Niederlage der Verteidigung

Gericht lehnt Neustart des Zyto-Prozesses ab

Essen - 09.02.2018, 08:45 Uhr

Am gestrigen Donnerstag hat im Zyto-Prozess unter anderem ein Mitarbeiter der Firma Hexal ausgesagt. (Foto: hfd)

Am gestrigen Donnerstag hat im Zyto-Prozess unter anderem ein Mitarbeiter der Firma Hexal ausgesagt. (Foto: hfd)


Verteidigung befragt Hexal-Mitarbeiter

Die Verteidigung versuchte, H. mit ihren Fragen zur Entlastung zu nutzen – Schwarzmarkteinkäufe könnten schließlich ein Indiz dafür sein, dass S. womöglich mehr Wirkstoffe verwendet hat, als ihm vorgeworfen wurde. Die Fragen zielten zunächst offenbar darauf ab, zu zeigen, dass fragwürdige Verkäufe möglich seien: Nach der Inhaftierung von S. habe der Hexal-Referent gegenüber dessen Vater erklärt, er würde auf einem Hamburger Zyto-Kongress „jede Menge Zyto-Apotheker“ treffen und könne schauen, ob er nach Schließung des Zyto-Labors die „Restware unters Volk“ bringen könne, erklärten die Verteidiger.

Er selber könne keine Arzneimittel vertreiben, erklärte H. „Ich kann nur einen Kontakt zwischen zwei Apothekern herstellen“, sagte er. Auf die Frage, ob er mal Bargeld von S. erhalten habe, erwähnte der Zeuge zunächst nur Fortbildungen für Praxis-Mitarbeiter, für die der Apotheker die Fahrtkosten erstattet habe, „um die Aktivität zu erhalten“ – Pharmafirmen selber könnten inzwischen nur noch die Kosten für Referenten, das Catering und die Räumlichkeiten übernehmen. Doch auf Nachfrage, ob er sonst mal Bargeld oder sonstige Leistungen erhalten habe, zögerte H. zunächst lange – und erklärte nach Rücksprache mit seinem als Zeugenbeistand tätigen Anwalt, er wolle vom Aussageverweigerungsrecht gebrauch machen, um sich nicht womöglich selbst zu belasten.

Nach der Vernehmung beantragte die Verteidigung, einen weiteren Zeugen hören zu lassen – der aussagen könnte, dass S. Gegenstände im Wert von mehreren tausend Euro an die Privatadresse von H. liefern hat lassen – und erneute den Vorwurf, der Angeklagte habe Zytostatika auch von anderen Firmen von H. bezogen. Offenbar wollen die Verteidiger trotz des Dementis des Zeugen so weiter Zweifel an den von der Staatsanwaltschaft verwendeten Einkaufsmengen streuen, da Einkäufe auf dem Schwarzmarkt „nicht in die Berechnung der Einkaufsquoten einbezogen“ worden seien.

Außerdem verwiesen sie auf Ausführungen der PTA Sonja C. aus dem früheren Zyto-Labor ihres Mandanten, die im Gerichtsprozess zwar die Aussage verweigert hat, um sich womöglich nicht zu belasten – doch hatte C. im Jahr 2014 bei einer früheren Anzeige wegen möglicher Unterdosierungen ausgesagt, die ihr frühere Ehemann erstattet hatte. „Grundsätzlich geht es ihm nur ums Geld“, hatte ihr damals in Haft sitzender früherer Gatte in Bezug auf den Apotheker erklärt. Die PTA hatte damals erklärt, „auf gar keinen Fall“ habe S. bei Zytostatika Manipulationen vorgenommen. „Es ginge auch gar nicht“, erklärte sie laut Vernehmungsprotokoll, da die Therapien dann nicht richtig wirken und Patienten und Ärzte dies bemerken würden. „Wenn das alles stimmen würde, was die Frau gesagt hat, gäbe es ja keine Anklage“, erklärte ein Nebenklagevertreter daraufhin vor Gericht.

Prozess zieht sich in die Länge

Eigentlich hatte der Vorsitzende Richter angekündigt, dass ab der kommenden Woche die Plädoyers beginnen könnten – doch ist für Mittwoch zunächst ein Finanzermittler als Zeuge geladen, außerdem gibt es inzwischen viele weitere Beweisanträge. Während bislang der letzte angesetzte Verhandlungstermin Mitte März war, nannte Hidding nun mehr als ein Dutzend weitere mögliche Termine – die sich auf den Zeitraum bis zum 24. Mai erstrecken.

Auf Nachfrage von DAZ.online zu den Aussagen vor Gericht erklärte ein Hexal-Sprecher, dass die Firma die neuen Vorwürfe gegen ihren Mitarbeiter intern prüfen werde. Die wichtigste und von H. bestätigte Aussage sei jedoch gewesen, dass es keine Schwarzmarkteinkäufe gegeben habe. „Das ist ja exakt das, was wir von Anfang an gesagt haben“, sagte der Sprecher. Er ließ jedoch weiterhin offen, inwiefern die Firma womöglich rechtlich gegen die Aussagen der Verteidigung vorgehen wird.



Hinnerk Feldwisch-Drentrup, Autor DAZ.online
redaktion@daz.online


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