Hypertonie

Blutdruckscreening in der Apotheke – und was dann?

Die Deutsche Hochdruckliga e.V. DHL® Deutsche Hypertonie Gesellschaft und die ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände haben sich auf Grenzwerte verständigt, bei denen Apotheker Patienten nach einer Blutdruckmessung an den Arzt verweisen sollen. Gemeinsam mit der Hochdruckliga wurde vom Zentrum für Arzneimittelinformation und Pharmazeutische Praxis (ZAPP) der ABDA ein Informationsbogen für die Blutdruckmessung in Apotheken entwickelt: Nach einem Ampelschema sollen Patienten angehalten werden, gegebenenfalls ihren Arzt aufzusuchen.
Die Grenzwerte für die Diagnostik eines Bluthochdrucks liegen weiterhin bei 140 zu 90 mmHg. Patienten, die in einer Apotheke ihren Blutdruck messen lassen, sollten bei höheren Blutdruckwerten entsprechend einem Ampelschema in absehbarer Zeit ihren Arzt informieren.

Ziel soll es sein, die Menschen für die Gefahr durch erhöhte Blutdruckwerte zu sensibilisieren: In Deutschland haben etwa 30 Millionen Menschen zu hohe Blutdruckwersrte, aber nur etwa die Hälfte wissen davon. Auf dem Informationsbogen Blutdruck-Check sollen nicht nur die gemessenen Blutdruckwerte notiert werden, sondern der Apotheker soll als eine Art Lotse fungieren und den Patienten dazu anleiten, zu reagieren. Der Informationsbogen Blutdruck-Check besteht aus drei Abschnitten. Im oberen Abschnitt werden technische Angaben notiert: Welche Blutdruckwerte wurden in der Apotheke gemessen, an welchem Arm und mit welchem Gerätetyp wurde die Messung vorgenommen? In der Mitte wird durch ein Ampelschema verdeutlicht, wie der Patient auf die gemessenen Werte reagieren sollte. Orientiert wird sich dabei an Grenzwerten, auf die sich Hochdruckliga und ABDA geeinigt haben – siehe folgendes Interview. Liegen die gemessenen Werte im roten Bereich, sollte umgehend ein Arzt aufgesucht werden. Liegen die Werte im gelben Bereich sollten Patienten mit einer Vorerkrankung wie Diabetes, Nieren- und Herzerkrankungen in absehbarer Zeit einen Arzt aufsuchen. Patienten ohne diese Risikofaktoren sollten die Messung innerhalb eines Monats wiederholen. Werden die Werte dann bestätigt, so wird dem Patienten geraten, direkt den Arzt zu kontaktieren. Liegen die Werte im grünen Bereich, sollte der Patient dem Arzt beim nächsten Besuch routinemäßig den Informationsbogen Blutdruck-Check zur Information vorlegen. Der untere Abschnitt des Bogen bietet Platz für weitere gesundheitsrelevante Informationen für den nächsten Arztbesuch.

Standardarbeitsanweisung zur Qualitätssicherung

Damit die Blutdruckmessungen in der Apotheke qualitätsgesichert und standardisiert erfolgen, hat das ZAPP zur Blutdruckmessung in der Apotheke eine Standardarbeitsanweisung (SOP) erarbeitet. Diese SOP gibt konkrete Hinweise für die technische Ausstattung der Apotheke. Sie zeigt Aspekte auf, die bei der Vorbereitung und Durchführung der Blutdruckmessung sowie der Dokumentation in der Apotheke berücksichtigt werden sollten, und deckt mögliche Fehlerquellen auf. Auch für die Anleitung von Patienten zur Blutdruckselbstmessung wurde eine Standardarbeitsanweisung erstellt, die nacheinander die notwendigen Arbeitsschritte erläutert. Den Informationsbogen Blutdruck-Check sowie die Standardarbeitsanweisungen finden Sie am Ende dieser DAZ auf den Seiten 147 bis 152 und zum Download direkt unter dem Link www.abda.de/arbeitsmittel_pb_diabetes.html.

Welt Hypertonie Tag

Mit diesem Slogan will die Deutsche Hochdruckliga anlässlich des am 17. Mai stattfindenden Welt Hypertonie Tags auf den Zusammenhang zwischen zu hohem Salzkonsum und Bluthochdruck aufmerksam machen.

