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Multimodale Schmerztherapie ist effektiv und kostensparend

BERLIN (jz). Nur bis zu drei Prozent der Versicherten erhalten eine multimodale Schmerztherapie, obwohl Analysen darauf hinweisen, dass dadurch die Kosten für das Gesundheitssystem gesenkt werden können. Dies zeigen unter anderem die Ergebnisse einer von der Firma Grünenthal initiierten Studie über die Situation von Schmerzpatienten. Auch ein frühes Erkennen und eine entsprechende Prävention können zu Einsparungen für die Kassen führen.
Foto: Grünenthal
Der Versorgungsatlas Schmerz, der vor Kurzem vorgestellt wurde, zeigt, dass nur wenige Schmerzpatienten in Deutschland optimal versorgt sind.

Um die Versorgungssituation von Schmerzpatienten in Deutschland abzubilden, initiierte Grünenthal im Jahr 2008 das Projekt "Versorgungsatlas Schmerz". In der dreijährigen Projektarbeit untersuchte das Unternehmen in Kooperation mit der DAK und der AOK Niedersachsen die Datensätze von über sieben Millionen Versicherten der Krankenkassen. Anhand dieser Routinedaten wurden die Schmerzpatienten in Deutschland gruppiert und die gegenwärtige Versorgungssituation analysiert. Das IGES Institut in Berlin und Prof. Dr. Gerd Glaeske vom Zentrum für Sozialpolitik an der Universität Bremen wurden mit der Auswertung der Daten betraut, um eine wissenschaftliche und neutrale Durchführung zu gewährleisten. Glae ske betonte bei der Vorstellung des Versorgungsatlas am 10. November in Berlin, es sei nötig, von der rein klinischen Forschung überzugehen zur Versorgungsforschung: "Jetzt ist die Epoche der patientenorientierten Versorgungsforschung." Denn gerade in der Schmerztherapie gebe es heute trotz des sehr guten Gesundheitssystems noch immer die schon seit Jahren beklagte Über-, Unter- und Fehlversorgung. Die Versorgungsrealität der etwa 13 Millionen an chronischen Schmerzen Leidenden in Deutschland lasse sich in klinischen Studien nicht abbilden, stimmte auch Grünenthal-Geschäftsleiter Kai Mertens zu.

Selbstmedikation als Problem

DAK-Chef Herbert Rebscher verwies darauf, dass es auch beim Versorgungsforschungsprojekt gewisse Schwierigkeiten gegeben habe: Gerade im Schmerzbereich spiele die Selbstmedikation eine große Rolle – doch diese rezeptfreien Präparate sind aus den Kassendaten nicht ersichtlich. Darüber hinaus würden nicht alle Verordnungen eingelöst. Auch Glaeske betonte das Problem nicht-verschreibungspflichtiger Schmerzmittel: Von den rund 153 Millionen Schmerzmittelpackungen, die im Jahr 2010 in Deutschland verkauft wurden, seien lediglich rund 31 Millionen rezeptpflichtig und rund sieben Millionen Betäubungsmittel gewesen. Er appellierte in diesem Zusammenhang an die besondere Verantwortung der Apotheker bei der Beratung zur Selbstmedikation. So sei es beispielsweise nicht zu verstehen, dass das "völlig sinnlose" Kombinationspräparat Thomapyrin noch immer einen Spitzenplatz unter den rezeptfreien Arzneimitteln einnehme.

Trotz dieser Schwierigkeiten sind die Beteiligten mit ihrem Projekt zufrieden. Zunächst wurden hierfür die Routinedaten der Versicherten aus dem Jahr 2006 in neun Kategorien eingeteilt, den neun Schmerztypen. Dieses Vorgehen beruht auf der Kernüberlegung, Versicherte anhand von Diagnosemustern, die charakteristisch für Versicherte mit Opioidverordnungen sind, als Schmerzpatienten aufzufassen. Um die Schmerztypen zu selektieren, wurde die Gruppe der Versicherten mit Opioid verordnungen mit einer geschlechts- und altersgleichen Gruppe von Versicherten verglichen, der weder Opioide noch andere Analgetika verschrieben wurden. Die neun Diagnosegruppen wurden dann hierarchisch, entsprechend ihrer behandlungsleitenden Indikation, nummeriert: Vom "Krebsschmerz" (Typ 1), über "Schmerzen bei multimorbiden, pflegebedürftigen Patienten" (Typ 6) bis hin zu "nicht spezifischen Rückenschmerzen" (Typ 9). Diese Kategorisierung ermöglichte dann verschiedene Aussagen: So bildet unter den Versicherten der nicht-spezifische Rückenschmerz den am häufigsten besetzten Schmerztyp. Nahezu ein Drittel der DAK-Versicherten und ein Viertel der AOK Niedersachsen-Versicherten litten hieran im Jahr 2006 mindestens einmal. Außerdem zeigte sich, dass Frauen besonders häufig an Rückenschmerzen, Männer dagegen eher an Schmerzen im Zusammenhang mit Bandscheibenerkrankungen und traumatischen Frakturen leiden.

Nur wenige erhalten eine optimale Therapie

Das bedeutendste Ergebnis ist für die Projektbeteiligten jedoch die Erkenntnis, dass je nach Schmerz typ nur bis zu drei Prozent der Versicherten eine multimodale Schmerztherapie – also eine integrierte multidisziplinäre Behandlung, die unter anderem auch aktive Physiotherapie und psychologische Behandlungen umfasst – erhielten. Die Analysen weisen jedoch darauf hin, dass im Folgejahr der Therapie positive Kosteneffekte entstehen können. Die Durchführung einer multimodalen Schmerztherapie lohne sich somit nicht nur für die schmerzfrei werdenden Patienten, sondern auch finanziell für die Krankenkassen, erläuterte Glaeske.

Auch zeigten die Resultate, dass eine frühe Identifizierung von sogenannten Risikopatienten und eine dementsprechende Prävention – vor allem im Bereich der Rückenschmerzen – zur Einsparung von Ausgaben für die Kassen führen können. Denn "je stärker der Hinweis auf eine Schmerzchronifizierung war, desto höher waren auch die direkten Versorgungskosten", so Glaeske. Hinweise auf eine Chronifizierung gaben dabei lange Arbeitsunfähigkeitszeiten – bei Rückenschmerz sechs Wochen – oder die Verordnung starker Opioide (mindestens zwei Mal im Abstand von 180 Tagen bei Rückenschmerz).

Für die Zukunft empfahl Glaeske, die vorhandenen Sekundärdaten durch weitere Primärerhebungen bei Ärzten zu ergänzen, um medizinische und sozioökonomische Zusammenhänge besser zu verstehen. Martens sieht die Ergebnisse als Grundstein für künftige Entscheidungen bei Grünenthal. Wer Innovationsführer in der Schmerztherapie sein wolle, betonte er, müsse Arzneimittel entwickeln, die wirksamer und verträglicher sind, sich also an den Bedürfnissen der Patienten orientieren. Und auch bei der DAK sieht man den Versorgungsatlas Schmerz als "Basis für zukünftige unternehmerische Entscheidungen", so Rebscher. Sie sollen dabei helfen, passende Selektivverträge für Schmerzpatienten auszuarbeiten.



DAZ 2011, Nr. 46, S. 37

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