Fortbildung

Tabakentwöhnung: Weg von der Sucht – in jedem Alter!

Wer mit dem Rauchen aufhören will, muss es wirklich wollen. An erster Stelle steht dabei die Verhaltensänderung des Betroffenen. Medikamentöse Entwöhnungshilfen sollen dagegen den Weg zur Abstinenz erleichtern Ų derzeit beschränken diese sich auf die Nicotinersatztherapie und die Behandlung mit Bupropion. Zu diesem Thema lud die Deutsche Pharmazeutische Gesellschaft (DPhG) am 23. Februar 2006 in Stuttgart Prof. Dr. Anil Batra von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Tübingen ein, der die aktuellen Erkenntnisse des Arbeitskreises Tabakentwöhnung vorstellte.

Etwa 27 Prozent der deutschen Bevölkerung ab dem 15. Lebensjahr sind Raucher (Mikrozensus 2003). Die Zahl der Abhängigen wird auf mindestens 25 Prozent aller Raucher geschätzt.

Mittlerweile dürfte es weithin bekannt sein, dass das Rauchen eine Reihe von Gefahren birgt wie etwa Krebs und Schlaganfälle, die teilweise tödlich verlaufen, aber auch abnehmende sportliche Fitness, Impotenz etc., die die Lebensqualität des Einzelnen erheblich einschränken. Nicotin verursacht maßgeblich die Abhängigkeit vom Rauchen; daneben gibt es ca. 4000 weitere gesundheitsschädigende Inhaltsstoffe wie Benzol, Kohlenmonoxid und diverse Schwermetalle.

Nicotin, das je nach Art der Aufnahme (Inhalation oder . Paffen) in variablen Mengen in den Stoffwechsel gelangt, führt zur Freisetzung einer Reihe von Transmittern wie z. B. Dopamin, Adrenalin, Acetylcholin.

Abhängig – warum?

Batra stellte in seinem Vortrag drei Modelle der Abhängigkeit vor: Nicotin führt wie Morphin, Cocain und Amphetamine zu einer verstärkten Freisetzung von Dopamin, wodurch das dopaminerge Belohnungssystem im mesolimbischen System aktiviert wird. Besonders zu Beginn des Tages oder nach längerer Abstinenz sucht der Raucher nach diesem positiven Gefühl, was das erneute Rauchen zur Folge hat. Des Weiteren gibt es das Modell der Neuroadaption der Acetylcholinrezeptoren.

Nicotin ist in der Lage, diese Rezeptoren länger als Acetylcholin zu blockieren, was eine Neubildung dieser Rezeptoren (Up-Regulation), insbesondere im Hypocampus, zur Folge hat; eine Rückbildung kann Wochen bis Monate andauern, die mit Craving, Reizbarkeit etc. einhergeht. Als drittes Modell nannte Batra die genetische Verankerung: Einige Menschen verfügen über mehr Dopaminrezeptoren und sind somit für Suchtkrankheiten prädestiniert.

Entwöhnung – aber wie?

Wie aber kann Tabakentwöhnung erfolgreich stattfinden? Den "Smoking Cessation Guidelines" der American Heart Association zufolge erzielt man mit einer medikamentösen Therapie in Verbindung mit Selbstkontrollmethoden unter therapeutischer Anleitung die besten Erfolge bei der Tabakentwöhnung. Ob es einer medikamentösen Behandlung bedarf, hängt von dem Grad der Tabakabhängigkeit ab, die mit einem speziellen Test (Fagerström-Test) ermittelt werden kann. Derzeit können zur Bekämpfung der Entzugserscheinungen Nicotinsubstitute – Pflaster, Kaugummi, Tablette, Nasenspray oder Inhaler – oder Bupropion angewendet werden; sie ersetzen aber keinesfalls eine Verhaltensmodifikation.

Eine Tabakentwöhnung bringt häufig eine Reihe von Komplikationen mit sich. Zum einen kommt es zu körperlichen Problemen wie einer Gewichtszunahme, Schlafstörungen oder einer Abnahme der Herzfrequenz, zum anderen sind diese Personen stressanfälliger, fühlen sich in ihrer Lebensqualität eingeschränkt und sozial ausgegrenzt. Um mit diesen Problemen umgehen zu können, sollte der Entwöhnungswillige sich über Entzugserscheinungen bewusst sein, einen stressfreien Zeitpunkt auswählen und die nötige Motivation für eine Tabakentwöhnung mitbringen.