Bluthochdruck ist eine der großen Volkskrankheiten in den Industrienationen. Mindestens 30 Millionen Menschen sind in Deutschland bereits davon betroffen. Die Ursachen sind multifaktoriell. Ein Risikofaktor für die Entstehung ist ein hoher Salzkonsum. In den letzten Jahren wurde das Thema Salz und Bluthochdruck immer wieder kontrovers diskutiert. Wie die Hochdruckliga nun mit dem Motto des diesjährigen Welt Hypertonie Tags deutlich macht, stellt sie sich in die Reihen der Salzgegner. Ein hoher Salzkonsum stellt einen Risikofaktor dar und kann zu Bluthochdruck führen, heißt es in einer Pressemitteilung. Als problematisch betrachtet die Hochdruckliga insbesondere den Anteil an verstecktem Salz in der Nahrung. Konserven, Fertiggerichte und Fastfood enthalten häufig große Salzmengen. So liegt der durchschnittliche Pro-Kopf-Salzkonsum in Deutschland auch fast doppelt so hoch wie die Empfehlung. Nach Angaben der Welt Hypertonie Liga könnten weltweit 2,5 Millionen Todesfälle jährlich vermieden werden, wenn die Menschen ihren Salzkonsum auf maximal 6 g pro Tag senken würden.
Am Welt Hypertonie Tag werden deutschlandweit zahlreiche Veranstaltungen und kostenlose Blutdruckmess-Aktionen durchgeführt, zu denen die Deutsche Hochdruckliga aufgerufen hat (Liste unter www.hochdruckliga.de). Zudem hat die Hochdruckliga einen Informationsflyer zum Thema "Salz und Bluthochdruck" erstellt, der ebenfalls online eingesehen und angefordert werden kann.
[Quelle: Pressemitteilung der Hochdruckliga vom 17. April 2009]

Interview

Gemeinsam mit der Deutschen Hochdruckliga hat das Zentrum für Arzneimittelinformation und Pharmazeutische Praxis den Informationsbogen Blutdruck-Check entwickelt. Wir sprachen mit seinem Leiter Prof. Dr. Martin Schulz, Geschäftsführer Arzneimittel der ABDA.
DAZ Wie ist die Zusammenarbeit mit der Hochdruckliga zustande gekommen und was versprechen Sie sich von ihr?

Schulz: Es wurden mehrere wichtige Ziele gleichzeitig verfolgt: Das erste Ziel war eine engere Kooperation zwischen den Heilberufen im praktischen Alltag, um die limitierten professionellen Kapazitäten zu bündeln sowie eine Optimierung der gesundheitlichen Betreuung und Versorgung angesichts begrenzter personeller Ressourcen und Zeit in Arztpraxen und Apotheken. Zum Zweiten sollten frühzeitig kardiovaskuläre Risikopopulationen identifiziert und einer Behandlung zugeführt werden, bevor kostenintensive Therapien oder Krankenhausaufenthalte notwendig werden. Nicht zu vergessen: Schlaganfälle und Myokardinfarkte verlaufen noch immer in der Hälfte der Fälle tödlich! Bluthochdruck ist der am meisten verbreitete kardiovaskuläre Risikofaktor. Ohne verstärkte Screeningmaßnahmen, Aufklärung und Information über die Risiken und Behandlungsmöglichkeiten der arteriellen Hypertonie ist das zunehmende Problem "Bluthochdruck" nicht zu lösen. Die öffentlichen Apotheken können mit ihrem flächendeckenden Versorgungsnetz und ihrem niedrigschwelligen Angebot einer professionellen Blutdruckmessung einerseits einen wichtigen Beitrag zur Früherkennung leisten. Andererseits kann die Apotheke nach Diagnosestellung durch den Arzt bei behandlungsbedürftigen Hypertonikern mit speziellen Dienstleistungsangeboten und individuellen Beratungstipps wiederum ein wichtiger Ansprechpartner für die oftmals lebenslange Therapie sein. Dass Apotheken neben ihrem Arzneimittelversorgungsauftrag auch zur Optimierung der Therapieergebnisse und Compliance bei Hypertonikern beitragen können, haben sie in Projekten zur Pharmazeutischen Betreuung von Hypertonikern bereits unter Beweis gestellt. Dieses Potenzial der Apotheken gilt es noch stärker in das Bewusstsein der Bevölkerung zu rücken. Durch die abgestimmten Screeningwerte zwischen der Hochdruckliga und dem ZAPP der ABDA sollten bestehende Unsicherheiten beseitigt und die Patientenberatung nach einer Blutdruckmessung in der Apotheke harmonisiert werden.

DAZ Sind weitere Kooperationen mit ärztlichen Fachgesellschaften geplant?

