Schwerpunkt Weihnachtsbaum

Ein Schuss ins Wasser

Glycerol kann Weihnachtsbäume länger frisch halten

cae | Ohne Wasser kein Leben – und auch kein scheinbares Weiterleben nachdem der Tod bereits eingetreten ist. Den Weihnachtsbaum holen wir in neun von zehn Fällen nicht im Topf und damit ohne Wurzeln in unser Wohnzimmer, sodass sein Leben schon verwirkt ist. Dennoch ist er ein Symbol für die nicht versiegende Lebenskraft inmitten der winterlichen Todesstarre. Überzeugend spielt er diese Rolle nur, wenn er so schön grün bleibt, als stünde er noch im Wald. Wenn es sich um eine Fichte handelt, hilft dabei eine kleine Gabe Glycerol.

Hydrophil und hygroskopisch

Glycerin, wie Otto Normalverbraucher sagt, oder Glycerol, wie die chemisch korrekte Bezeichnung lautet, hat zwei Eigenschaften, die hier von großem Interesse sind: die Hydrophilie und die Hygroskopie. Glycerol mischt sich sehr gut mit Wasser, und es bindet das Wasser ganz hervorragend – so sehr, dass es völlig wasserfreies Glycerol ebenso wenig gibt wie wasserfreien Ethanol. Das bedeutet in der Praxis: Aus einem Glycerol-Wasser-Gemisch verdunstet das Wasser langsamer, als es reines Wasser unter denselben Umgebungsbedingungen tun würde.

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Glycerol aus der Apotheke wird in der Weihnachtszeit vermehrt nachgefragt.

Zudem besitzt Glycerol als dreiwertiger Alkohol einen relativ hohen Siedepunkt und weist bei Raumtemperatur einen um vier Dezimalen geringeren Dampfdruck auf als Wasser. Daraus folgt: Glycerol verdunstet praktisch nicht und kann daher auf Dauer den oben beschriebenen verdunstungshemmenden Effekt auf das mit ihm ­gemischte Wasser ausüben.

Die am meisten gefährdeten Bestandteile des Weihnachtsbaums sind seine Nadeln, bei denen es sich aus botanischer Sicht um Laubblätter handelt. Insofern enthalten sie auch Chlorophyll, das ihnen die grüne Farbe verleiht. Nun ist nicht zu befürchten, dass das Chlorophyll während der maximal zwei Wochen, die der Baum im Wohnzimmer steht, abgebaut wird und die unerwünschten braunen Farbtöne in den Nadeln zum Vorschein kommen. In hohem Maße gefährdet sind dagegen bei einem allmählich austrocknenden Baum die Verbindungsstellen der Nadeln mit den holzigen Teilen der Zweige und Zweiglein.

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Glycerol ist ein dreiwertiger Alkohol und lässt Wasser langsamer verdunsten.

Es kommt auf die Art an

Dieser Nadel­ansatz ist jedoch bei den verschiedenen Koniferen aufgrund ihrer artspezifischen Eigenheiten recht unterschiedlich, denn sie haben ja nur die Funktion als Weihnachtsbaum ­gemeinsam. Die Folge ist eine recht unterschiedliche Nadelfestigkeit: Am höchsten ist sie bei der Nordmanntanne (Abies nordmanniana), mittelmäßig bei der Edeltanne (A. procera) und der Blaufichte (Picea pungens), am geringsten bei der Rotfichte (P. abies).

Die Fichte macht mehr als ein Viertel von Deutschlands Forsten aus. Junge Bäume müssen dort geschlagen werden, um die Bestandsdichte zu verringern; sie sind gewissermaßen Abfall, der durch die Nutzung als Weihnachtsbaum einen Wert erhält, und sind deshalb bei umweltbewussten Personen sehr beliebt. Bei der Fichte ist eine Behandlung mit Glycerol besonders nötig und auch besonders aussichtsreich, denn meistens kommt sie auf den Markt, kurz nachdem sie geschlagen worden ist – sei es im Forst oder in einer nahe gelegenen Weihnachtsbaumplantage. Die Leitungsbahnen für den Wassertransport im Baum funktionieren dann in der Regel noch in ausreichendem Maße.

Hingegen stammen die edleren, oben genannten Weihnachtsbäume oft aus weit entfernten Plantagen, z. B. in Schleswig-Holstein oder Dänemark, haben also einen langen Transportweg hinter sich, bevor sie an den Endverbraucher verkauft werden. Zudem sollen manche Bäume monatelang in Kühlhäusern zwischengelagert werden. Aufgrund dieser Vorgeschichte können sie im Wohnzimmer kaum noch Wasser aufnehmen – und damit auch kein Glycerol. Da die Nadeln dieser edlen Bäume relativ fest sitzen, bleiben die allermeisten von ihnen aber auch ohne Glycerolgabe bis zum Dreikönigstag haften.

Deshalb gilt die Faustregel: Glycerol nur bei gewöhnlichen Fichten anwenden – nicht bei allen anderen Weihnachtsbäumen!

Früher war mehr (echtes) Lametta!

