Interpharm 2016 – Ohr

Vom achtsamen Umgang mit sich und den Ohren

Erkrankungen rund ums Ohr

pj | Jedes Alter hat seine eigenen Ohrerkrankungen, so treten Hör­sturz und Tinnitus eher im Erwachsenenalter, Mittelohrentzündungen verbreitet im Kindesalter auf. Bei beiden Krankheitsbildern hat sich die medikamentöse Therapie in den letzten Jahren geändert, was sich unter anderem in aktualisierten Leilinien niederschlug. Diese Neuerungen sollten auch im Apothekenalltag beachtet werden, um Patienten und Angehörige richtig zu beraten.
Foto: DAZ/A. Schelbert

Den Tinnitus abschalten geht nicht! Aber man kann das Filtern von Geräuschen lernen – und eine positive Bewertung von Hörgeräuschen, wie Prof. Dr. Gerhard Hesse erläuterte.

Wie Prof. Dr. Gerhard Hesse, Bad Arolsen, erläuterte, sind Hörstörungen und Einbußen der Hörfähigkeit ein Leitsymptom bei Hörsturz und Tinnitus. Ein Hörsturz tritt meist einseitig auf, ist auf keine erkennbare Ursache zurückzuführen und wird von Begleitsymptomen wie Hörminderung, Schwindel, Hörgeräuschen und nachfolgend von Verunsicherung, Einbußen der Lebensqualität und Ängsten begleitet. In rund drei Viertel aller Fälle klingen die Beschwerden von selbst wieder ab, sodass mit dem Beginn einer medikamentösen Therapie ein bis zwei Tage gewartet werden kann. Kommt es zu keiner spontanen Hörerholung, sollten oral hoch dosierte Corticoide gegeben werden. Spricht die orale Therapie nicht an, erfolgt die Applikation des Corticoids direkt in das Innenohr (intratympanale Therapie). Für früher eingesetzte Wirkstoffe wie HAES oder Pentoxyfyllin liegen keine klinischen Wirksamkeitsnachweise vor; demzufolge wurden diese Arzneistoffe nicht in die aktuelle Leitlinie (Stand 2014) aufgenommen.

Ein Tinnitus ist fast immer Folge oder Ausdruck einer gestörten Hörwahrnehmung. Er wird in eine akute und eine chronische Form (länger als drei Monate anhaltend) eingeteilt, wobei die akute Form als Begleitsymptom eines Hörsturzes betrachtet und ebenso therapiert wird.

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Prof. Dr. Gerhard Hesse

Die Ursache eines chronischen Tinnitus ist meist eine Schädigung der Haarzellen des Innenohrs, die Symptome sind jedoch maßgeblich von der Bewertung der zentralen Hörverarbeitung im auditorischen Cortex abhängig. Die Ohrgeräusche entstehen meist im Gefolge einer schleichenden Hörminderung, so sind es auch oftmals Ohrgeräusche, die den Betroffenen auf seine verminderte Hörleistung aufmerksam machen. Evidenzbasierte Therapieempfehlungen umfassen in erster Linie eine ausführliche, empathische Aufklärung (Tinnitus-Counseling), die kognitive Verhaltenstherapie (Umbewertung der Ohrgeräusche), hörtherapeutische Maßnahmen (Hören kann erlernt werden) und das rechtzeitige Tragen von Hörgeräten. Eventuell vorliegende Komorbiditäten wie Depressionen oder Schlafstörungen sollten leitliniengerecht behandelt werden. Keine Wirksamkeit zeigen Nahrungsergänzungsmittel, Ginkgo-Extrakte, Benzodiazepine oder Betahistin. Auch für viele weitere Therapieangebote gibt es keine Hinweise auf deren klinische Wirksamkeit. Ein „Abschalten“ der Ohrgeräusche ist nicht möglich, wohl aber die lang­fristige Habituation, so das Fazit von ­Hesse.

Entzündungen des Mittelohrs – von banal bis lebensbedrohlich

Entzündungen des Ohrs können am äußeren Teil des Ohrs auftreten, die Gehörgangshaut in Mitleidenschaft ziehen oder den inneren Teil des Ohrs betreffen. Als Beispiele für Entzündungen der Ohrmuschel nannte Prof. Dr. Thomas Zahnert, Dresden, bakteriell verursachte Erysipele und Perchondritiden sowie den viral hervorgerufenen Zoster oticus. Ihre Behandlung erfolgt antibakteriell bzw. antiviral. Zu den Entzündungen der Gehörgangshaut zählen die sehr schmerzhaften Furunkel des Gehörgangs (Schmerz wird verstärkt durch leichtes Ziehen am Ohr; Therapie mit Polymyxin-haltigen Salbenstreifen und Ohrentropfen), die Otitis externa diffusa, die sogenannte „Badeotitis“ (mikroskopische Säuberung des Ohrs und lokale Antibiotikagabe), die durch starken Juckreiz gekennzeichneten und oft nach lokaler Anwendung von Corticoiden auftretenden Gehörgangsmykosen (lokale Therapie mit Amphotericin) sowie die lebensbedrohliche Otitis externa maligna. Bei dieser nekrotisierenden Entzündung gelangen infiltrierte Knochenteile in den Schädel und führen zu multiplen Hirnnervenausfällen. Betroffen sind meist geschwächte Patienten und Diabetiker; die erforderliche systemische Antibiotikatherapie erfolgt stationär. Zu den Entzündungen des Mittelohrs zählt der nicht-infektiöse Tubenmittelohrkatarrh, bei dem sich Flüssigkeit hinter dem intakten Trommelfell ansammelt. Er tritt häufig bei Kindern im Zusammenhang mit einem Schnupfen auf und kann mit abschwellenden Nasentropfen oder Acetylcystein gelindert werden. Tritt er bei Erwachsenen persistierend und einseitig auf, ist eine genaue Diagnosestellung erforderlich, um raumgreifende Prozesse aufgrund eines Tumorwachstums auszuschließen.

