Wirtschaft

Warum Apotheker impfen sollten

BAH-Studie zeigt gesundheitlichen und wirtschaftlichen Nutzen des OTC-Switchs der Grippeimpfung

STUTTGART (cel) | In anderen Ländern ist sie längst Realität: die Grippeimpfung durch Apotheker. Welchen gesundheit­lichen und wirtschaftlichen Nutzen der OTC-Switch der Grippeimpfung auch in Deutschland haben könnte, zeigt eine gesundheitsökonomische Studie, die Prof. Dr. Uwe May für den Pharmaverband BAH erstellt hat.

Bei Grippe-Impfquoten bekleckert sich Deutschland nicht gerade mit Ruhm – zuletzt lag die Impfquote bei Influenza bei 34,8 Prozent, das ist der Wert der Saison 2016/17. Für die aktuell vergangene Influenzasaison 2017/18 liegt noch keine Auswertung des Robert Koch-Instituts (RKI) vor. Das EU-Ziel, mit einer Durchimpfung von 75 Prozent bis zum Jahr 2010, ist damit längst verfehlt. Dennoch darf dieser Rückschlag wohl kein Grund sein, den Kopf in den Sand zu stecken. Wie also lässt sich die Impfquote verbessern?

Foto: BAH/Domma
Professor Dr. Uwe May: „Es ist nicht nur gefährlich zu switchen, es ist auch gefährlich nicht zu switchen.“

In Frankreich Impfpflicht ab 2019

Eine Möglichkeit für vollständigere Durchimpfungen verfolgt Frankreich ab 2019. Das Land hat eine Impfpflicht für Impfungen im Kindesalter eingeführt. Bei elterlicher Missachtung drohen Geldbußen und Gefängnis. Eine zweite Option ist, das Impfangebot zu erhöhen – und zwar niederschwellig. Durch impfende Apotheker beispielsweise. Die Idee ist nun nicht neu. Der Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller (BAH) spielte dieses Gedankenexperiment bei seiner zweiten OTC-Switch-Konferenz am vergangenen Dienstag in Berlin jedoch auf zwei Ebenen durch.

Die Ziele dahinter sind weder primär eine Kompetenzerweiterung der Apotheker noch eine massive Kostenersparnis für das Gesundheitssystem. Sondern ganz schlicht „das Sinnvollste zu tun und die Versorgung zu verbessern“, erklärte Uwe May, Professor für Gesundheitsökonomie an der Hochschule Fresenius in Idstein, der im Auftrag des BAH Zahlen für einen hypothetischen Impf-Switch erhob und nun im Rahmen des OTC-Switch-Kongresses vorstellte. Sein Resümee: „Ein OTC-Switch von Grippeimpfstoffen ist medizinisch und versorgungstechnisch besser und auch ökonomisch.“ Wie kommt er zu diesem Schluss?

Foto: pharmaSuisse
Impfen in der Apotheke In der Schweiz ist dies schon Realität.

Impfkosten steigen, Behandlungskosten sinken

May hat vor allem die sozioökonomischen Aspekte untersucht, das medizinische Nutzen-Risiko-Profil der Influenzaimpfung stellt er außer Frage. Er geht bei monetären Fragestellungen von einem dreiteiligen Kostenblock aus: Impfkosten, Behandlungskosten beim Arzt oder im Krankenhaus und volkswirtschaftliche Kosten, die beispielsweise durch Arbeitsunfähigkeit entstehen. Im Falle eines OTC-Switchs mit der Intention einer effektiveren Durchimpfung steigt unweigerlich erst einmal der Kostenblock für Impfungen. „Auf Ebene der GKV kosten mehr Impfungen mehr Geld“, erklärte der Volkswirt, sprich keine Einsparungen im Bereich der GKV.

Auf der anderen Seite verringerten sich die Kosten ärztlicher Behandlungen: Patienten müssen seltener oder gar nicht zum Arzt, da sie weniger schwer beziehungsweise gar nicht erkranken. Auch rechnet May mit einem Rückgang stationärer Krankenhausaufenthalte und auch hier mit entsprechend geringeren Kosten. Der größte Effekt zeigt sich nach Berechnungen von May bei den Kosten der Volkswirtschaft. Zugrunde legt der Volkswirt ein hypothetisches Szenario mit höheren Impfquoten von 12 Prozent. Warum genau diese 12 Prozent? Verglichen mit Ländern, in denen Apotheker bereits impfen, scheint dies ein probater Wert der Impfquotenerhöhung.

