Zusammenarbeit der Apotheker mit 7x4 Pharma bleiben auch weiterhin einige Fragen offen, z. B. ob die vier Einnahmezeiten morgens, mittags, abends und nachts in dieser groben Unterteilung reichen. Was geschieht mit den oralen Formen, die nicht im Sortiment der 400 Arzneimittel enthalten sind und inwieweit bleibt der Apotheker mit dem 7x4-Softwaremodul aus dem Hause Kohl unabhängig?

Bilaterale Verträge zwischen dem Industrieunternehmen 7x4 Pharma und den Krankenkassen könnten eine Dynamik über die Köpfe der Apotheker hinweg erreichen, bis hin zur Frage nach der Apothekenpflicht. Denn wenn es für den Apotheker mit dem Überreichen einer Wochenbox so einfach wird, dann braucht es ihn eines Tages einfach nicht mehr.



Gastkommentar

Am Ende des Starts von 7x4 Pharma

Es hätte ein noch größeres Fest werden können, der Start von 7x4 Pharma. Der Zeitpunkt schien vor Wochen gut gewählt. Neue Wege in der Arzneimittelversorgung für ganz Europa, zumindest für die gesamte Republik, das Saarland sollte sich initiativ und innovativ, also vor- und vorausdenkend zeigen.
Die Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt hatte sich im Vorfeld zwar nicht für den Fremdbesitz und die DocMorris-Initiative des Saarlands ausgesprochen, ihr Bekenntnis für die inhabergeführte Apotheke fiel jedoch eher politisch wohltemperiert aus, mit abwartendem Blick nach Luxemburg gerichtet. Sie sollte deshalb in jedem Fall die geeignete Festrednerin im Hause Kohl sein.
Das Luxemburger Urteil bedeutet nun für viele Beteiligte eine herbe Enttäuschung. Kritiker sprechen von schwachen Argumenten in der Urteilsbegründung und einer verpassten Marktöffnung zum Vorteil der Patienten, nämlich in Form von mehr Wettbewerb und billigeren Medikamenten. Im Hintergrund stehen aber die handfesten Interessen der Kapitalgesellschaften, die auch weiterhin nicht aufgeben werden, den deutschen Apothekenmarkt zu erobern. Die liberale Wirtschaftspresse spielt dabei die erhoffte Begleitmusik.
Das Saarland und die Kohl-Gruppe hätten sich jedenfalls ein anderes Urteil gewünscht. Die Pläne mit 7x4 Pharma werden erst dann richtig in Erfüllung gehen, wenn sich der Weg des Arzneimittels vom Hersteller bis zum Patienten in einer Hand befindet, eben in Händen dieser Firmengruppe. Ein Bestandsschutz der Individualapotheke könnte dabei das System empfindlich stören, möglicherweise sogar unterbrechen. Die restlichen Stationen zu vereinnahmen bedeutet nämlich kein echtes Hindernis.
Es dürfte keine Schwierigkeit sein, für die ca. 400 notwendigen Wirkstoffe einen Hersteller mit günstigsten Konditionen zu finden oder gar direkt zu übernehmen, selbst wenn es in Indien wäre. Auf den Transport warten zur Zeit genügend Containerschiffe, zumal die Verpackung auf das Notwendigste reduziert werden kann, denn Tabletten und Kapseln gelangen erst im Saarland in die jeweiligen Blisterstreifen zur Herstellung der 7x4-Box.
Für die Nachfrage sollen die Krankenkassen per Vertrag sorgen, indem sie den Ärzten die entsprechende Positivliste verordnen, inklusive der dazugehörenden Software für die Praxis, mit freundlicher Unterstützung des Merziger Unternehmens.
Es handelt sich um ein lohnendes Ziel für die Beteiligten, vor allem für die Krankenkassen, denn die Originalpackungen verlören genauso an Bedeutung wie (endlich) der Einfluss der Pharmaindustrie. Rabattverträge ließen sich auf einen einzelnen Vertrag reduzieren. Das Endziel der Krankenkassen wäre dann sehr nah: Der Lieferant erhält eine Versorgungspauschale für jeden Versicherten, unabhängig, ob dieser krank oder gesund ist, welchen Wirkstoff oder wie viele Tabletten er bekommt. So lässt sich aus Sicht der Krankenkassen das Versicherungsrisiko elegant abwälzen, zumindest treffsicher kalkulieren.
In diesem Stadium hat der industrielle Anbieter auch keine Alternative mehr, er muss dieses Versicherungsrisiko, das eigentlich bei den Krankenkassen liegen müsste, übernehmen, weil es den einzigen Zugang zum Markt beinhaltet. Das alles wird solange funktionieren, bis letztlich auch dieses System zusammenbricht, sei es, weil Kriege in Fernost die Produktion zusammenbrechen lassen, sei es, dass mangelndes Öl die Schiffe im Hafen hält oder einfach, weil der Kapitalgeber sein Geld lieber, weil profitabler, woanders anlegt. Ähnlichkeiten mit der heutigen, globalen Finanzkrise wären auch dann wieder rein zufällig, selbst wenn als letzter Ausweg der Ruf nach dem Staat erfolgen sollte.
Apotheker Klaus Grimm

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