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Prof. Dr. Thomas Zahnert

Die häufigste Entzündung des Mittelohrs ist die Otitis media, die in eine akute und chronische Form unterteilt wird. Letztere kann auf einer Schleimhauteiterung oder chronischen Knocheneiterung beruhen. Diese Knocheneiterung (Cholesteatom oder Perlgeschwulst) besteht aus eingekapselten Hornschuppen, führt zu einer Hörminderung und ist durch einen übel riechenden, schmerzfreien Ohrausfluss gekennzeichnet. Die Geschwulst muss operativ entfernt werden, um ihre Ausbreitung zu verhindern. Eine chronische Mittelohrentzündung aufgrund einer Schleimhauteiterung wird, sofern sie aktiv ist, mit Ciprofloxacin-haltigen Ohrentropfen behandelt (kein Gentamicin, da dieses die Haarzellen des Innenohrs irreversibel schädigen kann); ist sie inaktiv und trocken, erfolgt ein operativer Trommelfellverschluss.

Akute Otitis media – Umdenken bei der Therapie

Akute Infektionen der Mittelohrschleimhaut treten gehäuft bei Säuglingen und Kleinkindern, seltener bei Erwachsenen auf. In den letzten Jahren hat sich ein Therapiewandel vollzogen und in der Regel wird initial kein Antibiotikum gegeben (Ausnahmen: Vorliegen einer beidseitigen Otitis media und eventuell bei Kindern unter sechs Monaten). Im Vordergrund stehen eine Schmerztherapie mit Ibuprofen oder Paracetamol und gegebenenfalls Mukolytika und abschwellende Nasentropfen. Ist ein Antibiotikum erforderlich, wird first line Amoxicillin/Clavulansäure eingesetzt (siehe Kasten). Keine Antibiotika-Gabe erfolgt bei der viral verursachten Grippe-Otitis, die durch Schmerzen und Blutungen aus dem Ohr gekennzeichnet ist. Auch hier wird lediglich eine analgetische Behandlung durchgeführt.

Therapie der akuten Otitis media

  • in der Regel initial lediglich Schmerztherapie, keine Antibiotikagabe
  • Antibiotika erst bei Verschlechterung oder keiner Besserung innerhalb von 48 Stunden oder initial bei schwerer Erkrankung (Temperatur > 39°C, starke Schmerzen) oder bei Risikopatienten bzw. bei beidseitiger Otitis media
  • das Alter des Kindes ist kein alleiniges Kriterium für eine Antibiotika-Gabe
  • Mittel der ersten Wahl ist weltweit Amoxicillin/Clavulansäure
  • Mittel der zweiten Wahl sind Makrolide oder Cephalosporine der dritten Generation

Otologika richtig anwenden

Foto: DAZ/A. Schelbert

Christian Schulz

Die Therapie von Erkrankungen des Ohrs erfolgt topisch und/oder systemisch. Die vor allem bei der Behandlung von Kindern eingesetzten Säfte und Granulate sind im Hinblick auf ihre Zubereitung und Anwendung erklärungsbedürftig. Christian Schulz, Herford, wies in diesem Zusammenhang auf zahlreiche mögliche Irrtümer (z. B. falsche Zubereitung eines Trockensaftes, Verwechslung von Millilitern mit Messlöffeln) und Schwierigkeiten (z. B. ungeeignete Dosierlöffel) hin. Bei der Verordnung eines entsprechend problematischen Arzneimittels sollten die Zubereitung in der Apotheke angeboten, die Dosierung auf der Flasche – nicht auf dem Umkarton – vermerkt sowie eine geeignete Applikationshilfe mitgegeben werden. Ferner sind den Eltern die Therapieziele zu vermitteln und bei etwaigen Bedenken Lösungen anzubieten. Dies kann unter Umständen bei der fehlenden Akzeptanz bestimmter aromatisierte Säfte erforderlich sein. Des Weiteren ist zu erläutern, warum zusätzlich verordnete Arzneimittel wie etwa abschwellende Nasentropfen oder Mukolytika sinnvoll sind. Müssen Ohrentropfen appliziert werden, sind diese körperwarm einzutropfen, das Kind liegt dabei in der Seitenlage – und sollte diese auch für weitere 15 Minuten beibehalten. Ob ein lockerer Verschluss des Ohrs mit Watte sinnvoll ist, wird unterschiedlich und eher ablehnend beurteilt; bei Trommelfell­schäden ist er kontraindiziert. Äußern Eltern den Wunsch nach einer ­zusätzlichen homöopathischen Begleitmedikation, können beispielsweise Belladonna D6 (bei akuten hochentzündlichen Prozessen), Ferrum phosphoricum D12 (bei wiederkehrenden Entzündungen) oder Okoubaka D3 (zur Verminderung gastrointestinaler Symptome unter antibiotischer Therapie) empfohlen werden. Fragen die Eltern nach Rat, wann sie bei Ohrenschmerzen der Kinder zum Arzt gehen sollen, bietet die 24/7-Regel einen ersten Anhaltspunkt: Halten Ohrenschmerzen trotz Selbstmedikation mehr als 24 Stunden an oder ist das Hörvermögen länger als sieben Tage beeinträchtigt, ist ein Arztbesuch notwendig. |

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