Meinung

J. Schultz:2050: ein futuristischer Ausblick –

Lassen wir zu Beginn des neuen Millenniums unsere Gedanken noch einmal in die Kindheit und das Studium bis ins Jahr 1950 zurückschweifen und geben wir uns ungehemmt der Verwunderung über die unglaublichen Veränderungen der vergangenen fünf Jahrzehnte hin. Dann drehen wir langsam und erschütterungsfrei den Kopf und lassen den glasigen inneren Blick nach vorne auf die Pharmazie des Jahres 2050 fließen. Verwundert reiben wir uns die Augen, was da alles auf uns zukommt.

Das "Sickom" wird routinemäßig analysiert

Die klassische Apotheke im Stadtzentrum wird weitgehend verschwunden sein. 2050 wird sie Teil eines Gesundheitszentrums, das aus den ehemaligen Ärztehäusern hervorgegangen ist. Fitness- und Wellnesszentren, Massage- und Gymnastikpraxen gehören im Jahr 2050 ebenso dazu wie die Praxen hochspezialisierter Ärzte mit Tagesklinik. Im Jahr 2050 kennen wir seit geraumer Zeit die ca. 10 000 Gene samt ihren Funktionen, welche an der Entstehung der wesentlichen multigenetischen Erkrankungen des Menschen beteiligt sind. Dieser als Sickom bezeichnete Satz von Genen (abgeleitet von sickness in Analogie zu Genom oder Mitom) wird bei jedem Neugeborenen bereits seit etwa 2010 mit der stark verbilligten array-Technologie analysiert. Die Kosten trägt die staatliche Gesundheitskasse, in der die alten Krankenkassen aufgegangen sind (die Namensänderung ist vergleichbar dem Übergang von Kriegs- zu Verteidigungsministerium).

Die Daten für alle nach 2015 Geborenen werden seit 2040 in einem Vereinigte-Staaten-von-Europa (VSE)-Rechner in Budapest gespeichert, das damit eine europäische Zentraleinrichtung erhalten hat. Der Kreis der Zugangsberechtigten zu diesem Sickom-Register setzt sich ausschließlich aus Angehörigen der Heilberufe der VSE zusammen (in seltenen Fällen ist dem EBI [European Bureau of Investigation] Zugang zu gewähren). Apotheker und Ärzte benötigen das Einverständnis der Patienten in Form einer persönlichen PIN, die als Daumenabdruck Daumenabdruck bereits bei Geburt mit den Daten im Rechner verknüpft wird und mit Genehmigung der Patienten als Cookie in der Apotheke gespeichert wird. Seit wenigen Jahren ist Dateneinsicht sogar jedem Patienten über das Intersatellit-Netzwerk mit seiner Daumen-PIN möglich.

Patienten mit implantiertem Chip

Wir sehen den Patienten des Jahres 2050: Noch trägt er einen implantierten optischen Chip mit individueller Registriernummer, welcher als Mikrosensor alle wesentlichen Körperfunktionen (u. a. EKG, EEG, ERG, Puls und Blutdruck, Blutzucker, Krebszyklusintermediate, Alkohol, Lipide, Cholesterol, um nur einige zu nennen) kontinuierlich misst und speichert. Der Umfang der erhobenen Einzelmessungen entspricht inzwischen nahezu dem Spektrum, das noch um die Jahrhundertwende mit großem maschinellem Aufwand auf der Intensivstation registriert wurde, in einigen physiologischen Parametern geht er darüber hinaus. Augenblicklich experimentiert man mit Sensorchips zum Aufkleben als Pflaster, ist allerdings mit deren Zuverlässigkeit noch nicht ganz zufrieden.

Obendrein können diese Pflastersensoren noch nicht die ganze Breite der notwendigen Körperfunktionen aufnehmen. Man rechnet mit einem Einsatz von Pflasterchips gegen 2100. Noch unterscheiden sich die Chips der Patienten je nach Hersteller und Produktionsjahr erheblich. Zur Zeit läuft eine breite öffentliche Debatte darüber, wann endlich die schon lange verlangte und von einigen Herstellern immer wieder hintertriebene Standardisierung nach DIN gesetzlich eingeführt wird und wie oft den Kassenmitgliedern die Anpassung an die neueste Chipgeneration erstattet wird. Gerade ältere Patienten und Pensionäre mit technisch veralteten Chips fühlen sich derzeit benachteiligt.