800 Mio. Euro volkswirtschaftliche Einsparungen

Aus gesundheitsökonomischer Sicht befürwortet May einen OTC-Switch der Influenzavakzination. Die positiven Effekte auf Morbidität und Mortalität einer Grippeimpfung stehen für ihn außer Frage, ebenso wie der Gewinn an Lebensqualität und Gesundheit für jeden Einzelnen. Die moderaten Mehrausgaben durch gesteigerte Impfquoten hält er für überschaubar und gerechtfertigt vor dem gesundheitlichen Nutzen. Aus ökonomischer Sicht kommt er zu dem Fazit: „Eine Steigerung der Impfquote reduziert erheblich die volkswirtschaftlichen Kosten durch Grippeerkrankungen.“ In konkreten Zahlen bedeutet das: volkswirtschaftliche Einsparungen um rund 800 Millionen Euro, 900.000 weniger Krankheitsfälle, 41 weniger Tote, 2,9 Millionen weniger AU-Tage und 4700 weniger Patienten im Krankenhaus.

May geht von der Grundsituation einer Unterversorgung bei Grippeimpfungen aus, nicht aufgrund von Lieferengpässen, viel eher bezieht er sich auf die knappen ärztlichen Ressourcen im ambulanten Bereich. „Wie groß ist die Hürde zum Arzt zu gehen, zum Beispiel aufgrund von Wartezeiten?“, das stehe immer hinter dem Thema OTC-Switch. Neben medizinischen Risiken gelte es, auch diese Versorgungsrisiken zu berücksichtigen, schlicht weil bestimmte Therapiemöglichkeiten nicht niederschwellig zur Verfügung stünden. Er findet: „Es ist nicht nur gefährlich zu switchen, es ist auch gefährlich nicht zu switchen“, und zwar, wenn ärztliche Kapazitäten überlastet seien und Patienten aufgrund von langen Wartezeiten auf einen Arztbesuch lieber verzichteten.

Grippesaison 2017/18 Steilvorlage für Switch-Diskussion

Die durchlebte heftige Grippewelle der Saison 2017/18 könnte der optimale Nährboden für die Impfswitch-Debatte sein. Die diesjährige Influenza schuf nicht nur gesundheitliche Beschwerden, auch die Wirtschaft hatte mit den Folgen der Influenzawelle zu kämpfen. Der Grundtenor und das unermüdlich appellierende Mantra der RKI-Impfexperten lautet: „Die Influenzaimpfung ist der beste Schutz vor einer Influenza­erkrankung.“

Das ist laut May eine gute Vorlage, die Switch-Diskussion zu starten, Impfungen gälten als Mittel der Wahl, die Relevanz liege auf der Hand – da auch in diesem Jahr die Grippewelle, wie foudroyant sie auch verlaufe, sicherlich nicht ausbleiben werde. Wie aber kommt der Volkswirt zu der Annahme, dass genau eine apothekerliche Impfung die miserablen Impfquoten in die Höhe schnellen lasse?

„Wir wollen mehr Impfungen“, sagt May. Das sei ein klares politisches Ziel. Die einzige Frage, die zu diskutieren sei – könnte die Impfung plötzlich keinen Sinn mehr machen, wenn sie in der Apotheke stattfindet? Hier hegt May keine Bedenken: „Wir haben keine Evidenz gefunden, dass das nicht funktionieren sollte“, noch nicht einmal plausible Gründe, die eine solche Annahme stützten.

1,3 Millionen Impfungen in englischen Apotheken

Belege für den Nutzen eines Impfangebots durch Apotheken liefern laut May zuhauf die Länder, in denen das apothekerliche Impfsystem bereits etabliert ist. So dürfen in England seit 2015 Apotheker impfen, mittlerweile machen 77 Prozent der englischen Apotheken von dieser Kompetenz Gebrauch – und impften in der Grippesaison 2017/18 über 1,3 Millionen Patienten zusätzlich. Auch andere Apotheken-Impf-Länder verzeichnen Erfolge: In Irland stieg seit Einführung der Influenzaimpfung durch Apotheker (2009) die Zahl der Geimpften von 9000 auf 78.000 (2017). Kanada berichtet von einer 8,4 Prozent höheren Impfrate und in der Schweiz geben 15 Prozent der Patienten an, dass sie sich ohne die Option der Grippeimpfung in der Apotheke gar nicht hätten impfen lassen. Warum also sollte sich dieser Trend nicht auch in der Bundes­republik zeigen?

In Deutschland sind die Meinungen geteilt

Während in anderen Ländern Apotheker gegen Grippe impfen dürfen, ist dies in Deutschland derzeit anders geregelt – was vor allem Ärzte befürworten. Über 70 Prozent der Ärzte stehen einer Entlassung von Impfstoffen aus der Verschreibungspflicht skeptisch gegenüber, wohingegen 43 Prozent der Bevölkerung eine apothekerliche Impfung durchaus für sinnvoll halten. Zu dieser Einschätzung kommt eine Umfrage des BAH in Zusammenarbeit mit der Deutschen Apotheker Zeitung und der Ärztezeitung. Es ist auch nicht so, dass alle bundesweiten Apotheken eine Impferlaubnis uneingeschränkt begrüßen – die Einstellung hier ist, laut BAH-Umfrage, nahezu 50/50. Sieht die eine Apothekerseite eher eine Ausweitung und Anerkennung ihrer Kompetenz, hat die andere Furcht vor Impfzwischenfällen. |

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