„Markt“-check bei Erkältunspräparaten

NDR kritisiert Beratung der Apotheker

Stuttgart - 27.11.2017, 17:30 Uhr

Der Spagat der Apotheker: Patientenwunsch und Evidenz. (Foto: Schelbert / DAZ.online)

Der Spagat der Apotheker: Patientenwunsch und Evidenz. (Foto: Schelbert / DAZ.online)


Wer mit Erkältungen in die Apotheke geht, werde oft schlecht beraten, Apotheker machten dennoch ein gutes Geschäft und zockten die Kunden ab – ohne Rücksicht auf den Patienten. Das schreibt der NDR – und bei den meisten Bundesbürgern triff ein solches Apotheker-Bashing leider voll ins Schwarze. Der pharmakritische Professor Gerd Glaeske ist hier für Apotheker keine Unterstützung. Apotheker wissen: Patientenwunsch und wissenschafltiche Evidenz sind häufig ein Spagat.

Heute Abend bei „Markt“ im NDR geht es wieder einmal um die Apotheken. Das Thema ist nicht neu – genau so wenig wie der Grundtenor der Aussage: Der Bericht kritisiert die Beratungsleistung der öffentlichen Apotheken. Nach Einschätzung des NDR leisten Apotheken eine pharmazeutische Beratung nicht hinreichend sorgfältig. Wohingegen Apotheker weniger zimperlich beim „Abzocken“ seien, meint der NDR. Der getestete Beratungsfall – ein Klassiker bei Kälte, Wind und Regen zu Beginn jeden Winters: Erkältungskrankheiten. Gesunde Testkäufer wollten eine Prophylaxe vor Husten, Schnupfen und Halsschmerzen und erkundigten sich nach Möglichkeiten in der Apotheke: „Ich bin gesund, möchte mich aber in der Erkältungszeit vor einer Ansteckung schützen.“

Was hätten die Apotheker tun sollen?

 Das Ergebnis: Neun Apotheken verkauften wohl Präparate zum Schutz vor einer Erkältung und zur Stärkung des Immunsystems. Nur eine Apotheke erfüllte somit die Erwartungen des Rundfunksenders – und verkaufte nichts.

Der NDR hat sich zur Auswertung seiner Testkäufe medizinische Unterstützung geholt und lässt einen Allgemeinmediziner des Uniklinikums Hamburg Eppendorf zu Wort kommen. Nach Ansicht des Mediziners macht eine unspezifische Immunstimulation keinen Sinn, da es keine ausreichenden Wirksamkeitsbelege gebe. Zudem gelte bei immunkompetenten Menschen: „Wenn es mir gut geht, dann gibt es da nicht mehr viel zu optimieren“, findet der Arzt.

Auch Professor Gerd Glaeske, als pharmakritisch bekannt, insbesondere wenn es um Erkältungs-Fixkombis geht, sieht das ähnlich. Die Präparate seien teuer, eine Wirksamkeit nicht nachgewiesen. Denn auch die Geldsumme, die Patienten für die immunstimulierenden Präparate in der Apotheke ließen, stieß beim NDR auf wenig Akzeptanz. Zwischen 6,75 und 50 Euro investierten die Patienten, „in den meisten Fällen Geschäftemacherei“, findet auch Glaeske.

Was sagt die ABDA zum NDR-Beitrag zu Apotheken?

Eine Einschätzung der Ergebnisse wollte der Norddeutsche Rundfunk auch von der Bundesvereinigung Deutscher Apotheker. Er konfrontierte die ABDA mit der Apothekenbetriebsordnung und der daraus hervorgehenden Pflicht der Apotheker zur Beratung der Patienten. „Die Berufsorganisationen der Apotheker haben ein hohes Interesse daran, dass in den Apotheken vor Ort gut beraten und die Beratungsqualität kontinuierlich gesteigert wird. Aber bei rund 20.000 Apotheken mit 150.000 Mitarbeitern und etwa 3,6 Millionen Patientenkontakten täglich können wir natürlich nicht garantieren, dass jeder einzelne Beratungsfall zur vollsten Zufriedenheit verläuft“, nimmt die ABDA Stellung

Apotheker in der Zwickmühle

Apotheker befinden sich hier in einem Zwiespalt, in zweierlei Hinsicht. Sie sind Heilberufler, müssen ja aber auch betriebswirtschaftlich denken, ansonsten ist die heilberuflich edle Profession auch nicht von Dauer. Zum anderen machen Apotheker im Beratungsalltag der öffentlichen Apotheke häufig die Erfahrung: Der Kunde oder Patient, der mit einem besonderen Anliegen in die Apotheke kommt, fühlt sich nicht ernst genommen, „schmettert“ der Apotheker seine Wünsche ab. Wie im NDR-Beratungsszenario mit den Tipps: „Waschen Sie häufiger die Hände und ernähren sich ausgewogen“. Eine evidenzbasierte Medizin berücksichtigt immer auch konkret den vorstelligen Patienten und nebst wissenschaftlicher Daten auch die individuellen Bedürfnisse des Patienten.