Wenn wir hier über Lametta reden, dann meinen wir auch Lametta, also das echte, durch und durch metallische Lametta, nicht die „metallisierten“ Polyester­streifen namens Mylar.

Lametta besteht aus Stanniol, einer dünnen Zinnfolie, wie schon das Wort vermuten lässt, denn lateinisch „stannum“ bedeutet Zinn. Das weiß fast jeder, der das periodische System der Elemente gelernt hat. Schließlich ist von „stannum“ das Kürzel Sn abgeleitet. Damit das Lametta auf dem Weihnachtsbaum beim Lüften des Zimmers nicht zu sehr herumflattert, besitzt es einen Kern aus schwerem Blei.

Korrekt müsste man sagen, Lametta ist verzinntes Blei, denn beim Produktionsprozess wird zuerst eine sehr dünne Bleifolie hergestellt, auf die dann zwei Lagen Zinn aufgebracht werden. Blei kann erheblich dünner gewalzt werden als Zinn, sodass das Lametta mit einem Bleikern nicht dicker ist als reines Stanniol, dessen minimale Dicke schon kurz unterhalb von 0,02 mm liegt.

Das silberweiß glänzende Lametta würde auf die Dauer an der Oberfläche oxidieren und eine Patina bekommen, doch für diesen Prozess reicht die Weihnachtszeit nicht aus. Ansonsten sind keine chemischen Reaktionen des Lamettas zu erwarten. Zinn ist völlig un­toxisch. Deshalb – und wegen seines Silberglanzes – hat man es ja auch zum Verzinnen von anderen Metallen verwendet. Das sogenannte Weißblech z. B. ist verzinntes Eisenblech.

Lediglich eine Gruppe von Zinnverbindungen ist toxisch: das Tributylzinnhydrid (TBT) und seine Derivate. Selbst wenn Ihnen durch ein Missgeschick Lametta auf die Butter fällt, brauchen Sie nicht zu befürchten, dass sich TBT bildet.

Ratschläge zur Behandlung einer Fichte

Wie gehen Sie also vor, wenn Sie eine einheimische Fichte mithilfe von Glycerol möglichst lange nadelfest halten wollen? Kaufen Sie den Baum direkt beim Waldbesitzer, Förster oder Gartenbaubetrieb in Ihrer Nähe, um ein frisch geschlagenes Exemplar zu erstehen. Oder wenn Sie einen Baum auf einem Verkaufsplatz in Ihrer Stadt erwerben wollen, fragen Sie den Anbieter frühzeitig, ob vor Weihnachten noch einmal Nachschub kommt – und wenn nicht, dann kaufen Sie den Baum sofort. Denn dann können Sie gleich mit der Konservierung des toten Baums beginnen: Sägen Sie unten ein paar Zentimeter vom Stamm ab und stellen Sie den Baum danach außerhalb des Hauses in einen mit Wasser gefüllten Eimer. Frost schadet dem Baum nicht, höchstens dem Eimer. Wenn Sie Platz in der Garage oder einer kühlen Abstellkammer haben, ist der Baum auch dort gut aufgehoben, denn Tageslicht braucht er jetzt nicht mehr.

Um den Weihnachtsbaum im Wohnzimmer aufzustellen, benötigen Sie ­einen Weihnachtsbaumständer. Heute sind Modelle üblich, die mindestens drei Liter Wasser fassen, einen Ständer mit kleinerem Behältnis sollten Sie nicht wählen, denn Sie wollen ja nicht täglich Wasser nachgießen. Wenn Sie den Weihnachtsbaum im Ständer fixiert haben, füllen Sie dessen Behältnis mit einem Glycerol-Wasser-Gemisch, das Sie vorher in einer Gießkanne angesetzt haben: auf einen Liter Wasser 30 bis 50 ml Glycerol, also ein Drittel bis die Hälfte einer 100-ml-Flasche. Diese Menge reicht für einen mittelgroßen Baum. Nach etwa drei Stunden füllen Sie das Behältnis bis zur oberen Markierung mit Wasser. Auch an den folgenden Tagen füllen Sie nur noch Wasser nach, denn noch mehr Glycerol würde dem Baum mehr schaden als nutzen: Es reichert sich ja im Baum an und würde in höheren Konzentrationen das Harz lösen, das zur Nadelfestigkeit beiträgt.

Notabene: Der Autor gibt diese Ratschläge aufgrund eigener Erfahrung. Er hat keine Vergleichsstudien oder Dosisfindungsstudien durchgeführt und kann deshalb weder die Wirksamkeit des Glycerols an sich noch der Dosis garantieren.

Zum Trost an dieser Stelle noch ein Tipp: Zur guten Haltbarkeit der Weihnachtsbäume trägt sicher auch bei, wenn die Zimmer nicht überheizt werden. Dies geschieht leicht, wenn in einem wohltemperierten Raum 20 Kerzen angezündet werden und ein bis zwei Stunden lang brennen. Zudem sei empfohlen, die Zimmertemperatur nachts auf 17 °C abzusenken. |


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