Abbvie übernimmt Allergan

Das Pharma-Übernahmekarussell dreht sich

München - 01.07.2019, 15:45 Uhr

In der Pharmabranche mehren sich derzeit die Übernahmen. DAZ.online-Autor Thorsten Schüller hat sich die Entwicklung genauer angeschaut und geht den Gründen nach. (c / Foto: Darwin Brandis / stock.adobe.com)

In der Pharmabranche mehren sich derzeit die Übernahmen. DAZ.online-Autor Thorsten Schüller hat sich die Entwicklung genauer angeschaut und geht den Gründen nach. (c / Foto: Darwin Brandis / stock.adobe.com)


Patente, Kostendruck, Konkurrenz

Die Ursachen für die intensiven Bemühungen großer Pharmaunternehmen in diesem Jahr sind in den Pipelines und Bilanzen der Konzerne zu finden. Patente laufen aus, der Kostendruck steigt, die Zeit der milliardenschweren Blockbuster geht zu Ende und wird abgelöst durch hochspezialisierte Produkte, die für kleinere Patientengruppen entwickelt wurden. Hinzu kommt die Konkurrenz durch chemische und biologische Nachahmerprodukte und das Bestreben von Politik und Krankenkassen, die Preise unter Kontrolle zu halten. So hat die US-Regierung im vergangenen Jahr mit verschiedenen Maßnahmen versucht, die Arzneimittelpreise zu senken und die Zuzahlungen von Versicherten zu begrenzen. Zudem zeigt sich, dass der finanzielle Ertrag von Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten bei Biopharmaunternehmen zurückgeht. Das heißt, pro ausgegebenem Euro oder Dollar machen die Unternehmen vielfach weniger Umsatz beziehungsweise Gewinn als bisher. In der Summe schlagen sich diese Entwicklungen in rückläufigen oder stagnierenden Umsätzen nieder.

Durch die Übernahmen wollen die Unternehmen nicht nur an neue aussichtsreiche Produkte und Produktkandidaten herankommen. Durch die zunehmende Größe können die Pharmakonzerne auch Effizienzgewinne einfahren, beispielsweise in der Forschung und Entwicklung, aber auch in Verwaltung und Vertrieb.

So will Abbvie durch die Übernahme von Allergan seine Abhängigkeit vom Blockbuster-Medikament Humira verringern. Das Mittel, das seine Ursprünge in den Ludwigshafener Labors der ehemaligen BASF-Tochter Knoll hatte, stand in den vergangenen Jahren für den weltweit größten Umsatzbringer im Arzneimittelgeschäft überhaupt: 2018 brachte es das Produkt auf einen Erlös von etwa 20 Milliarden Dollar. Damit erzielte der Konzern 60 Prozent seines Gesamtumsatzes von knapp 33 Milliarden Dollar allein mit dem Adalimumab. Der TNF-alpha-Antikörper wird unter anderem bei rheumatoider Arthritis, Psoriasis und Psoriasis-Arthritis, Colitis ulcerosa und Morbus Crohn eingesetzt.

Abbvie: Zeiten des Geldflusses erst einmal vorbei

Doch die Zeiten des schier unerschöpflichen Geldflusses für Abbvie dürften erst einmal vorbei sein. Im vergangenen Herbst lief in Europa der Patentschutz für Humira aus, mehrere Biosimilars kamen und kommen auf den Markt. Um den damit verbundenen Umsatzrückgang zu kompensieren, braucht Abbvie dringend neue aussichtsreiche Wirkstoffe. Die hofft das Management nun im Produktportfolio und in der Pipeline von Allergan zu finden.

Allergan ist vor allem für Botox bekannt. Botox wird sowohl für Schönheitsoperationen als auch in der Neuromedizin eingesetzt. Auch wenn der Patentschutz für Botox längst abgelaufen ist, erwirtschaftet Allergan damit nach wie vor 2,4 Milliarden Dollar pro Jahr. Da auch dieses Produkt zunehmend unter Konkurrenzdruck gerät, hat Allergan in den vergangenen Jahren an der Entwicklung von neuen Medikamenten gearbeitet, und auf die hat es Abbvie nun abgesehen.

Gelingt es, die kartellrechtlichen Hürden zu überwinden, wird durch die Übernahme ein neuer Branchenriese entstehen, der sich mit einem Gesamtumsatz von 49 Milliarden Dollar in Sichtweise von Branchenprimus Pfizer (53,6 Milliarden Dollar) platziert.

BMS: Marktposition bei Krebsimmuntherapien ausbauen

Im Fall von Bristol-Myers Squibb und Celgene liebäugelt BMS-Konzernchef Giovanni Caforio damit, durch den Deal die Position seines Unternehmens vor allem im lukrativen Geschäft mit Krebsimmuntherapien stärken zu können. Mit einem geschätzten Umsatzvolumen von 20 Milliarden Euro würden die US-Amerikaner damit künftig nach Marktführer Roche als Nummer zwei im Onkologiebereich rangieren.

Derzeit kämpft BMS allerdings um die kartellrechtliche Genehmigung des Deals. Um grünes Licht zu erhalten, will Bristol-Myers das Schuppenflechte-Mittel Otezla (Apremilast) von Celgene verkaufen. Nachdem bislang geplant war, dass die Übernahme im dritten Quartal 2019 abgeschlossen werden kann, rechnet das BMS-Management angesichts der kartellrechtlichen Verzögerungen nun mit Ende 2019 oder Anfang 2020.

Auf Krebsprodukte hofft auch Takeda durch die Integration von Shire. Mit den Iren haben sich die Japaner Krebsmedikamente, Arzneimittel für den Gastrointestinaltrakt und das Nervensystem an Bord geholt. Pfizers Ambitionen bei Array Biopharma wiederum dürften durch gute Ergebnisse getrieben worden sein, die Array zuletzt zu einer Kombi-Therapie bei Patienten mit metastasierendem Darmkrebs bekanntgegeben hatte. Auch auf dem wichtigen Branchentreff Asco Anfang Juni in Chicago überzeugte die Firma mit neuen Daten aus einer Kombination gegen eine spezielle fortgeschrittene Brustkrebsform.



Thorsten Schüller, Autor DAZ.online
redaktion@daz.online


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