Unterstützung aus der Apotheke

Dabei können auch Apotheker die Entwöhnungswilligen unterstützen. Sie sollten der Person empathisch entgegenkommen und gleichzeitig auf mögliche Gefahren hinweisen und Hilfestellungen geben. Tipps wie Rauchutensilien aus dem Umfeld zu beseitigen, das Abstinenzvorhaben öffentlich zu machen und Rauchsituationen bzw. Stimuli aus dem Weg zu gehen und zu kontrollieren, können für die Betroffenen genauso hilfreich sein wie ein System von Belohnung und Bestrafung. Beispielsweise können Verträge, Wetten oder Vereinbarungen abgeschlossen werden. Misslingt das Vorhaben, mit dem Rauchen aufzuhören, sollten die Betroffenen nochmals ihre eigene Motivation überprüfen und ihre bisherigen Teilerfolge abschätzen, um sich für neue Schritte in Richtung Abstinenz motivieren zu können. Im Falle einer Abstinenzunfähigkeit schlug Batra an dieser Stelle die "harm reduction" vor, nämlich das Rauchen zu kontrollieren und schrittweise zu reduzieren. Dabei beobachtete er überraschenderweise, dass einige Patienten auf diesem Wege abstinent wurden.

Insgesamt beschrieb Batra bei einer medikamentösen Therapie in Verbindung mit einer Verhaltensmodifikation eine Abstinenzrate von 35 Prozent nach einem Jahr, betonte aber, dass bestimmte Rauchertypen (depressive, hyperaktive oder stark abhängige Raucher) daneben auch eine Psychotherapie wahrnehmen sollten.

Am besten jedoch ist es, erst gar nicht mit dem Rauchen zu beginnen. Für weitergehende Informationen zum Thema Prävention machte Batra auf zwei Suchtpräventionsprogramme im Kindes- und Jugendalter aufmerksam: "Schule 2000" (www.schule2000.de) und "be smart – don't start" (www.ift-nord.de).

Weiterführende Informationen zum Forschungsgebiet Raucherentwöhnung und Angebote für Patienten des Arbeitskreises Raucherentwöhnung finden Sie im Internet unter: www.medizin.uni-tuebingen.de. ka

Nachgefragt

Nach seinem Vortrag hatte die DAZ Gelegenheit, mit Professor Batra ein Interview zu führen über das Anfang Februar vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zugelassene Raucherentwöhnungskonzept mit nicorette Kaugummis "Erst weniger rauchen – dann aufhören". Es ist ein Raucherentwöhnungsprogramm, das Raucher anspricht, die zwar die Zigarettenmenge reduzieren möchten, aber nicht bereit oder in der Lage sind, komplett aufzuhören. Dies entspricht rund einem Drittel aller Raucher. In vier Schritten über neun bis zwölf Monate wird der Raucher an den Nicotinausstieg herangeführt.

Eine Studiengruppe um Professor Batra hat die Nicotinersatztherapie bei der Rauchreduktion untersucht.

DAZ:

Wie genau funktioniert das neue Konzept? Wie sehen die vier Schritte aus?

Batra:

Zielgruppe für die neue Behandlungsform sind Raucher, die noch nicht abstinenzmotiviert sind, aber eine Änderung des Rauchverhaltens erwägen. Einige Studien zeigen, dass manche dieser Raucher mit Hilfe einer Nicotinsubstitution per Kaugummi den Zigarettenkonsum senken können und dadurch sogar mittelfristig zur Abstinenz kommen. Ziel der Selbstbehandlung mit Nicotinkaugummi sollte eine Reduktion des Zigarettenkonsums um wenigstens 50% innerhalb der ersten sechs Wochen sein, danach sollte unbedingt eine Motivation zum Rauchverzicht innerhalb der nächsten sechs Monate erfolgen. Sollte dies nicht möglich sein, sollte eine therapeutische Unterstützung gesucht werden. Im Falle eines erfolgreichen Rauchverzichts kann die Abstinenz durch eine fortgesetzte Einnahme des Nicotinersatzes stabilisiert werden.

DAZ:

Wie erklären Sie sich, dass Raucher, die lediglich eine Reduktion der Zigarettenmenge anstrebten, jedoch nicht vor hatten mit dem Rauchen aufzuhören, zum Ausstieg motiviert werden?

Batra:

Im Rahmen der Nicotin-gestützten Reduktion des Zigarettenkonsums erleben einige, dass die Verringerung des Zigarettenkonsums unproblematischer möglich ist als ursprünglich gedacht, verlieren aus diesem Grunde ihre Befürchtungen bezüglich eines möglichen Scheiterns und versuchen dann auch den nächsten Schritt, die Abstinenz zu wagen. In den Studien ist dies gelungen, nachdem die Raucher regelmäßig im Rahmen von Kurzkontakten auf diese Möglichkeit hingewiesen wurden und ermuntert wurden, den Schritt zu wagen.

DAZ:

Was ist der Vorteil einer Reduktion des Zigarettenkonsums mithilfe der Nicotinersatztherapie im Vergleich zur Willenskraft allein?

