Erkältungsmittel 

NDR kritisiert „Abzocke in Apotheken“

Stuttgart - 18.10.2016, 17:30 Uhr

Die NDR-Redakteure kommen zu dem Schluss, sie hätten zu viel ausgegeben. (Foto:Screenshot / DAZ)

Die NDR-Redakteure kommen zu dem Schluss, sie hätten zu viel ausgegeben. (Foto:Screenshot / DAZ)


Pünktlich zur Erkältungszeit hat wieder ein Fernsehsender die Beratung in Apotheken getestet. Diesmal die Redakteure der NDR-Sendung Markt. Mit Gerd Glaeske ist ein alt bekannter Experte mit von der Partie. Das Fazit: Es wurden oft unnötige und zumeist teure Arzneimittel verkauft. 

Hals- und Kopfschmerzen sowie Schnupfen – mit diesen Symptomen suchten die Redakteure der Sendung „Markt“, die am Montag im NDR lief, zehn Apotheken auf. Die Einkäufe ließen sie von Professor Gerd Glaeske bewerten. Glaeske vertritt, was Erkältungsmittel angeht, seit Jahren die Meinung, dass ein Schmerzmittel und ein Nasenspray reichen. Denn eine Erkältung dauere unbehandelt eine Woche, mit Behandlung sieben Tage, erklärte er im NDR. Manchmal bestehe allerdings der Wunsch, Symptome zu lindern und dazu reichten die genannten Mittel.

Die Einkäufe in den Apotheken fielen sehr unterschiedlich aus. So wurden zum Beispiel ein Halsspray – mit der Begründung, es wirke besser als Lutschtabletten –, Sinupret, Schmerztabletten und Bronchicum empfohlen. Eine Vielfalt, die laut Glaeske nicht nötig ist.

Die ABDA sieht das ein wenig anders. Denn auch der „Apothekerbund“ wird in der Sendung zitiert. Die Auswahl hänge vom Einzelfall ab, der Apotheker habe einen gewissen Entscheidungsspielraum, erklärte die Standesvertretung. 

Professor Gerd Glaeske, der seit Jahren Arzneimittel bewertet. 

Meditonsin kritisiert Glaeske seit Langem

In einer Apotheke wurden dann tatsächlich ein Nasenspray und ein Schmerzmittel, nämlich Aspirin complex, empfohlen. Bei Letzterem hatte Glaeske in der Vergangenheit zwar nach wie vor die Kombination sowie den systemischen Ansatz kritisiert. Aber solange die Anwendung nicht länger als ein paar Tage erfolgt, hält er das Präparat zu Beginn einer Erkältung zumindest für vertretbar. Aspirin complex gab auch nicht den Ausschlag, dass er mit der Beratung auch bei diesem Einkauf nicht zufrieden war. Denn die Apotheke empfahl zusätzlich Meditonsin. Und das ist Glaeske schon lange ein Dorn im Auge. Seine Kritikpunkte: die dünne Studienlage und die Tatsache, dass immer noch geringe Mengen Quecksilber enthalten sind. Das habe in seinen Augen heutzutage in Arzneimitteln nichts mehr verloren. Der Hersteller äußerte sich auf Nachfrage von NDR nicht.

Ebenfalls nicht viel hält Glaeske von dem Ansinnen, mit Arzneimitteln das Immunsystem zu unterstützen. Dazu gebe es keine Studien. Orthomol Immun, zu dem in einer Apotheke zusätzlich geraten wurde, würde er weder nehmen noch empfehlen. Hier gab der Hersteller auf Nachfrage von NDR zu bedenken, dass Orthomol Immun kein Arzneimittel gegen Erkältung sei, sondern eine ergänzende bilanzierte Diät. 

Kein Verständnis für abweichende Dosierungsanleitung

In der nächsten Apotheke empfiehlt die Apothekerin dann Imupret, ebenfalls um die Abwehr zu stärken. Dazu gibt sie den Rat, sich nicht an die Dosierungsanleitung zu halten, sondern statt ein paar Tropfen jedes Mal einen Schluck zu nehmen. Nur so helfe das, begründet sie ihren Tipp. Für das Abweichen von der Dosierungsempfehlung haben weder Glaeske noch die ABDA Verständnis, das könne man nicht nachvollziehen, heißt es seitens der Standesvertretung.

Das Homöopathikum GrippHeel bekämpfe nicht die Symptome sondern auch die Ursache, begründet eine weitere Apothekerin ihre Empfehlung – übrigens das einzige Präparat, das sie empfiehlt. Auch hier ist Glaeske nicht zufrieden. Er rät bei Erkältung zu Arzneimitteln, bei denen aufgrund von Studien eine Wirkung zu erwarten sei. Das sei bei GrippHeel nicht der Fall. Wie zuvor bei Meditonsin gibt der Hersteller kein Statement ab.

