Bild am Sonntag

Die 100 Top-OTC-Arzneimittel

18.04.2016, 17:40 Uhr


Was wirkt am besten? Für zehn häufige Beschwerden hat Professor Gerd Glaeske die 100 günstigsten und seiner Ansicht nach besten, nicht-rezeptpflichtigen Arzneimittel aus der Apotheke zusammengestellt. Nachzulesen in der Bild am Sonntag. Ein Beschwerdebild fällt allerdings etwas aus dem Rahmen.

„Die 100 Top-Medikamente, für die sie kein Rezept brauchen“, lautete die Headline der „Bild am Sonntag“ (BamS) vergangenes Wochenende. In einem Gesundheitsspezial widmet sich die Zeitung  „Krankheiten, für die man keinen Arzt braucht“, wie es auf der Titelseite heißt.

Auch wenn der Rubriktitel „Leben/Alternativmedizin“ anderes erwarten lässt, findet der Leser dort für verschiedene Indikationen die 100 „besten und günstigsten“ Medikamente von ASS bis Natriumhydrogencarbonat – ausgesucht und bewertet von Professor Glaeske.

Für zehn Beschwerden gibt Glaeske jeweils einen kurzen Hinweis. Dann folgt eine Auflistung von nach seiner Ansicht geeigneten Wirkstoffen und Präparaten, die die jeweilige Substanz enthalten. Es finden sich nur Monopräparate – ganz konform mit Glaeskes bekannter Auffassung, dass diese in der Regel gegenüber Kombinationspräparaten zu bevorzugen sind.

Thrombose in der Selbstmedikation?

Eine Indikation fällt dann allerdings auf den ersten Blick aus dem Rahmen: „Thrombosen“. Top-Arzneimittel soll hier ASS sein. Das ist aber bei Thrombosen gar nicht zugelassen. Außerdem fallen Thrombosen nicht in den Bereich der Selbstmedikation. Im erklärenden Text heißt es: „ASS wird auch angewendet, um einem erneuten Herzinfarkt oder Schlaganfall vorzubeugen. Es solle allerdings nur auf Verordnung eines Arztes eingenommen werden.“ Diese Aussage ist im Zusammenhang mit ASS richtig. Aber zur Headline „Thrombose“ passt sie auch nicht.

Wie kam sie also zustande? Auf DAZ.online-Nachfrage erklärt Glaeske: Er habe sich bei seiner Auswahl auf die Top 20 OTC-Präparate-Klassen bezogen, die von der ABDA zur Verfügung gestellt wurden. Auf Rang sechs werden dort Präparate der ATC-Gruppe „B01" genannt –  „antithrombotische Mittel. Der ATC-Code sei dann maßgeblich für die Auswahl der Mittel in den IMS-Listen gewesen (Anm. d. Red: IMS = das Marktforschungsinstitut IMS Health).

Als Beispiele seien, die nicht-verschreibungspflichtigen ASS-haltigen Präparate ausgewählt worden, die zu dieser ATC-Gruppe gehören, so Glaeske. Da aber diese Gruppe innerhalb der Gesamtaufstellung tatsächlich nicht ganz passend sei, sei letztlich der Hinweis auf die Notwendigkeit der Verordnung durch den Arzt ergänzt worden.

Von Schmerzen über Bindehautentzündung bis Wunden

Die weiteren Anwendungsgebiete sind dann klassische OTC-Indikationen. Den Anfang machen Schmerzen. Mit ASS, Paracetamol, Ibuprofen, Naproxen und Diclofenac, die bei leichten bis mittelstarken Schmerzen zum Einsatz kommen können, sind unter den empfohlenen Wirkstoffen keine Überraschungen. Im Gegensatz zu anderen Indikationen findet sich jedoch kein Hinweis, dass Analgetika in der Selbstmedikation nur kurzfristig anzuwenden sind. Die Packungen sollen in Zukunft diesbezüglich sogar einen Warnhinweis tragen müssen.

Auch bei den Mitteln Diphenhydramin und Doxylamin gegen Schlafstörungen wird die begrenzte Anwendungsdauer nicht erwähnt. Dafür aber der Wirkeintritt nach einer Stunde, das möglicherweise eingeschränkte Reaktionsvermögen am nächsten Tag und Mundtrockenheit als Nebenwirkung.

Weitere Indikationen sind dann: 

  • Schnupfen: hier empfiehlt Glaeske maximal fünf bis sieben Tage Xylometazolin oder Meerwasser und Salzlösungen zum Befeuchten und Reinigen der Schleimhäute.

  • Husten und Erkältung: bei trockenem Reizhusten ist kurzzeitig Dextrometorphan das Mittel seiner Wahl.

  • Verstopfung: da sollen sich Bisacodyl, Natriumpicosulfat und Sennesblätter eignen, allerdings auch nur kurzfristig und nur, wenn länger als zwei bis drei Tage kein Stuhlgang möglich war. Als schonendere Variante wird Lactulose angeführt, außerdem Zäpfchen mit Natriumhydrogencarbonat. Macrogol wird nicht erwähnt.

  • Anhaltendes Sodbrennen ließe sich kurzfristig mit Omeprazol, Pantoprazol oder Ranitidin bekämpfen. Magaldrat oder ähnliche säurebindende Wirkstoffe  sind eine mögliche Alternative, wirkten aber nicht so lang wie Protonenpumpenblocker  oder H2-Blocker, heißt es im Text.
     
  • Bei akutem Durchfall lautet die Empfehlung kurzfristig Loperamid, allerdings nur wenn keine Infektion zugrunde liegt, außerdem Elektrolytpräparate.

  • Gegen Bindehautentzündungen kann man laut der Liste kurzfristig Tetryzolin einsetzen. Hier wäre aus pharmazeutischer Sicht der Hinweis wünschenswert gewesen, dass das alpha-Sympathomimetikum nur bei nicht-infektiöser Konjunktivitis eine Option ist.

  • Bei Wunden sind nach Glaeske Dexpanthenol, Kamillenblütenextrakt, Zinkoxid und Hamamelisextrakt empfehlenswert.

Waldduft, Lachen und Tagträume

Sollte die gesuchte Indikation nicht dabei sein oder sollten Glaeskes Empfehlungen nicht den gewünschten Effekt bringen, bleiben dem BamS-Leser dann seine Selbstheilungskräfte, auf die Signale des Körpers zu hören sowie Waldduft, Lachen und Tagträume, um die Entspannung zu fördern. Denn der restliche Teil des Gesundheitsspezials hält dann den Erwartungen, die der Rubriktitel „Alternativmedizin“ verspricht, im Gegensatz zu Glaeskes Empfehlungen auch stand.


Julia Borsch, Apothekerin, Chefredakteurin DAZ.online
jborsch@daz.online


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