Feuilleton

Reise durch den Mikrokosmos

Fantastische Szenen aus dem Mikrokosmos, detektiert mittels Elektronenstrahl, präsentiert im Leinwandformat –  das bietet "Microscapes", die aktuelle Sonderausstellung im Naturkundemuseum Reutlingen. Die Wissenschaftsfotografie lieferte hierzu mithilfe eines Raster-Elektronenmikroskops spektakuläre Werke, die schon mehrmals international prämiert wurden. Die Fotomodelle stammen aus Botanik, Zoologie und Technik. Auf das pharmazeutisch geschulte Auge warten dabei besonders prominente Leckerbissen.

Ein fußballgroßes Drüsenhaar von Lavandula officinalis , die handbreite Spaltöffnung eines Aloe-Blattes und ein kindsgroßer Ausschnitt einer Zungenblüte von Chamaemelum nobile empfangen den Besucher von "Microscapes" auf den ersten Metern. Wer wird da als Apotheker nicht gleich an sein Pharmakognosie-Praktikum im Studium erinnert? Doch was damals unter dem mit Chloralhydrat aufgehellten Präparat im Lichtmikroskop gerade noch als verschwommene Struktur erkennbar war, prangt hier in bis zu 300.000-facher Vergrößerung und noch dazu in räumlicher Perspektive als digital nachkoloriertes Kunstwerk hinter Acrylglas. Selbst Darmzotten, agglomerierte Erythrozyten, die Retina des menschlichen Auges, Escherichia coli oder der gemeine Holzbock werden so zu attraktiven Fotomodellen. Somit kann die Ausstellung auch Laien für wissenschaftliche Sachverhalte begeistern. Ins Visier des Betrachters kommen aber auch technische Objekte wie z. B. der Kopf einer Titanschraube oder die Zähne einer Holzraspel.

Der Name ist Programm

Der Titel der Ausstellung "Microscapes" ist als Kunstwort aus "Mikroskop" und "landscape" entstanden. Er wurde kreiert, weil die vieltausendfach vergrößerten Objekte mit ihren oft bizarren Strukturen an fantastische Landschaften erinnern; so geht der Betrachter dieser Fotos auf eine Reise in die fremde und zugleich faszinierende Welt des Mikrokosmos.

Schöpfer der Exponate sind die Diplom-Biologin Nicole Ottawa und der Fotograf Oliver Meckes. Das Ehepaar gründete 1995 in Reutlingen ein Fotolabor unter dem Firmennamen "eye of science" und stattete es nach und nach mit Hightech-Elektronenmikroskopen, einem Computertomographen und Spezialsoftware aus, sodass es heute zu den weltbesten Studios für Wissenschaftsfotografie zählt. Ihre Aufträge erhalten sie von Forschungsinstituten und der Pharmaindustrie.

Zwei Wochen Arbeit für ein Foto

Bis zu zwei Wochen Arbeit stecken in einer einzigen mit dem Raster-Elektronenmikroskop (REM) erzeugten Aufnahme und ihrer Nachbearbeitung. Die einzelnen Schritte erklärt ein vom NDR produzierter Kurzfilm, der in der Ausstellung zu sehen ist: Nach der Auswahl des Objekts unter dem Stereomikroskop wird die Probe zunächst fixiert und anschließend entwässert. Hierzu dient eine Alkoholreihe aus sieben ansteigenden Konzentrationsstufen, in die das Objekt überführt wird, was etwa 24 Stunden lang dauert. Anschließend kommt die Probe in eine Druckkammer, in der bei ca. 50 bar der Alkohol durch flüssiges CO2 ersetzt wird. Im nächsten Schritt wird die Kammer erwärmt und das CO2 verflüchtigt. Das Objekt ist nun völlig wasserfrei und kann im Vakuum mit Gold bedampft werden. Dies ist notwendig, damit der feine Elektronenstrahl im REM das Objekt als solches überhaupt "erkennt". Aus den reflektierten Elektronen wird letztlich ein Bild in Graustufen aufgebaut.

Das REM-Bild kann mithilfe einer Spezialsoftware pixelgenau koloriert werden. "Malen nach Zahlen" nennt Ottawa diesen Arbeitsschritt, bei dem sie sich – wenn möglich – an den Originalfarben der Natur orientiert. So erhalten die von einer Wachsschicht überzogenen Blattzellen von Eucalyptus globulus ein mattes Grün und Erythrozyten ein klares Rot. Doch wenn ein Objekt wie z. B. im Fall von E. coli farblos ist (lichtmikroskopische Aufnahmen zeigen in der Regel angefärbte Bakterien), erfolgt die Kolorierung im Sinne der künstlerischen Freiheit auch mal rein intuitiv.

Ausgezeichnete Werke

Die Werke von "eye of science" erheben also neben dem wissenschaftlichen stets auch einen ästhetischen Anspruch. Damit hat das Reutlinger Duo in den letzten Jahren schon zahlreiche renommierte Preise gewonnen, vom "World Press Photo Award" über den "Deutschen Preis für Wissenschaftsfotografie" bis zum begehrten "Lennart Nilsson Award". Bestätigt wird ihr hoher Qualitätsstandard außerdem durch Veröffentlichungen in den Zeitschriften "Geo", "Time Magazine", "stern" und "Bild der Wissenschaft".

Nach Galerien in Hamburg, Mannheim, Paris, Budapest und Belgien sind nun rund 40 der besten Exponate von "Microscapes" noch bis zum 19. April im Reutlinger Naturkundemuseum zu sehen.

Christiane Weber, Reutlingen

Museum

Naturkundemuseum Reutlingen
Weibermarkt 4, 72764 Reutlingen
Tel. (0 71 21) 3 03 20 22
www.reutlingen.de/naturkundemuseum
Geöffnet: Di – Sa 11 – 17 Uhr, Do 11– 19 Uhr, So und Ostern 11 – 18 Uhr, Karfreitag geschlossen
Eintritt frei
"Microscapes – Eine Reise durch den Mikrokosmos" ist bis 19. April 2009 zu sehen.
Das Museum bietet auch eine geologische, paläontologische, zoologische und kulturhistorische Dauerausstellung, welche die Entstehung und Entwicklung der Schwäbischen Alb sowie die aktuelle Flora und Fauna erläutert. Zu den Highlights zählt die Versteinerung eines 5 Meter langen und 190 Millionen Jahre alten Meereskrokodils.

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