Schulz: Im Rahmen des Aktionsbündnisses Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) gibt es weitere Bemühungen, um den Umgang mit und die Anwendung von hochwirksamen Pharmaka noch sicherer zu gestalten. Der Geschäftsbereich Arzneimittel der ABDA befindet sich derzeit in einem engen Abstimmungsprozess mit der Arzneimittelkommission der Ärzte (AKdÄ), medizinischen Fachgesellschaften sowie Ministerien und Bundesoberbehörden, damit die Apothekerschaft zukünftig noch stärker als unabhängiges Organ in Sachen Arzneimitteltherapiesicherheit in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. So besteht schon eine langjährige erfolgreiche Kooperation der Apothekerschaft mit der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) zur Abstimmung über die Zuständigkeiten der jeweiligen Berufsgruppen in der Betreuung von Menschen mit Diabetes mellitus. Ein weiterer Erfolg aus der jüngsten Vergangenheit: die Integration der Apothekerschaft in der Nationalen Versorgungsleitlinie (NVL) Asthma bronchiale. Gegenwärtig wird die Zusammenarbeit mit der Atemwegsliga vertieft. Es wird ein neues Manual erarbeitet, Statements und Unterlagen für die zertifizierte Fortbildung Pharmazeutische Betreuung von asthmakranken Kindern und Jugendlichen sowie die Zusammenarbeit zwischen der Bundesapothekerkammer mit der Arbeitsgemeinschaft Asthmaschulung im Kindes- und Jugendalter e. V. vertieft. Materialien hierzu befinden sich im Download-Bereich der ABDA-Homepage unter: www.abda.de (im Login-Bereich: Fortbildung>Zertifikatfortbildungen>Curricula der Bundesapothekerkammer: www.abda.de/fileadmin/pdf/Fortbildung/Curr_Asthma_Kinder_Jugendl_Vorbemerkung_05_11_29.pdf)

DAZ Haben Sie schon eine Resonanz von Seiten der Ärzte bzw. der Apotheken erhalten?

Schulz: Wir haben bisher außerordentlich positives Feedback von den Apothekern erhalten, die per Telefon, E-Mail und bei Veranstaltungen nach den Bögen und Bestellmöglichkeiten nachfragen. In diesem Zusammenhang möchten wir auf die Download-Möglichkeit der Screening- und Informationsmaterialien zum Thema Bluthochdruck auf der ABDA-Homepage hinweisen: www.abda.de/index.php?id=868 sowie www.abda.de/arbeitsmittel_pb_diabetes.html

DAZ Woran haben Sie sich mit Ihrer Empfehlung orientiert, bei einem gemessenen Blutdruck über 140 mmHg systolisch und über 90 mmHg diastolisch, einen Arztbesuch anzuraten? Die Angaben, ab wann man von einer Hypertonie spricht, sind ja nicht einheitlich.

Schulz: Die Diagnose "arterielle Hypertonie" wird nach WHO-Definition vom Arzt nach Mehrfachmessung am Oberarm unter vergleichbaren Messbedingungen gestellt, wenn Blutdruckwerte von 140/90 mmHg überschritten werden. Für die Klassifikation des Hypertonie-Schweregrades gelten Empfehlungen der European Society of Cardiology/ European Society of Hypertension und des 7th Report of the Joint National Commitee on Prevention, Detection, Evaluation and Treatment of High Blood Pressure der USA, die in den wesentlichen Punkten inzwischen übereinstimmen. Die Fragestellung, bei welchen Blutdruckwerten noch allein mit nicht-medikamentösen Allgemeinmaßnahmen therapiert werden kann oder ab wann bereits Arzneimittel eingesetzt werden sollten, lässt sich anhand einzelner Blutdruckwerte nicht genau beantworten. Die Anzahl und Art der kardiovaskulären Risikofaktoren, Erkrankungen und Endorganschäden und die Höhe der mehrfach korrekt gemessenen Blutdruckwerte hingegen können das kardiovaskuläre Gesamtrisiko eines Patienten mit wissenschaftlichen Methoden abbilden, woraus sich sehr konkrete individuelle therapeutische Empfehlungen und die individuellen Behandlungsziele ableiten lassen. Dieses anerkannte Konzept der Risikostratifikation findet somit auch in den Ampel-Tabellen der Screening-Bögen seine Anwendung. Die harte "Blutdruckschwelle von 140/90 mmHg" gilt als überholt. Kardiovaskuläre Hochrisikopatienten wie Diabetiker, Patienten mit Herz- und Niereninsuffizienz, Patienten nach überlebtem Schlaganfall oder Herzinfarkt profitieren nachweislich – selbst bei hoch-normalen Blutdruckwerten (130 bis 139/85 bis 89 mmHg) – von einer intensivierten antihypertensiven Pharmakotherapie. Die moderne Hochdrucktherapie ist heute nicht nur darauf ausgerichtet, die Blutdruckwerte – möglichst sicher und verträglich – in die empfohlenen Zielbereiche zu senken, sondern das gesamte kardiovaskuläre Risikoprofil von Bluthochdruckpatienten zu verbessern. Beeinflussbare Risikofaktoren sind z. B. Übergewicht, Rauchen, Bewegungsmangel, hoher Alkohol-, Kochsalzkonsum und Dysstress. Zwischen den nationalen und europäischen Bluthochdruck-Fachgesellschaften besteht ein Konsens über die aktuellen Therapieziele und Behandlungsstrategien. Somit können sich die Apotheken an den weitgehend harmonisierten Empfehlungen in den Leitlinien der Deutschen Hochdruckliga (Stand 2008) und der European Society of Cardiology/ European Society of Hypertension (ESH / ESC, 2007) orientieren.

DAZ Herr Professor Schulz, vielen Dank für das Gespräch!

ck

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