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Mehr Evidenz in der Selbstmedikation – dieses Ziel hat sich Sanofi Aventis gesetzt. Mit einer eigens dafür geschaffenen Datenbank möchte der pharmazeutische Unternehmer aus Frankfurt die Beratung der Apotheken in der Selbstmedikation stärken und mit Daten zur klinischen Wirksamkeit seines OTC-Sortiments untermauern. Im Fokus der evidenzbasierten Medizin steht nicht allein der aktuelle Stand der wissenschaftlichen Studienlage. Bieten Studien oder Leitlinien zweifellos eine gute Basis für die wissenschaftliche Bewertung von Arzneimitteln, geht es bei einer evidenzbasierten Selbstmedikation auch um die individuellen Bedürfnisse und den Wunsch des Patienten. 



Celine Müller, Apothekerin, Redakteurin DAZ.online
redaktion@daz.online


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8 Kommentare

Ja ist denn schon wieder Weihnachten ?

von Ratatosk am 30.11.2017 um 14:37 Uhr

Glaeske und Konsorten machen einen auf evidenzbasiertes Salzwassergurgeln - dann kann Weihnachten nicht mehr weit sein.

Kein Cochraine , nur ein Allgemeinmediziner, auch wenn aus Eppendorf, das ist noch nicht Stand der Dinge !

Und ein Glaeske ist es auch nicht, auch wenn er dies wohl meint.

Die selbe Art von Konsorten hat auch viele Jahre den Patienten geschadet, als sie trompeteten, daß man kein Vitamin D braucht,

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Schlecht recherchiert Herr Professor

von Hummelmann am 29.11.2017 um 20:33 Uhr

Lieber Herr Glaeske,
machen Sie sich doch bitte erst mal schlau, welche Händewaschmittel überhaupt etwas gegen eine Virusinfektion in der Erkältungszeit nützen und wie lange und wie intensiv sie vom Kunden angewendet werden müssen. DANACH treten Sie bitte erneut vor die Kamera und sagen Sie den Fernsehzuschauern, dass Sie das Händewaschen nur empfohlen haben um die deutschen Apotheker zu verunglimpfen, damit in Zukunft auch dieser Umsatz zu Aldi & Co. abwandert. Denn im Gegensatz zu den Apothekern, die sich ständig nur bereichern wollen, bemühen sich die Großmärkte und Drogerieketten ausschließlich um das Wohl der Kunden. Ganz wie die Fernseh-Professoren, die ebenfalls völlig ohne Bezahlung arbeiten. Ein solches Statement fällt Ihnen bestimmt nicht schwer. Sie sind immer so ehrlich...

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NDR mal wieder

von Dr.Diefenbach am 28.11.2017 um 10:39 Uhr

Der beste Weg ,die Menschen "aufzuklären":In der teuersten Sendezeit,so zwischen 18 und 20 Uhr,kommt keinerlei Pharmawerbung mehr in ARD ,ZDF etc.Diese Einnahmen sind ja letztendlich schändliche und gesellschaftspolitische Problemfälle.Statt dessen sitzt zB Herr Gläske vor einer weißen (!)Wand und gibt ununterbrochen Tipps zu Hand und Fusswaschungen,zum richtigen Gurgeln etc.Natürlich kostenlos.Denn ich muss ja mit meinen Beiträgen für die Anstalten haushalten

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Geschäftemacherei

von Dr. Arnulf Diesel am 28.11.2017 um 8:24 Uhr

Meinen Vorrednern kann ich mich nicht anschließen, die öffentlich-rechtlichen Sender sind ihr Geld wert, bieten sie doch mehr Märchen (oder Lügen) als jedes Kinderbuch. Meine Kunden beschweren sich meist nicht, da geht es oft so: Geben Sie mir alles was auch nur im Entferntesten helfen könnte, ich darf nicht ausfallen / muß trotzdem arbeiten, da ich Geschäftsmann bin / wir ein ganz wichtiges Projekt haben / der Chef sonst wütend wird...

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NDR kristisiert...

von Peter Kaiser am 27.11.2017 um 19:24 Uhr

Mal Tacheles:
Vom warmen Händedruck kann keine Apotheke leben
Was hilft wirklich vor Ansteckung
1. Händedesinfizieren z.B. Sterillium
2. Menschenmassen meiden, keinen ÖPNV benutzen
3. Sich nicht über Kleingeister wie Glaeske aufregen, denn Stress hemmt das Immunsystem
4. Wer eine bunte Schachtel aus der Apotheke heraustragen will, findet sicher das Passende.
5. Impfen

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NDR kristisiert...

von Peter Kaiser am 27.11.2017 um 19:23 Uhr

Mal Tacheles:
Vom warmen Händedruck kann keine Apotheke leben
Was hilft wirklich vor Ansteckung
1. Händedesinfizieren z.B. Sterillium
2. Menschenmassen meiden, keinen ÖPNV benutzen
3. Sich nicht über Kleingeister wie Glaeske aufregen, denn Stress hemmt das Immunsystem
4. Wer eine bunte Schachtel aus der Apotheke heraustragen will, findet sicher das Passende.
5. Impfen

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vor der eigenen Tür kehren

von Karl Friedrich Müller am 27.11.2017 um 18:29 Uhr

Ich kritisiere das Fernsehprogramm.
Es ist die Gebühren nicht wert.
Einseitig,
volksverdummend,
seicht, billig, öde.

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AW: vor der eigenen Tür kehren

von Bernd Küsgens am 27.11.2017 um 19:21 Uhr

Wenn ich einen "evidenzbasierten" Maßstab an diese und andere Fernsehsendungen anlege, dann kann ich nur feststellen, dass diese Medien die Zuschauer gewaltig abzocken!!

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