Batra:

In den placebokontrollierten Studien konnte eine deutliche Überlegenheit der Nicotin-gestützten Behandlung festgestellt werden. Dies spricht für eine spezifische Wirkung der Nicotinersatztherapie im Sinne einer Unterstützung der Motivation und Bekämpfung der möglicherweise als störend erlebten Entzugserscheinungen.

DAZ:

Besteht bei einem Konzept mit Nicotinkaugummi parallel zum Rauchen nicht die Gefahr einer Überdosierung an Nicotin?

Batra:

Die Halbwertszeit des Nicotins ist beim Raucher relativ kurz. Dadurch ist Nicotin gut steuerbar und der Raucher kann bei dem Verspüren von Überdosierungserscheinungen (Kopfschmerzen, Schwindel) sofort den Zigarettenkonsum bzw. den Kaugummikonsum beenden.

DAZ:

Wie lange sollten Nicotinersatzprodukte genommen werden? Sollte man sich professionelle Unterstützung von psychologischer oder hausärztlicher Seite holen, wenn die Ziele nicht in dem angestrebten Zeitraum erreicht werden?

Batra:

Sollte sich das Unterfangen, abstinent zu werden, schwieriger gestalten als ursprünglich gedacht, sollte unbedingt eine therapeutische Unterstützung (durch einen Arzt oder einen Psychotherapeuten) gesucht werden. Die Nicotinersatztherapie sollte nach Beginn der Abstinenz für die Zeit von zwei bis besser drei Monate fortgeführt werden. Im Einzelfall raten Experten – insbesondere bei stark rückfallgefährdeten Personen – auch zu einer Fortführung der Nicotinersatztherapie über diesen Zeitraum hinaus. Da die einzelnen Produkte unterschiedliche Abhängigkeitsrisiken bergen, sollte dies bei der Planung, insbesondere wenn eine völlige Nicotinabstinenz angestrebt wird, bedacht werden. Das Abhängigkeitsrisiko ist beim Nicotinnasalspray beispielsweise höher als beim Nicotinkaugummi und am geringsten bei Nicotinpflastern.

Wer mit dem Rauchen aufhören will, muss es wirklich wollen. An erster Stelle steht dabei die Verhaltensänderung des Betroffenen. Medikamentöse Entwöhnungshilfen sollen dagegen den Weg zur Abstinenz erleichtern. Prof. Dr. Anil Batra von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Tübingen stellte in Stuttgart die aktuellen Erkenntnisse des Arbeitskreises Tabakentwöhnung vor.

Langsam aufhören

Es ist eine weit verbreitete Annahme, dass man mit dem Rauchen nur von "jetzt auf gleich" Schluss machen kann. Auch wenn es zweifellos Menschen gibt, die das schaffen – die Zahl der Rückfälligen, die nach einer gewissen Zeit doch wieder zur Zigarette greifen, ist ziemlich hoch.

Mit jedem Misserfolg schwindet das Selbstvertrauen, die Betroffenen stehen als "willensschwach" da. Dabei ist es völlig lebensfremd zu behaupten, es sei einfach, mit dem Rauchen aufzuhören. Die Methode "ganz oder gar nicht", auch als Schlusspunkt-Methode bezeichnet, ist eben nur für Wenige geeignet.

Hier setzt das "Slow-Rauchen" als Alternative an: Ziel ist das bewusste Rauchen von nur einigen wenigen Zigaretten täglich. Die Erfolge der in diesem Buch vorgestellten Methoden sind eindrucksvoll. Der individuelle Gewinn ist hoch: Slow-Raucher profitieren von einer höheren Lebensqualität und sparen zudem Geld. Und sie gewinnen an Selbstwertgefühl: ein neues Leben als "Slow-Raucher".

Favre, Marc Rainer: Slow Rauchen, S. Hirzel Verlag, Erlebnis Gesundheit, 2003. VII, 112 S., 4 s/w Abb. Kartoniert, ISBN 3-7776-1234-0, Euro 18,00. Zu bestellen über DAV-Buchhandlung, Tel. (07 11) 25 82 - 3 42 (-3 41), Fax (07 11) 25 82 - 2 90.

Medikamentöse Unterstützung bei der Tabakentwöhnung

Vorübergehende Nicotinsubstitution in Form von Kaugummi, Pflastern, Nasenspray, Inhaler oder Tabletten: Das Nicotin wird in angepasster Dosis ohne Schadstoffe dargereicht und lindert die Entzugserscheinungen.

Bupropion: inhibiert die Wiederaufnahme von Dopamin und Noradrenalin und reduziert die Entzugssymptome, Craving und einen Anstieg des Körpergewichts.

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