Engpässe bei Grippeimpfstoffen

Grippeimpfstoff-Bestellungen wurden teils storniert

Stuttgart - 11.11.2020, 07:00 Uhr

Teilweise erhielten Apotheken nicht alle vorbestellten Grippeimpfstoffe. (m / Foto: imago images / Laci Perenyi)

Teilweise erhielten Apotheken nicht alle vorbestellten Grippeimpfstoffe. (m / Foto: imago images / Laci Perenyi)


Wie knapp sind die Grippeimpfstoffe wirklich? So knapp, dass noch nicht einmal die vorbestellten Vakzinen an die Apotheken geliefert werden konnten? Das wäre erstaunlich, schließlich wird auf Basis der Vorbestellungen der Grippeimpfstoff produziert. DAZ.online hat seine Leser gefragt: „Wie lief es in Ihrer Apotheke mit den Grippeimpfstoffen?“ Die Ergebnisse zeichnen ein uneinheitliches Bild. Nicht so die Sicht des Großhandels.

Von 617 teilnehmenden Apothekern geben in einer DAZ.online-Umfrage 255 
(41,33 Prozent) an, dass ihre Apotheke eine Teillieferung an Grippeimpfstoffen erhalten hat und aktuell noch auf den Rest wartet. Bei jeder fünften Apotheke (124 Apotheken, 20,1 Prozent) kam eine Teillieferung zwar an, doch wurden die restlichen Impfstoffdosen storniert. 238 Apotheken (38,57 Prozent) bestätigen, dass sie alle vorbestellten Grippeimpfstoffdosen auch erhalten haben. Die Umfrage ist nicht uneingeschränkt repräsentativ, sie soll ein Stimmungsbild der hiesigen Apotheken zeichnen.

Großhandel hat alle Vorbestellungen bedient

Letzteres ist auch die Sicht des Großhandels: So informiert dieser, dass alle Vorbestellungen zu Grippeimpfstoffen vollumfänglich bedient werden konnten. Unter anderem erklärt die Noweda: „Die Vorbestellungen für Grippeimpfstoffe erfolgten bereits im Frühjahr 2020 und wurden wie vereinbart von der Noweda vollständig an die Kunden ausgeliefert.“ 

Ein erhöhter Bedarf wird jedoch auch seitens des Großhandels beobachtet: „Im Laufe der vergangenen Monate kam es zu verstärkten Nachbestellungen durch viele Apotheken. Die Noweda setzt sich dafür ein, auch diesem Bedarf nachzukommen und hat umgehend nachbestellt, als sich die erhöhte Nachfrage abzeichnete.“ Dieses Szenario wird DAZ.online auch von anderen Großhändlern bestätigt: Man habe Anfang Oktober eine zweite Bestellrunde verschickt, da sich abzeichnete, dass die vorbestellten Mengen der Ärzte und Apotheken nicht ausreichten, um den tatsächlichen Bedarf zu decken, so die Aussage.

Auch für den Großhandel ist das Nachbestellen ein Balance-Akt: Deckt man sich zu großzügig ein, läuft man Gefahr, auf den Vakzinen sitzen zu bleiben und muss sie für „teuer Geld vernichten“, hört man. Aufbewahren für die nächste Grippesaison funktioniert bei saisonalen Vakzinen nun mal nicht.

Nachschub ist nach Angaben des Paul-Ehrlich-Institutes (PEI) jedoch unterwegs, in Form von französischem Vaxigrip® Tetra® (Sanofi Pasteur) und US-amerikanischem Fluzone® High Dose Quadrivalent. Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) orderte im April dieses Jahres noch zusätzlich sechs Millionen Grippeimpfstoffe. Eigentlich ist zu diesem Zeitpunkt keine Erweiterung der Produktionskapazitäten möglich, das erfuhr DAZ.online in Gesprächen mit den Grippeimpfstoffherstellern Sanofi Pasteur und Seqirus (Flucelvax Tetra®). In diesem Jahr haben die Hersteller von Grippeimpfstoffen ihre Produktion jedoch ausnahmsweise erweitert und länger produziert, um den möglicherweise erhöhten Bedarf zu decken.