Der Apotheker wird wieder Hausapotheker

Für den Apotheker ist der Chip-Patient im Jahr 2050 die Regel. Entsprechend der letzten europäischen Apothekenbetriebsordnung von 2048 besitzt er mehrere Lesegeräte, mit denen er die Sensoren verschiedener Hersteller abfragen kann. Bei einem orientierenden Gespräch erhält der Apotheker weitere Informationen des Patienten über akute Beschwerden und übermittelt diese in standardisierter Form zusammen mit den abgefragten Sensordaten an den Zentralcomputer in Budapest. Der VSE-Rechner erstellt unter Einbezug des Patientensickoms online die Diagnose und berechnet, ebenfalls online, die optimale Therapie. Insofern wird der heutige Pharmazeut im Jahre 2050 wieder in die Rolle des Hausapothekers hineinwachsen, der noch aus der Zeit des Biedermeiers bzw. des Barocks von Bildern Spitzwegs und Theaterstücken eines Moliere bekannt ist. Für den Patienten bedeutet dieser Fortschritt den Ersatz der früher teilweise zeitraubenden Hausarztbesuche. Natürlich haben die Apotheken um die Mitte dieses Jahrhunderts deshalb abends verlängerte Öffnungszeiten, in der Regel bis 23 Uhr. Insgesamt ist die Apotheke 2050 ein integraler Bestandteil einer kleinen operativen Einheit der Health Management Organisationen und Provider (HMOP).

4,25 % Beitragssatz zur Gesundheitskasse

All diese Neuerungen wurden bereits um die Jahrhundertwende unter dem Stichwort pharmaceutical care eingeleitet. Nach zögerlichem Beginn wurde dieses Gesundheitspaket Gesundheitspaket aber letztlich sowohl von den Patienten als auch von den Gesundheitskassen gut angenommen. Die Kassen sparen enorm, der Beitrag liegt bei 4,25 %, die Gewinnbeteiligung vermindert diesen Satz für gesundheitsbewusste Patienten erheblich. Der frühere Hausarzt tritt als Berufsbild etwas in den Hintergrund, da Diagnose und Therapie der Standarderkrankungen, d. h. der meisten nicht unfallbedingten Erkrankungen, mit Hilfe der enorm gesteigerten Rechnerkapazitäten und auf Grund des Fortschritts der biomedizinischen Datenerfassung überwiegend online in Budapest erfolgt.

Apotheke mit Arzt

Die moderne Apotheke als Gesundheitszentrum wird 2050 per Apothekenbetriebsordnung noch einen Arzt angestellt haben (s. u.), der bei jedem Patienten routinemäßig den anatomischen Sitz des Chips kontrolliert und die regelmäßige Einstellung der Normwerte kontrolliert und gegebenenfalls individuell justiert. Defekte Chips werden problemlos vor Ort ausgetauscht. Hier ist der Arzt in der Apotheke Bindeglied zu den einzelnen Arztpraxen des Gesundheitszentrums, in denen kleinere, aber auch größere Eingriffe von Spezialisten ambulant vorgenommen werden. Überhaupt, der Übergang zur nächsten Chipgeneration bei den Patienten wäre technisch kein Problem, vorausgesetzt man könnte sich politisch über den Kostenträger einigen. Zusätzlich werden seltene bakterielle oder virale Infektionen 2050 mit der DNA-array-Technik binnen weniger Stunden exakt diagnostiziert. Dazu hat die Apotheke ein entsprechend ausgerüstetes Laboratorium, das gemeinsam mit dem Arzt betrieben wird. Letzterer trifft nach Datenbankrecherche die therapeutischen Entscheidungen.

Arzneien für jeden Patienten individuell

Eine erfreulich geänderte Situation hat sich 2050 bei dem um die Jahrhundertwende noch hochaktuellen Thema der Patienten-Compliance ergeben. Dieses Problem wurde durch gleichzeitige Fortschritte auf mehreren technologischen Gebieten praktisch vollständig gelöst. Endlich wurde im Jahr 2025 nach jahrzehntelangen Diskussionen und Kämpfen die Arzneimittelpositivliste in einer großen Koalition gesetzlich verankert. Dies reduzierte die verwendeten Wirkstoffe auf die überschaubare und im Alltagsbetrieb handhabbare Zahl von 2537 (allerdings hat die Bedeutung des Obst- und Gemüsenebensortiments [nutraceuticals], die zur passiven und aktiven Immunisierung eingesetzt werden, deutlich zugenommen!).

Weiter werden auf Grund der ungemein differenzierten Datenerfassung eines Krankheitsbildes nur noch als customized bezeichnete Dosen appliziert. Darunter versteht man, dass die Arzneistoffe in der Apotheke für jeden einzelnen Patienten in einer Depotform mit kontrolliertem release hergestellt werden, die sich i. d. R. bevorzugt zur unmittelbaren und vollständigen Applikation der Gesamtdosis mit einem Gerät eignen, das an die frühere Impfpistole erinnert. Die Applikation erfolgt ohne Verwendung von Injektionsnadeln unblutig perkutan direkt durch den Apotheker oder seine angestellte Fachkraft.

