Therapien im Gespräch

Verhütung 2.0

Wie die Industrie Kontrazeptiva mit reduziertem Thromboserisiko entwickeln will

mab | Laut einem Bericht der Techniker Krankenkasse verhütet nur noch etwa jede dritte Frau mit einem oralen Kontrazeptivum. Ein Grund für diesen Abwärtstrend könnte das geschärfte Bewusstsein für mögliche Nebenwirkungen sein, vor allem Thromboembolien. Auch in der Industrie ist dieses neue Verständnis der Frauen angekommen, und sie forscht fleißig nach hormonellen Verhütungsmethoden, die ein geringeres Risiko für Thromboembolien aufweisen.

Ein Beispiel ist das von der belgischen Biotech-Firma Mithra entwickelte Drovelis®, das Mitte des Jahres auf den deutschen Markt kam (DAZ 20, S. 30). Neben 3 mg Drospirenon, das die Aktivität des luteinisierenden Hormons hemmt, enthält das Präparat auch 14,2 mg Estetrol, welches wiederum die Wirkung des follikel­stimulierenden Hormons unterdrückt. Beworben wird das Präparat vom Hersteller als „answer from nature“. Doch was ist damit gemeint? Estetrol ist ein natürlicherweise bei der Schwangerschaft vorkommendes Estrogenderivat, dessen Funktion noch nicht verstanden ist. Der fetalen Hydroxylase geschuldet, enthält Estetrol anders als andere Estrogen-Derivate eine Hydroxylgruppe an Position 15, die dem Molekül ein interessantes Profil an pharmakokinetischen und pharmakodynamischen Eigenschaften verschafft. So bindet Estetrol zwar deutlich schwächer als Estradiol an die im Zellkern lokalisierten Estrogenrezeptoren (eine Tatsache, die einst zum Einstellen der industriellen Forschungsarbeit an Estetrol geführt hat). Trotz geringerer Aktivität weist das Hormon aber mit 20 bis 24 Stunden Halbwertszeit eine deutlich längere Halbwertszeit als andere Estrogen-Derivate auf (Vergleich Estradiol ein bis zwei Stunden bzw. zehn bis zwölf Stunden für mikronisiertes Estradiol). Zudem wird Estetrol in der Leber kaum Phase-1-metabolisiert und weist kaum Plasmaproteinbindung auf. Diese kinetischen Eigenschaften ließen die Wissenschaft vermuten, dass es sich bei Estetrol um einen geeigneten Kandidaten handelt, der das Nutzen-Risiko-Verhältnis von hormonellen estrogenhaltigen Präparaten verbessert und thrombotische Ereignisse zu vermeidet. Gesagt, getan: Nachdem an einer Studie mit mehr als 3700 Frauen ein ähnlicher Pearl-­Index-Wert (Anteil der Frauen, die trotz Verhütung mit der untersuchten Methode innerhalb eines Jahres schwanger werden) unter Estetrol wie bei anderen hormonellen Kontrazep­tiva gezeigt werden konnte, sollte nun die Sicherheitsfrage geklärt werden. Und tatsächlich: In einer kleinen Studie mit 101 Frauen zeigte sich, dass Estetrol im Vergleich zu einer Kombination mit Ethinylestradiol und Levonorgestrel oder Drospirenon wichtige Blutgerinnungsmarker zum Teil weniger beeinflusste. Ob das tatsächlich mit einem geringeren Thromboserisiko einhergeht, müssen jedoch weitere klinische Studien zeigen. Zudem legen verschiedene In-vitro- und In-vivo-Studien, die im Vergleich zu Estradiol ein deutlich geringeres Wachstum von Brustgewebe gezeigt hatten, ein niedrigeres Brustkrebsrisiko unter Estetrol nahe. Ob sich diese Vermutungen bewahrheiten und das neue Hormon ein deutlich verbessertes Nutzen-Risiko-Profil hat, wird jedoch nur die Zukunft zeigen.

Foto: methaphum/AdobeStock

Gestagen only im Test

Aber auch von sogenannten Progesteron-only-Pillen weiß man, dass diese bei Frauen ohne weitere Risikofaktoren (Bluthochdruck, Adipositas, Nicotin-Abusus, Bewegungsmangel bzw. Immobilisierung) die Wahrscheinlichkeit für Schlaganfälle und thromboembolischen Ereignisse nicht signi­fikant über das Grundrisiko erhöhen. So hat auch das neue Gestagen-only-Präparat Slinda®, das Ihnen in der DAZ 23, S. 36, vorgestellt wurde, die Parameter der Hämostase im Vergleich zu einem anderen Gestagen-only-Präparat nicht wesentlich beeinflusst. Slinda® enthält das aus kombinierten oralen Kontrazeptiva bekannte Drospirenon und wird nach dem Schema 24/4 angewendet; d. h. über 24 Tage wird das Hormon stets zur gleichen Uhrzeit (!) eingenommen, gefolgt von einer viertägigen hormonfreien Pause. Wichtig bei der Beratung ist der Hinweis, dass unter Slinda® das Blutungsmuster nicht vorhersehbar ist. Mit zunehmender Einnahmedauer ver­längern sich jedoch die blutungsfreien Intervalle. Nach Absetzen kann es bis zu einem Jahr dauern, bevor eine erneute Ovulation erfolgt. Ein weiterer Pluspunkt der reinen Gestagen-Pille: Durch die antimineralocorticoide und antiandrogene Wirkung von Drospirenon können sich die Anwenderinnen über eine ausbleibende Gewichts­zunahme und Verbesserung des Haut­bildes freuen. |

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