Insgesamt kommen die Apotheker in dem Beitrag nicht gut weg. Allerdings werden auch nicht alle EInkäufe gezeigt. Es sollen ja schließlich zehn Apotheken getestet worden sein. Das Fazit der NDR-Redaktion lautet jedenfalls „Abzocke“. Fünfmal habe man mehr als 20 Euro ausgegeben – und das für eine Erkältung. Auch die befragten Patienten kommen zu dem Schluss, dass es den Apothekern primär ums Verkaufen ginge. Die Beratung komme oft zu kurz. Man wisse nicht, wem man vertrauen könne, heißt es.

Den vollständigen Beitrag finden Sie hier. 


Julia Borsch, Apothekerin, Chefredakteurin DAZ.online
jborsch@daz.online


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3 Kommentare

Maßstäbe

von Armin Spychalski am 19.10.2016 um 8:27 Uhr

Warum werden beim Apothekenbesuch völlig andere Maßstäbe angelegt als beim Besuch eines Autohändlers? Wenn ich vergleichbar argumentieren würde, wäre überhaupt nicht einzusehen, weshalb Premium-Marken überhaupt Kunden anziehen, bekanntlich sind die Straßen (und Parkplätze vor der Apotheke) voll davon. Ein auf die Serienausstattung reduziertes Billigfahrzeug erfüllt doch den gleichen Zweck, nämlich von A nach B zu gelangen. Warum taugt das nicht für einen Skandal? Warum wird von den Premium-Marken-Händlern kein Spruch wie dieser erwartet: "Ich will ihr Geld nicht, gegenüber bekommen Sie eine für den Alltag völlig ausreichende Qualität für weniger als die Hälfte"?

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Die Beratung in Apotheken ist oft einfach schlecht...

von Hans Wurst am 18.10.2016 um 20:30 Uhr

Lesen Sie hierzu eine aktuelle und unabhängige Studie in der Zeitschrift für Evidenz, Fortbildung und Qualität, im "Open Access" frei verfügbar...übrigens...wenn man mit kritischen Aopthekerangestellten spricht wird klar, dass einiges im Argen liegt...

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Wenn mal wieder eine öffentlich-rechtliche Bedürfnisanstalt ihre Sprechblase entleert...

von Andreas P. Schenkel am 18.10.2016 um 19:38 Uhr

Wie überaus amüsant. Wären wir in Großbritannien, so würden die dortigen Buchmacher sicherlich Wetten auf den ersten Sendetermin zu Erkältungsarznei-Beratung mit Glaeske anbieten. Denn dass dieser kommt, ist stets gewiss.

Glaeske hat recht: Ein Schmerzmittel und ein Nasenspray reichen. Manchmal. Na gut, das "Manchmal" ist jetzt von mir dazugeschrieben. Aber Patienten sind keine Testkäufer und der Einzelfall ist kein Verhaltensskript eines Rundfunksenders auf Skandal-Suche. Sehr wahrscheinlich präsentierten die Kollegen dem öffentlich-rechtlich-gedungenen Test-Käufer ein paar Alternativen und die haben gleich alles abgekauft, um möglichst hohe Summen generieren zu können. Ab und zu kaufen Patienten mehrere Arzneien, obwohl sie von mir als Alternative dargestellt und eindeutig so kommuniziert wurden. Wenn sich die Medis nicht gegenseitig stören, tja, warum nicht?

Fazit: Fragwürdige Pseudo-Skandalisierung. Hervorhebung eines Experten, der teilweise sehr merkwürdige Ansichten vertritt und der teils längst überholte oder bereits gelöste Pharmakologie-Streitigkeiten der letzten Jahrzehnte nochmal ausfechten will. Verunglimpfung von Vielen durch mit zweifelhaften Methoden gewonnene versendbare "Erkenntnisse" bar jeder planvollen Vorgehensweise:
So ist unser deutscher öffentlich-rechtlicher Rundfunk. Zumindest teilweise. Die Seriosität kommt zu kurz. Man weiß nicht, welchem Sender man trauen kann.

Und den Vergleich mit der unangefochtenen Referenz eines öffentlich-rechtlicher Rundfunks, nämlich der BBC des Vereinigten Königreichs, verliert der NDR so um Längen!

Weiterhin gebe ich zu bedenken: In einer Apotheke kann jeder Kunde "Nein" sagen, wenn er ein Arzneimittel oder eine andere Ware nicht haben möchte. Bei der Rundfunkgebühr, die auch den NDR speist, ist dies nicht möglich.

By the way, NDR: Glaeskes Honorar, schon GEZahlt?

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