Für Arzneistoffe, die immer noch peroral appliziert werden müssen, aber auch bei Vorliegen von Hautallergien, die eine perkutane Applikation als bedenklich erscheinen lassen, wird 2050 ein technisch aufwendiges Verfahren verwendet. Der Apotheker stellt entsprechend der Rezeptur eine abbaubare Kapsel her, die einen ebenfalls glykoproteolytisch abbaubaren Chip beherbergt. Dieser Arzneistoffchip, ein echtes made-tomeasure-Therapeutikum, wird je nach Anforderung so beschichtet, dass er im Magen, Intestinum oder Duodenum platziert bleibt und dort über mehrere Tage bis Wochen hinweg genau dosiert den Wirkstoff entlässt. Der Apotheker überwacht unmittelbar die Einnahme dieser mit Gleitmittel versehenen Kapsel durch den Patienten in seinen Amtsräumen. Selbstverständlich führt diese moderne Wirkstoffapplikation zu beträchtlichen Einsparungen, da damit Non-compliance endgültig der Vergangenheit angehört, Arzneimüll fällt kaum mehr an. Manche Leute sprechen um 2050 denn auch von einer Boutique-Pharmazie, weil bei der Therapie ein Grad der Individualität erreicht wird, der sich früher nur auf dem Bekleidungssektor darstellen ließ.

Telepharmazie und Apotheke auf Rädern

Experimentiert wird in der Mitte des Jahrhunderts mit Telepharmazie. An einem ausgewählten Patientenkollektiv wird erprobt, den Patientenchip mit einem preisgünstigen Decoder über das Kabel einzulesen und an die Apotheke im Gesundheitszentrum weiterzuleiten. Zusammen mit dem digitalisierten Daumenabdruck als PIN kann dann der Apotheker anhand der aktuellen Gesundheitsparameter und der Sickom-genetischen Information die Diagnose durch den Zentralrechner in Budapest errechnen und die optimale persönliche Arzneimitteltherapie konzipieren lassen. Die Herstellung des Therapeutikums, durch die Positivliste logistisch problemlos möglich, erfolgt fachgerecht mit dem entsprechenden hochtechnisierten Maschinenpark in der Apotheke. Die Lieferung erfolgt direkt an die Adresse des Patienten nach Hause.

Apotheke auf Rädern ist bis 2050 eine realistische Vorstellung und von der Allgemeinheit entsprechend der Zunahme des Servicegedankens in allen Bereichen unseres Lebens voll akzeptiert. Grundsätzlich sind für die Apotheke auf Rädern allerdings im Zusammenhang mit den Fragen der Wirkstoffapplikation vor Ort neben dem Apotheker auch der angestellte Arzt zu beteiligen. Angedacht wird in diesem Zusammenhang auch eine weitere Ergänzung der Apothekenbetriebsordnung. Es soll ein elektronisch ausgestatteter Kommunikations-, Überwachungs- und Steuerraum Vorschrift werden.

Arzneiversandhandel und Globalisierung

Im Rahmen der Telepharmazie wird um 2050 diskutiert, ob nicht ein Teil der pharmaceutical care für alte Mitbewohner, die das Haus nicht mehr verlassen können oder wollen, mit den modernen Technologien per Telepharmazie rationell und ökonomisch machbar erledigt werden kann. Die neuesten Chips verfügen nämlich über Minisender, die via Satellit kommunikationsfähig sind. Diese Entwicklung wurde eigentlich angestoßen, um die immer noch steigende Zahl der europäischen Touristen auch in völlig entlegenen, touristisch aber bedeutsamen Gegenden vollständig dem heimischen Gesundheitsstandard entsprechend zu betreuen. Einzelne Serviceunternehmen haben sich auf diese Bevölkerungsgruppe spezialisiert und machen ihr Geschäft im wesentlichen mit der Arzneimittelzustellung in entfernte Länder. Hier wird global mit anderen Unternehmen kooperiert, denn es ist 2050 nicht zu übersehen, dass sich die Gesundheitssysteme der großen Industrienationen immer weiter angleichen.

