Apotheke und Markt

Kombis gegen Erkältung – doch nicht immer des Teufels?

Bayer im Gespräch mit Prof. Dr. Gerd Glaeske

KÖLN (du) | So regelmäßig wie Erkältungskrankheiten flammt auch die Diskussion um Sinn und Unsinn von Kombinationsarzneimitteln zur Behandlung von Husten, Schnupfen, Schmerzen und Fieber auf. Und ebenfalls mit schöner Regelmäßigkeit übt Prof. Dr. Gerd Glaeske medienwirksam Kritik an den Kombinationsarzneimitteln und der Empfehlungspraxis in den Apotheken.

„Nicht sinnvoll zusammengesetzt“, so auch seine Kritik an dem Bayer Präparat Aspirin® Complex im Jahre 2013 (s. DAZ 2013, Nr. 35, S. 30). Das wollte der Hersteller nicht auf sich sitzen lassen und hat den Kontakt zu Glaeske gesucht. Denn gerade im Jahr 2013 waren die Ergebnisse einer monozentrischen, randomisierten doppelblinden vierarmigen Parallelgruppenstudie mit Aspirin® Complex und den oralen Monotherapien ASS und Pseudoephedrin veröffentlicht worden. Dabei hatte sich die Kombination den jeweiligen Monotherapien sowohl in Bezug auf die Schmerzreduktion als auch auf die Abschwellung der Nasenschleimhaut als signifikant überlegen erwiesen. Das Studiendesign, darauf legte Bayer großen Wert, entsprach den seit 2009 geltenden EMA-Richtlinien für fixe Arzneimittelkombinationen. Eine Studie, die auch Glaeske einen gewissen Respekt abrang. In einer am 23. November 2016 von Bayer veranstalteten Diskussionsrunde lobte er dann auch das Engagement, übte aber gleichzeitig Kritik an dem Studiendesign, weil es keine Vergleichsgruppe gab, in der ASS systemisch plus eine lokale Anwendung von Dekongestiva angewendet worden war. Glaeskes Credo: Was nebenwirkungsärmer lokal zu behandeln ist, muss nicht systemisch behandelte werden. Compliance-Förderung und leichtere Anwendbarkeit wollte er als Argumente nicht gelten lassen. Für Apotheker Dr. Sven Simons spielen sie in der Beratung jedoch eine wichtige Rolle. Er betonte, dass es für ihn entscheidend sei, wer vor ihm steht. So sei die Kombination Aspirin® Complex sicher keine Empfehlung für eine 74-jährige multimorbide Patientin, für den 45-jährigen, ansonsten gesunden Manager, sei die schnell wirksame und einfach zu handhabende Kombination jedoch eine gute Lösung. Einen völlig anderen Aspekt beleuchtete der Rhino- und Allergologe Prof. Dr. Ludger Klimek. Für ihn sind die pro Jahr auftretenden 180 bis 190 Millionen Erkältungserkrankungen vor dem Hintergrund der Chronifizierungsgefahr keine Bagatelle. Er schätzt die Beratung in der Apotheke und er schätzt die fixen Kombinationen von Schmerzmittel und Dekongestivum. Auch wenn immer wieder der Spruch bemüht werde, dass eine Erkältung mit Behandlung sieben Tage und ohne eine Woche andauert, so könnte mit der Kombinationstherapie diese Woche so angenehm wie möglich gestaltet werden. Vorausgesetzt immer, dass auch die Symptome zur Behandlung passen, also Schmerzen, Fieber und Schnupfen im Vordergrund stehen. Völlig ablehnen wollte auch Glaeske eine Behandlung mit der Fixkombination von ASS und Phenylephedrin nicht. Allerdings müsse dann nach zwei bis drei Tagen das Präparat abgesetzt und gegebenenfalls auf eine lokale Gabe von Dekongestiva umgestellt werden, so seine Forderung. Ob so ein Switch dann tatsächlich gelingt, bezweifelte er. Er befürchtet, dass die Patienten mit dem Kombinationspräparat in eine unnötige und potenziell gefährliche Dauertherapie rutschen. Dem widersprachen die Vertreter der Firma Bayer. Sie konnten sich auf nicht-interventionelle Studien berufen, die zeigen, dass im Schnitt nur 5 Beutel von Aspirin® Complex im Rahmen einer Erkältungsepisode angewendet wurden. Das spreche für eine gute Beratung in der Apotheke und den bestimmungsgemäßen Gebrauch. Denn Analgetika und Antipyretika sind im Rahmen der Selbstmedikation nur für einen Zeitraum von drei bis vier Tagen zugelassen. Einig war man sich in der Runde in der Ablehnung von Kombinationen, die nicht auf den Verlauf der Erkältungssymptome abgestimmte Inhaltsstoffe enthalten. Auch Kombinationen mit Antihistaminika zur Behandlung von Erkältungs-bedingten Schlafstörungen wurden kritisch gesehen.

Fotos: Dirk Hansen/Bayer Vital
Nicht nur Fluch: Über Kombinationspräparate bei Erkältung diskutierten (v. l.) Prof. Dr. med. Ludger Klimek, Prof. für Spezielle Rhinologie, Allergologie und Umweltmedizin an der HNO-Klinik der Klinischen Fakultät Mannheim, die Vertreter von Bayer Vital GmbH Dr. Uwe Gessner, Senior Manager Scientific Affairs, und Dr. Michael Völker, Direktor/Global Therapeutic Area Lead Aspirin Schmerz Fieber/Erkältung, Global Medical Affairs & Clinical Development, Apotheker Dr. Sven Simons, Neuenrade, und Prof. Dr. Gerd Glaeske, Bremen.

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