Celine Müller, Apothekerin, Redakteurin DAZ.online (cel)
redaktion@daz.online


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4 Kommentare

Grippeimpfstoffe

von Gregor Huesmann am 11.11.2020 um 9:35 Uhr

Einem Artikel des Handelsblattes war zu entnehmen, dass Macron vorgeworfen wird, den Bedarf an Grippeimpfstoff falsch eingeschätzt zu haben - Frankreich hat keinen Impfstoff mehr! Wie geht es da an, dass wir französischen Grippeimpfstoff bekommen? Der Impfstoffmarkt ist völlig undurchsichtig. Warum sorgt die Pharmaindustrie nicht für Transparenz? Beim Großhandel und auch bei den Firmen wird man immer wieder vertröstet. Erst hieß es, Ende Oktober käme wieder Impfstoff, jetzt heißt es Ende November - was denn nun. Ein Außendienstmitarbeiter hat gemeint, es käme gar keiner mehr. Laut Bericht DAZ ist doch der gesamte Impfstoff schon produziert - na, wo ist er denn?

» Auf diesen Kommentar antworten | 1 Antwort

AW: Grippeimpfstoffe / Transparenz

von Ralf Schabik am 11.11.2020 um 18:44 Uhr

Ich denke, Sie bellen den falschen Baum an. Sind die Hersteller nicht transparent genug oder krankt das System nicht eher an den verschiedenen Preisniveaus quer durch Europa ? Ich denke, wenn Kostenträger die Preise ins Absurde drücken, brauchen sich die Patienten in dem Land nicht zu wundern, wenn Hersteller oder Zwischenhändler daraus Konsequenzen ziehen. Man darf dieses Jahr einen Puntk nciht vergessen: Die Nachfrage war kurzfristig höher als sonst, allerdings hat die Auslieferung der vorbestellten Ware so gut geklappt wie noch nie. Was lernen wir daraus ? Die Patienten müssen in die Pflicht genommen werden, FRÜHZEITIG ihre Impfung vorzubestellen. Dieses ganze Impfstoff-Drama kann nicht Jahr für Jahr auf dem Rücken derer ablaufen, die dafür auch noch das finanzielle Risiko tragen (Hersteller, PhaGro, Apotheke - auch Arzt über Regress)

Kommunikation der Noweda

von Birgit Möllenkamp am 11.11.2020 um 8:21 Uhr

Die Aussagen der Noweda sind schon sehr denkwürdig. Nachdem ich bei diesem Großhändler nicht eine einzelne Grippeimpfstoffdosis aus Großhandelslagerware beziehen konnte, habe ich um eine Stellungnahme der Niederlassungsleiterin in Münster diesbezüglich gebeten. Diese hat mir gegenüber behauptet, dass der zentrale Einkauf der Noweda in Essen in diesem Jahr überhaupt keine Lagerware an Grippeimpfstoffen bestellt hat, sondern dass lediglich die im Frühjahr von den Apotheken vorbestellten Dosen geordert wurden. Da frage ich mich, wie die Aussage in obigem Artikel zustande kommt. Obwohl, da steht ja nicht, dass man die weiteren Bestellungen und Nachfragen auch bedienen konnte!

» Auf diesen Kommentar antworten | 1 Antwort

AW: Kommunikation der Noweda

von Ralf Schabik am 11.11.2020 um 18:38 Uhr

Das Thema Kommunikation ist in der Tat unbefriedigend - aber auch verständlich: "Zunächst nichts auf Lager bestellt" und dann aber "umgehend nachbestellt" passt durchaus zusammen und deckt sich mit unseren Erfahrungen. So unendlich anstrengend das Thema Impfstoffe für uns in den Apotheken ist - die damit betrauten Mitarbeitenden des Großhandels leisten auch einen Wahnsinns-Job ! Mit absoluter Sicherheit auch für die PhaGro ein dramatisches Draufzahlgeschäft.

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