Pflegeroboter in der Altenpflege

Auf die Probleme der Altenpflege vor Ort angewendet, bedeutet dies, dass man an den Apotheken-kontrollierten Einsatz von Pflegerobotern denkt, die bei richtigem Verhalten der Patienten enorme Entlastungen bieten. Entsprechende Roboter für verwirrte Patienten sind gegenwärtig noch zu grob. Diese kleinen Heimroboter können bei zwar gebrechlichen, aber geistig rüstigen Patienten Entscheidendes zur Pflege leisten, u.a. werden die Sensordaten mit den aktuellen Messwerten stündlich übertragen, im Kommunikationszentrum der Apotheke vor Ort analysiert und ausgewertet. Entsprechende Veranlassungen sind dann zu treffen. Diese technischen Neuerungen befinden sich 2050 noch in einem experimentellen Stadium, werden aber von den Testpersonen überraschend gut angenommen. Zum einen betrachten die Patienten den Umgang mit dem Roboter als unterhaltsame Herausforderung, zum anderen sehen sie die Vorteile, dass sie weniger ungefragt gestört werden.

Pharmazeutische Biochemie und Alternative Pharmazie

Der Verfasser dieser Utopie ist Hochschullehrer. Abschließend sei deshalb die Frage nach der Ausbildung der Pharmazeuten im Jahr 2050 gestellt.

  • Die klassische Pharmazeutische Chemie/Medizinische Chemie ist in einer modernisierten chemischen Fakultät pharmaziefern untergebracht. Im ersten Prüfungsabschnitt orientiert sich das geforderte chemische Wissen im wesentlichen an den Anforderungen, die früher an Mediziner gestellt worden sind.
  • Die Pharmazeutische Biochemie ist Hauptfach, das sowohl physiologische Chemie als auch Pathobiochemie umfasst.
  • Die Pharmakologie des Jahres 2000 existiert als solche nicht mehr, da dieses Wissen heute besser über Datenbanken abgefragt wird, die ständig von Fachleuten aktualisiert werden.
  • Dagegen sind Fächer wie Physiologie und Anatomie erheblich ausgeweitet worden und stellen einen beträchtlichen Anteil in den Prüfungen, die inzwischen einheitlich nach dem amerikanischen creditpoint-System ablaufen.
  • Die Pharmazeutische Technologie ist 2050 nicht wieder zu erkennen. Es gibt keine Tablettenpressen mehr, keine Suppositorienformen oder Salbenmühlen. Der Pharmazeut lernt, die komplizierten Maschinen zu bedienen, mit denen er vor Ort die hochtechnisierten Applikationsformen herstellen wird. Da sich dieser maschinelle Teil ständig erneuert, sind in der Approbationsordnung laufende Weiterbildungskurse mit Prüfungen in dreijährigem Abstand vorgeschrieben. Die pharmazeutisch-technischen Abteilungen der Hochschulen vermitteln Grund- und Weiterbildung.
  • Das Fach Klinische Pharmazie wurde bereits kurz nach seiner versuchten Einführung als ein Irrweg erkannt und war schon in der Approbationsordnung von 2010 nicht mehr enthalten.
  • Die Stoffreste der Pharmazeutischen Biologie sind dem Spezialgebiet "Alternative Pharmazie" zugeordnet.

    Apotheke als Servicezentrum

    Im Jahr 2050 entzünden sich Diskussionen an der Frage, ob die Approbationsordnungen für Apotheker und für einen neuen Typus des Hausarztes soviel Gemeinsamkeiten aufweisen, dass eine einheitliche Approbationsordnung geschaffen werden kann und soll. Unstrittig ist, dass die Medizinerausbildung für alle Bereiche des operativen Medizinbetriebs von derjenigen der früheren Hausärzte abgekoppelt wird. Die Apotheke als Raum der ständigen Gesundheitskontrolle mit Applikation von Arzneistoffen und Überwachung aller gesundheitsrelevanten Patientenparameter ist zu einem pharmazeutisch-medizinischen Servicezentrum geworden, dem auch die Approbationsordnung Rechnung tragen muss. Diese Diskussionen zwischen Apothekerschaft auf der einen Seite und den Hausärzteverbänden auf der anderen sind noch nicht beendet. Der Einfluss der Hochschullehrer bei der Neufassung der Approbationsordnung im Jahr 2050 ist kaum noch gefragt, sie sperren sich nachhaltig gegen die Einführung der Fächer Bioinformatik in die Curricula, obwohl der Fachapotheker/Facharzt für Bioinformatik schon seit 2025 von den Kammern durchgesetzt worden ist.

  • Kleiner Ausblick auf das Gesundheitswesen im Jahr 2050: Das "Sickom" (das für die Enstehung von Krankheiten verantwortliche Erbgut) wird bei jedem Bürger der Vereinigten Staaten von Europa routinemäßig analysiert und die Daten zentral gespeichert. Ein implantierter Chip misst kontinuierlich alle relevanten Körperfunktionen. Arzneien werden für jeden Patienten individuell in der Apotheke angefertigt und als Depotpräparat appliziert. Die Pharmazeutische Biologie ist im Fach Alternative Pharmazie aufgegangen.

    0 Kommentare

    Das Kommentieren ist aktuell nicht möglich.