Kassen-Mitarbeiter zu Zyto-Skandal

„Wir müssen dem vertrauen, was uns die Apotheke liefert“

Essen - 02.02.2018, 10:45 Uhr

Vor dem Landgericht Essen sagten am gestrigen Donnerstag zwei Kassenmitarbeiter im Bottroper Zyto-Skandal aus. (Foto: hfd / DAZ.online)

Vor dem Landgericht Essen sagten am gestrigen Donnerstag zwei Kassenmitarbeiter im Bottroper Zyto-Skandal aus. (Foto: hfd / DAZ.online)


Mitarbeiter zweier Krankenkassen sagten am gestrigen Donnerstag am Landgericht Essen im Prozess gegen den angeklagten Zyto-Apotheker aus. Sie erläuterten, wie Abrechnungen, Retax-Fälle und Verwürfe gehandhabt werden und welche Auffälligkeiten es gibt. Erstmals äußerte sich der Angeklagte vor Gericht – doch nur kurz.

Von zwei Mitarbeitern der Techniker Krankenkasse (TK) und der AOK Nordwest ließ sich der Vorsitzende Richter Johannes Hidding am Donnerstag erklären, wie Arzneimittel-Abrechnungen in Deutschland vorgenommen werden – und wo es hierbei zu Problemen kommen kann. Beide Zeugen erläuterten ihm den Ablauf – von der Verordnung von Ärzten über die Arzneimittel-Abgabe und Bedruckung der Rezepte in der Apotheke bis hin Kontrolle und Retax auf Seite der Krankenkassen. Die Abläufe der Übernahme der Kosten von Arzneimitteln seien deutlich anders als ein normaler Einkauf, erklärte der AOK-Mitarbeiter – aufgrund des „ganz anachronistischen“ Verfahrens über Papier-Rezepte. „Zu keinem Zeitpunkt sehen wir aber die Ware“, sagte er.

Bei den monatlichen Abrechnungen werden von den Kassen zunächst Abschlagszahlungen veranlasst, erklärte die Techniker-Mitarbeiterin – sie würden nach dem Vieraugenprinzip bezahlt. „Das ist ein Mensch, der das macht?“, fragte der Richter. „Das ist ein Mensch“, bestätigte die Sachbearbeiterin. Die später übermittelten Rezept-Images werden stichprobenartig manuell wie auch automatisiert überprüft, berichtete sie, dabei würden die Kassen „eine Menge“ Fehler entdecken. In diesen Daten stehe jedoch drin, „was abgerechnet wurde“, erklärte ihr Kollege von der AOK – und nicht unbedingt das, was tatsächlich gemacht wurde.

Keine Überprüfungsmöglichkeiten für die Kassen

Dem Apotheker wird vorgeworfen, womöglich in tausenden Fällen Zytostatika unterdosiert zu haben. Es gebe keine Möglichkeit, zu prüfen, dass die abgerechneten Arzneimittel auch abgegeben wurden, erklärte die TK-Sachbearbeiterin: Sie müssten davon ausgehen, dass dies der Fall ist, sagte sie vor Gericht. Länger wurden die beiden Zeugen zu Verwürfen befragt – auch da die Verteidiger in den Raum gestellt hatten, dass diese vom Apotheker genutzt worden seien und ein Teil der Differenz zwischen Warenein- und Verkauf so zu erklären sei.

„Ganz klar: Der Verwurf ist das, was wir gerne prüfen“, sagte der 60-jährige Leiter der Arzneimittelabteilung der AOK Nordwest. Die Zyto-Apotheke von Peter S. habe „gerne mal“ Verwürfe abgerechnet, während andere „sehr sorgfältig arbeitende Apotheken“ es schaffen würden, hierauf fast vollständig zu verzichten. „Es war jetzt nicht so, dass es extrem auffällig war“, ergänzte er in Bezug auf die Zyto-Apotheke von S. Bei allen Apotheken kämen öfters Retaxationen von Verwürfen vor. Der Kassenmitarbeiter kritisierte das Vertragswerk zu Verwürfen mit dem Deutschen Apothekerverband – in dieser Sache sei der Verband „ziemlich garstig“, erklärte er.



Hinnerk Feldwisch-Drentrup, Autor DAZ.online
redaktion@daz.online


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